Detail-Informationen

Autor

Monika Lungmus

verfasst am

07.12.2010

im Heft

journalist 12/2010

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Link zum Thema

Alle Informationen des DJV zu den gemeinsamen Vergütungsregeln gibt es auf der Website faire-zeitungshonorare.de.

Mehr zum Thema

Einen Text zu den Hintergründen der DJV-Kampagne gibt es hier.

Nur vereinzelte grüne Häkchen in einem Meer von Rot – nach den gemeinsamen Vergütungsregeln bezahlen nur weniger Zeitungsverlage ihre freien Mitarbeiter.

Gemeinsame Vergütungsregeln

"Verlage wollen's Billig"

Was können Journalisten tun, damit die Landkarte der gemeinsamen Vergütungsregeln künftig mehr grüne als rote Häkchen zeigt? Der journalist sprach mit Michael Hirschler, Referent beim Deutschen Journalisten-Verband (DJV).

Wolfgang Bickelmann

Michael Hirschler: "Wir müssen alles versuchen"

journalist: Die Landkarte auf der Website faire-zeitungshonorare.de zeigt wenige grüne, aber sehr viele rote Häkchen. Mehr als neun Monate, nachdem die gemeinsamen Vergütungsregeln in Kraft getreten sind, hat sich also noch nicht viel getan. Woran liegt das?

Michael Hirschler: Ganz einfach: Die Verlage wollen’s möglichst billig haben. Sie sind offenbar nicht bereit, ihren Freien mehr zu zahlen als bisher.

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger hat also eine Vereinbarung unterschrieben, die die Verlage nicht umsetzen?

So sieht es aus. Er hat fast sieben Jahre mit dem DJV und der dju verhandelt, um anschließend etwas zu unterzeichnen, was in der Branche letztlich ignoriert wird.

Wenn die Verlage nicht freiwillig zahlen, dann müssen die Freien selbst aktiv werden …

Aber sie sollten auf keinen Fall allein agieren, sonst sind sie schnell ihren Job los. Sie sollten ihren DJV-Landesverband einschalten und sich mit dem Betriebsrat des Verlags beraten. Sie können das Thema auch erst einmal mit den Redakteuren besprechen.

DJV und dju haben die Freien aufgefordert, sich zusammenzuschließen und nach dem Vorbild der Badischen Zeitung Freienräte zu bilden. Aber hier bewegt sich nicht viel. Woran hapert es?

Wer sehr viel arbeiten muss, um über die Runden zu kommen, hat kaum Zeit. Mancher Freie rechnet sich vielleicht auch aus, was er in der Zeit, die er in solch einen Freienrat investiert, verdienen würde, und er fragt sich dann: Weshalb soll ich mir wegen zehn Cent mehr pro Druckzeile problematische Gespräche aufhalsen? Hinzu kommt die Sorge, möglicherweise die Arbeit zu verlieren.

Der Appell ist also etwas realitätsfern?

Nein. Es gibt auch positive Beispiele. Nehmen wir die Rheinpfalz: Hier hatte der Verlag neue Verträge ausgegeben, die mit den gemeinsamen Vergütungsregeln nicht zu vereinbaren waren. Daraufhin interessierten sich viele Freie plötzlich für das Thema und wollten sich treffen. Es gibt bei der Rheinpfalz zwar keinen Freienrat. Aber es geht ja erst einmal darum, dass sich die Freien vernetzen. Wir hoffen natürlich, dass sie sich langfristig in Richtung eines Freienrats bewegen. Letztlich gibt es auch keine Alternative zu diesem Engagement in eigener Sache.

Es gibt auch Negativbeispiele: Selbst da, wo sich der DJV einschaltet und – wie etwa im Fall des Bonner General-Anzeigers – dem Verlag eine Liste der dort tätigen hauptberuflichen Freien überreicht, stellt man sich stur und weigert sich, solche Sammellisten anzuerkennen. Wie will der DJV denn hier vorgehen?

Wir müssen alles versuchen, damit die Vergütungsregeln in den Häusern tatsächlich umgesetzt werden – der DJV kann und soll also die Ansprüche der Freien, wenn sie es denn wollen, kollektiv gegenüber dem Verlag anmelden, damit der Einzelne nicht abgestraft wird. Wenn aber die Landkarte der Vergütungsregeln trotz dieser Versuche weiterhin sehr viele rote Häkchen zeigt, dann ist das auch ein Signal an die Politik. Wenn sich zeigt, dass die Verlage weiterhin geltendes Recht ignorieren, dann ist das ein sehr gutes Argument dafür, die Vergütungsregeln gesetzlich festzuschreiben, so wie es die Gewerkschaften von Anfang an wollten. Für die Verlage könnte das dann sehr unangenehm werden. 

Kritiker wie der Verein Freischreiber haben von Anfang an nicht viel von den Vergütungsregeln gehalten. Ein Kritikpunkt: Die Honorarsätze seien nicht angemessen.

Für einen namhaften Kulturjournalisten, der einen ganz anderen Spielraum hat, um sein Honorar zu verhandeln, sind die Vergütungsregeln allenfalls Mindeststandard. Aber um diese Freien geht es ja nicht, sondern um die Masse der Berufskollegen, die nicht in dieser komfortablen Situation sind. Für die sind die Regeln eine elementare Verbesserung. Beim DJV haben sich viele Freie gemeldet und mitgeteilt, dass die Sätze für sie eine Verdreifachung des Honorars bedeuten würden.

Ermöglicht ein Honorar von 150 bis 200 Euro für einen 200-Zeilen-Bericht sauber recherchierten Journalismus?

Die Frage kann man gerne mal mit den Verlegern diskutieren. Die Gewerkschaften konnten mit ihnen nur diesen Kompromiss abschließen. Es war das Maximale, das in den Verhandlungen rauszuholen war. 

Es gibt Freie, die kritisieren, dass sie von der Erhöhung der Honorare im Grunde gar nicht profitieren, weil sie jetzt weniger Aufträge bekommen. Was setzt der DJV dem entgegen?

Wichtig ist doch: Der einzelne Artikel wird besser bezahlt. Und bekommt ein Freier jetzt weniger Aufträge, dann hat er mehr Zeit, auch für andere Auftraggeber tätig zu werden, was ihm dann letztlich doch mehr Geld einbringt. Unsere Forderung lautet natürlich, dass auch die Honoraretats entsprechend angepasst werden müssen. Darauf haben wir aber keinen Einfluss. Hier müssten die Redakteure tätig werden und sich für eine entsprechende Erhöhung einsetzen. 

Verkennen die Gewerkschaften hier nicht die Situation in den Verlagshäusern? Eine Zeitung wie die Westdeutsche Allgemeine kürzt sogar den Honorartopf für Freie – und es gibt keinen Aufstand.

Wer sich nicht für Freie einsetzt, die 20, 40, 60 Stunden für die Redaktion tätig sind, der darf sich nicht wundern, wenn er selbst irgendwann eingemacht wird.

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

13.12.2010 18:14

Frank Rust

"Aber sie sollten auf keinen Fall allein agieren, sonst sind sie schnell ihren Job los. Sie sollten ihren DJV-Landesverband einschalten und sich mit dem Betriebsrat des Verlags beraten."
Aha, und dann sind sie ihre Jobs nicht los? Wer's glaubt ...

 
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