Detail-Informationen

Autor

Benjamin O'Daniel

verfasst am

13.08.2014

im Heft

journalist 8/2014

Der 21-jährige Journalist Tobias Gillen schreibt für Blogs, produziert E-Books – und geht einen Weg abseits der Verlagsbranche.

Für ein Studium oder ein Volontariat hat Tobias Gillen keine Zeit. 2012 hat er sein Wirtschaftsfachabitur gemacht und ist unmittelbar danach in den Journalismus eingestiegen. "Natürlich könnte ich jetzt auch im Hörsaal sitzen. Aber ich kann von meiner Arbeit gut leben und will nicht alles über Bord werfen, was ich mir aufgebaut habe", sagt er.

Vor sechs Jahren verfasste Gillen seine ersten Zeilen für die Jugendseite des Kölner Stadt-Anzeigers. Heute schreibt er als Technikjournalist für Blogs, veröffentlicht E-Books und zieht eigene Onlinedienste hoch. Tobias Gillen steht damit auch für eine junge Generation, die abseits der Zeitungsverlage ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt.

Eine Festanstellung kann sich Tobias Gillen zurzeit nicht vorstellen. Konferenzen sind für ihn "die reinste Folter". Und in seinen eigenen vier Wänden arbeite er effizienter als in Großraumbüros, sagt der Freiberufler. Von zu Hause aus mailte er schon zu Schulzeiten seine Artikel an die Lokalredaktion. Abends und am Wochenende hatte er Zeit für Termine. Daneben baute er ein Blog über die Apple-Welt auf. Nach einiger Zeit verkaufte er die Seite "für ein kleines Taschengeld", weil sie ihm zu viel Arbeit machte.

Es folgte seine eigene Seite tobiasgillen.de. "Ich habe dort meine Artikel aus dem Lokalteil veröffentlicht." Nach und nach schrieb er immer häufiger über Themen, die ihn persönlich interessierten. Technik, Medien, Internet. Mit zunehmendem Erfolg. Sein kritischer Blogbeitrag zu den reißerischen Berichten über Michael Schumacher wurde 35.000-mal angeklickt. "Man kann über das Netz eine viel größere Öffentlichkeit erreichen als über Print", sagt Gillen. Die Wordpress-Technik hinter dem Blog hat er sich selbst beigebracht, auch wenn es ihm zu Beginn so manche schlaflose Nacht bereitet hat.

Zwischen Erfolgswelle und Shitstorm

Natürlich ist Tobias Gillen auch auf Facebook und Twitter vertreten. Die Frage, ob sich das lohnt, stellt sich für ihn nicht. "Praktisch alle meine Kunden sind über Social Media auf mich aufmerksam geworden." Seinen persönlichen Shitstorm hat er auch schon erlebt. Gillen postete im Herbst 2013 einen Schnappschuss, der zwei vor der Geschäftsstelle des Kölner Kreisverbands der Grünen parkende Luxus-Sportwagen zeigte: einen Porsche und einen Ferrari – jeweils auf einem Behindertenparkplatz abgestellt. "Am Anfang haben alle gelacht. Aber dann ist die Stimmung gekippt." Das Bild verbreitete sich in Windeseile, dabei wurde vor allem gegen die Grünen gehetzt – Medien berichteten darüber. Gillen selbst bekam haufenweise Hassmails. Schnell stellte sich heraus, dass die Autos nichts mit den Grünen zu tun hatten, sondern dass sie zu einer ansässigen Immobilienfirma gehörten. Sie hatte die Schilder aufgehängt, damit dort niemand anderes sein Auto parkt. "So einen Shitstorm wünsche ich keinem", sagt Gillen.

Dass die Social-Media-Welle ihn genauso gut nach oben spülen kann, hat er mit seinem E-Book Verschlüsselt erlebt. Es ist eine Mischung aus Erfahrungsbericht, Reportage und Anleitung, wie man seine E-Mails verschlüsselt. Das Thema traf genau den Nerv der Zeit, wenige Monate, nachdem durch Edward Snowden der NSA-Überwachungsskandal öffentlich wurde. Das komplette E-Book hat Gillen in vier Tagen und Nächten produziert, nur unterbrochen von drei Stunden Schlaf pro Nacht und eiligen Pizza- und Ravioli-Mahlzeiten. Mehr als 1.000 Exemplare hat er mittlerweile verkauft. Für kurze Zeit stand sein Werk im iBookstore sogar vor den Büchern seines Lieblingsautors Dan Brown.

Sein neuestes Projekt ist ein Online-Branchendienst zu "Wearables", tragbaren Elektronikgeräten, die mit dem Internet verbunden sind. Dafür hat er sich mit Julian Heck und Ekkehard Kern zwei weitere junge Journalisten an Bord geholt. "So einen Branchendienst kann man nicht alleine nebenbei machen."

Und was, wenn irgendwann der große Knall kommt und er doch nicht mehr von seiner Arbeit als freier Journalist leben kann? Tobis Gillen überlegt kurz und antwortet: "Dann gehe ich eben studieren. Ich bin ja noch jung."

 Wie überlebe ich als freier Journalist?

"Man braucht Spaß, Leidenschaft und gute Nerven. Und man sollte sich nicht davor scheuen, eigene Projekte zu starten."

100 Prozent WDR

Anorte Linsmayer arbeitet als freie Journalistin für den WDR – und hat sich bewusst gegen eine feste Stelle entschieden. weiter

Die Bio-Fachjournalistin

Annette Sabersky testet Bioprodukte und schreibt darüber. Ihre Bilanz nach 15 Jahren Selbstständigkeit. weiter

Vom Spiegel-Redakteur zum Redenschreiber

Der ehemalige Spiegel-Redakteur Christoph Schlegel ist heute professioneller Redenschreiber – und hat sich an das eigenständige Arbeiten gewöhnt. weiter

Der Lokaljournalist

Volker Thies ist Lokaljournalist im Rhein-Main-Gebiet. Er schreibt vor allem über Kommunalpolitik – das härteste Brot, das ein freier Journalist kauen kann. weiter

Die Twitter-managerin

Die freie Journalistin Christina Quast weiß, wie man Twitter-Accounts aufbaut und Diskussionen aus dem sozialen Netzwerk in die Offline-Welt trägt. Sie verdient damit ihr Geld. weiter

Der Dapd-Korrespondent

Der frühere dapd-Korrespondent Björn Menzel arbeitet heute als freier Journalist. Seine Maxime: Nur auf Medien zugehen, die "bezahlen können, was ich mache". weiter

Der Europa-Korrespondent

Der ehemalige Ressortleiter Detlef Drewes ist seit zehn Jahren freier Korrespondent in Brüssel. Von dort aus bedient er 16 Zeitungen – und hat ein eigenes Geschäftsmodell entwickelt. weiter

die rundfunk-journalistin

Vor acht Jahren hat die Rundfunkjournalistin Antje Hinz zusammen mit einer Kollegin einen Hörbuchverlag gegründet – und wurde so zur Verlegerin. weiter

der mediendienst-Gründer

Vor 15 Jahren hat Christian Werner den Leipziger Mediendienst Ost gegründet – weil er kein Einzelkämpfer sein wollte. weiter

die Dokumentarfilmerin

Vor fünf Jahren entschied Mosjkan Ehrari, Dokumentarfilme zu drehen. Heute arbeitet sie auch als Autorin, Regisseurin, Produzentin, Cutterin, Kamerafrau und Dozentin. weiter

der Verteidigungspolitik-Experte

Thomas Wiegold hat sein Spezialgebiet gefunden: Er schreibt über Verteidigungs- und Sicherheitspolitik – und gewinnt mit seinem Blog immer mehr Leser, die ihn direkt finanzieren. weiter

die magazinjournalistin

Mila Hanke arbeitet als freie Textchefin und Autorin für Magazine – doch sie hat noch weitere Standbeine. weiter

Aktuelle Kommentare zu dieser Linkliste

25.11.2014 20:39

Christian Neumeier

Interessanter Bericht. Diesen sogenannten 'Shitstorm' wünsche ich niemandem. Es ist schwer, dort wieder rauszukommen. Für mich wäre die Arbeit von Zuhause aus nichts, da man wahrscheinlich kein Ende finden kann.

 
Anzeige: 1 - 1 von 1.