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Autor

Raphael Thelen

verfasst am

12.12.2011

im Heft

journalist 12/2011

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"Hallo, du bist live bei Tribute FM!" – Viele junge Libyer engagieren sich ehrenamtlich in Redaktionen, um den Wandel in ihrem Land mitzugestalten.

Journalisten in Libyen

Die neuen Stimmen

In Libyen entsteht eine Medienlandschaft: Hunderte Zeitungen, Magazine, Radio- und TV-Sender begleiten die Libyer auf dem Weg in die Demokratie. Für die Journalisten nicht einfach. Weder sie selbst noch ihr Publikum sind es gewohnt, mit der neu gewonnenen Pressefreiheit umzugehen. Der journalist erzählt die Geschichten dreier junger Medienmacher.

Sie ist eine der vielen Stimmen im neu erwachten Libyen. "Hallo! Du bist live bei Tribute FM! Mit wem spreche ich?", ruft Mariam El-Mehdawi ins Mikrofon. Zweimal wöchentlich geht die 21-Jährige mit ihrer Quizshow auf Sendung und verbreitet in der ostlibyschen Stadt Benghasi gute Laune. Nach 42 Jahren Diktatur und Staatspropaganda ist die Begeisterung für freie Meinungsäußerung und Medien groß. Hunderte Zeitungen und Magazine wurden gegründet, Laien treten als Radio- und Fernsehmoderatoren auf und machen den Traum vom "freien Libyen" wahr.

Tribute FM sendet in englischer Sprache. Auch übers Internet ist der Sender zu empfangen. "Vor der Revolution habe ich nie Radio gehört", erzählt Mariam El-Mehdawi. "Doch als mich ein Freund anrief und fragte, ob ich Zeit und eine Idee für eine Show hätte, habe ich es direkt ausprobiert." Die Studentin trägt ein leuchtend rotes Kopftuch. Die Redaktion: ein großer kahler Raum mit bunt bemalten Wänden, ein paar Glastische, übersät mit leeren Kaffeebechern und Zuckertütchen. Mariams Kollege Taha Salah sitzt auf einem Sofa am Rand. Mit seiner dunklen Stimme sorgt er heute Abend für die Jingles und Soundeffekte. Der Produzent mit dem Laptop steckt im Stau. Alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich. Im Studio nebenan diskutieren zwei von ihnen mit Anrufern über gestiegene Lebensmittelpreise.

Quizmasterin El-Mehdawi hat genug von solchen Themen: "Wir haben gerade eine Revolution und monatelange Kämpfe hinter uns gebracht." Die Hörer wollten jetzt etwas Leichteres, einfach mal Spaß haben, sagt sie. Während sie im chaotischen Studio sitzt, steht das Telefon keine Sekunde still. "Viele wollen einfach ihre Stimme im Radio hören", sagt El-Mehdawi. "Einmal rief meine Mutter an und sagte 'Mariam, das Geschirr ist immer noch schmutzig. Wann kommst du nach Hause?'"

Bild: Raphael Thelen

 

 

"Vor der Revolution habe ich nie Radio gehört."

Miriam El-Mehdawi moderiert zweimal wöchentlich die Quizshow Tribute FM in der ostlibyschen Stadt Benghasi.

 

 

El-Mehdawis Begeisterung ist bezeichnend für den neuen Enthusiasmus in Libyen. Ihr Showformat ist jedoch die Ausnahme. Die meisten Medien beschäftigen sich mit der Politik und den Problemen Libyens nach der Revolution. "Wir leben jetzt in einer Demokratie und haben endlich das Recht auf freie Meinungsäußerung", sagt Mohamed Kroush, einer der Gründer des Radios. "Warum sind Brot und Eier plötzlich so teuer? Wir brauchen Antworten!"

Der 29-Jährige und drei Freunde kauften im April, zwei Monate nach den ersten Demonstrationen in Benghasi, mittels privater Ersparnisse das nötige Equipment: Mikros, Mischpult, Transmitter. "Wenn es irgendwo eine Demo gibt, zum Beispiel gegen die Übergangsregierung, dann bringen wir diese Leute ins Studio", sagt Kroush. Während der Revolution nutzten sie einen Internetlivestream, um die Bevölkerung mit den wichtigsten Informationen zu versorgen. Dreimal versuchten Gaddafi-Anhänger, das Studiogebäude in die Luft zu jagen.

Benghasi hat gegenüber dem Rest des Landes einen zeitlichen Vorsprung: Die Stadt befreite sich schon Ende Februar, während Tripolis erst im August fiel. Das schlägt sich in der Qualität der Medien nieder. Doch auch kulturell unterscheiden sich beide Städte. Benghasi war schon immer ein Ort der Dissidenten und des Widerspruchs. "Benghasi ist eine Stadt der Kultur und Medien", sagt Jan Keulen vom Doha Center for Media Freedom, einer Organisation, die sich für die Entwicklung freier Medien in der arabischen Welt einsetzt. "Tripolis hingegen war als Hauptstadt Sitz der staatlichen Medien und des Informationsministeriums. Das gesellschaftliche Klima hier war immer schon ein anderes."

Wo sind Gaddafis Milliarden?

Jungunternehmer Ibrahim Shebani versucht, die Kluft zwischen Benghasi im Osten und Tripolis im Westen zu überwinden. Er ist Gründer des Libyan Magazine und hat schon kurz nach dem Fall von Tripolis dort eine Redaktion gegründet, um die Hauptredaktion in Benghasi zu ergänzen. Wenn er über sein Projekt spricht, spürt man die Aufbruchstimmung. "Am Anfang waren wir eine Gruppe von Freunden, die an etwas glaubten und einfach etwas machen wollten. Später wird das Magazin hoffentlich eine Gelddruckmaschine", sagt Shebani und lacht.

Shebani hat seinen Job in der Marketing-Abteilung einer internationalen Firma gekündigt. Jetzt kann er sich darauf konzentrieren, seine Aufgaben als Chefredakteur, Anzeigenchef und Produktentwickler unter einen Hut zu bringen. Der studierte Betriebswirt hatte schon vor der Revolution mit dem Gedanken gespielt, ein Lifestyle-Magazin zu gründen. Doch das Ministerium versagte ihm jahrelang die Lizenz. Gaddafi ließ unter seiner Herrschaft nur ein einziges Thema zu: Gaddafi.

Shebanis Magazin erscheint zweimal in der Woche und handelt hauptsächlich von Politik: Was macht die Übergangsregierung? Wie geht der Wiederaufbau voran? Wo sind Gaddafis Milliarden? Auf den letzten zehn Seiten geht es um Kultur, Geschichte und Traditionen Libyens. Nach 42 Jahren Medienzensur ist Libyen auch für die Libyer selbst ein unbekanntes Land.

Der Verkaufserlös des Magazins deckt gerade die Druckkosten. Auch hier arbeiten alle Redakteure, Fotografen und Layouter ehrenamtlich. Die beiden Redaktionen in Tripolis und Benghasi kommunizieren über Facebook. Viele Schwierigkeiten werden mit Improvisation und persönlichen Einsatz wettgemacht. "Wir drucken das Magazin in Benghasi. Doch es gibt noch keine Speditionen, deswegen fliege ich ständig zwischen den beiden Städten hin und her und schmuggele die Kopien in 30-Kilo-Paketen im Gepäck", sagt Ibrahim Shebani.

Bei all diesen täglichen Aufgaben versucht Shebani, sich den gesellschaftlichen Anforderungen zu stellen. "Die Medien müssen die Menschen in Libyen aufklären, was etwa Liberalismus, Säkularisation und Islamismus bedeuten", sagt er. "Die Menschen dürfen nicht einfach denjenigen wählen, der sie ernährt oder eine Party schmeißt. Sie müssen das wählen, was das Beste für Libyen ist."

Bild: Raphael Thelen

 

 

"Es gibt einen großen Graben zwischen Politik und Gesellschaft, wir wollen diesen Graben schließen."

Nora Bargan arbeitet für das Nachrichtenprojekt "Meerjungfrau" in Tripolis.

 

 

Oftmals fehlt es den jungen Medienmachern jedoch an der nötigen Professionalität, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Vielen Journalisten ist nicht bewusst, dass die neugewonnene Freiheit auch Verantwortung mit sich bringt. Informationen werden immer wieder mit eigener Meinung vermischt. Falschinformationen machen die Runde und sorgen für Verwirrung. Andere Medien geben Gerüchte ungeprüft oder vorsätzlich wieder. "Es gibt in Libyen keine journalistische Tradition", sagt Jan Keulen vom Doha Center for Media Freedom.

Diese Probleme fallen in den Aufgabenbereich von Informationsminister Mahmud Schammam. Er war jahrelang Chefredakteur der Nahostausgabe von Newsweek und Foreign Policy, bevor ihn die Übergangsregierung auf den Ministerposten berief. Seine Arbeit ist unter libyschen Journalisten umstritten. Viele werfen ihm Untätigkeit vor.

"Wir müssen die Medienlandschaft organisieren. Wir, die Übergangsregierung, können solche weitreichenden Gesetze jedoch nicht erlassen. Das kann nur eine gewählte Regierung", sagt Schammam. Er versucht, zusammen mit Journalisten eine unverbindliche Ethik-Richtlinie zu erarbeiten. Darüber hinaus setzt er auf Fortbildungsmaßnahmen. "Das Level an Professionalismus ist miserabel. Was wir jetzt brauchen ist Training, Training, Training." Zu diesem Zweck verhandelt er derzeit mit einer Reihe europäischer Nachrichtensender und schickt kleine Gruppen von Journalisten in umliegende Länder.

Mit Schmiergeld gelockt

Doch nicht nur die Journalisten müssen lernen, mit Freiheit umzugehen und die Regeln der Demokratie zu akzeptieren. Gaddafis Machterhalt basierte auf einem System aus Gewalt und Korruption. Regierungsposten dienten der Selbstbereicherung, und Loyalitäten wurden erzwungen oder gekauft. Dieses System hat sich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt und wirkt im befreiten Libyen noch nach. "Viele junge Menschen wollen für die Freiheit arbeiten, doch stoßen sie schnell auf Widerstände. Manche sind frustriert, da Teile der Übergangsregierung genauso handeln wie andere arabische Regime. Sie reden von Freiheit, lassen jedoch keine Kritik zu", sagt Keulen.

Auch Nora Bargan hat solche Erfahrungen gemacht. Die 21-Jährige arbeitet für ein Nachrichtenprojekt mit dem Namen Meerjungfrau – in Anspielung auf Tripolis’ landläufigen Spitznamen. Sie und ihr Team filmen Pressekonferenzen, politische und soziale Ereignisse und stellen die Videos ins Netz. Ihr journalistisches Handwerk hat sie sich während der Arbeit mit ausländischen Reportern angeeignet. Viele junge, englischsprachige Libyer halfen der internationalen Presse in den Anfangsmonaten als Übersetzer.

"Es gibt einen großen Graben zwischen Politik und Gesellschaft, wir wollen diesen Graben schließen", sagt Bargan. Manch ein Politiker würde auf diese Bemühungen gerne Einfluss nehmen. "Vom Press Operation Room der Übergangsregierung erfuhren wir, dass wir Geld bekämen. Doch nur unter der Bedingung, dass sie uns sagen können, welche Geschichten wir machen sollen." Ähnliche Angebote kamen von reichen Geschäftsleuten. Die Gruppe lehnte ab. Doch ohne Geld sind ihre Möglichkeiten beschränkt.

Auch Keulen hat die Erfahrung gemacht, dass allzu freie Berichterstattung nicht erwünscht ist. Ein befreundeter Radiomoderator hatte in seiner Sendung das kriminelle Verhalten einer Rebellenmiliz kritisiert. Kurze Zeit später tauchten bewaffnete Mitglieder der Miliz im Sender auf, unterbrachen das Programm und forderten eine Richtigstellung. Der Senderchef setzte das Programm des Radiomoderators daraufhin ab. Es verursache zu viele Probleme.

Bild: Raphael Thelen

 

 

"Es herrscht eine allgemeine Angst davor, gefilmt zu werden"

Walid Abudhair von der Mediengruppe 212 hat es auch heute noch nicht leicht, Filmaufnahmen zu machen. Wer unter Gaddafi mit Journalisten sprach, verschwand häufig für viele Jahre im Gefängnis.

 

 

Die Zukunft der freien Berichterstattung im Rundfunk ist insgesamt ungewiss. Derzeit gibt es laut Schammam fünf private Fernseh- und 16 private Radiosender. Teile der Übergangsregierung sind zufrieden mit solch einer rein marktwirtschaftlichen Lösung. Andere wollen zusätzlich einen staatlichen Sender als Sprachrohr der Politik. Informationsminister Schammam hingegen will eine öffentlich-rechtliche Lösung. "Es ist ziemlich kostspielig, einen Fernsehsender zu gründen. Wenn wir das Fernsehen komplett den Privaten überlassen, wer wird dann einen Sender haben? Jene Geschäftsleute, die unter Gaddafi reich geworden sind." Schammam selbst ist Chef eines vom Emirat Katar finanzierten Fernsehsenders.

Auch in der libyschen Bevölkerung fehlt oft noch das Verständnis für freie Meinungsäußerung. Walid Abudhair spürt das bei seiner täglichen Arbeit. Er ist Journalist bei der freien Mediengruppe 212. Die Gruppe macht gezielt auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam. Abudhair und sein Team wollten kurz vor den Eid-Al-Adha-Feiertagen, an denen muslimische Familien traditionell ein Schaf schlachten, eine Veranstaltung filmen. Bedürftige Familien sollten ein Schaf oder Geldgeschenke für die Feiertage erhalten. Die Ankündigung stellte sich als falsch heraus, und mehr als 500 Menschen warteten vergeblich vor dem Sitz des Übergangsrats in Tripolis.

Als es zu Auseinandersetzungen kam, versuchte Abudhair, die aufgebrachte Menge zu filmen. Doch die Menschen stürmten auf die Journalisten zu und griffen nach den Kameras "Nicht filmen! Nicht filmen!" Erst nach langen Gesprächen beruhigte sich die Menge. "Die Leute dachten, wir wären vielleicht Anhänger von Gaddafi, die die neue Regierung im Fernsehen in ein schlechtes Licht rücken wollen", sagt der 28-jährige Abudhair.

Gaddafi ließ keinen Widerspruch gegen seine Herrschaft zu. Jetzt neigen die Libyer dazu, den gleichen Fehler in Bezug auf ihre Revolution zu machen. "Außerdem herrscht eine allgemeine Angst davor, gefilmt zu werden. Wer sich unter Gaddafi gegenüber Journalisten äußerte, verschwand für viele Jahre im Gefängnis", sagt Abudhair.

Der Geist der Gaddafi-Ära wirkt in vielen Teilen der Gesellschaft nach. Falls der Weg in die Demokratie in Libyen gelingen soll, wird es die Aufgabe der Journalisten sein, das zu ändern. Sie müssen den Menschen erklären, dass eine freiheitliche Demokratie mehr bedeutet als Wahlen.

Der Autor

Raphael Thelen ist freier Journalist. Der Arabische Frühling führte ihn quer durch den Nahen Osten.

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