Detail-Informationen

Autor

Interview: Monika Lungmus

verfasst am

13.12.2012

im Heft

journalist 12/2012

facebooktwitterdel.icio.usMister Wongdigg.comaddthis.comMa.gnolia

Worum es bei der geplanten Änderungen von Ziffer 8 geht? "Um die Präzisierung dessen, was öffentliches Interesse und was Persönlichkeitssphäre ist."

Presserat

"Zufrieden bin ich nicht"

18 Rügen, viele Verstöße gegen das Persönlichkeitsrecht, ein Streit mit Brand Eins: Das ist die Bilanz des Presserats für 2012. Der journalist sprach mit Geschäftsführer Lutz Tillmanns über Trends im Umgang mit den ethischen Regeln des Selbstkontrollgremiums.

Lutz Tillmanns ist seit gut 20 Jahren Geschäftsführer des Deutschen Presserats.

journalist: 2011 gab es 1.323 Leserbeschwerden über die Berichterstattung. Mit wie vielen Beschwerden rechnen Sie bis Ende 2012?

Lutz Tillmanns: Am 31. Oktober lagen 1.263 Beschwerden vor. Und wenn man noch zwei Monate dranhängt, wird die Zahl wohl noch etwas steigen.

Gegen welche ethischen Regeln wurde in den vergangenen Jahren besonders häufig verstoßen?

Die meisten Beschwerden betreffen das klassische Handwerk: Es geht etwa um die Verletzung von Sorgfaltspflichten. Da fühlt sich ein Interviewter falsch zitiert, ein Leser moniert, dass sein Leserbrief gekürzt wurde. Dies ist über die Jahre gleich geblieben. In diesem Bereich gibt es die meisten Beschwerden. Verstöße stellen wir stärker beim Umgang mit den Persönlichkeitsrechten fest, die in Ziffer 8 und 9 des Pressekodex behandelt sind: Schutz des Privatlebens und der Intimsphäre von Menschen, Schutz der Ehre. Weitere Verstöße registrieren wir gegen das Trennungsgebot zwischen Redaktion und Werbung. Hier ist die Trefferquote auch höher zwischen dem, was uns die Beschwerdeführer vortragen, und dem, was auch der Presserat moniert.

Welche Fälle wurden besonders kontrovers diskutiert?

Wir haben uns intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir mit Opfergalerien bei Unglücksfällen umgehen sollen. Die beiden Beschwerdeausschüsse hatten in ihren jeweiligen Verfahren eine etwas unterschiedliche Auffassung: Der Ausschuss, der sich mit dem Amoklauf von Winnenden beschäftigt hatte, hielt diese Opfergalerien eher für zulässig. Der andere Ausschuss, der sich mit der Loveparade-Katastrophe befasst hatte, sah das kritischer. Wir haben das grundsätzlich diskutiert und uns entschieden, dem Opferschutz den Vorrang einzuräumen.

Es geht hier also um die Ziffer 8 des Pressekodex. Und die soll jetzt geändert werden, richtig?

Ja. Hintergrund ist auch die Berichterstattung über Straftaten, insbesondere über schwerwiegende Straftaten, an denen ein großes öffentliches Interesse besteht. Die Ziffer 8 regelt etwa die Zulässigkeit von Namensnennungen, Bildveröffentlichungen und der Verbreitung personenbezogener Daten. Die Ziffer – sie stammt im Kern aus den 70er, 80er Jahren – ist da dringend überholungsbedürftig. Wir haben hier die Strafverdächtigen, die Straftäter, und die Opfer in einer Regelung abgehandelt. Das allein ist schon schwer vermittelbar.

Wie soll die neue Ziffer 8 aussehen?

Mit der konkreten Ausgestaltung befasst sich eine Arbeitsgruppe, die dem Plenum einen Vorschlag für die Neuformulierung vorlegen wird. Bei den Änderungen geht es aber nur um Nuancen: um die Präzisierung dessen, was öffentliches Interesse und was Persönlichkeitssphäre ist. Bei der Berichterstattung über Straftäter könnte man das öffentliche Interesse etwas höher ansetzen als das Persönlichkeitsrecht. Und bei den Opfern wird es eher umgekehrt sein.

Kommen wir zu Brand Eins: Der Presserat sah mit einer fremdfinanzierten Sonderbeilage die gebotene Trennung von Redaktion und Werbung verletzt und erteilte eine Rüge. Diese hat aber nicht Brand Eins, sondern dem Presserat negative Schlagzeilen beschert. Was ist schiefgelaufen?

Schiefgelaufen ist nur eine formale Sache: Wir haben in unserem Pressetext geschrieben, dass die Sonderbeilage der Brand-Eins-Redaktion zuzuordnen sei. Das war falsch. Es handelte sich um eine separierte Redaktion, die allerdings zum Teil personenidentisch mit der Brand-Eins-Redaktion besetzt war. Der Verlag hat daraufhin eine Unterlassungsverpflichtungserklärung verlangt, die wir tatsächlich abgegeben haben, aber ohne dass wir nur ein Komma von unserer ethischen Bewertung abgerückt sind.

Sie bleiben also bei der Rüge?

Exakt. Und die Chefredakteurin hat auch selbst, das will ich hier betonen, den Rügenabdruck für die nächste Ausgabe in Aussicht gestellt.

Paul-Josef Raue, der Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, hat nach dem Brand-Eins-Fall "dringend eine Reform des Presserats" gefordert. Er monierte etwa, dass Sitzungen hinter verschlossenen Türen stattfinden. Selbst die Beschuldigten würden nicht geladen.

Herr Raue koppelt seine Kritik an den Disput mit Brand Eins. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wir tagen in der Tat unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Schon deshalb, weil es in ganz vielen Fällen um personenbezogene Daten geht. Nun könnte man zwar die Beteiligten zu den Beschwerdeverfahren einladen. Aber ernsthaft: Wie sollen wir bei 400 bis 500 Fällen, die in die Ausschüsse kommen, alle Beteiligten anhören? Das würde den Rahmen komplett sprengen.

Bild ist Ihr größter Kunde. Und es ist auch kein Geheimnis, dass Bild und der Presserat ein eher gespanntes Verhältnis haben.

Es ist ein professionelles Verhältnis. Bild provoziert mit ihren Mitteln zum Nachdenken über Journalismus. Und das hat auch eine PR-Wirkung für den Presserat. Wir können nicht erwarten, dass alle derselben Meinung sind. Aber wir können erwarten, dass man sich mit unseren Argumenten auseinandersetzt – und das tut Bild.

Seit 2009 kümmern Sie sich auch um Onlinemedien. Ich könnte mir vorstellen, dass dort Schleichwerbung eine größere Rolle spielt als gedruckt.

Das vermuten viele, ist aber nicht mit den Zahlen des Presserats zu belegen. Zugenommen hat aber hier der Trend, über Personen zu berichten. Die Verstöße gegen die Privatsphäre sind mit dem Internet häufiger geworden.

Viele Beschwerden beziehen sich auf die Verwendung von Fotos aus sozialen Netzwerken. Inwieweit sieht sich der Presserat zuständig?

Wenn diese Fotos aus Facebook in den Printmedien landen, dann tritt der Presserat natürlich auf den Plan. Wir sind der Auffassung: Sollen Bilder oder persönliche Informationen aus den sozialen Netzwerken veröffentlicht werden, dann muss das Einverständnis der Betroffenen eingeholt werden. Es sei denn, es sind ganz überwiegend öffentliche Interessen im Spiel. Aber man kann nicht sagen: Bloß weil ein Foto auf Facebook verbreitet wird, darf dies in die Zeitung.

Hartnäckig hält sich der Vorwurf vom "zahnlosen Tiger". Denn der Presserat kann die Beteiligten nicht zwingen, eine Rüge zu veröffentlichen.

Das ist richtig. Wenn ein Verlag nicht will, kann man ihn nicht zwingen. Man kann nur den Druck erhöhen.

Zehn Prozent der Verlage weigern sich, die Rügen abzudrucken. Könnten Sie mal ein paar Namen nennen?

Mehr als die Hälfte derjenigen, die nicht abdrucken, sind Bauer-Medien. Darüber hinaus sind es Fachverlage, die aber auch keine Verpflichtungserklärung unterschrieben haben.

Sie sind also ganz zufrieden?

Nein, zufrieden bin ich nicht. Es kommt ja darauf an, wie man veröffentlicht und mit der Qualitätskritik umgeht. Man kann engagiert und selbstkritisch veröffentlichen, und man kann nur der formalen Pflicht genügen. Viele Medien folgen leider nur der formalen Pflicht. Da wird dann nur ein Dreizeiler abgedruckt, dass der Presserat diesen oder jenen Artikel gerügt hat. Diese Medien haben nicht erkannt, dass es ein Indiz für gute Qualität wäre, wenn sie das engagierter betreiben würden.

 

Die Dezember-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Zeitungen in der Krise. Die Legende von der Synergie

Jetzt Probeabo bestellen: Hier gibt es die kommenden drei Ausgaben zum Kennenlernpreis von 5 Euro.

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Ins Gästebuch eintragen

 (Wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz

Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
Viavision