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Interview: Hans Hoff und Matthias Daniel

Fotos: Bernd Arnold

verfasst am

31.01.2012

im Heft

journalist 2/2012

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Mehr zum Thema im Heft

  • Lesen Sie in der Februar-Ausgabe des journalists, wie aus einer Krise in den Medien erst eine Krise mit den Medien und dann eine Krise der Medien wurde.
  • Außerdem: Drohungen und Einflussversuche gehören zum journalistischen Tagesgeschäft – fünf Meinungen
Bild: Bernd Arnold

TV-Produzent und taz-Kolumnist Friedrich Küppersbusch macht sich so seine Gedanken über die Affäre Wulff: Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hält er für den "Stauffenberg der Pressefreiheit".

Friedrich Küppersbusch

"Die Schutzmechanismen haben versagt"

Nicht nur der Bundespräsident steht in der Kreditaffäre unter Beschuss, auch die Medien werden für ihre Berichterstattung über Christian Wulff kritisiert. Müssen FAZ und Süddeutsche jetzt zurücktreten? Ein Gespräch mit Journalist und TV-Produzent Friedrich Küppersbusch über Hysterie, Pressefreiheit und die Macht des Mainstreams.

journalist: Herr Küppersbusch, war das Gespräch, das Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf mit dem Bundespräsidenten geführt haben, ein Verhör?

Friedrich Küppersbusch: Ich habe die Kollegen jedenfalls nicht beneidet, weil alle anderen Journalisten gesagt haben: Sauerei, warum dürfen wir nicht? Also mussten die beiden für die anderen mit kritisch sein, sich auch die infamste Spiegel-Frage und die gemeinste Bild-Frage mit ausdenken. Andererseits gibt es immer auch diesen Mitleidseffekt. Man kann Wulff auch stark machen, indem man ihn in dieser Situation an die Wand nagelt. Und drittens war es ein irrlichterndes Kompliment für die öffentlich-rechtlichen Sender: Wenn es einem Politiker richtig dreckig geht, kann er sich nur noch zu ARD und ZDF trauen.

Hätte es Christian Wulff bei RTL oder Sat.1 leichter gehabt?

Es hätte ihn keiner gesehen. Wir wissen vom Wahlduell, dass das identische Signal bei der ARD acht Millionen, beim ZDF vier Millionen, bei RTL vielleicht noch zwei und bei Sat.1 gar keine Million mehr erreicht.

Es ging schließlich um einen Anruf beim Bild-Chefredakteur.

Wenn erboste Politiker nicht mehr bei Chefredakteuren anrufen dürfen, dann sind Rundfunkräte organisierte Kriminalität. Da rufen keine Chefredakteure an, sondern lassen sie antanzen, können sie berufen und abberufen.

Sie sprechen die Absetzung von Nikolaus Brender als ZDF-Chefredakteur an.

Erstens: Ein Chefredakteur, der noch nie einen erbosten Politiker am Telefon hatte, muss sich fragen: Was habe ich falsch gemacht? Diese ganze Wehleidigkeitsnummer kotzt mich an. Es ärgert mich, dass alle sagen: Oh, Herr Diekmann hat einen erbosten Anruf entgegennehmen müssen. Amnesty! Anstatt zu sagen: Na klar, wir alle bekommen ständig diese Anrufe. Das ist unser Job. Wir kriegen das bezahlt. Wir kriegen nicht bezahlt, dann zu sagen: jawohl. Wir kriegen nicht bezahlt, auf so einen Anruf hin unsere Redaktion zu verprügeln, sondern das auszuhalten, zu argumentieren und natürlich auch zu gucken: Ist da vielleicht etwas dran?

Zweitens?

Wenn es so problematisch ist, dass Politiker in die Berichterstattung einwirken, dann freue ich mich darauf, die Bild-Zeitung künftig nicht mehr mit irgendwelchen Aktionen gegen ARD und ZDF zu erleben, sondern dabei, dass Bild die Kollegen in den Sendern unterstützt. Das wäre eine tolle neue Schlachtordnung. Und das könnte ich ja eigentlich erwarten, nachdem klar ist: Die sehen das genauso.

Zurzeit sieht es eher so aus, als würde Kai Diekmann demnächst einen Starschnitt in der Bravo kriegen.

Ja, er ist der Stauffenberg der Pressefreiheit. Ich schlage vor, dass er künftig, wenn das mit dem Haar-Gel nicht kollidiert, eine wasserdichte Augenklappe bei der Verrichtung seiner Dienstgeschäfte trägt. Er hat die Entschuldigung von Wulff angenommen, deswegen kann die Abschrift seiner Mailbox eigentlich nie in Umlauf gekommen sein. Und die Kollegen bei der Süddeutschen und der Frankfurter Allgemeinen können daraus nie zitiert haben, weil sie ja seriös Quellen prüfen. Diese Quelle ist nie geprüft worden. Laut Diekmann hat niemand dieses Band je gehört.

Haben Süddeutsche und FAZ versagt?

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat als erste vermeintlich wörtliche Zitate abgedruckt. Der Kollege Nils Minkmar hatte zuvor erwähnt, in Journalistenkreisen gingen solche Zitate um – das ist sauber. Dann machte die gleiche Redaktion einen Köpper in die Jauche und druckte als Zitate ab, was nach Diekmanns Einlassung in seinem Vorzimmer qua Abschrift fabriziert worden war. Audiatur et altera pars – auch die andere Seite ist zu hören? Hatte Wulff der Zeitung die Zitate bestätigt? Und es gibt ein zweites Problem: Wenn Wulff angerufen und sich entschuldigt hat, und die Entschuldigung angenommen wurde – dann verstehe ich nicht, warum die Sachen rausgegangen sind. Mal abgesehen davon: Wir bezahlen als Steuerzahler hochqualifizierte Öffentlichkeitsarbeiter dafür, dass sie diese Anrufe machen. Wenn ein Bundespräsident da persönlich rumtelefoniert, ist es auch für mich das gefühlte Ende seiner Amtswürde. Wen soll der noch alles anrufen?

Sie wollen das Amt ja ohnehin abschaffen.

Ich glaube, dass wir eine sehr erlesene Versammlung von Amtsversagern hinter uns haben. Johannes Rau schätze ich unendlich. Als NRW-Kultusminister. Ohne ihn würde dieses Land ohne diese vielen Universitäten dastehen. Da war er aber Kultusminister. Und selbst dieser schöne Claim "Versöhnen statt spalten" stammt aus seiner Kanzlerkampagne. Im Bundespräsidialamt kam er todkrank an und blieb wirkungslos. Dann kam Horst Köhler mit einem Amtsverständnis, mit dem man jederzeit in Italien Kreuzfahrtkapitän werden kann: Es geht etwas schief, ich bin als Erster weg. Solche Vorbilder müssen mit Foto in Deutschlands Amtsstuben hängen.

Bild: Bernd Arnold

"Wir sind zu verliebt in Klickraten und Auflagenzahlen, statt mal zu fragen: Wessen nützlicher Idiot bin ich jetzt?"

     Friedrich Küppersbusch ist Inhaber der TV-Produktionsfirma ProBono sowie Kolumnist
     von taz und Radio Eins. Bekannt wurde der 50-Jährige in den 90er Jahren mit der
     ARD-Politsendung Zak.

Jetzt hängt Christian Wulff dort.

Ich denke, das Zerwürfnis ist das einer großen unglücklichen Liebe. Das, was Bild mit Volks-Flatscreen, Volks-Handy, Volks-Versicherung, Volks-Bibel macht, da wäre ja Wulff als der Bettelpräsident das ideale Maskottchen.

Der Volks-Wulff?


Euer Schnäppchen-Präsident empfiehlt diese Woche folgendes Bild-Produkt. Dann wäre alles wieder gut.

Wer ist denn mehr geschädigt: Wulff oder unsere seriösen Blätter, die sich auf das Spiel eingelassen haben?

Es würde mir leichter fallen, für Wulff Partei zu ergreifen, wenn er für einen Inhalt stünde, bei dem es sich lohnen würde, diesen Don-Quichotte-Kampf aufzunehmen. In einem Fall habe ich Wulffs Äußerungen durchaus wertgeschätzt, und zwar nachdem die ARD ihre gefühlte Themenwoche "Rassenhygiene" hatte – montags, mittwochs, sonntags und überhaupt Thilo Sarrazin. Spiegel und Focus sprangen drauf, jeweils mit einem Titel. Und Bild immer auf der Trommel: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Da hat Wulff gesagt: Das Thema meiner Amtszeit ist Integration, und der Islam gehört zu Deutschland. Das fand ich gut, aber es wurde von vielen Medien ein bisschen wohlfeil übergangen, die sich dann doch entschieden haben, lieber noch eine Titelgeschichte mit Sarrazin zu machen.

Typisch Journalisten?

Wenn Sie auf einer Recherchereise in ein Hotel kommen, und da sagt man: Ach, das ist der Journalist Hans Hoff. Wir lesen Ihre Sachen immer so gerne. Wir wollen Ihnen etwas Gutes tun. Das bessere Zimmer ist frei. Sagen Sie da nein?

Ich sage dann ja.

Da hinten stehen meine Bonusmeilen. Der Kühlschrank. Ich habe zur Lufthansa gesagt: Hier sind meine Bonusmeilen aus den Flügen in unsere Berliner Filiale, dafür geben Sie mir doch bitte zwei, drei Dienstflüge gratis. Antwort: Nein, das dürfen wir nicht, aber wenn Sie eine Urlaubsreise machen, dann dürfen Sie die Bonusmeilen nutzen. Ich sage: Die gehören mir aber nicht, die gehören ProBono, der Firma. Antwort: Ja, dann müssen Sie sich aus unserem Katalog ein Geschenk aussuchen, einen Füllfederhalter oder einen Golf-Caddy. Ich: Das kann meine Firma aber nicht gebrauchen. Also haben wir den Retrolook-Kühlschrank genommen und servieren jetzt den Kollegen vom journalist daraus ein kaltes Wasser. Ich will damit sagen: So anstrengend ist es, Dinge zu vermeiden, die Wulff jetzt auch noch vorgeworfen werden. Das ist läppisch, albern.

Das heißt: Ein anständiger Journalist zu sein, ist schwerer denn je?

Ich kann jedenfalls nicht von mir behaupten, dass ich all jenen Ansprüchen gerecht werde, von denen jetzt am Ende der Wirbelschleppe verlangt wird, dass Wulff sie hätte einhalten sollen. Ich habe auch mal ein Upgrade im Hotel angenommen und fand es okay.

Sie sind auch nicht der Bundespräsident.

Hinter vorgehaltener Hand sagen alle: Wer ist denn jetzt noch so bescheuert, so ein Amt anzutreten?

Noch mal: Ist nicht der Journalismus in sich beschädigt? Beim Singular "Journalist" geht es noch, aber der Plural "die Journalisten" ist inzwischen extrem negativ besetzt.

Stellen Sie die Frage, weil es Ihnen so begegnet? Der Taxifahrer sagt: Könnt ihr den Wulff nicht mal in Ruhe lassen? Das begegnet mir genauso.

Müssen wir innerhalb des Journalismus nicht klarer differenzieren?

Es imponiert mir, wenn man wider diese Phalanx der Großen arbeitet. Aber gegen den Mainstream kommen Sie nicht an. Der Mainstream bei Wulff war ja nur dadurch zu brechen, dass die Journalisten irgendwann gemerkt haben: Die Leute können es nicht mehr hören.

Haben die Journalisten das wirklich gemerkt? Es hat doch nicht viel gefehlt, und die Payback-Punkte von Bettina Wulff wären noch öffentlich geworden.

Das ist ein einfacher Mechanismus. Wir wissen das aus unserer Fernseharbeit, wo wir aus Talkshows einzelne Passagen bei YouTube einstellen und im Prinzip Schulnoten für die Gäste geben können, weil wir die Klicks für jeden Gast sehen. Wir dachten eigentlich: Nach der Quote hat ein Gast überhaupt nicht funktioniert. Aber wir sehen bei YouTube: Das war eigentlich der beliebteste. Ich gehe mal davon aus, dass es hinter Spiegel Online und all diesen Onlineauftritten Algorithmen gibt, über die sie schnell merken: Wir haben jetzt wieder eine Wulff-Kleckerei nach oben gestellt, und unsere Seite wird besucht wie Hulle. Oder umgekehrt.

Das ist doch kein Journalismus mehr, das ist Quotenhurerei.

Nun ja, wir arbeiten in einem Massenmedium und immer an einem Kompromiss. Wir müssen das, wovon wir meinen, dass es wichtig sei, so aufbereiten, dass es die Leute auch interessiert. Eine Kontrolle, ob das noch jemand liest, was wir hier verzapfen, ist ja nicht schlimm.

Vieles von dem, was geschrieben wurde, trifft zu. Es ist also letztlich weniger ein Problem des Handwerks, vielmehr eins der Aufbereitung und Vermarktung. Wo ist die Vermarktung gekippt?

Noch mal zurück zur Entstehung. Es gab ein kleines Aufschäumen, als CDU und FDP den Fall im Ältestenrat des niedersächsischen Landtags beerdigt haben. Das war ein Skandal. Das Parlament überlässt der Bild-Zeitung das Feld der politischen Entscheidungen, anstatt zu sagen: Hier wird das verhandelt. Ich sehe es als journalistische Aufgabe, der Politik zu sagen: Hallo, ihr habt da gerade ein Riesenproblem! Es gibt dafür verfassungsgemäße Gefäße. Joschka Fischer hat acht Stunden im Untersuchungsausschuss gesessen, das war vielleicht auch schon ein Kompromiss zwischen Untersuchungsausschuss und Dschungelcamp. Aber da war es wenigstens in dem rechtlich geregelten Gefäß. Bei Wulff hat die Politik das Gefäß gar nicht mehr genommen und stattdessen gesagt: Lass das mal die Medien weiterspielen.

Wäre die Affäre anders verlaufen, wenn nicht Bild, sondern der Stern die Geschichte losgetreten hätte?

Der Bundespräsident beim Stern in Ungnade gefallen – das ist keine Meldung. Aber: CDU-Bundespräsident bei Bild in Ungnade gefallen, das ist dann noch mal so eine Meta-Meldung. Da kann man super Verschwörungstheorien bilden. Hat jetzt Angela Merkel zu Friede Springer gesagt: Der Wulff geht mir auf die Nuss?

Also ist Bild doch bedeutend?

Es ist erst mal eine Riesenüberraschung, an die man sich wird gewöhnen müssen. Bild hat diese Investigativ-Abteilung gebildet, die ja auch schon vorher versucht hat, Bild neu zu positionieren, als gäbe es da auch genuinen Journalismus. Die werden auch weiter versuchen, mal etwas anderes rauszukriegen als nur die Größe von irgendwelchen Silikonpolstern.

Bild: Bernd Arnold

"Was Wulff jetzt am Ende der Wirbelschleppe auch noch vorgeworfen wird, ist läppisch, albern."

     Küppersbusch im Gespräch mit journalist-Autor Hans Hoff und journalist-
     Chefredakteur Matthias Daniel

Muss man nicht auch differenzieren, wer was sagt? Die meisten Impulse sind aus Printredaktionen gekommen. Das Fernsehen hält sich sehr zurück. Gibt es dort keine Menschen mehr, die recherchieren?

Das war eine Kampagne, die mehr noch von den Internetmedien getragen war. Im Wahlkampf hatte früher ein Thema eine Woche. Bei der Obama-Kampagne war es pro Thema eine Stunde. Da hieß es in der Zentrale: Morgen ist ein Tag, der hat 24 Stunden, wo sind die 24 Themen? Die den Printhäusern verbundenen Onlinemedien sind marktführend, und das Fernsehen hinkt hinterher.

Also hätte Wulff nicht zu ARD und ZDF gehen sollen, sondern zu einem Onlinemedium?

Da wäre er maximal eine Stunde oben gewesen. Von der Aufmerksamkeitsökonomie war es dann schon gut, einen großen bunten Fernsehabend daraus zu machen.

Uns geht es um das Nachhecheln. Sie pusten heute eine Meldung raus, und die Agenturen springen drauf. Eine Woche später pusten Sie dieselbe Meldung noch einmal raus, und wieder springen die Agenturen drauf. Was läuft da falsch?

Wenn man das Gefühl hatte: Jetzt ist der Ball im Tor und de jure muss er zurücktreten, dann kommt irgendein diffuser Schiri und sagt: Das Tor wird nicht gegeben. Der umgekehrte Wembley-Effekt. Nach einer Entscheidung laufen ja immer alle Spieler zum Schiri und reden auf ihn ein, so als würde der dann sagen: Ja gut, war doch ein Tor.

Über Wembley reden wir heute noch, aber Wulff stört sich einfach nicht daran. Das Interesse nimmt schon jetzt ab.

Es ist ja die Frage, ob Carsten Maschmeyer diesen italienischen Kapitän bezahlt hat. Wulff hat explizit gesagt: In einem Jahr redet keine Sau mehr darüber. 2011 hatte ja auch eine ungeheure Taktung von relevanten Breaking-News. Da konnte man sagen: Egal welcher Skandal, du musst nur zwei Wochen durchhalten, dann wird Bin Laden erschossen, oder die Grünen sind auf einmal Volkspartei, oder es gibt Tsunami. Da können Politiker ganz gut drauf surfen. Die müssen nur die erste Woche überstehen, dann brauchen die Medien etwas Neues.

Ergibt sich aus der Affäre Wulff eine neue Halbwertszeit für Skandale?

Wenn nicht irgendwas kommt, was in der Substanz eine ganz neue Verfehlung von Herrn Wulff zeigt, dann hat er es ausgesessen.

Auf dem Höhepunkt hatte die Affäre durchaus hysterische Züge. Medial erinnerte sie an Gladbeck und Sebnitz.

Aus den Untersuchungen zu den politischen Gesprächssendungen, die wir herstellen, wissen wir, dass der Marktforschung da nicht mehr Politikverdrossenheit, sondern Politikverachtung begegnet. Wir wissen idealtypisch, wenn wir Sendungen mit und ohne Politiker nebeneinander haben, dass durch das Auftreten des Politikers sämtliche Parameter in der Sendung 15 Prozent schlechter bewertet werden. Und zwar nicht nur die Themen, die Diskussionsführung, die journalistische Performance, sondern auch die Deko, das Licht, die Garderobe. Das sind Parameter, die in allen Sendungen gleich sind. Da, wo kein Politiker sitzt, wirkt die Krawatte 15 Prozent besser. Wir müssen also immer aufpassen, uns als Journalisten nicht heillos zu überschätzen. Wir sind in dem Sack mit drin.

Hat es Sie sehr gestört, dass die öffentlich-rechtlichen Talkshows während der Affäre Weihnachtspause hatten?

Umgekehrt. Ich habe an einem Donnerstag Mitte Januar mit der Fernbedienung eine Sendung mit Maybrit Illner, Reinhold Beckmann und zwölf Meinungscontainern zusammengezappt. Es war alles gesagt, es kam nichts Neues mehr dabei heraus. Wenn man eine Tüte Chips aufmacht, isst man zwei und sagt: lecker. Und dann macht man den Fehler und isst den Rest auch noch. Übertragen: Die ersten paar Meldungen zu Wulff fand ich noch interessant als Sittengemälde. Dann liest man den ganzen Rest und weiß, schon während man es tut: Das ist nicht gesund, du kriegst schlechte Zähne.

Wir kämen also gut ohne die sogenannten politischen Talkshows aus?

Es ist ja schon bezeichnend, dass RTL zu Günther Jauch gesagt hat: Wenn du so etwas machen willst, dann geh zur ARD. Die hätten das ja auch bei sich machen können am Sonntagabend. Aber das ist ein solches Am-Publikum-Vorbeigesende, dass sie lieber ihren größten Star verlieren, als sich das anzutun. Das ist schon auch ein Relevanzindiz.

Mit dem Wissen aus Ihrer Zuschauerforschung könnten Sie Wulff ohne Probleme beraten.

Solche Infos haben die auch, das wissen die viel besser.

Aber sie machen nichts draus.

Doch. Wulff sagt: Das Publikum ist träge, ich weiß das. Ich muss vor allem in Anwesenheit von ein paar durchaus sehr kritisch fragenden Kollegen nett rüberkommen, muss noch sagen: Tut mir leid. Muss sagen: Mensch, habt doch mal ein bisschen Mitleid. Ich muss da 22 Minuten durchmenscheln, und dann werden die Leute irgendwann sagen: Jetzt lasst ihn in Ruhe.

In der Gretchenfrage, ist Wulff unglaublich doof oder unglaublich clever, tendieren Sie zu unglaublich clever?

Es ist wie bei Bayern München. Wenn du oben bist, hast du recht.

Aber auch Wulff trifft ja irgendwann mal wieder einen Spiegel-Reporter.

Helmut Kohl war mit der Methode irgendwann unsinkbar. Aber ich wüsste nicht, wie Wulff sein politisches Wirken wieder aufnehmen könnte.

Was müssen die Journalisten jetzt tun? Manche sind ja aufgewacht und sagen: Wir haben auch Fehler gemacht.

Ich habe das so deutlich noch gar nicht gehört. Ich spüre noch viel Wut, dass man doch alles getan hat, damit Wulff zurücktritt, und der Frechdachs tut es immer noch nicht.

Der Journalismus leidet an erschlaffender Potenz.

Ist das so? Weil sie den nicht weggehauen haben, oder wie?

Alle wollten ihn weghaben, keiner hat es geschafft.

Die haben ja auch andere nicht weggekriegt. Das ist ein Reifungsprozess auf beiden Seiten. In der eben zitierten Sarrazin-Woche hat der Bundestag den Ausstieg aus der Wehrpflicht beschlossen und Angela Merkel den Ausstieg aus dem Ausstieg angekündigt. Das waren zwei fundamentale Entscheidungen, bei denen sich aber der komplette journalistische Mainstream mit Thilo Sarrazin befasst hat, weil das so schön personalisiert war. Früher hat man gesagt: Grausamkeiten begeht man am Anfang. Heute würde ich sagen: Grausamkeiten begeht man während eines Schlachtfestes. Wenn Merkel gewollt hätte, hätte sie während der Wulff-Debatte ohne Probleme die Eurobonds durchgekriegt. Da pennen wir doch. Wir sind ein bisschen zu verliebt in Klickraten und Auflagenzahlen, anstatt mal zu fragen: Wessen nützlicher Idiot bin ich denn jetzt?

Und jetzt leben wir, was Wulff angeht, einfach so weiter?

Ich wünsche mir, dass wenn der Kollege von Bild anruft, ich das tue, was ich bei einem Anruf von jeder anderen Zeitung auch tun würde. Ich würde fragen: Darfst du mir das eigentlich sagen, was dir jemand aufs Telefon gequatscht hat? Kann ich das selbst recherchieren? Gibt es eine notarielle Abschrift von dem Quatsch? Diese ganzen Schutzmechanismen haben hier versagt. Und sie haben nicht bei der Bravo versagt oder beim Bückeburger Käseblatt, Entschuldigung liebe Kollegen in Bückeburg, sie haben bei der FAZ, bei der SZ versagt. In der Tat kann man aus der Nummer lernen.

Was?

Wir Journalisten müssen unser Verhältnis zum Rechtsstaat klären. Es ist unser Job, die rechtsstaatlichen Instanzen vor uns herzutreiben und zu sagen: Einer von euch hat offensichtlich Mist gebaut. Regelt das! Ich will nicht, dass morgen eine politische Persönlichkeit, die nicht ein Bettelpräsident oder ein Schnäppchenirrer ist, sondern wegen bestimmter Inhalte bestimmten Medien verdächtig wird, einfach nur nach der Methode "Wer wirft den meisten Dreck?" fertiggemacht werden kann.

Bild: Bernd Arnold

"Wir wissen aus der Marktforschung: Da wo kein Politiker in der Sendung sitzt, wirkt die Krawatte 15 Prozent besser."

Die Moral: Die seriöse Presse hat etwas getan, was man nicht tut?

Man? Wer ist dieses man? Ich erinnere mich an Untersuchungsausschüsse, in denen Journalisten die Politik vor sich hergetrieben haben, und die Ausschüsse haben das umgesetzt. Das war ein rechtsstaatliches Gefäß. Ich hatte irgendwie das Gefühl, es gibt noch so etwas wie eine Unschuldsvermutung, und die wird auch angewendet.

Wenn FAZ, SZ und Spiegel so versagt haben, dann stehen sie doch auf einer Stufe mit Wulff, und dann müssten auch sie sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert sehen.


Das sitzen die aus.

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Lesen Sie in der Februar-Ausgabe des journalists, wie aus einer Krise in den Medien erst eine Krise mit den Medien und dann eine Krise der Medien wurde.

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

17.07.2012 12:22

Martin Schnee

Finde, dass so ein analytischer, kritisch hinterfragender Kopf wie Küppersbusch gerade heute um so mehr in dieser gleichgeschalteten Medienlandschaft fehlt!

Er bringt die Dinge auf den Punkt mit sehr klugen Worten. Ich höre heute montags! am frühen Morgen seine Kommentare auf Radioeins (Berlin) und habe ihn ebenfalls auf Radioeins, auch vor vielen Jahren Freitag abends in einer Stunde Talk zusammen mit Sandra Maischberger gehört. Die besprochenen Themen wurden seinerzeit so präzise zusammengefasst, dass sich Frau Maischberger heute mal (im Fernsehen) daran erinnern sollte.

Warum gibt es kein öffentlich-rechliches Fernsehen, das so einen Mann wie Friedrich Küppersbusch wieder eine Platform gibt, wie seinerzeit das ZAK?
Könnte mir vorstellen, dass er mit seiner wissenden Art (andere, die ihm nicht wirklich das Wasser reichen können, beschreiben das als selbstherrlich) einige seiner "Kollegen" beschämt verprellt hat.

Das wäre sehr schade, weil so ein Mann mit seinem Scharfsinn sehr gute Denkanstöße liefert!

Also: Gebt ihm eine gute Chance und nutzt seine Fähigkeiten zum Nutzen der Allgemeinheit, anstatt sich hinter irgendwelchen Befindlichkeiten zu verstecken. Meine Freunde /Bekannten und ich wünschen uns mehr einen scharfsinnigen Analytiker wie Küppersbusch in unserer ziemlich gleichgeschalteten Medienlandschaft.

12.02.2012 13:50

markus steiner

Das Interview finde ich sehr interessant, weil es ehrlich ist und die verschiedenen Aspekte des Problems beleuchtet. Dafür sind die Fotos unterirdisch schlecht und nicht gerade ein Aushängeschild, das sich "Journalist" nennt und ein Leitmedium sein will. Da schämt man sich ja sogar als kleiner Lokaljournalist fremd....

10.02.2012 18:46

ralf rofl

"Sauerei, warum dürfen wir nicht? Also mussten die beiden für die anderen mit kritisch sein, sich auch die infamste Spiegel-Frage und die gemeinste Bild-Frage mit ausdenken."

Oh die Armen. Man hätte die Nummer natürlich auch ablehnen können, zumal die Öffentlich-Rechtlichen ja eh 2te Wahl waren, da die Bild keine Lobeshymnen mehr anstimmen wollte. Wenn die also wirklich alternativlos mussten, haben wir im Umkehrschluss wohl keine freie Presse.

"Wenn es einem Politiker richtig dreckig geht, kann er sich nur noch zu ARD und ZDF trauen."

Fernsehen wie in der DDR. Mich gruselt sowas ja eher an, aber interessant zusehen, das langjährige Akteure wie K. mit sowas noch kokettieren. Armes Deutschland.

"Wenn erboste Politiker nicht mehr bei Chefredakteuren anrufen dürfen, dann sind Rundfunkräte organisierte Kriminalität."

Die Sache mit den Rundfunkräten is ja nicht grad unumstritten, daher erschließt sich mir nicht genau der Sinn eines Vergleiches, bei dem der Teufel offenbar mit Beelzebub ausgetrieben werden soll ...

"Oh, Herr Diekmann hat einen erbosten Anruf entgegennehmen müssen. Amnesty! Anstatt zu sagen: Na klar, wir alle bekommen ständig diese Anrufe. Das ist unser Job. Wir kriegen das bezahlt."

Nu ham Sie sich verheddert werter K. Die Bild ist ja gerade das Medium, das die Sache offen ausspricht. Sie nehmen es der Bild übel, dass der Rest nicht offen die Karten auf den Tisch legt. Man kann der Bild sicherlich einiges vorhalten, aber ...

Wenn solche Tatsachen ans Licht kommen, kann ich nichts schlechtes daran finden, auch wenn's von der Bild kommt.

03.02.2012 13:05

Wilfried Franz

Es wäre jetzt auch mal an der Zeit, alle die Wohltaten und Gefälligkeiten, die (selbst unbekannte Dorf-)Journalisten bei ihrer täglichen Arbeit erfreut entgegennehmen können, einmal der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Neben dem Diplomatenpass ist doch der Journalistenausweis das begehrteste Instrument, um billiger zu reisen, in Hotels upzugraden, zu feinsten Essen und Events, zu denen OttoderNormalverbraucher keinen Zutritt hat, eingeladen zu werden, feine Gastgeschenke als normal Geste anzusehen usw. usw.

Doch welche Krähe hackt der anderen ein Auge aus? Harald Schmidt hat gottseidank kürzlich den Anfang gemacht.

01.02.2012 22:46

Bertram Hoffmann

@Karsten Melcher
Jetzt verrennen Sie sich.
Johannes Rau war zwar nicht Kultusminister, wie Küppersbusch irrtümlich formuliert, aber er war von 1970-1978 Minister für Wissenschaft und Forschung. Und in dieser Funktion hat Küppersbusch ihn benannt, wenn er sagt, "Ohne ihn würde dieses Land ohne diese vielen Universitäten dastehen." So "merklich" hat er sich also nicht verrannt. Inhaltlich korrekt, nur das Etikett war falsch.

01.02.2012 19:23

Karsten Mencher

Herr Küppersbusch sagt natürlich viel Richtiges. Dennoch weht meiner Meinung nach durch das ganze Interview eine viel zu steife Briese Besserwisserei gegen die schreibende Zunft.

Im Eifer des in der Luft stocherns mit dem Zeigefinger hat sich Herr Küppersbusch allerdings merklich verrannt: Johannes Rau war nie Kultusminister in Nordrhein-Westfalen. Stattdessen war er von 1978 bis 1998 der am längsten amtierende Ministerpräsident dieses Bundeslandes.
Als geborener Velberter und Dortmunder sollte man das eigentlich wissen.

Aber okay, im Interview ging es ja mehr um die Fehler und Schwächen der KollegInnen.

01.02.2012 17:09

Claus Hornung

Respekt, Herr Küppersbusch.

So ausgewogen hat das bislang eigentlich noch keiner auf den Punkt bekommen.

01.02.2012 16:50

Klaus Mueller

Ahhh ja, der Stauffenberg, na klar.

Ich las bis zur Mitte des Interviews immer: "der Guttenberg der Pressefreiheit" ... und wunderte mich: wie meint der das?

01.02.2012 11:14

Meyko Soft

Zitat: "Wir Journalisten müssen unser Verhältnis zum Rechtsstaat klären."

Sehr gut. Und weiter wäre zu klären: Ist der Rechtsstaat denn überhaupt noch soo wichtig, wenn es, gefühlt zumindest, ums finanzielle Überleben und um die Marktmacht, insbesondere die der Print-Medien, geht? Wird da nicht schon jetzt einfach alles mitgenommen, was Auflage verspricht? Testen Medien Grenzen aus? Widerspricht das "Gesetz des freien Marktes" an der Stelle eventuell dem Gebilde oder den Aufgaben eines Rechtsstaates?

Ist es im INTERESSE des Journalismus, diese Fragen zu klären?

 
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