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Autor

Interview: Jan Freitag

Fotos: Jan Zappner

verfasst am

08.03.2012

im Heft

journalist 3/2012

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  • Im Juni bekommt der Cicero einen neuen Chefredakteur. Lesen Sie in der März-Ausgabe des journalists, ob die Cicero-Leser erneut einen "Linksruck" fürchten müssen.

Michael Naumann

"Den Linksruck muss man mir erst mal beweisen"

Michael Naumann stand zwei Jahre als Chefredakteur an der Spitze des Ciceros. Im Sommer wechselt er in den publizistischen Beirat. Ein Gespräch über konservative Werte und verfehlte Auflagenziele.

journalist: Wenn von Cicero die Rede ist, fällt sofort das Wort "konservativ". Was ist Ihr Konservatismus?

Michael Naumann: Ein antitotalitärer, dialektisch geschulter Wertekonservatismus, der Fragen stellen darf, ohne mit Patentantworten aufzuwarten. Die Debatte um Präimplantationsdiagnostik oder Abtreibung zeigt zwar, dass der kirchliche, also glaubensbegründete Strukturkonservatismus noch politischen Einfluss hat, aber wir können darüber debattieren, ohne dass der Staat lenkend eingriffe, auch wenn er es bisweilen legislativ mit merkwürdigen Gesetzen tut. Konservativ zu sein, ist eine mögliche Haltung auch für Zweifler wie mich. Das heißt auch, nicht auszuschließen, dass es zum Beispiel einen Gott gibt.

Das wäre die religiöse Grundlage.

Hinzu kommt ein Kulturoptimismus, gesetzt gegen den apokalyptischen Pessimismus der Ökologiebewegung, also gegen eine Zukunftsskepsis, die in den 80er Jahren zu Irrtümern führte wie der Warnung vorm völligen Verschwinden des deutschen Waldes.

Ängste kennen auch Konservative …

Durchaus. Politischer Konservatismus war in den Anfangsjahren der Republik geprägt von einem Antikommunismus, den ich aus biografischen und intellektuellen Gründen geteilt habe. Nach dem Godesberger Programm der SPD bestand zwar keine wirkliche Gefahr eines sozialistischen Etatismus. Die Angst der Konservativen vor möglichen Eigentumseingriffen blieb aber eine wirksame Überbau-Schimäre, mit der die Sozialdemokraten propagandistisch bekämpft wurden. Das hat mich schon als junger Mann erbost.

Und wo steht nun der Cicero?

Dass er im klassischen, also eigentlich überholten Sinne konservativ war, konnte man ihm nie nachsagen. Der Klimawandel wurde vor meiner Zeit von Cicero-Autoren bestritten, aber den Linksruck, von dem nach meinem Antritt die Rede war, muss man mir erst einmal beweisen. Ich führe den Cicero wie früher die Zeit.

Das heißt?

Aus der Überzeugung, in einer demokratisch gefestigten Republik zu leben, bilden wir Debatten über ihre gerechte Ordnung ab. Ich bin wahrlich kein Atomkraftfreund, aber die schwarz-gelbe Energiewende ist einer der größten Eingriffe in die Wirtschaft seit der kommunistischen Bodenreform nach 1945. Um es betriebswirtschaftlich zu sagen: Es fehlt die Deckungsbeitragsrechnung. Kein Dax-Konzern könnte so überleben.

Hätte es unter Ihrem Vorgänger einen neutralen Artikel über den linken Bundestagsfraktionsvize Dietmar Bartsch gegeben?

Wer weiß? Unter ihm war der Cicero ja wirtschaftsnah und pluralistisch. Bartsch ist eine koalitionsfähige Person, seine Partei ist es nicht. Punkt. Einige der Bundestagsmitglieder repräsentieren für mich keine Linken, sondern nur noch epochenversetzte, zum Teil völlig verbohrte Repräsentanten einer Zeit, die es nicht mehr gibt.

Bartsch ist einer, der seiner Klientel Nestwärme gibt. Wie viel Nestwärme erwartet Ihre Zielgruppe vom Cicero?

Wenn sie nur das will, sind wir das falsche Blatt. Aber bei uns schreiben eben auch Paul Nolte und Heinrich-August Winkler, die linker Tendenzen eher unverdächtig sind. Meine Philosophie ist es, Denkanstöße zu geben. Christoph Schwennicke wäre nicht zum Cicero gekommen, wenn wir Debatten gegenüber nicht aufgeschlossen wären.

Ist das der Grund, warum er Ihnen nachfolgt?

Er folgt mir nach, weil er ein erstklassiger Journalist in genau dem Alter ist, dieses Blatt zu führen. Er ist im Vergleich zu mir jung, hat aber Lebenserfahrung und unter anderem das Parlamentsbüro der Süddeutschen Zeitung geleitet.

Eine Gesinnungsprüfung gab es nicht.

Nein. Mit Gesinnung allein lässt sich kein Blatt machen. Er ist jedenfalls gut genug vernetzt und kann mal eben bei Wolfgang Schäuble anrufen und fragen, ob er eine Stunde Zeit hat, um über das Leben im Rollstuhl zu sprechen.

Mit Schwennicke kommt ein Journalist aus der Mitte der Medienrepublik. Hat sich der Cicero je abseits des politischen Mainstreams gesehen?

Diesen Mainstream verkörpert derzeit eine machiavellistische Kanzlerin; darüber hinaus gibt es keinen, außer der berechtigten Sorge um die sozialen Lebensverhältnisse: Rente, Gesundheitsversorgung, Demografie. Das addiert sich in den Zukunftssorgen der Nation zum Kammerton. Politik fußt zusehends auf Ad-hoc-Maßnahmen – siehe Euro-Krise. Das beschreiben und kritisieren wir.

Meinungsstark, so viel kann man sagen.

In die analytischen Texte fließt die Meinung jedes Autors ein. Um das zu verstehen, muss man kein Erkenntnistheoretiker sein. Damit darf und soll sich der Leser auseinandersetzen. Die Frage ist: Existiert noch ein Markt für ideologisch zugespitzte Publizistik mit einem geschlossenen Weltbild? Unsere Leser können ihre eigenen Schlüsse ziehen. Unsere Zielgruppe ist das interessierte Bildungsbürgertum. Es ist groß genug, und es wächst.

Wer macht dem Cicero da Konkurrenz?

Die großen Magazine: Spiegel, Zeit, Stern. So gut möchte auch unser kleines Team sein.

Wie ist es etwa mit den Blättern für deutsche und internationale Politik?

Ein gut gemachtes Magazin. Aber wir setzen auf Reportagen. Nehmen Sie die von David Remnick über die russische Zivilgesellschaft. Die haben wir allerdings dem New Yorker abgekauft. Ich würde auch gern jemanden zwei oder drei Wochen nach Russland schicken. Aber unser Etat ist beschränkt.

Es muss Ihnen doch gut gehen – nach acht Jahren Auflagensteigerung.

Wir haben wie alle deutschen Magazine Rückgänge im Einzelverkauf. Das Internet hinterlässt seine Spuren. Und auch wenn steigende Abo-Zahlen Cash-Flow generieren, hatte ich mir bei Amtsantritt vorgenommen, über 100.000 zu kommen. Das ist misslungen und hat vielleicht mit der Preiserhöhung zu tun, aber mehr noch mit dem Markt. Rund 4.000 Zeitschriften- und Zeitungstitel entsprechen sicher meiner Vorstellung von liberaler Marktwirtschaft, sind aber doch viel Konkurrenz. Leicht wird’s da auch Christoph Schwennicke nicht haben. Aber schön und aufregend. Sonst wäre er nicht gekommen.

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