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Autor

Interviews: Daniel Drepper

verfasst am

27.02.2013

im Heft

journalist 3/2013

Journalismus als öffentlicher Auftrag – ohne Rendite, für die Sache (Bild: dapd/Maja Hitij)

Gemeinnützige Journalistenbüros

Im Auftrag des Volkes

Journalismus ist Aufklärung, Volksbildung, Demokratie-Beschleuniger. In den USA sind deshalb Dutzende Medienunternehmen gemeinnützig, darunter National Geographic, die Nachrichtenagentur AP und das mit Preisen gekrönte Recherchebüro ProPublica. Journalismus als gemeinnützige Einrichtung – geht das auch in Deutschland?

Die Fakten sind nur wenige Buchstaben lang. FR, dapd, FTD, WR. Und es geht weiter: Um ihre Rendite zu sichern, entlassen deutsche Verlage Hunderte Journalisten. Was liegt da näher, als Journalismus ohne Rendite zu machen? Gemeinnützige Vereine, Stiftungen oder gemeinnützige GmbHs haben zwei große Vorteile: Spenden an diese Organisationen lassen sich von der Steuer absetzen, und die Projekte selbst zahlen weniger bis gar nichts an den Fiskus.

Unser Autor Daniel Drepper hat während seiner journalist-Recherchen zum Thema mit --> David Kaplan, dem Vorsitzenden des Global Investigative Journalism Network, und Medienökonomie-Professorin --> Marie Luise Kiefer gesprochen. Beide Experten sind der Meinung, dass in Deutschland mehr über Alternativen zur Finanzierung des Journalismus gesprochen werden muss.

"Wie ein guter Virus, der sich um die ganze Welt verbreitet"

David Kaplan glaubt, dass investigative Recherchen international sein müssen. Er hat vor kurzem einen Bericht veröffentlicht, der zeigt, wie viele gemeinnützige Organisationen es gibt, die investigativen Journalismus betreiben oder unterstützen. Kaplans Ergebnis: Die Zahl der gemeinnützigen Organisationen stieg in den vergangenen fünf Jahren von 39 auf 106. Er hofft, dass auch in Deutschland mehr solche gemeinnützige Organisationen entstehen.

David Kaplan, Vorsitzender des Global Investigative Journalism Network
Bild: emasa.hu

journalist: CNN, der bekannteste Nachrichtensender der Welt, hat im vergangenen Jahr sein Investigativ-Ressort geschlossen, auch Reporter Kaj Larsen ist rausgeflogen. Jetzt berät er die fiktionale HBO-Serie The Newsroom. Sehen Sie den investigativen Journalismus in Gefahr?

David Kaplan: Im Moment gibt es mehr investigativen Journalismus als jemals zuvor. Trotz aller wirtschaftlichen Probleme der Medien wird viel aufregendes Material produziert. Investigativer Journalismus verbreitet sich wie ein guter Virus um die ganze Welt: Es gibt investigative Redaktionen in Indien, China, Brasilien, es gibt unglaubliche Recherchen in Afrika. Der Großteil dieser Entwicklung hat sich in den vergangenen zehn Jahren vollzogen.

Ist das die Arbeit von traditionellen Medien oder von Journalisten in gemeinnützigen Büros?

Die gemeinnützigen Büros haben hier eine Schlüsselrolle gespielt. Sie waren das Rückgrat dieser Bewegung.

Mit Vocer und Kontext:Wochenzeitung lässt sich die Zahl der gemeinnützigen Redaktionen in Deutschland an einer Hand abzählen.

Es passiert im Moment einfach so viel. Deshalb brauchen wir die Deutschen. Ihr habt so viel beizusteuern: Ressourcen, methodisches Wissen, ihr wisst, wie man große Recherchen angeht. Auf der anderen Seite braucht ihr auch den Rest der Welt: Im Journalismus nimmt die Bedeutung internationaler Kooperationen zu. Um verdächtiges Geld und Leute über Grenzen hinweg zu verfolgen, braucht man Hilfe. Deshalb arbeiten selbst die größten Medien wie die New York Times mit anderen zusammen – auch mit gemeinnützigen Journalistenbüros.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, auch in Deutschland mehr solcher gemeinnützigen Büros zu gründen?

Spiegel, Stern, öffentlich-rechtlicher Rundfunk und ein paar Zeitungen machen guten investigativen Journalismus. Aber in einem großen Land wie Deutschland können die großen Medienunternehmen nicht alles abdecken. Dazu kommen die komplexen, internationalen Recherchen. Wir Journalisten liegen ohnehin zurück: Die bösen Jungs verfügen schon lange über die neuesten Techniken, um ihre Spuren zu verwischen. Geld kann mit einem Mausklick verschoben werden. Unser Essen, die Spielsachen unserer Kinder, Medizin – all das ist international, und es ist extrem schwer, den Spuren rund um die Welt zu folgen. Einige der besten Recherchen werden mittlerweile von gemeinnützigen Büros gemacht, die extra für solche Recherchen gegründet wurden.

Sind diese Büros flexibler und offener für Kooperationen?

Man kann das nicht verallgemeinern, weil einige große Medienhäuser sehr aggressiv und flexibel sind. Aber viele von diesen kleinen, gemeinnützigen Büros können sich sehr gut anpassen, und sie können sich langfristige Recherchen leisten. Weil sie Geld von Spenden und Stiftungen bekommen, können sie ihre eigenen Prioritäten setzen. Sie können Geschichten recherchieren, die von den Mainstream-Medien nicht angefasst werden. Große, internationale Storys rauben viel Zeit und können auch juristisch risikoreich sein – nicht jedes Medienhaus will das.

Nehmen wir mal an, es gäbe jemanden, der mit einer Großspende ein investigatives Recherchebüro in Deutschland möglich macht. Wie schafft man es, investigativen Journalismus nachhaltig zu finanzieren?

Das ist die entscheidende Frage. Wichtig ist: Wenn man gemeinnützig ist, kann man weiterhin Einnahmen generieren. Man kann Geld von Stiftungen und Spenden dafür verwenden, langfristige Geschichten zu finanzieren. Dazu kann man aber auch Werbeplätze verkaufen oder Veranstaltungen ausrichten. Viele Organisationen geben Seminare, arbeiten mit Universitäten zusammen und lehren dort. Sie bekommen kostenlose Unterstützung von Praktikanten und Studenten. Andere Büros arbeiten auf Pauschalbasis für große Medienkonzerne. Die werden dann fast zu einer Art Nachrichtenagentur. Man muss natürlich immer auf langfristige Recherchen achten. Das ist die Herausforderung: das Ziel im Auge behalten und gleichzeitig die Finanzierung langfristig sicherstellen.

David Kaplan und das Global Investigative Journalism Network organisieren die Global Investigative Journalism Conference, die alle zwei Jahre stattfindet. Die achte Konferenz ist im Oktober 2013 in Rio de Janeiro. Der Fokus liegt auf Datenjournalismus und internationalen Recherchen. Kontakt zum Netzwerk gibt es unter gijn.org, bei Facebook und auf Twitter. Das Interview im Wortlaut steht auf danieldrepper.de.

"Das Geld ist da, man muss es nur umschichten"

In einem ihrer Aufsätze (PDF) bricht die langjährige Professorin für Medienökonomie Marie Luise Kiefer mit Tabus: Journalisten sollten sich als Berufsstand ähnlich wie Juristen und Mediziner selbst organisieren. Der Zugang zum Beruf könne über eine verbindliche Prüfung erfolgen – und die Journalisten könnten mit öffentlichem Geld gefördert werden.

journalist: Sollte Journalismus grundsätzlich gemeinnützig sein?

Marie Luise Kiefer: Das geht sicher nicht. Ein Weg wäre, wenn sich der Berufsstand, wie in meinem Aufsatz beschrieben, professionalisieren und selbst organisieren würde, zum Beispiel in einer Art Kammer. Wer eine bestimmte akademische Ausbildung erfolgreich absolviert und zusätzlich eine Prüfung vor dieser Kammer bestanden hätte, der könnte als gemeinnützig anerkannt und gefördert werden.

Der Deutsche Journalisten-Verband sagt, es gebe noch kein Marktversagen, für radikale Lösungen sei deshalb noch Zeit.

Journalismus kann sich nicht selbst finanzieren, sofern er für das Gemeinwohl und nicht marktorientiert handeln soll. Mir geht es um den politischen Journalismus, der oft unbequem und anstrengend ist, auch für den Leser. Wenn man diesen Journalismus staatsfern fördern will, muss man objektive Kriterien dafür definieren. Damit nicht irgendein Staatssekretär über die Förderung entscheidet.

Wer soll entscheiden, welcher Journalismus förderungswürdig ist?

Das könnte eine Kommission aus Journalistik- und Kommunikationswissenschaftlern, Praktikern, ein paar Politikwissenschaftlern und Juristen machen, die die Kriterien dafür entwickelt. Wir haben zu lange über Presseförderung diskutiert statt über Journalismusförderung. Man muss aber definieren und festlegen, welchen Journalismus man fördern möchte.

Können nicht auch die Leser, private Spenden und Stiftungen politischen und investigativen Journalismus finanzieren?

Natürlich sollen sich private Stiftungen engagieren, aber Stiftungen wie zum Beispiel die Bertelsmann-Stiftung oder andere Medien-Stiftungen sind nicht ideologiefrei. Es muss also eine neutrale Institution dazwischengeschaltet werden. Und: Stiftungen können ihre Förderung einstellen. Journalisten können aber nicht von der Hand in den Mund leben. Also muss es eine Art Grundsicherung durch öffentliche Gelder geben.

In Deutschland wird der Journalismus schon mit mehr als sieben Milliarden Euro gefördert, über das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem. Reicht das nicht?

Der Rundfunkbeitrag finanziert ja weit mehr als nur journalistische Angebote im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Mir geht es um die finanzielle Sicherung von Journalismus außerhalb des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und da müssen wir zuerst fragen, ob eine und welche Gruppe von Journalisten gefördert werden soll – und erst dann, wie das organisiert werden kann. Ob das dann gemeinnützige GmbHs sind oder öffentlich-rechtliche Körperschaften, das ist egal. Für eine Förderung von Journalismus würde auch gar nicht so viel Geld benötigt, gemessen an den sonstigen Ausgaben der öffentlichen Haushalte. Das Geld ist vorhanden, man muss es nur umschichten. Das Problem ist der Wille – der Wille der Politik und der der beteiligten Gruppen.

Brauchen wir überhaupt eine öffentliche Förderung von Journalisten?

Unbedingt. Die Qualitätsansprüche an Journalisten steigen, aber die Einnahmen der Medien und damit die Einkommensmöglichkeiten für Journalisten sinken. So drängt kein guter Nachwuchs in den Journalismus. Viele Studenten gehen lieber in die PR oder in die Unterhaltungsbranche. Aber Demokratie braucht gute Journalisten.

Marie Luise Kiefer ist Honorarprofessorin für Medienforschung und Medienökonomie an der Universität Wien. Sie hat bis 1995 die Langzeitstudie Massenkommunikation betreut und leitete bis 1992 die Fachzeitschrift Media Perspektiven. Hier (PDF) geht es zu ihren Aufsatz über die "Schwierige Finanzierung des Journalismus".

Mehr zum Thema

Wie leicht es in Deutschland ist, ein gemeinnütziges Journalistenbüro zu gründen, lesen Sie in der März-Ausgabe des journalists, die am Freitag erscheint.

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