Detail-Informationen

Autor

Kirsten Rulf

verfasst am

17.11.2011

im Heft

journalist 11/2011

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"An meinem ersten Tag muss ich zwei Stunden stehen bleiben, bis mir eine Kollegin einen Klappstuhl besorgt"

Kirsten Rulf

Fräulein Zwei-Finger-Kung-Fu

Unliebsame Themen kommen erst gar nicht ins Programm, unbequeme Reporter verschwinden von heute auf morgen. Aber gemeinsamer Mittagsschlaf ist für alle Pflicht. journalist-Autorin Kirsten Rulf hat im Spätsommer ein Praktikum beim chinesischen Staatsfernsehen gemacht. Ein Erfahrungsbericht über Spitznamen, Strafarbeiten und andere Kuriositäten.

"Kapitalisten-Kirsten" nennt mein Chef mich hinter meinem Rücken. Manchmal auch "Germanen-Gefahr" oder "Bleichgesicht". So zumindest übersetzt es mir eine Kollegin, denn mein zuständiger Abteilungsleiter weigert sich, in Konferenzen statt Mandarin-Chinesisch Englisch zu sprechen – damit ich als Westlerin nichts verstehe. Ein herzlicher Empfang? Ein persönliches Gespräch? Fehlanzeige. An meinem ersten Tag muss ich zwei Stunden im Redaktionsbüro stehen bleiben, bis mir eine Kollegin einen Klappstuhl besorgt. Und darf auch danach keinen Computer berühren. Die erste Woche meines Praktikums bei CCTV News, dem englischsprachigen Kanal des chinesischen Staatsfernsehens, ist voll von solchen Skurrilitäten. Eine Westlerin in der Redaktion – da ist keiner begeistert, hat mir mein Praktikumsbetreuer zuallererst mitgeteilt.

China Central Television, kurz CCTV, ist mit mehr als 15.000 festen Mitarbeitern allein in der Pekinger Zentrale eines der größten Medienunternehmen der Welt. Mit seinem Programm will CCTV eine gute Milliarde Menschen in 22 Ländern erreichen. Wie dieses Programm entsteht, was zensiert oder im Sinne der kommunistischen Partei Chinas korrigiert wird – bei diesen Entscheidungen will der Sender lieber kein Publikum zusehen lassen, schon gar kein westliches.

Geheimniskrämerei als Prinzip ist schon vor dem Gebäude spürbar: Drei militärische Straßensperren muss ich passieren, um zum Eingang zu kommen. Mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten winken jeden Passanten sofort weiter, der von der Straße auch nur einen kurzen Blick auf das Gebäude werfen will. Oben auf dem Dach sind Flugabwehrgeschütze und Schießschächte jederzeit besetzt und einsatzbereit. "Zur Verteidigung gegen einen plötzlichen Angriff aus der Luft", erklärt eine Kollegin. "Wir sind als Staatssender doch besonders wichtig."

Hinter den modernen Militäranlagen verbirgt sich weniger Futuristisches. In das neue, vom niederländischen Architekten Rem Koolhaas entworfene Gebäude zieht CCTV erst im nächsten Frühjahr. Die alte Zentrale im Westen Pekings, in der ich arbeite, ist rund 60 Jahre alt und seitdem nicht renoviert worden. Die Fenster sind mit Schmutz und Taubendreck beschmiert. Der Boden voller Staub und Müll, überall liegen Pappkartons und Kabel. Studiotechnik, Kameraausstattung und das Schnittsystem stammen aus den frühen 90er Jahren. Dabei ist CCTV eigentlich ein reicher Sender – mehr als 700 Millionen Euro hat er nach den letzten offiziellen Zahlen im Jahr 2004 allein an Werbeeinnahmen verbucht. Die Rundfunkgebühr braucht das Staatsfernsehen längst nicht mehr, einen Teil davon zahlt es sogar zurück an den Staat.

Was will der Westen von uns hören?

Das meiste Geld fließt in die 16 nationalen chinesischen Kanäle, über die die Propaganda der Kommunistischen Partei innerhalb Chinas verbreitet werden soll. Der Gedanke, dass CCTV als Sprachrohr auch nach außen nützlich sein kann, ist relativ neu: Erst vor acht Jahren hat CCTV den heutigen englischen Kanal CCTV News als ersten seiner Auslandssender gegründet. Schon jetzt ist der Sender der meistgesehene in Afrika und damit Meinungsmacher dort, wo es den Chinesen am wichtigsten scheint: in rohstoffreichen Ländern. Das Programm läuft nicht nur auf Englisch, sondern weltweit auf Spanisch, Arabisch, Portugiesisch und Russisch, wird also von fast allen verstanden, mit denen das Regime Geschäfte machen will.

CCTV soll nach dem Willen der chinesischen Regierung ein Global Player im Nachrichtengeschäft werden und ist mit einer aggressiven Expansionspolitik auf dem besten Weg dorthin: Ende des Jahres eröffnen zwei Studios mit jeweils hundert Korrespondenten in Nairobi und Washington. 2012 sollen London, Paris und vielleicht auch Berlin folgen. Dafür rekrutiert der Sender bevorzugt Kräfte am Ort: Während ich am ersten Tag für meinen Chef noch die "Kapitalisten-Kirsten" war, wurde mir am dritten Tag schon das Angebot unterbreitet, doch Berlin- oder Brüssel-Korrespondentin zu werden. Bei der Berichterstattung fürs Ausland ist meinen chinesischen Kollegen eine Grundfrage besonders wichtig. "Was will der Westen von uns hören, um China weniger bedrohlich erscheinen zu lassen?", fragte mich die Kollegin, die für das neue Studio in Nairobi zuständig ist, immer wieder.

Auch meine Gastredaktion, das Team von World Insight, will in einem wöchentlichen Magazin sonntagabends eine Stunde lang "internationalem Publikum den chinesischen Blick aufs Weltgeschehen näher bringen", erklärt eine Kollegin aus dem Redaktionsleiterteam. Neben ihr gibt es noch drei weitere Redaktionsleiter, das Team zählt insgesamt nur zwölf Redakteure. Ihr Tag bei World Insight ist klar strukturiert: Täglich um 10 Uhr treffen sie sich zur Themenkonferenz. Reihum ist jeder verpflichtet, drei Themenideen vorzutragen. Ein Gespräch oder eine Diskussion darüber finden nicht statt. Stattdessen lesen bisweilen alle acht Redakteure hintereinander dieselbe Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua vor, etwa zu den Umbrüchen in Libyen. Danach folgt die erste Stufe der Zensur: Die Redaktionsleiter geben bekannt, welche Themen tabu sind und welche unbedingt ins Programm müssen. Festgelegt hat das zuvor eine "Senderbesprechung". Zu der treffen sich alle Redaktionsleiter mit dem Chefredakteur, dem CCTV-Intendanten und vor allem mit den Zensoren des Propaganda- und des Außenministeriums, die klare Ansagen machen. Bei drei von acht Sendungen, an denen ich mitgearbeitet habe, kamen die Chefs mit einem komplett fertigen Sendeablauf in die Themenkonferenz.

Bitte einstampfen

Fünfmal am Tag gibt es diese Senderbesprechungen. Ein Thema, das morgens noch erlaubt ist, kann mittags schon verboten sein und umgekehrt. Erlebt habe ich auch, dass ein Thema einige Tage erlaubt ist und dann plötzlich verschwindet. So durfte CCTV fast eine Woche lang frei über den Crash zweier Hochgeschwindigkeitszüge bei Wenzhou berichten. Der Unfall, bei dem mindestens 35 Menschen starben, hat in China fast so etwas wie eine Staatskrise ausgelöst. Wochenlang beherrschte das Thema die Medien, sorgte für Tausende Blog-Einträge. Die Regierung ließ die Demonstranten gewähren. CCTV produzierte unter Hochdruck und mit viel Personal drei investigative Reportagen von jeweils 30 Minuten über Korruption und Pfusch an Chinas Hochgeschwindigkeitstrassen. Kurz vor der Ausstrahlung kam dann eine Mail aus dem Eisenbahnministerium. Alle drei Reportagen wurden eingestampft.

Frustrierend für meine Kollegen, denn der Maßstab, der in westlichen Redaktionen angelegt wird, gilt in weiten Teilen auch beim World-Insight-Team: Themengespür, Analyse, gewandter Schreibstil, saubere Recherche – all das war meinen chinesischen Kollegen sehr wichtig. Nur: Das System verhindert, dass journalistische Tugenden überhaupt etwas gelten. Unabhängige Quellen stehen kaum zur Verfügung: Facebook, Twitter, CNN und das Online-Angebot der Deutschen Welle waren im CCTV-Gebäude gesperrt. Die Zensur des Internets ging so weit, dass die meiste Zeit selbst CCTV-eigene Mail-Adressen nicht funktionierten. Die Kollegen nutzten deshalb ihre privaten GMX- oder Google-Mail-Adressen, wegen der langsamen Internetverbindung im Sender gingen viele nachmittags heimlich nach Hause oder ins Café, um mit dem eigenen Laptop zu recherchieren.

Meldungen der drei zugelassenen Nachrichtenagenturen laufen bei nur einem einzigen CCTV-Computer ein: Xinhua, das Sprachrohr der Regierung, das meist Meldungen der Kommunistischen Partei verschickt, sowie Reuters und AP, aus denen China-kritische Themen herausgefiltert sind. Trotzdem wussten meine Kollegen sehr genau, was in westlichen Medien berichtet wird.

Vor allem für die, die im Ausland studiert haben, ist es ein ständiger Frust-Faktor, dass die journalistisch spannenden Themen oft wegfallen – teilweise aus recht bizarr erscheinenden Gründen. Ein Thema, das keinesfalls erwähnt werden durfte, war zum Beispiel der Baubeginn am höchsten Wolkenkratzer Pekings. Warum? "Es gibt einen sogenannten Skyscraper-Index in der Wirtschaftswissenschaft", erzählte ein Kollege. "Der besagt: Wenn ein Land einen hohen Wolkenkratzer baut, ist es mit dem Wirtschaftswachstum bald vorbei."

Schwierig wurde es für meine Gastredaktion immer dann, wenn eine Berichterstattung unvermeidbar war – etwa beim Staatsbesuch von US-Vizepräsident Joe Biden. Die Zensoren legen in solchen Fällen ganz genau fest, welche Aspekte erwähnt werden dürfen und welche nicht. Im Prinzip gilt: nichts Politisches bringen, es sei denn, man kann den Westen möglichst schlecht oder scheinheilig darstellen. Im Fall von Joe Biden hatten alle Beiträge eine bestimmte These zu vertreten: Von der Freundlichkeit der US-Amerikaner dürfen wir uns nicht täuschen lassen, die USA wollen China in ihre Schuldenkrise hineinziehen und ins Chaos stürzen.

Entweder du nimmst dieses Angebot an, oder ...

Mit solchen Vorgaben hadern vor allem die Neuen in der Redaktion. Bei World Insight liegt der Altersschnitt bei 23 Jahren; fast alle in der Redaktion kamen direkt von der Uni, ohne eine journalistische Ausbildung absolviert zu haben. Viele arbeiten auch nicht ganz freiwillig bei CCTV. "Eigentlich wollte ich Englischlehrerin werden", erzählt eine Mitarbeiterin. "Aber dann hat mich mein Professor vor die Wahl gestellt: Entweder du studierst weiter auf Lehramt, dann sorge ich persönlich dafür, dass du keinen Job bekommst. Oder du nimmst jetzt dieses Angebot bei CCTV an." Kein Einzelfall im Team.

Der Sender beansprucht seit etwa drei Jahren die jeweils hundert besten Englisch-Studenten eines Jahrgangs für sich, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Auch wenn die gar nicht wollen. Das Einstiegsgehalt liegt mit einem Bachelor-Abschluss bei 230 Euro im Monat, mit Master bei 250 Euro. Dieses Festgehalt ist aber nur ein Teil des Lohns. Den anderen Teil legt der jeweilige Redaktionsleiter fest: in der Theorie nach Leistung und Wochenarbeitsstunden. In der Praxis war auffällig, wie oft Kollegen sich bemüht haben, die Abteilungsleiter privat zum Kaffee zu treffen. Auch den Redaktionsleitern und ihren Kindern Geschenke mitzubringen, ist durchaus üblich.

Andererseits: Eine Stelle bei CCTV ist ein lebenslanger Job, inklusive gesichertem Platz im CCTV-Altersheim und der Garantie, in Peking eine Wohnung und ein Auto kaufen zu dürfen und die eigenen Kinder in Peking zur Schule schicken zu können. Schwächere Teammitglieder werden mit großer Solidarität unterstützt. Schwangere tragen ab dem dritten Monat ein grünes Leibchen, das sie vor der Strahlung aus Computern und Handys schützen soll.

Dieses grüne Zeichen ihrer Schwangerschaft ist gleichzeitig ein Signal: Bitte alle darauf achten! Diese Kollegin darf nicht länger als acht Stunden arbeiten und soll, wenn möglich, auch während der Arbeitszeit so wenig Kontakt wie möglich mit Elektrogeräten haben. In der Praxis bedeutet das: Schwangere CCTV-Mitarbeiterinnen arbeiten fast nur von zu Hause aus oder haben gleich ganz frei. "Das gleicht sich aus und ist gut für die Gemeinschaft", meint eine junge Kollegin, die gerade geheiratet hat. "Schließlich sind wir alle mal dran."

Ein ähnlicher Arbeitsschutz gilt für junge Mütter: Eine Kollegin, die nach zwölf Wochen Mutterschutz ins Redaktionsteam zurückkehrte, durfte bei voller Bezahlung täglich um 12 Uhr gehen, um sich um ihr Kind zu kümmern. Alles, was es danach noch zu tun gab, erledigte eine Praktikantin. Ein weiteres Beispiel: Mittagessen. Um 12 Uhr gibt es täglich kostenlos ein gutes Essen. Reis, drei Sorten Gemüse, Fleisch, Trinkjoghurt. Es wird in Plastikschalen direkt am Arbeitsplatz serviert, damit die Schicht nicht durch einen Kantinengang unterbrochen wird. In meiner ersten Praktikumswoche durften meine Kollegen ausnahmsweise mit mir in die Kantine gehen, was mich nach dem abweisenden Einstieg doch noch beliebt gemacht hat. Nach dem Essen wird dann kollektiv Mittagsschlaf gehalten: Um Punkt 13.15 Uhr hat man den Kopf auf die Tischplatte zu legen und 15 Minuten zu schlafen.

Der erste Westkontakt überhaupt

Anschließend geht es in die Stufe zwei der Zensur: Ein sogenannter Chief Political Editor, ein Zensor, bringt die Beiträge bei Bedarf auf Parteilinie. Dieser Mensch ist meistens unsichtbar. Eine Kontrollinstanz ohne Gesicht. Fehler werden sehr subtil bestraft: Nachdem ich über Muammar al-Gaddafi geschrieben habe, er sei ein "exzentrischer, brutaler Diktator", darf ich keinen eigenen Beitrag mehr machen. Für den Rest meines Praktikums werde ich für den wöchentlichen Nachrichtenblock eingeteilt. Aber das ist nichts im Vergleich zu der Strafe, die meinen Kollegen droht: "Jiang Zemin ist doch tot", sage ich unbedacht in meiner ersten Woche über den ehemaligen chinesischen Staatspräsidenten in der Konferenz. Meine Chefin gerät fast in Panik. Hinterher nimmt sie mich zur Seite: "In China ist man als Politiker erst dann tot, wenn die Kommunistische Partei bestimmt, dass man tot ist", erklärt sie. Erst wenige Monate zuvor hatte ihr Vorgänger wegen genau so einer Äußerung eines Kollegen seinen Job verloren. Von heute auf morgen. Auch während meines Praktikums verschwinden Kollegen wegen angeblicher Fehler. Bestraft wird von oben nach unten in der Hierarchie.

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist die Solidarität im Sender groß. Mit jeder Woche, die ich bei CCTV gearbeitet habe, brachten mir meine Kollegen mehr Freundschaft und Neugier entgegen. Für viele war ich der erste Westkontakt überhaupt. Sie hatten viele Fragen, wollten diskutieren, hören, wie Journalisten in Deutschland arbeiten. Die meisten sind sehr politisch, der eine oder andere bewertet die eigene Regierung im geschlossenen Raum und persönlichen Gespräch oft beinahe gefährlich kritisch. Wir haben viel gestritten und viel gelacht. Lange gestaunt hat das Team darüber, dass ich vom WDR nicht dafür bestraft werde, dass ich nicht mit zehn Fingern tippen kann. Auf Chinesisch nannten sie mich liebevoll "Fräulein Zwei-Finger-Kung-Fu". Aber Berlin- oder Brüssel-Korrespondentin für die Chinesen werde ich trotzdem nicht.

Die Autorin

Kirsten Rulf arbeitet als freie Autorin für den WDR in Köln, vor allem als Reporterin für die Tagesschau-Redaktion. Von Juli bis Oktober war sie mit einem Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung in China, zwei Monate davon bei CCTV News.

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