Detail-Informationen

Autor

Interview: Hans Hoff

Fotos: Christian O. Bruch

verfasst am

02.05.2013

im Heft

journalist 5/2013

"Ein Intendant ist ein Möglichmacher." Lutz Marmor sieht sich als Zuschauerversteher. Und als Vermittler. (Bild: Christian O. Bruch)

Interview

"Herr Marmor, Sie als alter Rocker ..."

Sind die dritten Programme nur eine Seniorenbetreuung? Bräuchte es vielmehr einen Spartensender für Alte statt für Junge? Und warum lohnt es sich, die Biografie von Eric Clapton zu lesen? Im journalist-Interview stellt sich ARD-Vorsitzender und NDR-Intendant Lutz Marmor den Fragen nach Möglichem und Unmöglichem, nach Vermitteln und Vergnügen.

journalist: Haben Sie in Ihren ersten 100 Tagen als ARD-Vorsitzender schon Vergnügungssteuer ans Finanzamt überwiesen?

Lutz Marmor: Nein, mir macht das aber immer noch Spaß. Das müssen Sie mir glauben.

Ihre Vorgängerin sagte, der Job sei nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig. Das klang nach Klage.

Vergnügungssteuerpflichtig würde ich die Aufgabe auch nicht nennen. Sie ist eine Ehre und eine Herausforderung. Aber wenn etwas gelingt in dieser ARD-Welt, dann kann man auch mit einem kleinen Ergebnis zufrieden sein.

Wie erklären Sie einem Zuschauer den Job des ARD-Vorsitzenden?

Dem Zuschauer erkläre ich erst einmal, was ein Intendant ist. Ein Intendant ist ein Möglichmacher.

Och, echt?

Doch, genau das ist meine Funktion. Ich muss Freiräume schaffen, rechtliche, kreative und journalistische.

Das Zitat hängen sich jetzt ganz viele Redakteure in ihre Büros und gucken immer wieder drauf, weil sie es nicht glauben können.

Ja, das können sie gerne tun. Ich muss bei gewissen Dingen auch mal nein sagen, wenn es halt nicht geht. Aber man muss Rahmenbedingungen schaffen. Ich bin ja auch nicht derjenige, der von ganz oben ins Programm reinregiert. Ich muss Sachen aushalten, die ich persönlich vielleicht anders machen würde. Mir kann doch nicht jeder Zapp-Beitrag gefallen. Das ist völlig in Ordnung so.

Sie sind hier im NDR ein Möglichmacher, und dann kommen Sie in die Runde der ARD-Intendanten ...

Ja, ich versuche auch in der ARD, einiges zu ermöglichen. Da gibt es viele, die das Gleiche wollen. Wir haben in der ARD eine intensive Diskussionskultur. Manches dringt dann nach außen, das ist nicht so schön. Aber okay, natürlich haben unterschiedliche Sender unterschiedliche Interessen. Das finde ich aber nicht schlimm. Das gehört zur Demokratie und zum Föderalismus dazu.

Da sitzen in der Runde der Intendanten dann so viele Möglichmacher, und am Ende kommt so wenig dabei heraus.

Das sagen Sie.

Der Berg kreißt ständig ...

Die These würde ich so nicht unterschreiben. Im Augenblick ist das Erste nicht ganz so stark wie es schon einmal war, aber immer noch auf Rang zwei hinter einem ZDF, das ja immerhin in den vergangenen Jahren relativ gesehen mehr von den Gebührenerträgen profitiert hat als wir. Das müssen wir sportlich nehmen. Die großen Erfolgsgeschichten schreiben ja bei uns derzeit die dritten Programme.

Ihre Seniorenbetreuung.

Nein, das ist polemisch. Das stimmt wirklich nicht. Ich weiß nicht, ob Sie 61- oder 62-Jährige als Senioren abqualifizieren wollen.

Ich bin 58 und behaupte, ich bin alt.


Sie sind ein Senior? Na, sehen Sie, da unterscheiden wir uns. Na ja, ich bin auch nicht jung. Das weiß ich, aber alt wäre ein falscher Begriff.

Aber gucken Sie freiwillig dritte Programme?

Ja, gerne. Ich finde es wichtig, darüber informiert zu sein, was in der Region passiert. Dann haben wir natürlich auch ein paar schräge Formate. Wir haben Inas Nacht erfunden, wir haben Die Probe von Nils Holst. Jetzt rede ich vom NDR Fernsehen. Natürlich, weil ich das am besten kenne. Wir haben Extra 3. Da sind Formate dabei, die gegen den Strich gebürstet sind, und das ist auch gut so. Die setzen wir nicht gleich in die Primetime, sie bekommen Zeit, sich zu entwickeln. Und wir geben solche guten Formate ans Erste ab.

Da klingt mit, dass andere das nicht tun.

Das ist ja kein Geheimnis. Wir hätten gerne die hervorragende fränkische Fastnachtssendung im Ersten gehabt. Aber der BR hat gesagt: Das ist eine regionale Spezialität, das versteht in Deutschland keiner. Aber die Sendung hatte bundesweit mehr als zwölf Prozent Marktanteil bei der Ausstrahlung im Bayerischen Fernsehen.

Da haben Sie gekämpft.


Ja, aber ich muss das respektieren. Man kann ja niemanden zwingen.

Sie als Möglichmacher sagen, Sie können in der ARD niemanden zwingen. Wie kriegen Sie die anderen dann rum?

Ob ich die immer rumkriege, sei mal dahingestellt. Niemand kann immer alle seine Ziele durchsetzen. Im Leben nicht und erst recht nicht in der ARD. Ich kann da nur werben, überzeugen und einen Kompromiss finden. Das kann man versuchen. Das kann gelingen. Aber es kann natürlich auch mal danebengehen.

Wenn das Erste vom NDR etwas haben will, dann bekommt es das. So freigiebig sind Sie?

Das ist ja keine Freigiebigkeit, das ist wichtig. Wir verbreiten damit ja auch ein Bild des Nordens. Ich finde es richtig, dass norddeutsche Protagonisten bundesweit vorkommen.

Das heißt, die anderen sind schön doof, wenn sie ihre Sachen nicht ins Erste geben.

Nein, die sind nicht doof, die setzen andere Prioritäten. Das muss man akzeptieren.

Bild: Christian O. Bruch

"Ich bin nicht die Geschmackspolizei, die den jungen Menschen vorschreibt, was sie gucken sollen."

Was manche Formate im NDR angeht, mag ich Ihnen den Titel experimentell zubilligen. Wenn ich mir andere Dritte anschaue, sehe ich eher einen Hang zum Gleichklang.

Beim SWR würde man Ihnen zum Beispiel erzählen, dass sie gerade dabei sind, das umzubauen. Auf EinsPlus entstehen gerade viele neue, sehr junge Formate.

EinsPlus gilt nicht. Wir reden von den Dritten.

Einige dieser Formate können durchaus für die Dritten interessant sein. Wir reden aber hier die ganze Zeit vom Fernsehen und vergessen das Radio. Das ist sehr stark.

Wir reden nicht übers Radio, weil das keine Baustelle ist.

Wenn wir das schon mal feststellen können, ist es gut.

Noch mal: Ich finde, die Dritten werden immer beliebiger.

Die haben eine regionale Prägung. Die sind nicht beliebig.

Ich komme aus Nordrhein-Westfalen. Da besteht die regionale Prägung darin, dass ich die schönsten Talsperren aus NRW, die schönsten Misthaufen aus NRW und die schönsten Irgendwas aus NRW präsentiert bekomme.

Das gibt es, das kennen wir alle. Zumal wir das beim NDR auch mal gemacht haben. Ich glaube, wir waren mit die Ersten, die es hatten.

Das ist doch nur pseudoregional.

Das ist nicht pseudoregional. Man kann vielleicht sagen: Das ist nicht besonders originell und nicht die Spitze der Kreativität. Das würde ohnehin keiner behaupten. Aber regional ist das schon. Wir machen nun mal Programm für reale Menschen, und wenn die Menschen ein solches Programm interessant finden und annehmen, dann ist das auch in Ordnung. Wenn das ganze Programm so wäre, dann hätten Sie recht. Aber das ist ja nicht so.

Mich hat das zu dem Schluss gebracht, dass man die Dritten problemlos abschalten könnte.

Neiiiin.

Moment. Man könnte das wenige, das bei den Dritten originell und regional ist, zwischen 18 und 20 Uhr getrennt nach Regionen im Ersten ausstrahlen. Da wäre viel Geld gespart, sie hätten das Regionale verankert, und zum anderen Ihre Todeszone, den Vorabend im Ersten, gut gefüllt.

Das ist eine Betrachtung, die ich wirklich ablehne. Wir können nicht die starken Programme der Dritten schwächer machen, damit der Vorabend funktioniert. Es gibt mehr Zuschauer als wir in den dritten Programmen haben. Deshalb muss das Erste selbst versuchen, das Problem zu lösen. Ich gebe zu, der Vorabend ist eine unserer Hauptbaustellen. Da muss sich das Erste sein eigenes Publikum suchen. Aber nehmen wir mal den NDR. Da haben wir die Dokumentation 45 Minuten. Dem Genre Dokumentation fühlt sich der NDR seit langem verpflichtet. Deshalb ärgert es mich, wenn uns vorgeworfen wird, wir hätten zu wenige Dokumentationen.

Nicht genug.

Das kann ich verstehen. Wir haben nie genug. Aber wir haben ein Wirtschaftsmagazin für den Norden. Da ging es vor kurzem um die größten Preislügen. Das kommt beim Zuschauer gut an, wenn Prominente sagen: "Das hätte ich nie gedacht, dass das so dreist läuft." Warum sollen wir das nicht machen? Das ist zwar nicht wissenschaftlich fundiert, aber es funktioniert. Das mögen die Leute.

Bild: Christian O. Bruch

"Nehmen Sie den Tatort mit Til Schweiger. So sehen Tatorte aus, die die Jungen gucken wollen. Ich persönlich sehe bei Arte Summer of Love und andere Sachen. Auch beim NDR. Es ist nicht so, dass alte Rocker nicht wüssten, wo man das findet."

Jetzt haben Sie bestimmt schon fünfmal gesagt: Das finden die Leute gut, das mögen die Zuschauer.

Das ist ja auch richtig. Wir machen das Programm für die Menschen und nicht für uns und auch nicht für Medienjournalisten. Wir machen Programm fürs Publikum. Das ist mein Anspruch. Ich bin eher ein Zuschauerversteher. Ich mache das doch nicht für mich.

Da kann man Ihnen einen gewissen Populismus unterstellen. Sie machen das, was gängig ist.

Nein, nicht nur.

Das zu machen, was gängig ist, ist doch eigentlich Aufgabe der Privatsender.

Nein, nein, das ist nicht allein Aufgabe der Privatsender. Wenn alle Menschen Rundfunkbeiträge zahlen müssen, müssen auch alle Menschen Angebote bekommen. Ich fände es falsch, nur das zu machen, was die Privatsender nicht machen. Wir machen vieles anders. Kein Privatsender würde etwa am Dienstag nach unseren Serien die politischen Magazine platzieren. Da haben wir einen sehr ungewöhnlichen Audience Flow. Die Privatsender würden hinter die Serie noch ein ähnliches Stück setzen, aber wir sagen: Wir wollen, dass die Menschen über die Unterhaltung ein politisches Angebot finden. Das funktioniert nicht immer, aber häufig. Genau das ist ja die Mischung im Ersten. Und im NDR-Fernsehen programmieren wir komplementär. Wenn im Ersten Unterhaltung läuft, senden wir beispielsweise ein hartes, journalistisches Format. Kürzlich hatten wir im NDR das Thema Rechtsextremismus – Der Norden schaut hin. Dafür sind wir da.

Jetzt kommen Sie zum ersten Mal auf Inhalte zu sprechen.

Weil Sie gefragt haben.

Vorher haben Sie immer über Leute und Zahlen geredet.


Über Inhalte im NDR und über unsere Recherchen kann ich viel erzählen. Sie müssen, wenn Sie investigativ tätig sind, auch etwas aushalten und ein gutes Justiziariat haben. Das sich auch traut gegenzuhalten. Im journalistisch zulässigen Rahmen muss das möglich sein. Auch die Gremien tragen das mit. Und wenn wir jetzt mit der Süddeutschen Zeitung gemeinsam diejenigen sind, die das Thema Offshore-Leaks umsetzen, dann bin ich auch ein bisschen stolz.

Jetzt haben Sie aber mal genug den NDR gelobt.


Das kann ich natürlich am besten.

Jetzt loben Sie mal die ARD.


Da haben wir sechs politische Magazine. Ich weiß, jetzt kommt wieder: "Die sind nur eine halbe Stunde lang." Das ist aber mehr, als alle anderen haben. An die Quantität und Qualität hat man sich gewöhnt. Wir haben dazu den Weltspiegel, der sonntags um 19.20 Uhr zur besten Sendezeit läuft und ein Fenster zur Welt bietet. Wir haben die Tagesschau, die sowieso eine Institution ist, auch bei den jungen Menschen. Die gute alte Tagesschau erreicht, wenn Sie alle Programme zusammenrechnen, bei den Unter-30-Jährigen zehn Prozent Marktanteil.

Die jungen Menschen erreichen Sie doch nur mit massenattraktiven Programmen. Da lässt sich ja fast nicht vermeiden, dass da auch ein paar Junge mitgucken. Nach Tagesschau, Tatort oder Fußball sind die aber direkt wieder weg.


Ich bin nicht die Geschmackspolizei, die den jungen Menschen vorschreibt, was sie gucken sollen.

Die hauen ab, weil ihnen der Rest des Programms zu piefig ist.


Zu piefig? Das sagen Sie. Es gibt eben bei jungen Leuten unterschiedliche Interessen. Als ich 15 war, war ich auch nicht gleich so klassisch informationsgeprägt wie heute. Die ARD und die dritten Programme sind eben 'genetisch' informationsgeprägt. Aus der Stärke ergibt sich natürlich auch die Schwäche. Bei der Unterhaltung sind wir nicht gleich stark. Dass jüngere Menschen auch mal Quatsch und Blödsinn sehen wollen und Dinge, für die sie sich später vielleicht schämen, ist ja nicht schlimm. Das müssen wir aber den Privaten überlassen. Es muss bei uns Angebote für Jüngere geben, bei denen der Versuch eines Anspruchs unternommen wird. Deshalb reden wir ja auch über einen Jugendkanal, was aber nicht ausschließt, dass wir auch im Ersten jünger werden.

Bei den Zeitungen sind fast alle Versuche, Jugendseiten einzurichten, gescheitert. Jetzt macht die ARD genau diesen Fehler wieder und strebt einen Jugendkanal an.


Ansprechendes Programm für junge Leute ist kein Widerspruch in sich. Wir bekommen mit unseren Jugendradios schon den einen oder anderen.

Ja, beim Radio. Es gibt aber keinen Automatismus, der die Leute vom Radio zum Fernsehen bringt.

Das ist in der Tat ein Problem. Was im Radio funktioniert, muss nicht zwangsläufig im Fernsehen funktionieren. Wenn Sie dort ganz Junge ansprechen wollen, schalten die 35-Jährigen ab. Sie wissen doch, wie sich das beispielsweise bei Musik nach Altersgruppen aufteilt. Wenn Sie da den Jüngeren im Ersten Angebote machen wollen, dann schließen Sie vielleicht eine andere Gruppe aus.

Müssten Sie nicht im Hauptprogramm den Mut haben, auch mal eine Gruppe auszuschließen?

Machen wir ja. Wir schließen mit dem Musikantenstadl ein paar Jüngere aus.

Sie schließen alle Menschen unter 50 aus.

Nein, nein, 3,3 Prozent unter 50 sind da selbst beim Musikantenstadl noch dabei.

Das ist doch beinahe schon Jugenddiskriminierung.

Aber es gibt auch beim Schlager junge Zuschauer. Und die Älteren müssen doch auch etwas bekommen.

Kann man nicht den Älteren einen Spartenkanal einrichten statt den Jüngeren?

Nein, das glaube ich nicht. Das wollen die nicht, das brauchen die nicht. Mir ist jeder Zuschauer gleich lieb. Es gibt Leute, die sagen mir: "Hört bloß auf, immer weiter die Volksmusik zu reduzieren. Wir in den Altenheimen haben nicht mehr viel im Leben. Wir möchten auch ein Angebot haben. Nehmt uns das nicht weg." Ich persönlich würde ja auch gerne weniger davon senden. Ich sage, Musikantenstadl und Silbereisen – mehr brauche ich nicht. Aber eine gewisse Berechtigung hat das eben schon.

Musikantenstadl als Valium für die Altenheime.

Das ist doch kein Valium. Das ist ein harmloser Spaß.

Aber Sie als alter Rocker ...

Ich guck das nicht. Das ist doch keine Sendung für mich.

Sie müssten aber als alter Rocker doch traurig sein, dass für Sie so wenig kommt.

Das stimmt doch nicht. Wir haben das auch im umgekehrten Fall. Ein Lindenberg-Konzert, eine Dokumentation über die Toten Hosen. Wir wissen, dass das nicht die Massen zieht, aber wir senden es trotzdem. Die Menschen sind doch klug genug, das aufzunehmen oder in der Mediathek zu finden. Oder nehmen Sie den Tatort mit Til Schweiger. So sehen Tatorte aus, die die Jungen gucken wollen. Ich persönlich sehe bei Arte Summer of Love und andere Sachen. Auch beim NDR. Es ist nicht so, dass alte Rocker nicht wüssten, wo man das findet.

Sie sind mit 59 Jahren noch fit genug, das alles zu finden.


Das will ich doch stark hoffen, Herr Hoff.

Aber mit 65 Jahren ist es dann vorbei?

Wir versuchen ja, die Formate zu verjüngen. Das ist eine Riesendiskussion, und ich bin da noch nicht zufrieden. Da müssen wir besser werden.

Um die Jugend zu locken, müssen Sie ganz viel Geld ausgeben. Für Sportrechte, für die Tatorte.

Der Tatort ist doch, wenn man es durchrechnet, eins der günstigsten Produkte. Der kostet durchschnittlich 1,4 Millionen Euro.

Und wird dann in den Dritten 30-mal wiederholt.


Das ist doch die große Stärke der ARD. Wir sind ja die Verwertungsfamilie, fast schon eine Verwertungsmaschine. Wenn der Tatort gut läuft, sehen ihn zwölf Millionen. Da wären wir ja blöd, wenn wir das nicht mehrfach zeigten. Außerdem können andere dritte Programme einen Tatort wiederholen, ohne etwas dafür zahlen zu müssen. Da zeigt sich dann wieder das Positive am föderalen Prinzip.

Das Gegenstück sind Ihre vielen Talkshows. Die können Sie kaum wiederholen.


Die sind aber auch deutlich billiger. Sie sind ein ziemlich günstiges Genre. Reden ist nun einmal günstiger, als fiktionale Formate zu produzieren. Außerdem gehört der Diskurs dazu. Wir reden doch jetzt auch miteinander. Warum soll das im Fernsehen nicht stattfinden?

Bild: Christian O. Bruch

"Sehen Sie, da unterscheiden wir uns. Na ja, ich bin auch nicht jung. Das weiß ich, aber alt wäre ein falscher Begriff."

Es gibt gewichtige Stimmen in der ARD, die wünschen sich weniger Talkshows. Jetzt sind Sie, dessen Sender drei Talkformate verantwortet, ARD-Vorsitzender. Damit wird der Bock zum Gärtner, oder?

Das ist ja schon eine Bewertung. Und ich lehne Ihre Arithmetik ab, weil Günther Jauch ein Sonderfall ist. Die Sendung betreuen wir zwar redaktionell, aber sie wird von allen gleich finanziert. Dann bleiben zwei Talkshows beim NDR. Aber wenn wir mal von außen auf die Sendungen schauen: Sie haben die Kritik angenommen und sich positiv entwickelt. Natürlich kann man diskutieren, ob man fünf davon braucht. Diese Diskussion führen wir, und es wird irgendwann ein Ergebnis geben. Wann, kann ich Ihnen nicht sagen.

Es müsste ja dieses Jahr passieren, weil die Verträge der Talkmaster neu verhandelt werden.

Man könnte theoretisch auch noch kurz etwas verlängern. Aber Sie haben recht. Irgendwann muss man eine Bilanz ziehen. Und zum Thema "Bock zum Gärtner": Der ARD-Vorsitz, das ist in erster Linie ein Moderations- und Sprecheramt. Ich muss Lösungen und Kompromisse suchen. Das hindert mich ja eher daran, die NDR-Position zu vertreten. Es erwarten schließlich alle, dass derjenige, der eine Verhandlung führt, mit gutem Beispiel vorangeht.

Das heißt, Anne Will und Reinhold Beckmann haben einen Nachteil durch Ihr Amt?


Die haben keinen Nachteil. Aber sie haben auch keinen Vorteil. Bloß wenn jetzt Einzelne meinen, es würde ganz viel Geld frei, wenn wir einen Talk absetzen, kann ich nur sagen: Das ist nicht zu Ende gerechnet, und ich kann rechnen.

Sie sind ein Zahlenmensch.

Darauf lasse ich mich nicht gerne reduzieren. Jetzt mache ich mal Werbung für mich selbst. Einerseits kann ich rechnen, aber ich habe auch Begeisterung fürs Programm. Ich bürste auch mal etwas gegen den Strich. Denken Sie mal an den Eurovision Song Contest 2010. Das war ja nicht völlig unumstritten, als ich gesagt habe: "Da probieren wir jetzt mal eine Kooperation mit ProSieben."

Kaum ist ProSieben weg, geht das Ding baden.


Das ist jetzt überspitzt gesagt. Der Vorentscheid war doch eine sehr gute Show. Ich habe interessante Musik gehört.

Die Mobilisierung der Nation klappt diesmal aber nicht.

Das war aber auch früher schon so. Die Radios haben Lena auch erst gespielt, als sie erfolgreich wurde. Aber ich kann mich noch erinnern, was das für eine Stimmung in Deutschland war, als Lena gewann. Das war ein kleines Sommermärchen. "Europa liebt uns ja doch", hieß es da plötzlich.

Da waren Sie, um mal ein Bild zu zeichnen, quasi dabei, als die Stones Satisfaction geschrieben haben. Aber danach kam dann nicht mehr so viel.

Ich war nicht dabei, als die Stones Satisfaction geschrieben haben. Meine erste Single war Paint It Black.

In einer Talkshow haben Sie gesagt, es war The Last Time.


Oh ja, das habe ich verwechselt. Sie haben recht. Es war The Last Time. Gut, dass Sie es mir sagen.

Haben Sie die Biografie von Keith Richards gelesen?

Durchgeblättert. Super ist die von Eric Clapton. Die würde ich wirklich empfehlen. Der ist auch sehr ehrlich mit seinen ganzen Abstürzen. Mein Idol ist ja Rod Stewart. Aber die Biografie habe ich noch nicht ganz lesen können.

Zurück zur ARD. Wie viele Pickel kriegen Sie, wenn Sie die Zahl 7,5 Milliarden Euro hören?

Sie meinen die gesamten Beitragseinnahmen der Öffentlich-Rechtlichen? Ich finde für das, was wir an Vielfalt bieten, ist das in Ordnung.

Haben Sie damit gerechnet, dass die Beitragsdiskussion Ihnen derart den Start als ARD-Vorsitzender verhagelt?


Man kann nie mit allem rechnen. Es war ja zu erwarten, dass jene sich melden, die mehr zahlen müssen. Inzwischen haben wir aber ganz gute Umfragewerte, die sich in der Publizistik aber eher nicht niederschlagen. Im Dezember haben 76 Prozent der Menschen gesagt, der Beitrag sei in Ordnung. Im Februar waren es 78 Prozent. Die Zustimmung hat nicht abgenommen. Trotz der Diskussion.

Geht das auf Ihr Konto? Oder ist die Medienhysterie einfach abgeflacht?


Das ist beides, das wissen wir doch. Irgendwann ist alles geschrieben. Wir haben versucht, nicht aufgeregt zu reagieren. Wir hatten beim Beitragsservice Probleme, weil die Leute telefonisch nicht durchgekommen sind. Da hätten wir vielleicht anders reagieren sollen. Und so richtig toll fand ich – ehrlich gesagt – unsere Kampagne auch nicht. Das sage ich jetzt mal selbstkritisch.

Was soll man sagen, wenn Sie in knapp zwei Jahren den ARD-Vorsitz abgeben?


Der hat das vernünftig gemacht und fair einen Interessenausgleich unter uns Sendern hingekriegt. Der hat zwei, drei Themen richtig auf die Schiene gesetzt. Der hat uns gut nach außen vertreten und versucht, das öffentlich-rechtliche System den Menschen immer wieder neu zu erklären.

Der Möglichmacher hat bei den Unmöglichmachern was geschafft?

Das mit den Unmöglichmachern erlebe ich nicht so. Ehrlich. Die Kollegen sind konstruktiv. Das ist eine produktive Unruhe. Man darf das nicht alles schlechtreden. Der Tatort ist die deutsche Fernsehmarke ...

Jetzt nicht schon wieder Ihre Produkte loben.


Warum nicht? Ist das falsch? Ist es nicht auch die Aufgabe eines ARD-Vorsitzenden, die eigenen Produkte zu loben?

Ich gebe ja zu, dass der Tatort im Prinzip okay ist.


Wunderbar. Dann sind Sie ja schon katholisch. Dann habe ich meinen Job gut gemacht.

Über den Autor

Hans Hoff arbeitet als Journalist in Nideggen.

 

Die Mai-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Verletzt, entführt, getötet. In Krisengebieten leben und arbeiten Journalisten in ständiger Gefahr.

Jetzt Probeabo bestellen: Hier gibt es die kommenden drei Ausgaben zum Kennenlernpreis von 5 Euro.

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

23.08.2013 18:11

Moritz Müller

Ich bin 16 Höre auch gern mal Schlager ... aber kein Musikantenstadel ... das ist Volksmusik. Aber Schlager und der kommt im Radio zu kurz. Marmor hin oder her.

03.05.2013 10:43

Udo Schmidt

"Wir haben in der ARD eine intensive Diskussionskultur." Das hat er aber schön formuliert. Ehrlicher wäre es zu sagen: Wir ARD-Sender gönnen und gegenseitig nicht die Butter aufs Brot, zoffen uns wie die Kesselflicker. In den einzelnen Sendern ist es genauso. Hauptsächlich konferieren wir. Unsere Redakteure konferieren von morgens bis abends. Selbst Filme machen können nur die wenigsten, die allermeisten verwalten nur. Wir haben im Schnitt doppelt bis dreimal mehr Redakteure als die Privaten und sind weder produktiv noch kreativ. Wir pflegen unseren Dünkel, dass wir als ARD-Redakteure etwas Besseres sind. Nachdem wir in den vielen Konferenzen alle unsere öffentlich-rechtlichen Statements abgegeben haben, nicken wir Sendungen ab, die die Privaten imitieren – aber schlechter, denn wir haben dafür kein Geld. Und am Ende behaupten wir: "Die 25 schönsten Autobahnbrücken seien vom Publikum gewollt" – als ob uns etwas Besseres hätte einfallen können, was wir aber mit Rücksicht aufs Publikum nicht gezeigt haben. Die kreativen Autoren und Produzenten haben wir schon längst vom Hof gejagt. Die antichambrieren halt nicht so, wie unsere Redakteure es gerne hätten.

03.05.2013 09:31

Klaus Mueller

Geht das nicht auch im TV? = "Wenn 100.000 Menschen Madonna hören wollen und 1 Mensch Anton Webern, muss man nicht 100.000 Stunden Madonna senden und 1 Stunde Anton Webern, sondern 1 Stunde Madonna und 1 Stunde Anton Webern. Da nämlich all 100.000 gleichzeitig hören können, kommen alle 100.000 Madonna-Freunde auf ihre Kosten und der Webern-Freund ebenfalls. DAS ist Demokratie." (Urs Frauchiger, "Brevier für Radiohörer", 1982)

03.05.2013 09:19

Klaus Mueller

Ach ja, die "Diskussionskultur" – hat die der Henscheid schon in seinen "756 Kulturen" drin?
Was für'n realsatirischer Schwätzer. "Och, echt?" ist die passende Reaktion und der Typ merkt trotzdem nix.

 
Anzeige: 1 - 4 von 4.