Detail-Informationen

Autor

Ingmar Volkmann

verfasst am

18.08.2011

im Heft

journalist 8/2011

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In Clubs, auf Blogs, unter Mitarbeitern der Konkurrenz – Jörg Harlan Rohleder sucht seit Juli das Team für die deutsche Interview-Ausgabe zusammen.

Interview-Magazin

"Blogs sind schneller, Print ist schöner"

Er war mitverantwortlich für den Musikexpress, er arbeitete für MTV, Vanity Fair und Focus: Jetzt soll Jörg Harlan Rohleder zusammen mit Adriano Sack eine deutsche Ausgabe von Andy Warhols Interview-Magazin entwickeln. Rohleders größte Angst dabei: dass ihn die klassischen Medien zu ernst nehmen.

journalist: Sie bauen derzeit in Berlin die Redaktion für die deutsche Ausgabe des Interview-Magazins auf. Nach welchen Kriterien gehen Sie auf Kollegenfang?

Jörg Harlan Rohleder: Qualität und Sympathie.

Vielleicht geht es noch ein wenig konkreter: Wie sieht die Mannschaft aus, die das Magazin zum Erfolg führen soll?


Wir sind seit dem 1. Juli auf der Suche. In den Clubs, auf den maßgeblichen Blogs und unter halbglücklichen Mitarbeitern der Konkurrenz.

Was bestimmt derzeit Ihren Arbeitsalltag?


Wir verbringen einen Großteil unserer Zeit damit, Listen anzufertigen: mögliche Mitarbeiter, interessante Gesprächskombinationen, herausragende Fotografen, italienische Restaurants in Charlottenburg, Titelhelden, Turnschuhe und so weiter.

Sie firmieren gemeinsam mit Adriano Sack als Executive Editor. Wie lässt sich diese englische Bezeichnung am besten in eine deutsche Redaktionswirklichkeit übersetzen?

Junge für alles. Und am Schluss die Entscheidungen fällend.

Welche Rolle spielt der ehemalige Condé-Nast-Manager und künftige Executive Chairman Bernd Runge im redaktionellen Alltagsgeschäft?


Das müssen Sie ihn selber fragen. Ich hoffe, er spielt eine sehr entscheidende Rolle. Was soll ich auch sonst sagen?

Die Redaktionsleitung für die beiden ersten Europa-Ausgaben hat Aliona Doletskaya inne, die Ex-Chefredakteurin der russischen Vogue. Wie funktioniert der Austausch mit ihr? Welche Vorgaben macht Moskau?

Der Austausch erfolgt im persönlichen Gespräch, per Telefon und E-Mail. Vorgaben gibt es keine, dafür eine gesunde Zusammenarbeit.

Das Geld für das Projekt kommt von Vladimir Doronin, einem russischen Investor, der mit Naomi Campbell liiert ist. Beim Stichwort "russische Geschäftsleute" schrillen Alarmglocken. Keine Angst vor Gehalt aus eigenwilligen Quellen?

Welche Ihrer Quellen besagt, dass die Quellen von Herrn Doronins Vermögen eigenwillig sind? Rufen Sie den Mann doch einfach mal an.

Wenn Sie den Kontakt herstellen, sehr gerne. Adriano Sack und Sie haben für viele große deutsche Verlage gearbeitet. Erwarten Sie, dass ein russischer Investor anders tickt als etwa die Entscheider bei Springer?

Wir hoffen, dass er anders tickt! Wie die anderen ticken, wissen wir ja schon.

Bild: Christoph Voy

 

"Unsere größte Angst ist es, von klassischen Printmedien ernst genommen zu werden."

Jörg Harlan Rohleder macht es nichts aus, dass erste Reaktionen auf Interview hauptsächlich in Onlinepublikationen erfolgten.

 

 

Ein thematischer Schwerpunkt soll im Bereich Mode liegen. Hier scheinen Blogs den klassischen Print-Titeln einen Schritt voraus. Wie gleicht man als Print-Macher den Blog-Vorsprung aus?

Blogs sind schneller, Print ist schöner. Und auf Papier liest man auch Texte.

Sie selbst waren Teil der Redaktion von Vanity Fair. Was haben Sie aus dem Scheitern der Publikation gelernt?

"All is pretty" – dieser Satz von Warhol ist die Essenz der Pop Art. Und die ist bekanntermaßen nicht gescheitert.

Ein Grund für das Aus von Vanity Fair lag darin, dass es in Deutschland – im Gegensatz zu den USA – zu wenig Prominente mit Persönlichkeit gibt. Daran scheint sich nicht allzu viel geändert zu haben. Da heißt es eben doch Til Schweiger statt Mickey Rourke. Ist Deutschland zu sehr Thomas Gottschalk und Oliver Pocher?

Das Langweiligste an Deutschland ist immer diese Deutschland-Schelte. Mit jedem der Genannten können wir uns ein interessantes Interview vorstellen. So lange der Gesprächspartner stimmt.

Welche deutsche Alternative gibt es zu einem Alexander Skarsgård, der in der aktuellen Ausgabe des amerikanischen Mutterblatts ausführlich gewürdigt wird?

Der schwedische Schauspieler Skarsgård ist auch kein Amerikaner, dementsprechend hätten wir kein Problem, ihn auf den Titel zu heben.

Auf der Wikipedia-Seite zum amerikanischen Stammblatt steht, dass "redaktioneller Teil und Anzeigen gestalterisch ineinander übergehen". Wird der gestalterische Übergang zwischen Artikel und Anzeige bei Ihnen künftig von Armani und Co. diktiert?

Keine Ahnung, wer diesen Satz bei Wikipedia formuliert hat. Vielleicht die Konkurrenz? Soweit ich das überblicke, sind im amerikanischen Interview Redaktion und Anzeigen getrennt. Und so wird es auch bei uns gehalten. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Armani und Co.

Das Interviewmagazin Galore scheiterte, weil es sich trotz eines guten Rufs nicht finanzieren ließ. Was macht Ihr Magazin für Anzeigenkunden interessanter, als es Galore war?

Aliona Doletskaya. Bernd Runge. Anja Schwing. Jo-Ann Furniss. Tim McIntyre. Adriano Sack. Jörg Harlan Rohleder. Ach, und Naomi Campbell.

Sehr bescheiden, aber mal im Ernst: Was kann das Interview-Magazin liefern, was Galore nicht konnte?

Das werden Sie im Februar sehen.

Wenn Ihre Interviewpartner künftig auch so knapp antworten, könnte Ihr Heft recht dünn werden. Noch einmal zur praktischen Umsetzung von Interview. Anfangs führte Warhol die meisten Interviews noch selbst, indem er in Clubs wie im Studio 54 einfach das Tonband mitlaufen ließ. In welchen Berliner Clubs wird Ihr Team künftig das Band mitlaufen lassen – im Berghain oder im Soho House?

In beiden. Und mit Sicherheit nicht nur in Berlin.

Zur Gattung Interview: Welcher deutsche Journalist außer Moritz von Uslar hat in der jüngeren Vergangenheit in diesem Genre nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht?


Ich werde Ihnen noch immer nicht unsere künftigen Mitarbeiter verraten. Aber: Die Liste der besten Interviewer Deutschlands der letzten 20 Jahre kennen Sie vermutlich. Und ab 2012 werden noch ein paar Namen hinzukommen.

In Deutschland ist das Autorisieren von Interviews üblich. Häufig hat das fertige Interview mit dem ursprünglichen Gespräch nicht mehr viel zu tun. Könnte das jeden guten Text für Interview von vornherein obsolet machen?

Die Autorisierung von Interviews hat in Deutschland tatsächlich absurde Auswüchse angenommen. Meist wird dabei jeder Charme und jede Wirklichkeit aus dem Text gestrichen. Wir hoffen, wir können in der Sache Überzeugungsarbeit leisten.

Ein Buch Ihres Kollegen Sack trägt den schönen Titel Breites Wissen. Die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer. Welche Drogen dienen in der Findungsphase von Interview der Schaffung einer inhaltlichen Grundausrichtung?

Ich kann mich an vergangene Nacht leider nicht erinnern.

Dafür sehen Sie heute eigentlich ganz manierlich aus. Auf stern.de bezeichnete sich Adriano Sack einmal als eitel, da nur eitle Menschen Journalisten werden. Wie eitel sind Sie?

Nicht eitel. Deshalb passen wir ja so gut zusammen. Auch farblich.

Wird Interview das Leitmedium der neuen deutschen Eitelkeit, die von Berlin ausgeht und aufräumt mit dem Klischee, dass Deutschland optisch wie Tennissocken in Sandalen aussieht?

Was spricht gegen Tennissocken in Sandalen?

Unabhängig von Socken und Sandalen: Gibt es keine dringlicheren Themen, die von Journalisten bearbeitet werden sollten?

Diese Frage könnten sich auch Medienjournalisten stellen.

Die ersten Reaktionen auf die neue Publikation erfolgten fast ausschließlich in Online-Mode-Publikationen. Haben Sie Angst, von den klassischen Printmedien nicht ernst genommen zu werden?

Unsere größte Angst ist es, von klassischen Printmedien ernst genommen zu werden. Andy Warhol wurde von seinen Zeitgenossen verlacht, bis er sie alle überholte.

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