Detail-Informationen

Autor

Sarah Nalazek (Text),

Jan Zappner (Fotos)

verfasst am

01.07.2015

im Heft

journalist 7/2015

Julius Tröger

Im Datenglück

Die Buslinie M29 hat Julius Tröger ins Finale des Grimme Online Awards gebracht. Rein virtuell, versteht sich. Tröger leitet seit Anfang des Jahres das neue Interaktiv-Team der Berliner Morgenpost. Aus Datensätzen bastelt er Multimediareportagen, die über die Stadtgrenzen hinaus bekannt werden.

Das meistgebrauchte Hashtag in Julius Trögers TwitterAccount ist #ddj. Die internationale Abkürzung für das, womit er sich täglich beschäftigt: data driven journalism. Als Datenjournalist der Berliner Morgenpost arbeitet Tröger mit Statistiken, Zahlen – trockene Datensätze, die er in bunte Geschichten und interaktive Anwendungen verwandelt. "Wenn man den Code-Editor am Rechner offen hat, ist das für andere schon manchmal befremdlich", sagt der 32-Jährige. Er hat sich das Programmieren selbst beigebracht.

Julius Tröger will keine Zeit verlieren. Während des Volontariats beim Schwarzwälder Boten hat er Medienwirtschaft studiert. Wenn der Aufzug nicht sofort kommt, nimmt er die Treppe. Und wenn er denkt, dass eine Beförderung angebracht wäre, fragt er beim Chefredakteur nach: "Wie sieht’s denn aus?" – und bekommt sie.

Seit Anfang des Jahres leitet Tröger das Interaktiv-Team der Berliner Morgenpost. "Das Team wurde immer größer, damit kamen neue Aufgaben auf mich zu. So wurde ich automatisch zum Chef und kurze Zeit später dann offiziell Ressortleiter." Zusammen mit Reportern wie Uta Keseling und Cheffotograf Reto Klar setzt Trögers Team Webprojekte für die Berliner Morgenpost um, die regelmäßig in der Zeitung zweitverwertet werden. Und gerade haben sie den internationalen Data Journalism Award gewonnen – neben Teams wie dem von der BBC.

Tröger hilft seinem Glück auf die Sprünge. 32 Auszeichnungen und Nominierungen aus den vergangenen fünf Jahren sind auf seiner Website verlinkt. Ende April kam eine besondere dazu: Unter 1.392 Bewerbungen ist sein Projekt eines von 25, das für den Grimme Online Award nominiert war. Bei der Bekanntgabe der Nominierten bemerkt Grimme-Direktorin Frauke Gerlach, dass die Journalisten der Berliner Morgenpost "emsig jedes Jahr mit Bewerbungen" dabei sind. Dieses Jahr hat sich der Aufwand gelohnt.

Im Laufe der Tour steigt die Arbeitslosenquote von 2,6 auf 17,5 Prozent

Zusammen mit der freien Journalistin Theresa Rentsch hat das Interaktiv-Team eine Anwendung entwickelt, mit der User virtuell quer durch Berlin fahren können: M29 – Berlins Buslinie der großen Unterschiede. Entlang der Route der weltbekannten Buslinie kann man am Bildschirm verfolgen, wie sich die Bevölkerungsstruktur mit jeder Station verändert. Alter, Einkommen, politische Richtung der Bewohner.

Der Bus fährt vom Villenviertel in Grunewald über den Kudamm, vorbei an KaDeWe und Checkpoint Charlie bis nach Neukölln. Im Laufe der Tour steigt die Arbeitslosenquote von 2,6 auf 17,5 Prozent, an der Haltestelle Moritzplatz ist der Höchstwert erreicht. Als Tröger 2008 aus dem baden-württembergischen Balingen nach Berlin gekommen ist, ist er selbst mit dem M29 zur Arbeit gefahren. Damals war er Videoreporter bei der Welt. Sieben Jahre später bringt ihn dieselbe Buslinie ins Finale für den renommiertesten Online Award Deutschlands.

Angefangen hat die journalistische Karriere von Julius Tröger ebenfalls mit einem Preis. Als er 15 war, wurde der Vater eines Freundes zum besten Fiat-Autoverkäufer Süddeutschlands gekürt. Sein Gewinn: eine Digitalkamera. Weil er sie nicht benutzte, nahmen die Jugendlichen die Kamera, um auf Partys Fotos von Freunden zu schießen. Die Bilder, die dort entstanden, waren so gut, sagt Tröger, dass er und sein Kumpel sie auch den anderen Partygästen zugänglich machen wollten. Also gründeten sie eine Art Stadtmagazin, ein Internetportal, auf dem sie die Fotos hochladen und mit anderen teilen konnten. Problem sehen, rumtüfteln, Lösung entwickeln, online gehen. So entstand das erste Onlineprojekt von Julius Tröger.

Diese Arbeitsweise funktioniert noch immer. Statt sich lange mit Bedenken herumzuplagen oder Konzepte zu erstellen, werden Ideen möglichst schnell umgesetzt und dann so lange weiterentwickelt und optimiert, bis er zufrieden ist. "Wenn man zwei Wochen an einem Projekt sitzt, will man es schon perfekt haben." Das betreffe das Nutzererlebnis, die Gestaltung und besonders die Datenprüfung – hier sei er penibel. "Wenn man im Datenjournalismus einen Fehler macht und daraus eine riesige Anwendung entsteht, kann es peinlich werden. Wie wenn du beim Fußball einen Freistoß-Trick machst und dann stolperst." Klingt alles ziemlich kompliziert. Nicht für Tröger: "Alles ganz einfach." Ein Satz, der mehrfach fällt, wenn er von seiner Arbeit erzählt.

Wann wird eigentlich der Flughafen eröffnet?

Wenn ein Datensatz für ein neues Projekt zu groß ist, um ihn digital zu empfangen, fährt Julius Tröger zur entsprechenden Behörde und holt den Datenträger persönlich ab. Mit der Mitarbeiterin in der Abteilung für Geo-Daten diskutiert er dann über die Georeferenzierung von TIFF-Dateien, EPSG-Codes und anderen "Nerd-Kram", mit dem er sich schon während eines Praktikums bei der amerikanischen Nonprofit-Organisation ProPublica beschäftigt hat. Mit der Zeit entwickle man einen Blick für Daten und wie man sie miteinander verschränken kann, wie man Statistik-Tools nutzt und an die entsprechenden Rohdaten kommt, sagt er. "Klar muss man sich das erst erarbeiten, aber das ist wirklich alles nicht so schwer." Das alles technisch umzusetzen, sei oft die größte Herausforderung.

Aus seinen Recherchen entstehen Projekte wie die Website istderberschonfertig.de. Eine Checkliste dokumentiert die Baufortschritte am Berliner Problemflughafen BER. Gerade mal zwei Punkte sind bisher mit einem grünen Haken markiert – der Rest steht noch aus. Nutzer können abstimmen, wann sie mit der Fertigstellung des Flughafens rechnen. Geht man nach dem Abstimmungsergebnis, sieht es allerdings schlecht aus für die 2017 geplante Eröffnung: 1.486 Personen glauben, der Flughafen wird nie fertig.

Auf der Startseite laufen im Hintergrund kurze Videoschleifen, die Trögers Kollege Max Boenke gedreht hat. Einer dieser Loops zeigt, wie ein Bauarbeiter mit Helm und Warnweste auf einem Tretroller über den glänzenden Boden der Flughafenhalle rollt – ein Sinnbild für das, was sich dort tut. Damit die Redaktion die Seite aktuell halten kann, hat Teamkollege Moritz Klack einen E-Mail-Reminder programmiert, der Alarm schlägt, sobald eine Frist abläuft. "Eine Art Warnsystem, damit wir nichts verpassen", erklärt Tröger.

New York, Berlin, Bamberg

Mit dem, was er heute macht, verbinde er die beiden Berufe, die für ihn zur Debatte standen: Journalist und Informatiker. Heute hat Tröger für die komplexen Programmierarbeiten Spezialisten an der Seite. Gleich die erste Zusammenarbeit mit Moritz Klack wurde zum bisher erfolgreichsten Digitalprojekt der Zeitung: eine Berliner Karte zur Bundestagswahl 2013. Die ist, bis auf die Programmierungen, in nur einer Nacht entstanden. Die aktuellen Daten aus den Wahlbüros kamen nachts um 2 Uhr, also haben sie durchgemacht, damit das Projekt am Morgen online gehen konnte.

Nach der durchgeackerten Nacht und einem Morgenbier ist Julius Tröger nach Hause gefahren. Die ersten Stunden, in denen die Karte online war, hat er verschlafen. Als er nach dem Aufwachen auf das Smartphone sah, strömte eine Meldung nach der anderen in seine Twitter-Timeline. "Mein erster Gedanke war: ein Shitstorm!" Stattdessen überschlugen sich die positiven Reaktionen auf sein Projekt. "Die Wahlkarte hatte an einem Tag so viele Zugriffe wie kein anderer Artikel zuvor. Sie ist noch immer die meistabgerufene Geschichte seit Bestehen der Berliner Morgenpost."

Ein anderes Projekt, auf das der leitende Redakteur besonders stolz ist, ist der Flugroutenradar. Wenn ein Berliner auf der Website des Projekts seine Adresse angibt, bekommt er angezeigt, welche Flüge über seine Wohnung gehen und wie viel Dezibel der Fluglärm dort beträgt. Jeden Tag besuchen laut Tröger 300 bis 500 Personen die Seite. Es sind vor allem die interaktiven Anwendungen zu Service- und Nutzwertthemen, die die Leser auf der Website umtreiben. Wie viel Geld hat mich der Flughafenbau bisher gekostet? Wie hoch ist meine Miete im Vergleich zum Berliner Durchschnitt? Und wie stark ist die Flugbelastung in meinem Kiez?

2010 hat Tröger bei der Berliner Morgenpost angefangen. Als Onlineredakteur hat er damals erste Datenprojekte für die Zeitung umgesetzt. Ein Interaktiv-Team gab es noch nicht, Datenjournalismus war gerade erst im Entstehen. Mit dem Flugroutenradar und dem Praktikum bei ProPublica in New York hat seine Arbeit dann konkretere Formen angenommen. Anfangs hat er die Projekte fast alleine erstellt, dann wurden immer mehr Kollegen an der Umsetzung beteiligt. Programmierer und Designer wurden eingestellt, bis daraus ein kleines Team entstanden ist.

"Natürlich wird es auch mal stressig"

Dieses Interaktiv-Team wirkt wie eine Insel der Glückseligkeit in der Trümmerlandschaft zusammengestauchter Zeitungsredaktionen. Vom Ein-Mann-Betrieb hat es sich zu einer eigenen Abteilung entwickelt. Von Druck oder Frust spürt man hier nicht viel. "Natürlich wird es auch mal stressig", sagt Tröger. Aber das Team suche sich die Geschichten größtenteils selbst aus. Und es muss nicht täglich Ergebnisse liefern.

Die Arbeiten, die in dieser Atmosphäre entstehen, finden über den Stadtrand von Berlin hinaus Beachtung, zum Teil sogar außerhalb von Deutschland. Mittlerweile ist das Team um Tröger eine Art Aushängeschild der gesamten Redaktion. "Unsere Projekte bringen der Zeitung Aufmerksamkeit", sagt Tröger. Seit kurzem bringen sie auch Geld. Kunden melden sich in der Marketingabteilung und wollen Bannerwerbung schalten.

Theoretisch könnte man eine Karte erstellen, in der alle Orte markiert sind, von denen Julius Tröger schon mal Daten ausgewertet hat. Feinstaubmessstationen, Bushaltestellen, Wahllokale, Wohnblöcke – ganz Berlin wäre mit Punkten übersät. Ein Glück für Journalisten wie ihn: "Die Digitalisierung bringt immer mehr Daten hervor, die automatisch generiert werden", sagt Tröger, "und die müssen ausgewertet werden." Neben dem Job studiert er jetzt erst einmal Informatik in Bamberg, für das Studium hat er 20 Semester Zeit. Brauchen wird er die nicht.

Von

Sarah Nalazek ist Mitglied der journalist-Redaktion, Jan Zappner Fotograf in Berlin.

Die Juli-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Der Verlag nennt es den "neuen Stuttgarter Weg". Eine Redaktion soll zwei Zeitungen aus einer Stadt bedienen. Kann das funktionieren?

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