Buntegate

Stern sei Dank

Zum Journalismus gehört Schnüffelei, findet Presseanwalt Michael Schmuck. Der Bunten grundsätzlich vorzuwerfen, dass sie sich für das Privatleben von Politikern interessiert, hält er für scheinheilig. Die Frage sei nicht, was recherchiert, sondern was gedruckt werde. Ein Kommentar.

Portraitphoto-Berlin.de

Michael Schmuck

Wie wäre der Watergate-Skandal aufgeflogen, wenn nicht Deep Throat geheime Informationen ausgeplaudert hätte und die beiden Schnüffler Bob Woodward und Carl Bernstein hartnäckig in allen Sphären – auch im Privaten – geschnüffelt hätten?

Die Barschel-Affäre wäre keine Affäre gewesen, wenn nicht der Spiegel sich des zwielichtigen Herrn Pfeifer bedient hätte. Flick, der größte Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit, und die Neue Heimat wären unterm Teppich geblieben, hätten nicht Schnüffelnasen großer Magazine ihre Riecher in den Wind gesteckt.

Günter Wallraff, der unermüdliche Undercover-Reporter, steht schon symbolisch für Schnüffelei zum Wohle der öffentlichen Debatte. Hätten wir jemals etwas über die Methoden der Bild-Zeitung erfahren oder über Priester, die Waffenschiebern die Absolution erteilen, wenn nicht Wallraff ganz tief geschürft hätte?

Hans Leyendecker hat wohl selbstverständlich im Privatleben von Steffi Graf und ihrer gesamten Familie herumgestöbert, als er 1996 sein Buch "Reiche Steffi, armes Kind" schrieb.

Von vielen Schnüffeleien oder erschnüffelten Details werden wir allerdings nie erfahren. Jeder Bonner Journalist wusste in den 50er Jahren wohl Bescheid über einen schwulen Minister in der Regierung Adenauer, und es ist blauäugig anzunehmen, dass es nicht irgendwelche Fotos oder Recherchen über dessen Privatleben gab. Veröffentlicht wurde davon aber offenbar nichts.

In deutschen und ausländischen Redaktionen gibt es vermutlich Tausende von Fotos und Berichten über Ex-Bundeskanzler Kohl und seine Assistentin Juliane Weber – aber tief verborgen in den Archiven.

Ob alles, was die Presse so erschnüffelt, auch veröffentlicht werden muss, soll oder darf, das ist eben eine ganz andere Frage. Diese Frage müssen die Redaktionen beantworten, wenn sie das Recherche­material auf dem Tisch haben. Oft ergibt sich erst später etwas, oft weiß der Schnüffler beim Schnüffeln noch gar nicht, was er gerade erschnüffelt. Wer ist der heimliche, private Begleiter des Ministers? Ein Freund, ein Verwandter, ein Berater, ein Lobbyist, ein Krimineller, ein Spion? Spürnasen sind wie Überwachungskameras: Sie wissen nicht immer, was sie so alles erfassen.

In all der Aufregung wird manchmal vergessen: Die Presse muss als vierte Gewalt den Mächtigen auf die Finger schauen. Sie muss stöbern, bohren, graben – auch im Privatleben der Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft. Zwar ist das Schwirren um Sternchen, Teppichluder und Society-Damen damit weniger gemeint, aber es ist zwangsläufig der erbärmliche Appendix.

Der Presse vorzuwerfen, dass sie wo auch immer schnüffelt, ist so paradox, wie die Debatte, dass man zwar Krieg führen, aber bitte nicht schießen und erst recht keine Toten haben möchte. Zum Krieg gehören leider Tote, zum Journalismus gehört Schnüffelei. Ob man sich dazu allerdings fremder Hilfe bedient, ist eine andere ganz Frage. Diese Arbeit "outzusourcen", vor allem an Halbseidene mit zweifelhaften Methoden, ist kein sauberer Umgang mit der Verantwortung der vierten Gewalt.

Gerade der Stern, der nun überflüssigerweise scheinheilig tut, war früher einmal ein Vorbild für kritischen Journalismus, bekannt für seine hervorragenden Schnüffelnasen. 1975 druckte er – höchst umstritten – heimliche Mitschnitte eines Telefongesprächs zwischen CDU-Chef Helmut Kohl und seinem damaligen Generalsekretär Kurt Biedenkopf. Der Spiegel titelte: "Abhöraffäre oder Presseskandal?"

Der Stern kritisiert das Schnüffeln im Privatleben? Unter dem Begriff "Lex Soraya" schrieb er 1958 Pressegeschichte als mutiger Kämpfer für die Pressefreiheit, auch im Privaten schnüffeln zu dürfen. Am 19. April 1958 brachte er unter dem Titel "Tausend und eine Macht" eine Reportage über Persien, in der stand, die Scheidung des Schahs von seiner Kaiserin Soraya, der Lieblingsfrau seines Volkes, habe zu einer Staatskrise geführt. Darin wurde auch einiges über das Privatleben des Schahs ausgeplaudert. Der damalige Bundes­außenminister Heinrich von Brentano wollte einen Straftatbestand schaffen, um die Privatsphäre fremder Staatsoberhäupter vor deutschen Medien zu schützen. Danach hätte das Bundeskabinett entscheiden können, welche Behaup­tungen über fremde Staatsoberhäupter und deren Familien dem Staate schaden. Der Presserat und andere wussten das zu verhindern. Stern sei Dank.

Aktuelle Kommentare zu dieser Meldung

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Ins Gästebuch eintragen

 (Wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz

Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
Viavision
Viavision