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Autor

Interview: Jan Freitag

Fotos: Jürgen Schulzki

verfasst am

02.08.2011

im Heft

journalist 8/2011

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Mehr zum Thema

  • Hier geht es zur August-Ausgabe des journalists, die sich im Titelschwerpunkt mit dem Thema Moral im Journalismus beschäftigt.
  • Umfrage: Welches Thema hat sie zuletzt in einen Gewissenskonflikt gestürzt?

Was ist das überhaupt – Moral? Hans Leyendecker (r.) im Gespräch mit journalist-Autor Jan Freitag.

Journalismus und Moral

"Das Jüngste Gericht interessiert mich nicht"

Hans Leyendecker ist der Aufklärer und Rechercheur der Süddeutschen Zeitung. In Journalistenkreisen wird seine Arbeit geschätzt, aber ihm hängt eben auch ein bisschen der Ruf an, Besserwisser und Moralapostel zu sein. Wie verträgt es sich, als Katholik gegen Ideologie zu argumentieren? Wo hört bei einem Borussia-Dortmund-Fan die Unabhängigkeit auf? Welche Schuld trifft Leyendecker an der Finanzaffäre des Netzwerks Recherche? Ein Gespräch über Fragen der Moral.

journalist: Der britische Boulevard zeigt gerade, wie weit er für eine Geschichte geht. Hat Sie das Ausmaß der Affäre überrascht?

Hans Leyendecker: Ja. Ich hätte trotz des Rufs der britischen Boulevardpresse nie gedacht, dass Journalisten das Handy eines entführten Mädchens hacken würden. Das Abhören von schätzungsweise 4.000 Menschen zeugt von einer echten Systematik, die kriminell war. Dafür spricht auch die Tatsache, dass zwei Drittel der Boulevardleute im Land mit Privatdetektiven arbeiten. Da muss man als Journalist froh sein, dass eine Zeitung, die so etwas betrieben hat, nicht mehr existiert.

Die Zeitung zu schließen, war der einzige Weg?

Vielleicht war es eher ein geschäftlicher Weg, um Schaden vom Konzern abzuwenden, in der Hoffnung, die Übernahme des britischen Bezahlsenders BSkyB möglich zu machen. Aber dass News of the World im Papierkorb der Zeitungsgeschichte gelandet ist, ist für die Medien kein Verlust, sondern ein Gewinn. Viele Briten mögen das Ergebnis von Bespitzelung, Provokationen, der Vorführung von Menschen zeitweise spaßig gefunden haben. Nicht nur Leuten wie mir ist das Lachen inzwischen vergangen.

Nimmt man mit dem Schließen einer ganzen Zeitung nicht auch seriöse Journalisten in Sippenhaft?

Ich betrachte die Zeitung wie eine juristische Person. Wenn Unternehmen fortwährend Unrat produzieren und sogar Gesetze brechen, können sie durchaus geschlossen werden.

Es gibt also, um mit Adorno zu sprechen, kein richtiges Leben im falschen Medium?

Auch ein falsches Medium kann richtigen Journalismus liefern. Am Ende einer Bilanzierung aber gibt es eben einen Saldo. Da wiegt die Ungeheuerlichkeit, ein entführtes Kind abzuhören, schwerer als hier und da eine Geschichte, die den Abdruck wert war.

Trauen Sie deutschen Medien ähnliche Methoden zu?

Überhaupt nicht. Aus mehreren Gründen: Der deutsche Boulevard besteht im Wesentlichen aus Bild und Bunte. Da hat vor allem erstere nahezu ein Alleinstellungsmerkmal, was die Härte betrifft. Es gibt natürlich einiges am Journalismus von Bild auszusetzen. Aber das ist nicht mit England vergleichbar.

Würden Sie Bild nachtrauern, wenn das Gegenteil einträfe?

Also nachtrauern ... Ich gehöre fast zur Generation von Klaus Staeck und Peter Rühmkorf, die dieses Blatt nie gekauft haben. Ich lese Bild nur im Internet oder wenn jemand das Blatt im Zug liegen lässt. Trotzdem: Mit News of the World ist sie überhaupt nicht vergleichbar.

Die bunte Seite der Süddeutschen hat ihrerseits gerade ein Gerücht über Kate Moss aus dem Daily Star übernommen. Macht sich Ihre Zeitung so nicht mit einem „Gossenblatt“, wie Sie es nennen, gemein?

Nein, weil ich nicht glaube, dass man eine journalistische Gattung wegen einzelner Auswüchse wegsperren sollte. Bunte Seiten sind wichtig, sie sind unterhaltend. Und sein Blickfeld auf ein Dutzend zitierfähiger Zeitungen zu verengen, hilft beim Versuch der Wahrheitsfindung nicht weiter. Der Daily Star ist ein Boulevardblatt mit Qualitätsjournalismus. Man muss sich jedes einzelne Blatt genau ansehen.

Was darf Qualitätsjournalismus für eine Informations-, also letztlich Leserakquise betreiben, um nicht in eine Grauzone zu geraten?

Das variiert von Blatt zu Blatt. Für mich ist es zum Beispiel völlig unhaltbar, mich unter falschem Namen einzuschleichen. Ich bewundere Günter Wallraff, aber als literarische Figur. Echte Journalisten sollten sich davor hüten, zu wallraffen.

Und sollten sie illegal gezogene CDs mit Daten von Steuerhinterziehern kaufen?

Der Umgang mit Steuergeheimnissen ist eine der schwierigsten Aufgaben für einen Recherchejournalisten. Aber mit wirklich kriminellen Informanten darf zwar der Staat paktieren – denken Sie nur an den Einsatz von V-Leuten bei der Bekämpfung der Drogenkriminalität. Journalisten dürfen das nicht. Diesen Anspruch stellen ethische Kodizes, der Presserat, auch Organisationen wie Netzwerk Recherche an jeden von uns. Im Ganzen sind die Redaktionen aller Medien zudem Biotope mit gewachsenen Historien und Leitlinien. Da sollte man nicht zu viel von oben verordnen.

Bild: Jürgen Schulzki

 

"Die völlige Unabhängigkeit ist ebenso eine Illusion wie die ganze Wahrheit."

Dennoch dürfe man als Journalist beides anstreben, findet Hans Leyendecker.

 

 

Und diese Biotope dürfen ausschließlich der Unterhaltung dienen?

Solange sie bei der Wahrheit bleiben. Unterhaltung gehört zum Journalismus wie die Aufklärung. Deshalb sollten, nicht zuletzt, um die kostbare Aufmerksamkeit der Leser zu erlangen, auch ernsthafte Geschichten unterhaltsam sein, ohne sie zum Wohle der Spannung zu verfälschen. Wer da beckmesserisch wird, schreibt ins Nichts. Ich bin immer dann am schlechtesten, wenn ich anderen einen Moralbegriff aufzuoktroyieren versuche. Seine eigenen Prinzipien in der Arbeit wie im Privaten zu leben, ohne dabei moralinsauer zu werden, das wäre allerdings nicht schlecht.

Es gibt also keine übergeordnete Moral, die der Berichterstattung zugrunde liegt?

Es gibt so etwas wie ein Geländer. Dazu gehört auch der Versuch, sich der Wahrheit so weit wie möglich anzunähern. Doch selbst dabei muss man sich stets im Klaren sein, was die Arbeit hinterlässt, was die vorgebliche Wahrheit bei denjenigen, die von dieser Art Aufklärung betroffen sind, anrichten kann.

Genau diese Position bezieht die US-Regierung, wenn sie Enthüllungen von WikiLeaks über Verbrechen der Armee als unmoralisch im Sinne der Gefährdung der nationalen Sicherheit wertet. Wer hat da die bessere, richtige Moral?

Je nach Perspektive. Die amerikanische Regierung mahnt zu Recht an, dass etwa Enthüllungen des diplomatischen Umgangs Despoten dienen können. Wenn ein Diplomat seine Kollegen vertraulich darüber unterrichtet, was ein Despot anrichtet, ist das nicht schlecht, sondern gut. Die Veröffentlichung dieser Depesche kann aber verheerende Folgen haben. Wenn Journalisten andererseits ihr Veröffentlichungsinteresse generell einer allgemeinen Gefahrenlage unterordnen, fällt eine Menge Aufklärung weg. Die Aufgabe von Journalisten ist da die verantwortungsvolle Sortierung der Fakten, die hoffentlich Erkenntnisse bringt. Wir sind ebenso wenig wie WikiLeaks Befehlsempfänger irgendwelcher Regierungen. Dem steht wiederum der Irrglaube eines Julian Assange entgegen, eine Information sei schon deshalb wichtig, weil es sie gibt.

Fußt ihre Kritik an WikiLeaks auch im Fehlen einer Haltung hinter der Informationsflut des Web 2.0?

Anfangs war ich da kritischer, bis mir auffiel, dass gerade junge Leute Kritik an WikiLeaks als Einschränkung der Pressefreiheit wahrnehmen. Da kann ich nicht sagen, Kinder, die Pressefreiheit war bei der Spiegel-Affäre in Gefahr, nicht jetzt. Das muss ich ernst nehmen. Es gibt zwar nach wie vor eine gewisse Hemmungslosigkeit im Netz, eine rücksichtslose Suche nach Vorwänden zur Vorverurteilung, was ich nicht gut heiße. Aber es gibt eben auch exzellente Blogs mit Haltung, Recherche – mit Moral, wenn Sie so wollen.

Was ist das überhaupt – Moral?

Das Wort, abgeleitet vom lateinischen mos, bedeutet so viel wie Gewohnheit, Charakter, Sitte.

Mit altbackenen Begriffen wie Sitte darf man Digital Natives nicht kommen.

Na, dann gehen Sie mal auf einen Kirchentag, da treffen sie auch viele junge Leute. Für mich haben solche Begriffe jedenfalls eine Bedeutung. Ich versuche, beruflich wie privat einigermaßen anständig zu sein. Wertvoller wäre natürlich die Tugend, denn die baut auf Selbsterkenntnis und Selbstfindung, doch die gibt es selten.

Hat Ihre Zeitung moralische Standards?

Die SZ verfolgt das Ziel, zu erklären, einzuordnen, und zwar so, dass es möglichst viele Leser spannend finden. Aber beim Eintritt in die Redaktion muss niemand Leitlinien unterschreiben, wie es sie bei Springer gibt. Die einzige Leitlinie ist der Wunsch, den besten Journalismus zu machen.

Dabei nimmt die Süddeutsche Zeitung unter anderem eine eher ablehnende Haltung zu öffentlich-rechtlichen Inhalten im Internet ein.

Ich habe da bislang keine grundsätzliche Haltung entdecken können. Ich glaube allerdings auch nicht, dass die klassische Presse verschwinden wird, weil ARD und ZDF gebührenfinanziert online arbeiten.

Geht es eher um Gerechtigkeit oder um Geld?

Gerechtigkeit ist ein häufig verwendeter Kampfbegriff, der allerdings auch in diesem Zusammenhang nicht weiterhilft. Es geht beiden Seiten sicher um Einfluss und den Verlegern auch ums Geld, weil sie die öffentlich-rechtliche Onlinestrategie für unfairen Wettbewerb halten. Aus meiner Sicht sind da ein paar schrille Töne zu viel in der Debatte, aber vielleicht unterschätze ich das Thema auch. Am Ende geht es doch um den bestmöglichen Journalismus.

Was liegt der Recherche im Zweifel eher zugrunde: eine übergeordnete Moral oder das geltende Recht?

Mir geht es jedenfalls – wie den meisten investigativen Kollegen – nicht um gesellschaftliche Veränderung. Die Ergebnisse unserer Arbeit mögen in der Regel banal sein; der wesentliche Maßstab ist und bleibt: gute Geschichten, die etwas über eine Gesellschaft aussagen.

Zum Beispiel?

Die Entwicklung, dass Prominente, Reiche früher von der Justiz besser behandelt wurden; sie waren etwas gleicher als andere. Gegenwärtig ist der Prominentenbonus geradezu zum -malus geworden. Bekannte Personen gehen in der Öffentlichkeit viel größere Risiken ein als andere, als früher. Darauf müssen wir reagieren, unsere Sichtweisen verändern und dadurch vielleicht auch die der Leser.

Das klingt nach dem Fall Jörg Kachelmann.

Nein, der bezieht sich eher auf ein gesellschaftliches, kein juristisches Klima. Kachelmann ist ein Spezifikum, das zur journalistischen Lagerbildung geführt hat: Im Norden eher kachelmannfreundlich, im Süden andersrum, wobei ich fand, dass Zeit und Spiegel die besseren Argumente als Focus und Bunte hatten. Aber am Ende werden zwei Personen die Wahrheit mit ins Grab nehmen, auch wenn Sabine Rückert von der Zeit da mehr zu wissen scheint. Mit einem beeindruckenden Selbstbewusstsein erklärt sie aus wirklich profundem Wissen heraus diese Welt. Da tue ich mich schwerer als Frau Rückert. Sie ist die Expertin in diesem Bereich, und ich schätze ihre Arbeit sehr. Aber ich habe dieses Selbstbewusstsein nicht und pflege in den Bereichen, von denen ich etwas verstehe, eher den Zweifel.

Bild: Jürgen Schulzki

 

 

"Die Neuorganisation der Parteienfinanzierung, das wäre ein Erfolg. Aber einen Menschen, den ich in Not gebracht habe, habe ich in Not gebracht, und das ist bei aller Notwendigkeit bedenkenswert."

Journalisten stehe der Triumph nur selten gut, findet Hans Leyendecker.

 

 

Klingt da ein "leider" durch, seiner Arbeit zu wenig Meinung zu gestatten?

Nein, eine Meinung vertreten auch meine Geschichten durchaus. Aber als ich gemeinsam mit Nicolas Richter auf Seite drei über Kachelmann berichtet habe, waren wir wegen dieses Zweifels eher Middle of the Road. Wir hatten lange vorm Prozess die Widersprüche beider Lager aufzuführen, das war unser Ansatz.

Ist diese Mitte der Maßstab ausgewogener Recherche?

Ausgewogenheit ist nicht der Maßstab. Es geht darum, möglichst viel zu erfahren und sachkundig aufzuarbeiten.

Was interessiert Sie an einem Thema mehr: legales, aber unsittliches Handeln, etwa im Fall der Finanzspekulation, oder illegales, aber sittliches Handeln, etwa Widerstand gegen die falsche Staatsgewalt?

Mich interessiert mehr, ob es wichtig ist, und schön ist es, wenn es neu ist. Das ist kein Exklusivitätsanspruch, eher die Suche nach Relevanz.

Und wenn Sie darauf anspringen wie Anfang der 80er im Fall Flick, beim Plutoniumschmuggel des BND, der CDU-Spendenaffäre oder zuletzt der des Spielhallenbetreibers Gauselmann – was erregt Ihre Aufmerksamkeit: der Rechtsbruch und die Verwerflichkeit?

Weder noch. Der erste Impuls ist, alle Unterlagen zu kriegen. Die Frage nach Gerechtigkeit entwickelt sich erst mit dem Kenntnisstand. Überhaupt gibt es unterschiedliche Typen im Journalismus. Dem einen gibst du 300 Blatt und er stöhnt über den Umfang. Der Rechercheur stöhnt, warum es so wenig ist. Das sind die Reflexe.

Muss man da alle moralischen Bedenken, das Rechtsempfinden, die eigene Meinung erst mal zugunsten eines rein faktischen Blicks beiseite räumen?

Herr Freitag – ich hätte nie gedacht, dass ich einen Interviewer mal moralinsauer finden würde. Aber gut: Am Anfang interessiert mich eher, was das Landgericht darüber urteilen könnte, nicht das jüngste Gericht. Es geht neben den journalistischen Standards und Fakten natürlich auch um die Wahrheit, aber keine ewige.

Leidet die Wahrheit denn per se, wenn zum Beispiel einer Recherche über die Finanzkrise ein kapitalismuskritischer Blick zugrunde liegt?

Wenn die Haltung als Diskursbeitrag deutlich wird, ist sie in Ordnung. Wenn die Ideologie am Ende den Inhalt beeinträchtigt, nicht.

Haben Sie ihre Ideologien im Griff?
Ich versuche es.

Sind Sie Katholik.
Ja.

Würde das die Recherche zu Schwulenehe oder Missbrauchsvorwürfen beeinflussen?

Nur insofern, als ich bei Berichten über die katholische Kirche besonders kritisch sein würde. Ich bin leidenschaftlicher Anhänger Borussia Dortmunds und habe mich über nichts mehr gefreut als die großen Berichte in der Süddeutschen über unsauberes Finanzgebaren beim BVB. Das heißt, als Journalist muss man umso kritischer draufblicken, je näher man zu dem Berichtsgegenstand emotional steht.

Wenn wir den Journalismus heutzutage betrachten – hat er als Ganzes ein Legitimitätsproblem oder nur auf dem Boulevard?

Es gibt da zwei gegensätzliche Entwicklungen zugleich: Der Journalismus war nie so gefährdet wie heute. Aber er war auch noch nie so gut, weil es jetzt in großer Zahl bessere Schreiber gibt. Mehr Zeitungen als früher versuchen, etwas zutage zu fördern, weil es mehr Zeitungen gibt, die Wert auf eigene Geschichten legen, auf eigene Fertigkeiten und Arbeitsschwerpunkte. Als ich jung war, hat man nicht unbedingt weniger Fakten herangeschafft, aber alles oft zu faktenlastig, also unlesbar aufgeschrieben. Heute sind erzählerische Komponenten wichtiger, der Wert der Vermittlung steigt. Sehen Sie sich mal eine alte Tagesschau an – das ist total unwirklich, wie Fußballspiele von 1960. Keine Bewegung, keine Dynamik, kein Leben.

Das wären eher ästhetische Kriterien.

Die inhaltliche nach sich ziehen. Aber es gibt auch faktische Unterschiede. Damals war es schwerer, an Informationen zu gelangen, heute ist es schwerer, sie zu ordnen. Man wird förmlich mit Fakten zugeschüttet. Aber das ist in anderen Berufen ähnlich. Ein Wirtschaftsanwalt kriegt heute keine Akten mehr, sondern DVDs, weil die Daten nicht mal mehr auf eine CD passen. Andererseits ist die Tatsache, morgens vorm Frühstück im Internet die New York Times lesen zu können, eine dolle Sache. Das mag zum Problem werden, wenn man abschreibt, und jeder kann es in Echtzeit mitkriegen. Aber so ist jede gesellschaftliche Entwicklung: Was dem einen förderlich ist, kann dem nächsten schädlich werden. Letztlich ist jede Enthüllung von Belang eine gute Enthüllung.

Auch die Enthüllung über unrechtmäßig akquiriertes Fördergeld vom Netzwerk Recherche, dem Sie vorsitzen?

Ich mache das nur kommissarisch. Das Netzwerk Recherche ist und bleibt eine wichtige Journalistenvereinigung, sie hat Lehrinhalte an Universitäten verändert, macht den besten Jahreskongress, exzellente Werkstätten und stellt grundsätzliche Fragen, was Journalisten sollen und was nicht. Gerade solch ein Verein muss aber in Fragen finanzieller Unabhängigkeiten unangreifbar sein. Wir dürfen nun mal keinen unsauberen Euro in der Bilanz haben. Punkt.

Tragen Sie eine Mitschuld an der Affäre?

Insofern, als auch ich die Seele und den Motor des Vereins, Thomas Leif, ein Stück weit allein gelassen habe. Dafür hat jeder seine individuelle Erklärung. Meine ist die, dass ich seit sechs Jahren aus dem Vorstand raus wollte, weil mir dafür die Zeit fehlte. Am Ende steht aber nur das Faktum, drin geblieben zu sein und ihm nicht geholfen zu haben.

Hat Thomas Leif unmoralisch gehandelt oder hat er, wie Sie es formuliert haben, bloß "gravierende Fehler" gemacht?

Fehler hat er gemacht. Über seine Moral müssen Sie mit ihm reden. Denn das ist ja das Wesentliche an der Moral: Sie hat vor allem im Mikrokosmos des eigenen Lebens Bedeutung. Sobald ich beginne, Moral als gesellschaftliches Programm zu verordnen, wird daraus Tyrannei.

Müssen Menschen, die besonders hohe moralische Maßstäbe an sich und andere stellen, nur denen gerecht werden, oder müssen sie moralisch insgesamt untadelig sein?

Auch das lässt sich nur individuell beantworten. Ich versuche – womöglich aus einem Angstreflex heraus – alles, um Dinge zu vermeiden, die illegal oder illegitim sind, und, falls das misslingt, im eigenen Laden aufzuräumen. Das geht auch anderen so. Deshalb hat das Netzwerk Recherche ja auch sofort auf die Vorwürfe reagiert, eigeninitiativ einen Wirtschaftsprüfer geholt, das gesamte Geld zurückgezahlt, die zuständige Behörde informiert, was es so noch nicht gegeben hat, wie sie uns versichert hat. Nur so können wir den jungen Mitgliedern wieder in die Augen schauen. Und wenn das Ganze denen auch noch hilft, intensiver über ihren Beruf nachzudenken und sich von alten Zynikern nichts einreden zu lassen, ist schon viel erreicht.

Das Problem war also keines der Öffentlichkeitsarbeit?

Nein, es war ein finanzielles Problem und eines der Gesprächskultur im Vorstand. Sie erleben es übrigens häufiger, dass Gründer erst die Probleme lösen und dann Probleme schaffen. Jetzt gibt es beim Netzwerk einen Neubeginn.

Nach dem man sich weiter von Unternehmen wie ING Diba oder RWE sponsorn lässt?

Solange man sich von denen nicht kaufen lässt. Von RWE Geld anzunehmen und ihr gleichzeitig die Verschlossene Auster zu verleihen, klingt für mich nicht anstößig.

Bedarf guter Journalismus völliger Unabhängigkeit?

Nein, die völlige Unabhängigkeit ist ebenso eine Illusion wie die ganze Wahrheit. Dennoch darf man beides anstreben. Leben ist ja nie, am Ziel zu sein, sondern der Versuch, dorthin gelangen zu wollen. Gerhard Mauz ...

... der zu Beginn Ihrer Karriere beim Spiegel Gerichtsreporter war.

Der größte! Er hat mir mal gesagt, Leyendeckerchen, nimm dich nicht so wichtig, lern die kleinen Dinge wertschätzen. Wenn du die dritte Stelle hinterm Komma veränderst, hast du doch viel erreicht. Je älter ich werde, desto klüger erscheint mir der Satz.

Sind Sie damals seiner Generation in der Gewissheit gegenübergetreten, diese alten Zöpfe abzuschneiden und aufzuräumen?

Ja, und habe dabei alle erdenklichen Dummheiten gemacht: Ich habe mich zum Beispiel, als ich beim Spiegel war, gefreut, wenn jemand aufgrund unserer Arbeit zurückgetreten ist und die Tagesschau auch noch groß darüber berichtet hat. Auch hier regiert bei mir heute der Zweifel. Nicht zuletzt, weil ich auch falsche Rücktritte erlebt habe. Lothar Späth – die Geschichte hängt mir noch immer an. Ich war Mitarbeiter in einem Team. Handwerklich ist die Geschichte nicht zu kritisieren, menschlich war sie in der Durchführung vermutlich zweifelhaft. Das ändert nichts daran, dass aufzudecken ist, was aufgedeckt werden muss, das ist unser Job. Aber man darf nie Jäger sein, sondern nur Sammler, und muss sich immer wieder fragen: Was wäre eigentlich, wenn du in der Situation des anderen wärst?

Jetzt kokettieren Sie damit, von politischen Folgen Ihrer Arbeit völlig unbeeindruckt nur das Gute im Journalismus anzustreben.

Politische Folgen sind mir keineswegs egal. Aber wenn jemand infolge meiner Arbeit seine Position verliert, ist Triumphgeheul unangebracht. Anders sähe es bei der Neuorganisation der Parteienfinanzierung aus, das wäre ein Erfolg. Aber einen Menschen, den ich in Not gebracht habe, habe ich in Not gebracht, und das ist bei aller Notwendigkeit bedenkenswert.

Ist das Altersphilanthropie?

Journalisten sind keine Menschenjäger. Diese Feststellung hat nichts mit dem Alter zu tun. Außerdem: Ich glaube eher an das Gute im Menschen und tauge nicht zum Zyniker, der morgens schon Essig und Salzsäure trinkt.

Wenn Sie von Ihrem Karrierebeginn in die digitale Zukunft blicken: Wo liegt sie für den klassischen Journalismus – in der Aufklärung oder der Recherche?

In der Mischung aus dem spannend erzählten, gut recherchierten Beitrag, den man sonst nirgends findet, und einer gewissen Haltung darin. Früher habe ich mich stark abgegrenzt von den Meinungsleuten und ihrer vermeintlichen Beliebigkeit. Mittlerweile habe ich ganz große Hochachtung vor der großen, meinungsgeleiteten Analyse gelernt, die mehr bringen kann als noch 27 Zahlen noch intensiverer Recherche. Im Übrigen halte ich es mit dem früheren Spiegel-Chefredakteur Johannes K. Engel: Wenn der Einstieg gut ist, fängt er den Leser ein wie ein Lasso. Heute wissen wir, dass es besonderer Anstrengung bedarf, den Leser danach nicht doch noch zu verlieren.

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

06.08.2011 23:16

JF Schmill

Man merkt aber schon, daß er alt wird. Die Spiegel-Affäre... das ist in einem anderen Jahrhundert gewesen, Wikileaks ist heute. Übelnehmen kann man's ihm aber wohl nicht, so sind die Menschen halt :)

03.08.2011 12:18

Arthur Hopfenschauer

Da es im Interview um Moral ging:
Ich habe immer Bauchschmerzen, wenn in der Überschrift eine vermeintliche Aussage des Interviewten steht, die sich im Interview nicht wiederfindet oder sinnverändernd umformuliert wurde.
"Das Jüngste Gericht interessiert mich nicht" kommt in dem Interview nicht vor. An einer Stelle verwendet Leyendecker den Begriff "Jüngstes Gericht", indem er antwortet: "Am Anfang interessiert mich eher, was das Landgericht darüber urteilen könnte, nicht das jüngste Gericht." Aus diesem Satz kann man nicht ableiten, dass ihn das Jüngste Gericht NICHT interessiert, und selbst die Aussage, es interessiere ihn nur in zweiter Linie, ist nicht angezeigt, das es sich hier um eine Veranschaulichung handelt; da er sich selbst klar als Katholiken bezeichnet, wäre ein Des- oder Minderinteresse auch kaum nachvollziehbar.

03.08.2011 11:46

Paull Kappter

Hans Leyendecker, Der letzte (aufrechte) Ritter!

 
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