In eigener Sache

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Autor

Hakan Tanriverdi

verfasst am

26.02.2014

Die Reportage des amerikanischen Sport- und Kulturblogs hat viele Fragen aufgeworfen. Unter anderem, wie weit journalistische Recherche gehen darf. (Bild: journalist)

Medienethik

Eine Lüge, ein Geheimnis und eine Tragödie

Mit der Frage nach einem Golfschläger hat diese Geschichte angefangen – an ihrem Ende steht der Tod eines Menschen. Jetzt stellt sich die Frage nach dem Warum. Dabei geht es weniger um Schuld als um journalistische Ethik und menschliche Sensibilität. Und um einen Fehler, der nicht wiedergutzumachen ist.

Im Fall von Caleb Hannan liegt genau ein Golfschläger zwischen journalistischer Arbeit und Verantwortung, zwischen Berichterstattung und Indifferenz. Ein Putter, um genau zu sein. Jener Golfschläger also, der auf dem Grün des Golfplatzes eingesetzt wird, um den Ball mit einem gezielten Schlag einzulochen. Die Frage, die der freie Journalist Caleb Hannan beantworten wollte, lautete: Wie gut ist der Putter Oracle GX1? Nachzulesen ist seine Geschichte auf dem amerikanischen Sport- und Kulturblog Grantland. Absatz für Absatz geht es aber um weit mehr als nur um einen Golfschläger, der alle zu begeistern scheint. Im letzten Absatz schreibt Hannan: "Eine Totenrede für eine Person zu schreiben, die dich in allen Belangen verachtet hat, ist eine komische Erfahrung." Diese Person heißt Essay Anne Vanderbilt. Sie ist die Erfinderin des Putters – und sie hat sich umgebracht.

Seit Erscheinen des Textes am 15. Januar wird in den Vereinigten Staaten diskutiert, was alles schiefgelaufen ist beim Entstehen dieses Textes, wie, ganz grundsätzlich, über gesellschaftlich marginalisierte Gruppen berichtet wird und welche Rolle Journalisten dabei einnehmen, besser: einnehmen müssten. Der Höhepunkt dieser Debatte ist ein 2.700 Worte langer Artikel des Chefredakteurs von Grantland mit einer einzigen Aussage: "Ich habe versagt." In allen Punkten.

Der Journalist Caleb Hannan ist Golfspieler, und um sein Spiel zu verbessern, schaut er sich mitunter auch Anleitungen auf YouTube an. In einem der Erklärvideos spricht der Golf-Experte Gary McCord über eine Frau, die einen Putter herstelle, der strikt nach wissenschaftlichen Kriterien gebaut und damit den Konkurrenzschlägern weit überlegen sei. Die Frau heiße Vanderbilt und habe am MIT geforscht, der Eliteuniversität in Cambridge. Hannan beginnt seine Recherche, verschickt erste E-Mails, an Gary McCord, an die Firma Yar, die die Putter produziert und auch an Essay Anne Vanderbilt.

In ihrer Antwort schreibt Vanderbilt, sie sei bereit, mit Hannan zu reden, so lange dieser sich um die wissenschaftlichen Aspekte kümmern werde, nicht aber um die Wissenschaftlerin. "Meine Anonymität ist sowohl meine Sicherheit als auch meine Lebensgrundlage, da ich in mehreren Projekten aktiv bin", schreibt sie. Hannan stimmt zu und beginnt mit der Forscherin zu reden, erst per Mail, dann auch am Telefon. In den Gesprächen redet Vanderbilt offen, liefert von sich aus Details aus ihrem Leben. Sie komme aus Pennsylvania, sie reagiere allergisch auf die Sonne, sie habe am MIT studiert. Die Projekte, in denen sie aktiv sei: topsecret.

Die Details stimmen nicht, die Projekte existieren nicht

Caleb Hannan beginnt, die Geschichte aufzuschreiben. Zwar finde er die Forscherin und ihre Geschichte ein wenig skurril, ihre Tonlage "komisch", am Putter aber sei nichts auszusetzen, er funktioniere ganz hervorragend. "Ich war bereit, sie als unbekanntes Genie zu betiteln, deren Idee den Golfsport revolutionieren könnte", schreibt er.
Doch dann beginnt der Journalist, an der Geschichte von Vanderbilt zu zweifeln – sich also um die Wissenschaftlerin zu kümmern. Seine Recherchen ergeben: Die Details stimmen nicht, sie hat nie am MIT studiert, die Geheimprojekte existieren einfach nicht. Auch die Informationen, die Vanderbilt anderen Personen gegeben hat, stimmen teilweise nicht. Hannan deckt Lüge um Lüge auf, bis er am Ende herausfindet, was Vanderbilt geheim halten wollte: dass sie eine Transfrau ist. Sie hatte also bei der Geburt männliche Geschlechtsmerkmale, hat sich diese aber an ihre weibliche Identität angleichen lassen. "Klischee oder nicht, mir lief ein Schauer über den Rücken", schreibt Hannan über diesen Moment.

Im Gespräch mit einem Investor erzählt Hannan von Vanderbilts Vergangenheit – und outet sie damit. Außerdem versucht er, Vanderbilt mit seinen Rechercheergebnissen zu konfrontieren. Monate vergehen ohne eine Antwort. Dann bekommt er einen Deal vorgeschlagen: Vanderbilt wolle ihm Dokumente vorlegen, die beweisen, dass sie sehr wohl am MIT studiert habe – Hannan müsse im Gegenzug darauf verzichten, seine Recherche über die Vergangenheit von Vanderbilt in einer Geschichte zu verarbeiten. Hannan lehnt ab. Vanderbilt sei daraufhin ausgerastet, habe Hannan Drohmails geschickt.

Nach einer erneuten Funkstille erfährt Hannan schließlich, dass Vanderbilt sich umgebracht hat.

Hannan schreibt die Geschichte um – anschließend wird sie veröffentlicht.

In einem Tweet verlinkt er die Reportage mit den Worten: "Ich bin mir nicht sicher, was ich sagen könnte, außer dass dies die verrückteste Geschichte gewesen ist, die ich je geschrieben habe." Eine "verrückte" Geschichte, mehr nicht. Dass in deren Verlauf eine Protagonistin gestorben ist, bleibt unerwähnt, auch in den Tweets, die auf diesen ersten folgen.

Die Reportage löst eine Debatte aus. Dabei werden vor allem drei Punkte diskutiert, von denen Alexander Filipović, Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München, zwei direkt anspricht. Punkt 1: "Der Journalist outet die Person beim Investor. Das ist eine Verletzung der Privatsphäre. Das ist schlichtweg ein Fehler." Punkt 2: "Das ist ein sehr unsensibel geschriebener Text gegenüber den Aspekten von Transgender. Da müsste mehr Sensibilität sein, gerade was die Sprache angeht."

Das fehlende Einfühlungsvermögen zeigt sich im Text immer dann, wenn die Geschichte eine neue Wendung bekommt und Hannan darüber spricht, was diese Wendung mit ihm als Person gemacht hat. "Man merkt dem Text an, dass er von außen geschrieben ist", sagt Filipović. "Es fehlt die Bereitschaft, die Innenperspektive anzunehmen, also zu schauen: Wie könnte das ein Transgender sehen?" Wenn Hannan also schreibt, dass ihm ein Schauer über den Rücken läuft, ist das für ihn ein Ausdruck dafür, wie skurril er den Verlauf der Geschichte findet. Dass exakt dieser Satz aber auch als Zeichen der Ablehnung von Transgender gelesen werden kann, kommt ihm nicht in den Sinn.

Dilemma des Journalisten

Solche Passagen gibt es wiederholt in dem Text. Hannan schildert en detail, an welchem Punkt ihm Zweifel an der Wahrhaftigkeit von Vanderbilt gekommen sind. Das ist sein Job, als Journalist prüft er eben die Fakten. Er kommt aber nicht auf den Gedanken, sich die Frage zu stellen, was die Konsequenzen seiner Recherchen sind oder sein könnten. Das zeigt sich vor allem dann, als er Vanderbilt so unbedacht outet. 41 Prozent aller Transgender in den USA haben einen Suizidversuch hinter sich. Auch Vanderbilt gehört zu diesen 41 Prozent – und Hannan wusste das. Als ihm der Deal angeboten wird, nicht über die Vergangenheit zu berichten, lehnt er dennoch ab. Er reflektiert die Geschichte bezogen auf sich selbst, nicht aber bezogen auf die Person, um deren Leben es geht. Der Journalist entwickelt kein Verständnis für das Verlangen von Vanderbilt, diesen Teil der Geschichte nicht zu erwähnen.

Das ist schließlich der dritte Punkt, der diskutiert wird: Hannan einigte sich mit Vanderbilt darauf, dass es um die Wissenschaft gehen wird, nicht um die Person. "Wie schwer das ist, wird an diesem Text deutlich", sagt Filipović, der im Text grundsätzlich auch Momente erkennt, die das Dilemma des Journalisten gut sichtbar machen. "Der Text beschreibt die Entstehung der Reportage, und der Journalist hat eben genau hingeguckt. Ab da entwickelt sich die Recherche zu einer Geschichte über die Person. Aber in dem Moment, in dem die Protagonistin sagt, ich möchte nichts von meiner Persönlichkeit in der Geschichte haben, da hätte man eigentlich aufhören können." Die Geschichte, die entstehen soll, sei schließlich weder demokratierelevant noch decke sie einen Skandal auf – es gehe schlicht und ergreifend um ein Sportgerät.

Was passiert ist, und auch das zeigt sich in der Diskussion: Hannan hat etwas aufgedeckt, hat einer Person misstraut und sie dann der mehrfachen Lüge überführt, in einem Prozess der acht Monate gedauert hat – darüber hinaus hat er vergessen, welche Geschichte er eigentlich erzählen wollte. Filipović spricht von einem Karussell. Er sagt: "Es ist das Gefühl, die große Geschichte zu haben. Und plötzlich hat man keine Möglichkeit mehr, aus dem Karussell auszusteigen, sich daneben zu stellen und zu schauen, was da gerade passiert. Das wäre eigentlich der Job der Redaktion." Aber auch die hat versagt.

In einem 2.700 Worte langen Artikel entschuldigt sich Bill Simmons, Chefredakteur von Grantland.
Bild: journalist

"Wie konntet ihr den Artikel überhaupt veröffentlichen?" Das ist die Frage, die Bill Simmons, Chefredakteur von Grantland, immer wieder gestellt wurde und mit der er seine Stellungnahme beginnt. Simmons schildert darin detailliert die Entstehungsgeschichte des Artikels über den Putter. Hannan wurde mehrfach weggeschickt, bevor der Artikel gedruckt wurde. Simmons beschreibt, wie das Redaktionssystem bei Grantland aufgebaut ist: nämlich in einer Struktur, durch die exakt solche Fehler vermieden werden sollen. Die Geschichte sei auf fünf Schreibtischen gelandet, alle involvierten Personen hätten sich für eine Veröffentlichung ausgesprochen.

Ab einem gewissen Punkt, konkret: nach dem Suizid, habe man sich auch die Frage stellen müssen, was passiert, wenn man so eine Geschichte dann nicht druckt. "Wir fühlen uns nicht nur schrecklich, wegen dem, was Dr. V passiert ist, wir können auch nie wirklich wissen, warum das passiert ist. Es gibt auch keinen Weg, das herauszufinden." Dr. V ist der Name, unter dem Vanderbilt in dem Artikel erscheint, und "was passiert ist", ist ihr Suizid. Die Freundin und Geschäftspartnerin von Vanderbilt wird später sagen, dass Vanderbilt große Angst davor gehabt habe, in dem Artikel geoutet zu werden – diese Tatsache sei aber dennoch nicht als monokausale Erklärung für den Suizid zu sehen.

Chefredakteur Simmons schreibt, dass er und sein Team Hannan im Stich gelassen hätten. Er schreibt, wie leid es ihm tut und dass er in der Lebenswirklichkeit von Transgendern nicht ansatzweise gebildet genug gewesen ist. Die gesamte Redaktion habe einen massiven Fehler gemacht, wie er es nennt. "Jemand, der sich in Fragen der Transgender-Community auskennt, hätte über den Text von Hannan lesen müssen", schreibt Simmons.

All die Fehler des Textes: das Ignorieren der Suizidraten, das fahrlässige Outing durch Hannan, der Schauer, der über den Rücken läuft – all das wäre einer Person, die sich mit der Community auseinandersetzt, aufgefallen. Es sind dann auch diese Reaktionen und Vorhaltungen, die gekommen sind.

Weil Essay Anne Vanderbilt tot ist

Nach Erscheinen des Artikels von Hannan und der Entschuldigung von Simmons wurde ein dritter Beitrag auf Grantland veröffentlicht, von der transidenten Journalistin Christina Kahrl. Auch sie bemängelt, dass Hannan die Geschichte geschrieben hat: "Wir sind an diesem Punkt, weil Essay Anne Vanderbilt tot ist", schreibt sie. Die Geschichte sei nicht zu isolieren von dem Alltag von Transgender. "Vanderbilt ist tot, weil sie Teil einer Community ist, für die Tragödien und Verluste so selbstverständlich sind wie der Sonnenaufgang."

Den Suizid von Essay Anne Vanderbilt hätte niemand voraussehen können. Aber was es für einen Menschen bedeutet, fürchten zu müssen, dass sein persönliches Lebensgeheimnis öffentlich gemacht wird, das hätten sich die beteiligten Personen fragen müssen. Doch trotz eines gut ausgebauten Redaktionssystems hat keiner der Verantwortlichen die Geschichte als heikel eingestuft oder erkannt, dass ein so sensibles Thema einer besonderen Behandlung bedarf.

Wenn man diesem tragischen Fall irgendeinen Sinn abgewinnen will, dann, dass er deutlich macht, wohin Ignoranz und mangelnde Empathie führen können oder besser: was ein Moment ehrlichen Innehaltens vielleicht hätte verhindern können. Er kann als Mahnmal gelten, nie den Menschen hinter der Geschichte zu vergessen – das ist auch die Essenz des Artikels von Simmons. Er benennt die Fehler, die er und seine Redaktion gemacht haben, weil er andere davor bewahren will, ähnlich verantwortungslos zu handeln.

Der Autor

Hakan Tanriverdi arbeitet als freier Journalist in München.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

01.03.2014 07:23

Kim Schicklang

Es gibt keine "Geschlechtsumwandlungen", wohl gibt es Menschen, die mit körperlichen Merkmalen geboren werden, die nicht ihrem eigentlichen Geschlecht entsprechen. Transsexuelle Menschen leben in einem gesellschaftlich so unaufgeklärten Klima, in dem sie permanent damit konfrontiert sind, dass das Geschlecht, von dem sie wissen, dass sie diesem angehören irgendwie in Abrede gestellt wird oder als "unecht" gebrandmarkt wird. Zu dieser Brandmarkung gehört es, transsexuellen Menschen zu unterstellen, es ginge bei ihnen lediglich um eine Form der "Identität" (Transidentität), anstatt anzuerkennen, dass geschlechtliche Normabweichungen tatsächlich existieren.

Das schlimme ist, dass es so viele Menschen gibt, die immer noch glauben, eine transsexuelle Frau sei ein "Mann, der sich wie eine Frau fühlt". Damit fängt aber genau die Abwertung transsexueller Menschen an, die bis zum Suizid führen kann. Wer Menschen permanent einredet, dass sie "unecht" seien oder als was anderes geboren seien, als das zu dem sie sich bekannt haben (was völlig Unsinn ist, der auch als solcher zu entlarven wäre, wenn mal irgendein Journalist den Mumm hätte über geschlechtliche Normabweichungen seriös zu berichten), der muss sich über die Folgen nicht wundern.

28.02.2014 08:41

Frank Müller

Im Text wird der Eindruck erweckt, Vanderbilt sei tot, weil ein Autor einen unsensiblen Text geschrieben hat (Schauder usw.). Entsprechend der Chronologie hat Vanderbilt sich aber bereits vor Erscheinen des Artikels getötet.

Die Recherchen mögen Auslöser gewesen sein, ebenso hat sicherlich das "Outing" beim Investor eine Rolle gespielt und der Artikel ist fraglos ein Affront gegen die Transgender-Community, aber am Tod von Vanderbilt ist er offenbar nicht schuld.

28.02.2014 01:30

Julia Martens

@Christian Müller: Im Originalartikel ist explizit erwähnt, dass sie unter ihrem männlichen Namen - den sie zu dem Zeitpunkt wohl getragen hat - am MIT keine Abschlüsse erlangt hat. Sie war wohl vorher Mechaniker und hat in zwei Bars gearbeitet.

Ich zitiere eine Stelle aus dem Artikel die meiner Ansicht nach essentiell ist, um die Intention des Autors zu verstehen:

"She had faked the credentials that made the science behind her club seem legitimate."

Wer den Artikel liest, merkt schnell: Ob die Frau Transgender ist oder nicht, ist nicht der entscheidende Spin in dem Artikel. Dieser Fakt macht die Geschichte möglicherweise etwas interessanter; im Kern erzählt der Autor aber eine Geschichte, die mit einem vermeintlich genialen Putter begann und damit endet, dass so ziemlich alles, womit der Putter beworben wird, auf äußerst wackligen Füßen steht. Weil die Frau dahinter anscheibend zu den Personen gehört, die sich gerne etwas größer machen, als sie eigentlich sind.

27.02.2014 22:05

Günther Klemmerer

Ich kann verstehen, dass der Journalist etwas mehr über seine scheue Interviewpartnerin herausfinden wollte. Ich kann auch verstehen, dass er stutzig wurde, als sich mutmaßliche Fakten als falsch herausstellten. Ich kann auch verstehen, dass er dann um so mehr nachgeforscht hat. Aber als er des Rätsels Lösung dann hatte, warum dieses Lügengebäude aufgebaut wurde und die entscheidenden Informationen sich als wahr herausstellten (MIT-Studium hat stattgefunden), genau zu diesem Zeitpunkt, MUSS man stoppen.

Man hat sich nicht auf falschen Lorbeeren ausgeruht (wie so mancher Politiker mit gefälschter Doktorarbeit in unseren Landen) und auch die wissenschaftlichen Fakten zum Sportgerät, dem eigentlichen Thema des Artikels, waren korrekt. Das gelebte Geschlecht und der Weg dahin ist dabei so unwichtig wie nur was.

Es gibt schlicht keine Entschuldigung für den Journalisten ab exakt dem Punkt, wo sich alles aufgeklärt hat. Ab da wusste er, warum im ersten Gespräch vereinbart wurde, sich auf die Wissenschaft und nicht auf die Wissenschaftlerin zu konzentrieren. Und das ist der Punkt gewesen, wo er dem hätte entsprechen müssen, da keines der recherchierten Details an der Grundaussage zum Putter etwas geändert hätte.

Ich verstehe ja noch die Befriedigung der eigenen Neugier, aber das Ausplaudern solcher Informationen (die in einigen Ländern durchaus auch zu einem beschleunigten "Selbstmord" führen können) an Investoren(!) ist eine Art Hinrichtung. Warum sollte man das erwähnen? Zu welchem anderen Zweck als der Erniedrigung des Opfers und der Erhöhung des Petzenden?

Dafür gibt es keine Entschuldigung. Der Selbstmord mag nicht monokausal sein, aber man muss es ehrlich sehen: Wenn der Journalist nicht so saublöde gewesen wäre, würde die Frau noch leben. Wie auch ein Brandstifter sich nicht als Mörder versteht, wenn jemand in den Flammen stirbt, so ist er doch für den Tod verantwortlich, denn ohne Feuer wäre niemand verbrannt.

Daran muss er den Rest seines Lebens knabbern...und das ist auch gut so.

27.02.2014 16:32

Karl Kraus

Da muss man natürlich unheimlich herumgrübeln, ob man bei den Recherchen über ein Sportgerät auf die ausdrückliche Bitte der Erfinderin hin, doch alle privaten Informationen vertraulich zu behandeln, nicht vielleicht doch... Ein klein Bisschen vielleicht...? Das Ganze ist nicht kompliziert. "Außerdem versucht er, Vanderbilt mit seinen Rechercheergebnissen zu konfrontieren." Wie investigativ!

Die Bitte um Begrenzung zu Beginn der Recherchen erhielt durch die Entdeckung überhaupt erst ihr Gewicht. Das war rücksichtslos und nicht einfach nur ein "Fehler". Insofern geht es durchaus um Schuld, nicht "nicht so sehr", sondern zuallererst.

27.02.2014 12:56

christian müller

@julia
naja, der name ändert sich halt mit dem geschlecht. qualifikationen sind so schwer nachweisbar, denke, dass war das problem.

27.02.2014 12:09

Julia Martens

@Claudia Heup: Haben Sie den Originalartikel gelesen? An der Geschichte von Vanderbilt stimmt offensichtlich nichts. Der Autor gibt an, dass er nach Auftauchen der Ungereimtheiten noch davon ausgegangen ist, dass sich alles auflöst. Das Vanderbilt vielleicht unter anderem Namen studiert hat o.ä. Fakt ist aber: Der komplette Lebenslauf ist erfunden. Es geht dabei nicht um relativ unwichtige Dinge wie die Namensänderung und ihr Leben als Frau. Der Autor beschreibt, wie sich eine fantastische Story um einen vermeintlich wissenschaftlich konstruierten Putter nach und nach als heiße Luft herausstellt.

27.02.2014 11:55

Claudia Heup

"Ich bezweifle, dass der Journalist tatsächlich den Fakt erwähnt hätte, dass sie Transgender war, wenn sie tatsächlich am MIT studiert hätte, wenn die Geheimprojekte tatsächlich existiert hätten."

Na ja. Das ist Entschuldigung (nicht mal Beweis) durch einfache Behauptung. Und die schwächelt doch sehr: die Sensation, auf die der Journalist abgehoben hat und zur eigentlichen Story führte, war nicht die Falschangabe über den beruflichen Hintergrund. Das meinen Sie nicht wirklich ernst.

Dass Transidente ihre Biographie modifizieren müssen, ist Folge einer solchen Einstellung wie der Ihren. Wehe, eine transidente Person wird dabei ertappt. Die kommt schnell in die Öffentlichkeit. Wer hingegen hätte ein öffentliches Interesse, Ihre Angaben zum Beruf betreffend? Entschuldigung, aber bei Ihnen kräht doch kein Hahn deswegen. Da müssten Sie schon transident sein oder zufällig Verteidigungsminister.

27.02.2014 11:33

Gregor Leusch

@Julia Martens: Ich verstehe den Absatz "Im Gespräch mit einem Investor ..." so, dass V. tatsächlich am MIT studiert hat - aber eben vor ihrer Geschlechtsumwandlung, unter ihrem männlichen Namen. (Zumindest hat sie angegeben, entsprechende Dokumente vorlegen zu können). Eine Veröffentlichung dieser Dokumente käme aber einem Outing gleich, das sie vermeiden will (ich kenne die Gesetzeslage dort nicht - kann man sich Diplome etc. nicht umschreiben lassen?)

Was es mit den "Geheimprojekten" auf sich hat, lese ich aus dem Text allerdings nicht.

27.02.2014 11:09

Mike O'Neill

Erstaunlicherweise hört man solche Geschichten häufig. Wenn es Privatpersonen oder Prominente sind, werden die größten Geschütze aufgefahren und auf jedes bisschen Ethik geschissen. Wenn es dann allerdings um Verbrechen der eigenen Regierung geht, ist Stille im Wald.

Die Pressefreiheit wird im Westen fast ausschließelich zum Fertig machen von Menschen benutzt und nicht, um die Mächtigen transparenter zu machen.
Auch einer der Gründe, warum Journalisten quasi gar kein Ansehen mehr in Deutschland genießen und in einer Umfrage bezüglich Korruption noch schlechter wegkommen als das Parlament (Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, es ist nicht so, dass die Menschen hier viel Vetrauen in Politiker haben) stehen. Vor allem wegen solcher Menschen ist der Journalismus am Abgrund.

Wieso sollte man Geld dafür ausgeben, dass Leute gemobbt werden? Wohlgemerkt mit viel mehr Macht als jeder Schulmobber je haben wird. Und die Schule ist auch irgendwann vorbei, Nachrichten bleiben für immer.

Hier wird ein besonders verurteilenswerter Fall geschildert. Wenn man weiß, dass sich jemand schon versucht hat zu töten und man dann immer weiter drückt, dann sollte auch ein journalist nicht davor verschont sein, wegen fahrlässiger Tötung dran zu sein. Die Selbstkontrolle (wie bei den Banken) funktioniert nicht. Wir brauchen offensichtlich drastische Konsequenzen für Journalisten, die Fehler machen. Wie gesagt es wird ja nicht den Mächtigen auf die Finger gehauen, sondern nach oben gebuckelt und nach unten getreten. Da können wir die Pressefreiheit auch ruhen lassen, das richtet weniger Schaden an als Journalisten es tun.

27.02.2014 10:46

Julia Martens

Ohne Frage ist einiges schiefgelaufen bei dem Artikel. Vielleicht war der Autor auch einfach nicht sensibel genug. Den Vorwurf, den man Vanderbilt machen muss, ist aber, dass sie eine komplette Lebensgeschichte mit falschen Qualifikationen erfunden hat. Die Frage ist doch: Wäre die Geschichte so hochgekocht, wenn zumindest die Qualifikation von Vanderbilt gestimmt hätte?
Ich glaube nicht. Sie hat sich in einem Lügennetz verstrickt, das irgendwann nicht mehr aufrecht zu halten war. Sie hat Wissenschaftlichkeit vorgetäuscht, wo keine war. Sie hat mit angeblicher physikalischer Überlegenheit ihres Putters geworben, obwohl sie die Käufer nur geschickt psychisch manipuliert hat.
Ich bezweifle, dass der Journalist tatsächlich den Fakt erwähnt hätte, dass sie Transgender war, wenn sie tatsächlich am MIT studiert hätte, wenn die Geheimprojekte tatsächlich existiert hätten.

Zwischen den Zeilen lese ich auch, dass sie anscheinend menschlich eine schwierige Frau war, teilweise ins narzisstische gehend, sehr von sich überzeugt, nicht unbedingt immer mit einem realistischen Blick auf sich und ihre Fähigkeiten.

Der Autor hat mit dem Zwangsouting einen Fehler gemacht. Aber dieser Fehler kann nicht unabhängig vor der Person Vanderbilts betrachtet werden.

27.02.2014 10:13

Michael Kaiser

Man muss die Geschichte gar nicht so sehr am Thema Transgender festmachen. Meiner Meinung nach geht es hier einzig und allein um die fehlende Empathie eines Journalisten, nein eher einer ganzen Redaktion. Mit der gefährlichen Kombination aus Empathielosigkeit und journalistischer Macht kann man nahezu jeden Menschen in den Selbstmord treiben. Empathie sollte ein Prüfungsfach auf Journalistenschulen sein ...

27.02.2014 09:19

Hans Wonka

Mit ein bisschen Empathie hätte die Redaktion des Grantland erkennen müssen, dass sie hier zu weit ging.

Aber die Story, dieser Schauder – da nimmt man dann wohl auch schon mal Kollateralschäden in Kauf.

 
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