"Ich bin den meisten festangestellten Journalisten in fast jeder Online-Disziplin voraus"

Kaum ein freier Journalist ist im Internet so präsent wie Richard Gutjahr. Was passieren müsste, damit er eine Twitter- und Blog-Pause einlegen würde, welche Dinge sich professionelle Journalisten von Bloggern abschauen können und warum er seine Netzpräsenz für kein Jobangebot der Welt aufgeben würde, erzählt er im Interview.

journalist: Herr Gutjahr, hat das Internet den Journalismus besser gemacht?

Definitiv. Auf so vielen Wegen, dass es mir schwer fällt, überhaupt anzufangen, das zu begründen. Um es in wenige Worte zu fassen: Es gibt nie zu viele Informationen. Je mehr Quellen, desto besser.

Das Internet schläft nie – Sie dagegen müssen es schon. Wie schwer fällt es Ihnen, offline zu sein?

Es fällt mir immer schwerer. Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass die Zeiten, in denen ich offline bin, immer geringer werden. Das Erste, was ich tue, wenn ich morgens aufstehe und das Letzte, bevor ich schlafen gehe, ist tatsächlich, meine diversen Kanäle anzusteuern und zu schauen, ob sich etwas getan hat. Das ist fast schon pathologisch.

In einem aktuellen Blogbeitrag haben Sie sogar geschrieben, dass Sie es sich nicht leisten können, die jeweils 30 Minuten bei Flugzeugstart und -landung offline zu sein. Ist das nicht übertrieben?

Das ist zugespitzt, aber jede Zuspitzung hat einen wahren Kern. Und es ist in der Tat so, dass es Deadlines und Redaktionsschluss in der heutigen Welt einfach nicht mehr gibt. Vor zehn Jahren war das noch anders, heute ist alles im Fluss. Ich bin nie fertig oder am Ziel, ein bisschen wie Sisyphus.

Sie haben im Gegensatz zu vielen anderen freien Journalisten, die häufig Quereinsteiger sind, eine klassische journalistische Ausbildung. Warum haben Sie auf eine Festanstellung verzichtet?

Das ist eine interessante Frage. Ich hatte tatsächlich hier und da das Angebot einer Festanstellung. Ich wurde beim letzten Angebot aber vor die Wahl gestellt: Für den Job sollte ich mein Blog und meine sonstigen Online-Aktivitäten einstellen. Und obwohl es sich um ein sehr attraktives Jobangebot gehandelt hat, habe ich meinem potenziellen Arbeitgeber gesagt, dass ich das unter diesen Bedingungen nicht tun kann. On- und Offline gehören zusammen. Ich kann auf diese andere Welt nicht mehr verzichten.

Warum wollen Sie Ihre Präsenz im Internet gegen nichts mehr eintauschen?

Ich will mich nicht mehr gänzlich vereinnahmen lassen von einem einzelnen Arbeitgeber oder einem einzigen Medium. Ich verstehe die Welt, auf die wir uns zubewegen, immer mehr als Medienmix und deswegen glaube ich, dass es fatal ist, sich als Journalist auf eine einzige Richtung, einen einzigen Ausspielweg oder ein einziges Thema zu reduzieren.

Festangestellte sind also die schlechteren Journalisten?

Das ist eine raffinierte Nachfrage und ich würde das auch ein bisschen bestätigen wollen, ja, bei einigen ist mir das aufgefallen. Jemand kann in seinem Fachgebiet ein hervorragender Journalist sein, aber ich glaube einfach, dass das – gar nicht mal so sehr in der Zukunft, sondern auch schon heute – nicht mehr genügt, weil er im Web nicht gefunden wird.

Wie präsent sollte man als freier Journalist im Netz sein?

Ich glaube, man muss sehr präsent sein und ich glaube, man hat auch keine andere Wahl mehr. Als ich vor der Frage stand, ob ich im Netz gefunden werden will oder nicht, habe ich schnell eingesehen, dass es völlig egal ist, was ich will. Ich kann mich nicht dagegen wehren, dass Leute über mich reden oder schreiben werden, denn als Journalist bewege ich mich in der Öffentlichkeit. Ich werde beim Ego-Googeln immer etwas über mich finden. Und dann doch lieber die Sachen, die von mir selbst stammen. Die ersten zehn Seiten, die man bei Google über mich findet, kontrolliere ich in gewisser Weise und das ist mir lieber, als wenn ich mich in die Abhängigkeit von anderen begeben muss.

Trotzdem können Sie nicht alles kontrollieren, was über Sie geschrieben wird. Häufig wird Ihnen zum Beispiel ein Hang zur Selbstinszenierung vorgeworfen. Gibt Ihnen das zu denken?

Die Leute, die genau das über mich sagen, sind oft selbst Charaktere, die sich nicht anders präsentieren als ich. Wenn meine Leser und Nicht-Journalisten dazu übergingen, so etwas von mir zu sagen, dann würde ich mir Gedanken machen. Ich erlebe aber interessanterweise  immer nur Kollegen, die damit scheinbar ein Problem haben. 

Sie sehen Ihre freien Kollegen also als Konkurrenten?

Ja, wir stehen alle in Konkurrenz um Aufmerksamkeit, Zeit und Leser. Das Web ist unendlich groß, da muss man sich anstrengen und trommeln, um gefunden zu werden.

Es gibt aber durchaus auch freie Journalisten, die im besten Fall nur eine statische Website haben und ohne Blog, Twitter oder Facebook ihre Aufträge bekommen. Kann man sich diese Vorgehensweise in Zukunft noch erlauben?

Die kann man sich heute schon nicht mehr leisten. Ich glaube, diese Leute profitieren noch von einem sehr klassisch geprägten Publikumsumfeld. Aber ich möchte nicht darauf warten, dass ich vielleicht auf gut Glück im Internet gefunden werde. Wir stehen vor einem kolossalen Umbruch und man braucht kein Hellseher zu sein, um zu erraten, worauf das hinausläuft. Die Medienlandschaft wird sich definitiv weiter verändern.

Eine Medienlandschaft, in der soziale Netzwerke und Blogs keine Zeitfresser, sondern selbstverständlich sind?

Ja, ich betrachte das bei mir jetzt schon als einen Dauerzustand. Ich muss mich nicht mehr hinsetzen und denken: "Ach, ich muss mal wieder twittern oder bloggen." Das ist so in meine DNA übergegangen, dass ich mir das nicht vornehmen muss. Ich habe das in mein Leben integriert, ohne groß darüber nachzudenken. Ein Zeitfresser ist so etwas trotzdem manchmal. Wenn ich klassische Deadlines habe, etwa für meine Zeitungskolumne, oder einen Vortrag vorbereiten muss, bin selbst ich mal für eine Weile offline.

Sehen Sie sich als bloggender Journalist oder als journalistischer Blogger?

Ich sehe mich einfach als Journalist.

Trotzdem gehört das Bloggen für Sie zum Alltag und Sie verdienen damit durchaus auch Geld.

Ja, das ist schon so. Aber ich empfinde mein Blog nicht als Job, sondern als Hobby. Ich habe auf der einen Seite einen Job, in dem ich ganz klassischen, objektiven, sachlichen und professionellen Journalismus mache. Wenn ich dann um zwei Uhr morgens Feierabend habe, dann leiste ich mir den Luxus, über Themen zu schreiben, die in meiner professionellen Arbeit untergehen und von meinen Vorgesetzten vielleicht nicht als relevant gesehen werden. Ich wollte mit meinem Blog nie Geld verdienen, ich wollte aber auch keines verlieren.

Inwiefern ist der Blog für Sie eine Einnahmequelle? (Anm. d. Red.: Die Interviews entstanden im Jahr 2013)

Mittlerweile ist es schon mehr als ein nur Taschengeld, das ich durch den Sponsor verdiene. Dieser erscheint mit seinem Logo auf meiner Webseite, hat aber keinen Einfluss auf meine Inhalte. Aber das Geld fließt schon direkt oder indirekt wieder zurück in meinen Blog. Ich habe mir jetzt zum Beispiel eine Kamera für knapp 3.000 Euro gekauft, das hätte ich ohne mein Blog wahrscheinlich nicht getan. Ich könnte heute weder von meinem Hauptarbeitgeber, noch vom Unterrichten oder vom Bloggen alleine leben. Aber alles zusammen erlaubt es mir, die Miete in München zahlen zu können.

Welche Leser wollen Sie mit Ihrem Blog ansprechen?

Ich muss sagen, ich halte in meinem Blog oft die Regeln nicht ein, die ich anderen versuche, in Workshops beizubringen: dass man sich ein Thema sucht und sich spezialisiert. Ich blogge häufig über Themen, die eigentlich nichts in meinem Blog zu suchen haben. Das begründe ich aber genau damit, dass ich mein Blog eben nur als Hobby sehe und nicht als meinen Beruf. Das soll auch eine Form von Ausgleich sein zu dem, was ich eben sonst so tue.

Was unterscheidet für Sie einen Journalisten von einem Blogger?

Ich unterscheide zwar zwischen einem professionellem Journalist und einem Blogger oder einem Amateurjournalist. Aber in der heutigen Welt kann jeder publizieren, und das ist auch gut so. Ein Journalist kann eben nicht überall auf der Welt sein, und wenn gerade ein Flugzeug im Hudson River notlandet und da ist jemand, der mit seinem Smartphone Bilder macht und veröffentlicht, dann ist er in dem Augenblick auch eine Art Journalist. Er liefert einen Ausschnitt aus der Welt und teilt diesen den Anderen mit.

Was entgegnen Sie Journalisten, die Blogger als Gefahr für den professionellen Journalismus betrachten?

Denen würde ich sagen, sie haben Recht. Ich kenne viele Blogger, die sehr viel professioneller arbeiten und sorgfältiger recherchieren, als viele Profi-Journalisten. Das ist Fakt.

Als Blogger kann man unabhängig von Verlagen oder Chefredakteuren schreiben. Aber ist denn das, was nur lediglich mit zwei Augen und – unter Umständen mit Tunnelblick – betrachtet wird, wirklich besser?

Es kommt immer darauf an, in welcher Situation man sich befindet. Wenn man sich in einer sehr klassischen Umgebung befindet, wie das bei mir der Fall ist, dann ist ein Blog daneben eine sehr spannende Ergänzung, um sich genau an den Themen auszutoben, die man in einer eher konservativen Umgebung niemals durchbekommen würde.

Was kann ein freier Journalist von einem guten Blogger lernen?

Demut. Besonders vor dem Publikum, denn das ist ja nicht mehr nur Empfänger, sondern auch Sender. Es gibt immer jemanden, der schlauer ist, als man selbst. Das gilt es zu respektieren, und das lernt man als Blogger als Erstes. Wenn ich im Fernsehen die Nachrichten moderiere, dann ziehen wir zehn Sekunden, nachdem der Abschlusstrailer gelaufen ist, die Staubhülle über die Kamera und liefern uns ein Wettrennen, wer zuerst das Sendegelände verlassen hat. Beim Bloggen geht mit der Veröffentlichung eines Blogposts die Party erst los. Oft werde ich schon nach zwei Minuten auf einen Recherchefehler hingewiesen, den ich dann offen korrigieren muss. So etwas habe ich in klassischen Redaktionen nie angefunden. Kritikfähigkeit fehlt den klassischen Journalisten definitiv.

Sie haben 2011 live aus Kairo getwittert und gebloggt, ohne dass Sie dafür einen festen Auftrag hatten. Die Fotos haben Sie sogar zur kostenlosen Weiterverwendung freigegeben. Was haben Sie sich davon erhofft?

Gefunden zu werden. Ich wollte in einer Situation, in der ein Machthaber versucht, im ganzen Land das Licht auszuknipsen, ein Augenzeuge sein, der Informationen weitergeben kann. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Deswegen habe ich mich dafür entschieden, die Bilder für sich sprechen lassen.

Ihre Kollegin Ulrike Langer hat die Reise nach Kairo in ihrem Blog als finanziellen Flop bezeichnet. War die Reise für Sie trotzdem auch ein Gewinn?

Ich würde es wieder machen. Ich werde immer nach dem Geld gefragt und mich wundert das ein bisschen. Jemand, der Geld machen will, sollte erst gar nicht Journalist werden. Das ist und war nie mein Antrieb. Natürlich muss ich meine Wohnung finanzieren, aber da kollabierte ein Land vor meinen Augen. Wer sich da als erstes die Frage nach dem Geld stellt, der sollte sich schnell nach einem anderen Job umsehen.

Aber Sie hätten die Eindrücke und Fotos, die Sie aus Kairo mitbringen, doch auch an Redaktionen verkaufen können.

Es war Wochenende, und bis ich da jemanden ans Telefon bekommen hätte, der sich getraut hätte, eine Entscheidung zu treffen, wäre die Revolution vielleicht schon vorbei gewesen. Ich übertreibe, aber etwas Wahres ist da schon dran.

Das Projekt in Kairo haben Sie abgebrochen, weil es Ihnen zu riskant wurde. Wie viel muss man als freier Journalist wagen, um erfolgreich zu sein?

Mehr als ein Festangestellter, das steht fest. Aber das würde ich nicht nur auf Krisen- und Kriegssituationen übertragen, das ist ja eher die Ausnahme. Als freier Journalist muss man auch so eine Menge riskieren. Man ist immer dem Risiko ausgesetzt, dass das, was man gerade tut, vielleicht falsch ist. Aber was ist die Alternative? Den Kopf ist den Sand stecken und warten, dass es das Internet vielleicht eines Tages nicht mehr gibt? Ich glaube, in einer Phase des Umbruchs gibt es nichts Schlimmeres, als stehen zu bleiben. Man muss ausprobieren, auf die Nase fallen, wieder aufstehen und keine Angst vor Fehlern oder Scheitern haben. Man muss den Mut haben, Projekte einfach mal anzustoßen. Manchmal funktionieren sie und manchmal eben nicht, aber etwas lernen tut man in jedem Fall.

Welche Eigenschaft braucht ein freier Journalist noch, um erfolgreich zu sein?

Man muss leidensfähig sein. Man darf nicht beim ersten Rückschlag alles hinschmeißen. Man muss hartnäckig sein und einstecken können. Mir hat ein Kollege folgenden Ratschlag mit auf den Weg gegeben: "Never take no for an answer" – akzeptiere niemals ein Nein als Antwort. Als freier Journalist ist es wichtig, dass man lernt, mit einer Ablehnung umzugehen und trotzdem an seine Themen zu glauben. Damit bin ich in den letzten Jahren erstaunlich gut gefahren.

Mit welchen Nachteilen muss ein freiberuflicher Journalist noch umgehen?

Man ist vogelfrei. Das würde ich nicht nur als Nachteil empfinden, aber in den meisten Situationen ist es so. Umgekehrt bin ich als freier Journalist auch abhängig von Auftraggebern, die Entscheidungen treffen und für Themen ein Budget rausrücken, oder eben auch nicht. Außerdem muss ich als Freiberufler für alles, was ich tue, auch gerade stehen. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass ein großes Medienhaus ritterhaft hinter einem steht, selbst wenn man einen Auftrag in deren Namen verbockt hat. Da wird es auch sehr schnell sehr einsam, wenn es hart auf hart kommt.

Was wäre für Sie der ideale Auftraggeber?

Er zahlt, ich mache. Und wenn es gut geht, teilen wir uns den Preis und wenn es schlecht läuft, dann auch.

Warum sind Sie trotz dieser Nachteile lieber selbstständig?

Ich glaube, das ist der beste Status, in dem ich in dieser Phase dieser Medienumwälzung sein kann. Weil ich sehr schnell auf die neuen Umstände reagieren und Dinge sofort ausprobieren und auch wieder ablegen kann, wenn die anderen gerade erst lernen, wie man Facebook überhaupt buchstabiert. Ich bin den meisten festangestellten Journalisten in fast jeder Online-Disziplin voraus. Das ist sehr anstrengend, macht aber auch eine Menge Spaß.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass die Menschen, mit denen Sie im Netz kommunizieren, Sie oft auf Themen hinweisen, die Sie sonst übersehen würden. Wird dieser Kanal in großen Medienhäusern zu wenig genutzt? 

Ja, ich habe es oft erlebt, dass ich mit Themen, Ideen oder Entwicklungen im Web konfrontiert wurde, die Stunden, Tage oder sogar manchmal Wochen gebraucht haben, bis sie ihren Weg in klassische Redaktionen gefunden haben. Das ist ja kein Zufall, sondern basiert alleine auf der Tatsache, dass man Themen und Tendenzen im Netz viel früher wahrnimmt, meistens sogar direkt unmittelbar von der Quelle, bevor sie ihren Weg in die Mainstream-Medien finden.

Im Netz werden Sie nicht nur auf Themen aufmerksam, sondern bekommen auch sofort Feedback auf Ihre Beiträge. Fehlt Ihnen dieser Kontakt, wenn Sie beispielsweise für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten?

Jeden Tag. Wenn ich beim Fernsehen im wahrsten Sinne des Wortes in diesen toten schwarzen Kasten spreche, ist die einzige Form von Feedback, das ich bekomme, am nächsten Morgen die Auswertung der GfK-Quote. Das ist eine Zahl, der ich im Grunde genommen nichts ablesen kann. Ich weiß nicht, ob der Mensch vor dem Fernseher tatsächlich zuschaut oder schon vor zwei Stunden vor dem Fernseher eingeschlafen ist. Mit jedem Video bei YouTube habe ich eine Batterie von Informationen über meine Zuschauer: Ich weiß auf die Sekunde genau, wo sie abgesprungen sind, an welcher Stelle sie zurückgespult haben und über welchen Kanal sie auf mein Video gekommen sind. Beim Fernsehen schieße ich mit Kanonenkugeln ins Leere und im Internet besitze ich ein Präzisionsgewehr mit Laserzielrohr. Und wenn man das mal in der Hand hatte, dann möchte man nicht mehr zurück zur Kanonenkugel.

Freie Journalisten profitieren also in jedem Fall vom Feedback Ihres Publikums.

Definitiv. Wer von der Wohnungstür direkt in den Dienstwagen steigt, den ganzen Tag in der Redaktion sitzt und abends wieder nach Hause fährt – dessen Weltsicht besteht tatsächlich nur aus den Hörfunknachrichten, die er im Auto gehört hat, den Zeitungen, die vielleicht im Büro ausliegen und der Tagesschau, die abends geschaut wird. Was da nicht aufgetaucht ist, findet in deren Welt nicht statt. Da sind wir wieder bei der Ausgangsfrage, ob das Internet für besseren Journalismus sorgt. Ich bin der Meinung, das stimmt.

Wenn Sie auf Ihre bisherige Arbeit als Journalist zurückblicken: Hätten Sie rückblickend etwas anders gemacht?

Ich hätte vielleicht den einen oder anderen Vorgesetzten auf offener Bühne nicht als arabischen Potentaten bezeichnet. Aber außer dieser einen Geschichte, glaube ich, hätte ich nie etwas anders gemacht, nein.

Was müsste passieren, damit Sie eine Blog- oder Twitter-Pause einlegen?

Ich müsste mir beim Skifahren beide Arme brechen.

 Mehr zu Richard Gutjahr ...

Richard Gutjahr ist freier Journalist, Moderator und Blogger. 1974 in Bonn geboren, war er zwischen 1993 und 1998 Schüler der Deutschen Journalistenschule in München und studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität Politik und Kommunikationswissenschaften. Heute lebt Gutjahr in München und Tel-Aviv, arbeitet für den Bayrischen Rundfunk, die ARD und den Westdeutschen Rundfunk. Er schreibt zudem regelmäßig für die Münchner Abendzeitung und den Berliner Tagesspiegel. Seine Zeitungsabonnements hat Gutjahr schon vor Jahren gekündigt – trotzdem liest er heute deutlich mehr als früher. Dadurch hat er eine breitere Sicht auf die Welt bekommen: Über die Themen, die den Journalisten Tag für Tag beschäftigen, bloggt er auf www.gutjahr.biz. 2011 wurde. Gutjahr vom Medium Magazin in der Kategorie Newcomer zum "Journalist des Jahres" gekürt.

Über die Autorinnen

Natascha Koch und Natascha Krämer haben Onlinejournalismus an der Hochschule Darmstadt studiert. Die Interviews enstanden im Rahmen ihrer Bachelorarbeit Erfolgreich selbstständig – Mit welchen Strategien freie Journalisten heute auf dem Markt bestehen.

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

01.07.2014 16:45

Wolf-Dieter Roth

Ja, Blogger und Online-Aktive werden zwar wegen ihrer Online-Sachen angeheuert, sollen dann aber plötzlich alles abschalten und selbst ihre Domains und damit ihre jahrelang bekannt gemachten E-Mail-Adressen abschalten, alles auf die E-Mail des Verlags umshiften, selbst private E-Mails der Familie – und stehen dann ohne elektronische Kontaktmöglichkeit da, wenn das Anstellungsverhältnis in die Brüche geht – alle zukünftigen Angebote bekommt dann der Ex-Chef.

Zudem wird allen, die online präsent sind – ob nun mit einem populären Blog oder einer reinen Portfolio-Homepage – dabei unterstellt, sich wichtig machen zu wollen und gut zu verdienen, was einen irrsinnigern Ärger einbringt – mit Lesern, Neidern, und Verlagen bzw. Sendern, die sich alle in ihrer Existenz bedroht sehen durch so jemand, der eigentlich viel Lärm um Nichts macht – bekannt ist, aber eben damit nichts verdient und auch nichts verdienen darf – Journalismus darf einen ja nicht (mehr) ernähren. Und von dem, was man nicht verdient, darf man dann Abmahnungen, Prozesse und ähnliche Schikanen zahlen, denn wie schon vom Kollegen Gutjahr richtig aufgezeigt, ist der "Freie" vogelfrei.

Ich hätte deshalb eine weitere Frage, die aber niemand freiwillig ehrlich beantworten wird:

Warum soll man sich all das als intelligenter Mensch noch antun? Nur für einen möglichen Journalistenpreis sich so abstrampeln, nicht mal im Flugzeug offline gehen zu können, im Traum Angst haben, den Scoop zu verpennen, und dann nicht zu wissen, wie man seine Familie ernähren kann, für die man ohnehin keine Zeit hat?

Das Gute und Schöne in Ehren, die Qualität des Journalismus in Ehren, aber es kann ja nicht sein, dass die (ohnehin rar gewordenen) Festanstellungen Mist sind, die freie Arbeit noch größerer Mist ist und der Journalist sich zum schlimmeren Sklaven des Computers und des Internets macht, als es Charlie Chaplin einst in "moderne Zeiten" für den Fabrikarbeiter sah ...

02.07.2014 11:00

Richard Gutjahr

Lieber Wolf-Dieter Roth,

Sie haben die Situation, in denen digitale Grenzgänger stecken, sehr schön beschrieben. Es ist ein Spießrutenlauf, ein Marathon - definitiv kein Sprint. Leute, die einen vor Jahren noch wegen Twitter, Facebook & Co ausgelacht haben, geben heute viel Geld aus, um im Netz überhaupt noch gefunden zu werden. YouTube wurde mir vor 5 Jahren von meinem Sender verboten. Heute wundern wir uns, warum dort niemand unsere Videos klickt. Und da sind wir auch schon bei der Antwort auf Ihre Frage: Warum soll man sich das antun? Ich betrachte es als eine Wette auf die Zukunft. Ich investiere heute in mich und meine Fähigkeiten, um in dieser veränderten Welt relevant zu bleiben. In 5 oder 10 Jahren, wenn die heutige digitale Bohème zum Mainstream geworden ist, kann ich (hoffentlich) damit mein Leben bestreiten. Heute geht das noch nicht, ich muss mich aus unterschiedlichen Quellen, klassisch/online mischfinanzieren. Und ja: Es ist anstrengend! Aber eben auch so unglaublich spannend. Wir müssen eben nicht nur wie Chaplin Schrauben am Fließband festziehen (großartiger Film!!), sondern dürfen uns unsere Jobs zum Teil sogar neu erfinden. So etwas geschieht nur alle paar Hundert Jahre. Ich persönlich betrachte das als ein Privileg.

Kollegiale Grüße und - nicht aufgeben!

02.07.2014 13:59

Wolf-Dieter Roth

Lieber Richard Gutjahr,

eine Wette auf die Zukunft? Die kann auch gegen einen ausfallen. Eben weil die etablierten Medien große Angst vor den neuen Möglichkeiten haben.

Ich war noch eher dran, mit einer Homepage seit 1995. Zugegeben eher gezwungenermaßen, weil sie Bedingung war, um eine "brauchbare", am Telefon durchgebbare, E-Mail-Adresse haben zu können und nicht so etwas wie 103563,363@compuserve.com.

Damals war eine eigene Homepage dennoch etwas, das einem wirklich nützte, wie ich feststellen mußte. Sie sah nur nicht besonders aus, weil ich mir das alles selbst erarbeiten mußte, es gab noch keine Lehrbücher dazu.

Was mir das aber insgesamt eingebracht hat, steht heute selbst in Wikipedia. Es hat mir jede journalistische Tätigkeit vermasselt, sogar Leben gekostet. Ich wäre heute froh, kein "Pionier" gewesen zu sein.

Ich wollte damals statt teurer Briefpost, die zudem meine Chefs auf der Suche nach "Fressekonferenzen" filzten, flink und praktisch auf elektronische Post umstellen – und wurde so zur angeblich größten Bedrohung des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems.

Ich weiß, Sie sehen es anders, das muß jeder für sich selbst entscheiden, aber ich hätte lieber weniger Bekanntheit und mehr Geld.

Und in 20 Jahren? Kann man mit einem Blog bestimmt keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken, macht dann selbst Nachbars Katze, und muß wieder was anderes machen. Das natürlich nichts einbringen darf außer Ärger. Daß ich von dem, was ich teuer bezahlen mußte, mal irgendwann positiv leben kann, diese Hoffnung habe ich zumindest aufgegeben.

Meinen Job selbst festlegen und erfinden, das allerdings habe ich immer gern getan und das war auch eine der reizvollen Sachen im Journalismus. Nur irgendwann will man auch mal auf Erreichtem aufbauen und nicht immer wieder die Brösel aufkehren und neu anfangen. Das kommt nur denen entgegen, die sowieso auf lange Sicht scheitern und es so gut tarnen können.

Ihnen weiter viel Glück & Erfolg, wie auch allen anderen, die sich noch weiter durchkämpfen...man muß aber auch wissen: Wie bei der WM gibt es einen Sieger und Dutzende Verlierer...niemand will zu denen gehören, aber man muß damit leben können, wenn es doch so kommt...

 
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