In eigener Sache

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Autor

Michalis Pantelouris

verfasst am

01.04.2015

im Heft

journalist 4/2015

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  • 12.04.2012: Griechenland: Die 1-Million-Euro-Klage gegen Bild weiter
In Griechenland ist er der Deutschenversteher, in Deutschland der Griechenversteher: Michalis Pantelouris.
Bild: Christian O. Bruch, [M] journalist

Griechenland und die deutschen Medien

Die andere Seite

Michalis Pantelouris ist gelernter Journalist. Er ist Deutschgrieche. Oder andersherum Grecogermane. Pantelouris sitzt zwischen den Stühlen. In Deutschland muss er die Griechen erklären und in Griechenland die Deutschen. Gerade das fällt ihm zunehmend schwer. Denn die Art, wie Medien in Deutschland Stimmung gegen Griechenland machen, empfindet Pantelouris als unerträglich. Eine Abrechnung.

Niemand hatte sich vorgestellt, dass eine links geführte griechische Regierung in Deutschland freudig empfangen würde. Schon gar nicht eine, deren tongebender Partner "Koalition der Radikalen Linken" heißt (dafür steht das griechische Kürzel Syriza). Aber noch weniger vorstellbar war bis vor kurzem eine andere Sache: dass ein amtierender Finanzminister eines europäischen Landes (Griechenland) sich in TV-Talkshows von einem Amtskollegen (Bayern) würde sagen lassen müssen, er solle "seine Hausaufgaben machen".

Das ist der Ton, den vor allem Medien in Deutschland gesetzt haben, seitdem die neue griechische Regierung Ende Januar an die Macht gewählt wurde: ein Ton der konsequenten Demütigung. Wenn man sich die trommelnde Kaskade der Berichterstattung der vergangenen Wochen noch einmal kurz vor Augen führt, dann wirkt sie fast unwirklich. Aber natürlich muss man es trotzdem tun.

Schon vor der Wahl erschienen in deutschen Medien anmaßende Kommentare. "Kanzlerin, stoppen Sie die Abzock-Griechen" schrieb der Chefreporter der Bild-Zeitung, und der Welt-Wirtschaftsressortleiter forderte "Euro-Länder müssen den Griechen mit Rauswurf drohen". Es ist eine merkwürdige Disharmonie der Forderungen, wenn man bedenkt, dass die griechischen Wähler aus ihrer Sicht vor allem das Ziel hatten, endlich das alte, korrupte System abzuwählen. In Deutschland forderte man genau das lautstark seit Jahren. Nur dann nicht, wenn echte Veränderung drohte: Vor den Wahlen 2012 hatte Wolfgang Schäuble noch vor einem Regierungswechsel gewarnt und wenig subtil mit einem "Grexit" gedroht – also dem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Es gehört zur merkwürdigen Dynamik dieser Krise, dass sich weite Teile der Medien, wie Spiegel-Online-Kolumnist Georg Diez es ausdrückt, "immer voll auf Merkel-Linie" befinden.

Eine antideutsche Geste?

Nein, angesichts einer übergroßen Merkel-Koalition im Bundestag und eines in der Griechenland-Krise auf Regierungslinie schwimmenden Medien-Mainstreams war nicht zu erwarten, dass eine griechische Regierung warm empfangen würde, die für echte Veränderung auch der europäischen Politik stehen will. Aber welch manische Ablehnung ihr entgegenschlagen würde, war dann doch überraschend.

Premierminister Alexis Tsipras legte als einen seiner ersten Amtsakte Rosen an einem Mahnmal für getötete Nazi-Widerstandskämpfer nieder – was als antideutsche Geste verstanden wurde. Außenminister Nikos Kotzias protestierte, er habe einer "einstimmig" gefällten Russland-Sanktion noch gar nicht zustimmen können – was als gegen die EU gerichtet verstanden wurde. Mitarbeiter des Protokolls haben mir irritiert erzählt, die Botschafter Russlands und Chinas seien nach jeder Wahl unter den ersten, die Glückwünsche ihrer Regierung überbrachten – dieses Mal, beim "linksradikalen" Tsipras, wurde es als Versuch gewertet, neue, andere Verbündete als die Partner in der EU zu finden. Außerdem wurde seine Koalition mit den rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen mit einem Furor kommentiert, den man sich als Beobachter bei der Koalition von Konservativen und Sozialdemokraten mit der tatsächlich rechtsextremen LA.O.S-Partei 2011 gewünscht hätte.

Und das war nur der erste Tag. In den folgenden entdeckte die Welt in manischem Überschwang sogar noch angebliche Judenfeindlichkeit bei Finanzminister Yanis Varoufakis, weil der – es wirkt fast dadaistisch, das aufzuschreiben – sich "begeistert [äußert] über antizionistische Juden, die infrage stellen, dass es eine gute Idee war, dass Juden einen Nationalstaat in Palästina gegründet haben". Der eine antizionistische Jude, über den Varoufakis sich begeistert geäußert hat, ist übrigens der österreichische Sozialdemokrat und Ex-Kanzler Bruno Kreisky – und natürlich war der Grund für Varoufakis' Begeisterung keineswegs dessen Antizionismus. Wie gesagt, es ist gaga, aber offensichtlich war es manchen deutschen Medien nicht zu abwegig, um damit Stimmung gegen eine demokratisch gewählte Regierung zu machen, die sich nicht auf die Merkel-Linie begeben wollte.

Eine monströs verzerrte Realität

Die Erzählung der griechischen Krise hat sich längst von den Realitäten gelöst. Das hat vornehmlich drei Gründe, drei Grundfehler, die sich in der Berichterstattung finden, und ich fürchte, sie sind teilweise immanent in den Gesetzen der Medien. Da ist erstens die Tatsache, dass Konfrontation spannender ist als Kooperation. Zweitens werden Zitate nicht daraufhin untersucht, was in ihnen steckt, sondern darauf, was man zugespitzt aus ihnen machen kann. Und drittens haben viele Medien das Problem, Fehler nicht eingestehen zu können oder zu wollen. All das ist Teil der inneren Logik von Medien, und all das lässt sich auch in der Berichterstattung über das deutsch-griechische Verhältnis in den vergangenen Jahren studieren.

Als der griechische Außenminister am Morgen seines Amtsantritts darauf bestand, er müsse "einstimmigen" Erklärungen der EU zu Russland erst einmal zustimmen, bevor sie einstimmig getroffen werden könnten, werteten die meisten Medien das als Drohung mit einem Veto gegen Russland-Sanktionen. Als er direkt danach aber Sanktionen gegen Russland mittrug, änderten sie angesichts neuer Fakten keineswegs ihre Einschätzung. Im Gegenteil: "Griechenland rudert zurück" hieß es etwa auf stern.de. Das war der Anfang einer Erzählung, die später in der Behauptung Wolfgang Schäubles mündete, in Europa wüsste "niemand, was die griechische Regierung eigentlich genau will". Der simple Gedanke, dass gewählte Vertreter sich zusammensetzen, um gemeinsam zum Wohle ihrer Völker – oder gar einer Völkergemeinschaft – etwas zu erreichen, scheint völlig weltfremd. Es geht um Konfrontation bis zum Sieg, als sei Politik im besten Fall ein Spiel und im schlechtesten ein Krieg und Demütigung ihr wichtigstes Mittel. Was einzelne Schritte auf diesem Weg bedeuten, ist dabei egal.

Möglich wird das durch eine mir bis vor kurzer Zeit noch unvorstellbare Wurstig- und Beliebigkeit. Sie ist nicht nur an der Griechenland-Berichterstattung sichtbar, aber hier besonders deutlich. Die Welt am Sonntag verbreitet in einer großen, auf dem Titel angekündigten Geschichte, der griechische Finanzminister interessiere sich nicht für 800 Milliarden Franken reicher Griechen, die unversteuert Gewinne auf Schweizer Konten anhäuften. 800 Milliarden Franken, also dreimal das Bruttoinlandsprodukt Griechenlands, eine unvorstellbare Zahl – und natürlich ist sie falsch, um den Faktor 1.000 falsch, die echte Zahl ist 800 Millionen. 799,2 Milliarden weniger als behauptet.

Eine monströs verzerrte Realität

Drei Autoren haben an der Geschichte geschrieben, die Zahl wird immer wieder genannt, im Editorial zitiert, sie steht in großer Überschrift auf der Titelseite. Ironischerweise werfen die Autoren in der Geschichte dem griechischen Finanzminister ausgerechnet Unprofessionalität vor, während eine Phalanx von professionellen Journalisten der Welt am Sonntag, von Autoren über Ressortleiter, Schlussredakteure und Chefredakteure allesamt aufgeregt eine monströs verzerrte Realität verbreiten, ohne es zu bemerken. Das ist wurstig. Immerhin: Die Redaktion hat sich inzwischen "für dieses Versehen" entschuldigt.

Auf Focus Online erklärte kurz nach Amtsantritt der Regierung eine Videokolumnistin den Zuschauern, der griechische Finanzminister habe den Austritt aus dem Euro angekündigt. Natürlich war das falsch, ein Interpretationsfehler, wie Chefredakteur Daniel Steil dem Medienblogger Stefan Niggemeier erklärte, der Satz sei deshalb aus dem Video gekürzt worden. Das Phänomenale daran ist: Ob Griechenland aus der Euro-Zone aussteigt oder nicht, macht für den Rest des Beitrags überhaupt keinen Unterschied. Da hatte eine Redakteurin die (allerdings falsche) Nachricht des Jahres, und ihre Bewertung der Weltlage ändert das kein bisschen? Griechenland im Euro, nicht im Euro, ganz egal?

Als Deutschgrieche oder Grecogermane in Deutschland steht man in dieser Zeit zwischen den Stühlen, ich finde mich regelmäßig in der Position, in Deutschland Varoufakis erklären zu müssen und in Griechenland Schäuble.

"Mitleid mit den Griechen"

Das ist nicht immer einfach, vor allem, weil auch Wahrnehmungen sich offensichtlich von der Realität entkoppeln. Man findet kein böses Wort, das Varoufakis je über Schäuble oder die deutsche Regierung gesagt hat, trotzdem gilt er als Provokateur.

Wolfgang Schäuble hingegen hat schon nach den ersten zwei Wochen der neuen Regierung öffentlich "Mitleid mit den Griechen" bekundet, weil sie eine unverantwortlich handelnde Regierung gewählt hätten. Schäuble gilt als Ausbund von Seriosität und als Opfer unberechtigter Attacken. Wahrscheinlich greift hier das Prinzip des Welt-Rezensenten, der die TV-Dokumentation Macht ohne Kontrolle – die Troika von Harald Schumann deswegen verriss, weil Geschichte nicht aus Sicht der Verlierer geschrieben werden dürfe. Und das ist tatsächlich der wichtigste Punkt, über den man sprechen muss, wenn man über Griechenland, Deutschland und die Berichterstattung in der Euro-Krise spricht: Einige haben offensichtlich längst den Bereich verlassen, in dem Journalismus noch Grundlage oder zumindest Dienstleistung für den Austausch von Informationen und Argumenten ist, also den demokratischen Prozess.

Harald Schumanns Film lief wenige Wochen nach den griechischen Wahlen im deutschen Fernsehen, zunächst auf Arte, etwas später leicht gekürzt in der ARD. Im Film spricht auch Yanis Varoufakis, aufgenommen ein gutes halbes Jahr, bevor er Minister wurde. Er sagt, was er immer sagt: dass Griechenland 2010 pleite war und die Hilfskredite nicht hätte annehmen dürfen. Am Morgen nach der ARD-Ausstrahlung titelte Bild, zum ersten Mal hätte ein Politiker zugegeben, dass Griechenland pleite sei. Es war eine Farce.

Die Mauer aus Ablehnung und Beliebigkeit

Varoufakis sagt das seit fünf Jahren. Er sagte es vor seiner Wahl wie nach seiner Wahl, er sagte es in Medien in Griechenland und überall sonst, auch in Deutschland – zum Beispiel in der Zeit, und natürlich sagte er es im selben Film schon Wochen vorher auf Arte. Darauf hingewiesen wirkte Bild-Chefredakteur Kai Diekmann auf Twitter ernsthaft überrascht. Es scheint, dass bei Deutschlands größter Tageszeitung auch sechs Wochen nach der Wahl, nach sechs Wochen intensiver negativer Berichterstattung, niemand in der Redaktion wirklich irgendetwas von Varoufakis gelesen oder ihm auch nur zugehört hätte. Stattdessen startete man zur Bundestagsabstimmung die glücklicherweise nur mäßig "erfolgreiche" Nein-Kampagne zum Mithetzen.

Mir ist nicht klar, was in der Redaktion von Günther Jauch passierte, als man Varoufakis' Zusage für die Sendung bekam. Der Titel: Der Euro-Schreck stellt sich. Und dann hält man ihm in der Sendung vor, er würde provozieren? Das nun notorische Mittelfinger-Video, völlig aus dem Zusammenhang gerissen und manipulierend präsentiert?

Varoufakis hat das Ganze noch verschlimmert, weil man seine Antwort so verstehen musste, als wäre nicht der Einspieler "doctored" (also inhaltlich verzerrt), sondern die Bilder gefälscht worden. Dennoch: Als ich von Varoufakis' Teilnahme an der Sendung hörte, hatte ich gehofft, er bekäme die Gelegenheit, ein Loch in die Mauer aus Ablehnung und Beliebigkeit zu hämmern, die längst die Debatte bestimmt. Denn er ist nicht nur einer, der vielen Griechen wieder einen Hauch von Würde gegeben hat, weil er die Unterwürfigkeit vorheriger Regierungen abgestreift hat, er ist auch ein spannender Europäer, der kluge Dinge zu sagen hat. Vielleicht ist er gerade der spannendste Europäer überhaupt. Gleichzeitig ist er der wahrscheinlich am häufigsten falsch zitierte Politiker unserer Zeit.

Das sagt hoffentlich nicht schon alles.

Über Den Autor

Michalis Pantelouris ist gelernter Journalist und lebt in Hamburg. Die Frage, wie Griechenland in den Medien dargestellt wird, beschäftigt ihn schon lange – natürlich auch aus ganz persönlichen Motiven. Auch er war zu dem Thema schon Gast bei ARD-Talker Günther Jauch.

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

01.04.2015 14:17

Torsten Fuchs

Starker Artikel. Lieber Kollege "Grecogermane", nicht alle hier denken so wie die von Ihnen zitierten "Journalisten". Für mich ist Syriza auch Ausdruck einer Hoffnung. Leider versucht die Linkspartei, Syriza zu umarmen. Dabei hat Tsipras keine Mauertoten zu verantworten.

01.04.2015 19:06

Hans Bertelsmann

@Torsten: Dann haben sie doch nur noch etwas gemeinsam und um so mehr Grund zur Umarmung...

02.04.2015 06:16

Hinrich Stuweh

Endlich mal eine saubere Darstellung der Missverständnisse. Hier geht es anscheinend den Kapitalsüchtigen doch eher um weiter Ausplünderung eines schon geplünderten Landes. Die "Deutschen" wähnen sich auf der sicheren Seite, weil sie durch ihre Arbeit den Planeten weiter und schärfer ausplündern können. Hier wird Wohlstand auf dem Rücken der gesamten Welt geschaffen. Die südländische Mentalität mag vielen Nordeuropäern fremd vorkommen, scheint jedoch näher am Leben zu sein als verbissenes schaffe, schaffe Häusle bauen.

02.04.2015 07:13

Michaele Frey

Danke für diesen trefflichen Artikel!!

02.04.2015 09:58

Margarita Fotiadis

Lieber Michalis Pantelouris, danke für Ihre pointierte Revision einer etwas längeren Geschichte des Griechen-Bashings. Aber wo bleibt das Gegenbild? Interessanter wäre es, wenn man die Reaktionen der griechischen Medien mit einbeziehen würde und wiederum deren Einfluss auf die öffentliche Meinung, insbesondere hinsichtlich des Deutschland-Bildes vieler Griechen. Dieses fatale Aktin-Reaktionsspiel wirkt sich m. E. auch auf die Verhandlungstaktik der Politiker aus, da versucht wohl jeder dem anderen ein Schnippchen zu schlagen. Bei aller Sympathie und Unterstützung für das Erneuerungsprojekt von Syriza darf man nicht, aus lauter Benevolenz, kritiklos werden. Syriza ist aus personellen, praktischen wie auch ideologischen Gründen mit der Situation überfordert; hoffen wir, dass sie sich möglichst bald einfuchsen und durch das gemeine Chaos durchsteigen, was ihnen die Vorgängerregierung hinterlassen hat. Von den deutschen Medien würde ich mir mehr Informationen über die politischen Konzepte von Syriza wünschen als über einzelne, zugegeben, charismatische Persönlichkeiten. Und wenn es auch so ist, dass man diese doch lieber beschreibt als abstrakte Strategien, dann bitte nicht so eindimensional. Gerade in bezug auf Varoufakis bin ich mir nicht so sicher, dass er der interessanteste Europäer unserer Zeit ist. Wenn Sie seine Bücher lesen, so wird klar, dass er einem doch sehr romantisierenden Weltbild einer gerechten, humanen Gesellschaft anhängt, wie sie Marx – ein bedeutender Denker, aber einer des 19. Jhds. – entworfen hat. Varoufakis ist m. E. ein Denker, der zutiefst in der Welt der aufgeklärten bürgerlichen Linken verankert ist, deren Utopien und Visionen bisher leider immer an der harten Gegenwirklichkeit gescheitert sind. Glauben Sie, so eine Persönlichkeit hat das Rüstzeug, um die Probleme Griechenlands zu lösen und sich gegenüber der EU mit seinen Ideen durchzusetzen?

02.04.2015 10:19

Theo Tier

Die Halbierung der Filmlänge als leicht verkürzt zu bezeichnen, empfinde ich gegenüber der ARD – die auch ihr nicht unerhebliches "Scherflein" zum Griechen-Bashing beiträgt – als äußerst wohlwollend. Was wurde wohl alles weggelassen?

02.04.2015 10:59

Theo H.

@ Theo Tier: Ich vermute nicht, dass man bei der ARD die gegenteiligen Äußerungen, also die zu Schumanns Position konträren Meinungen weggelassen hat. Denn die hat es wohl nie gegeben. Der Film war eine einzige Anklage. Also etwa der gleiche Journalismus, den Herr Pantelouris auch propagiert: entscheidend ist nicht, OB etwas einseitig ist - entscheidend ist, FÜR oder GEGEN wen.

Danke an Margarita Fotiadis.

02.04.2015 12:46

Bernhard Aicher

Bin Auslandsösterreicher und lebe seit 1986 in Griechenland. Bin trotz Krise hiergeblieben. Das, was seit 2009 die deutschen, vor allem aber auch diverse Schmierblätter Österreichs von sich geben, ist einfach himmelschreiend haarstäubend. Seit dem Regierungswechsel im Jänner 2015 wurde es noch schlimmer. Es ist unübersehbar, dass die Politik Deutschlands und der Beiwagenfahrer mittlerweile nur mehr dem Kapital dient. Die Liberalen, anders kann man die grossen herrschenden Parteien eigentlich nicht mehr einordnen, verfolgen Ziele, welche ach so oft gegen die europäische Idee verstoßen. Alles was diese, die EZB, die Troika-Nachfolger, die EU-Kommision erreichen werden, ist und wird eine Zunahme radikaler Parteien sein.

02.04.2015 15:33

Chris Afimiopoulos

Was für ein Spiel in den allermeisten deutschen Medien gespielt wird, war schon seit Jahren klar. Eine Statistik, wie oft über Luxusversorgung und Betrug berichtet, und wie selten auch nur ansatzweise eine Skizzierung des griechischen Sozialsystems versucht wurde, vermisste ich weitaus mehr als den x-ten Auftritt von Quasselrundenteilnehmern in der vorbestimmten Griechenrolle.

03.04.2015 10:43

Theo H.

@Chris Afimiopoulos,

ich sag das jetzt mal stellvertretend für alle Kolleginnen und Kollegen: In den allermeisten deutschen Medien wird kein Spiel gespielt. Das ist eine unverschämte Unterstellung.

Im Gegenteil: es gibt kaum ein anderes Thema, über das so gegensätzlich und in der Masse somit auch differenziert berichtet wird. Nur ein Beispiel: Harald Schumann hat in ARD und arte eine recht teure Doku platzieren können, in der er der Troika mehr oder weniger die Schuld an allem gab. Und konträr dazu liest man in der FAZ diesen Artikel:

http://bit.ly/188PyOF

Einseitigkeit über die gesamte deutsche Medienlandschaft hinweg ist also nicht festzustellen. Herr Pantelouris musste ja schon arg Bröckchen sammeln, um Beispiele für seinen #aufschrei zu finden. Der viel gescholtene Jauch (warum eigentlich gescholten?) hatte übrigens auch Herrn Pantelouris mal zu Gast.

03.04.2015 14:26

Hubert Burghardt

Danke! Ganz genauso habe ich die Entwicklung auch wahrgenommen, rede permanent dagegen an und stoße bei meinen deutschen Mitbürgern immer wieder auf Unkenntnis, Ignoranz und Überheblichkeit. Manchmal schämt man sich schon Deutscher zu sein!

03.04.2015 17:24

Sven Oddevold

@Theo H.
Die (vornehmlich deutschen) Wirtschaftsliberalen haben ja schon vor der Wahl angekündigt, dass die Syriza keine Chance bekommen und ihre humanen Vorhaben sabotiert werden würden.

Denn so tickt der Deutsche: Solange er auf der Seite der (vermeintlich) Stärkeren steht, ist soziales, gerechtes, humanes Handeln also romantischer Mumpitz. Dann hat das Recht des Stärkeren zu gelten - ohne jede Gnade. Aber wehe, das Blatt wendet sich: Dann wird aus dem schärfsten Neoliberalen der radikalste Sozialromantiker. Hatten wir ja schon mal - die Geschichte wiederholt sich. Europa unter der Führung Deutschlands ist eine Geschichte der Zerstörung.

03.04.2015 19:56

Torsten Schäfer

So ist es, Hubert Burghardt, Unkenntnis - Ignoranz - Überheblichkeit sind immer (!) auf der Gegenseite zu finden. Man selbst ist wissend - aufgeschlossen - bescheiden. Nee, ist schon klar. Wissen Sie eigentlich, was in der griechischen Presse los ist, wie "pointiert" die Medien da zu Werke gehen? Was meinen Sie: wie viele Griechen schämen sich deswegen, Griechen zu sein?

04.04.2015 13:53

Mechthild Schmitt

Ein ausgezeichneter Artikel, der einer größeren Verbreitung bedürfte. Unterstreiche auch die Aussage: "Er (Varoufakis) ist auch ein spannender Europäer, der kluge Dinge zu sagen hat." Davon müsste es mehr PolitikerInnen geben, und Europa wäre gerettet. Aber vielleicht ist ja gerade das das Problem ...

05.04.2015 17:50

Hans M.

@Theo H.

Natürlich wird in den meisten Medien kein Spiel gespielt, denn den meisten Journalisten fehlt es einfach an Intelligenz dazu. Dumpfes Nachplappern ergibt dann den Rest. Die "Berichterstattung" über Griechenland ist da nicht das einzige Thema, wo dies auffällt. Sensation geht vor Genauigkeit.

Gibt es denn noch mehr Gegenbeispiele in der Presse außer dem Film von Schumann? Irgendwas, wo die Troika und deren Austeritätspolitik kritisch beurteilt wurde? Irgendwas in den gedruckten deutschen Qualitätsmedien? Zum "Stinkefinger" gab es gefühlt (ich habe nicht gezählt) dutzende Zeitungsberichte mehr als eine rationale Betrachtung der Situation. Wenn die Quote bei allen Artikeln des Themenbereiches "finanzielle Situation Griechenlands" 10:1 ist, kann man nicht von einer differenzierten Betrachtung des Themas sprechen.

Ich möchte hier nicht den Journalismus per se verurteilen, allerdings wenn man mitbekommt wie (einigen) Journalisten gewisse Dinge mehrmals erklärt werden, jene es dann aber irgendwie trotzdem schaffen, diese Dinge falsch aufzuschreiben - dann muss ich mich persönlich einfach fragen, wie viel in den restlichen Artikeln auch falsch ist.

10.04.2015 14:35

Klemens Strauss

Griechisches Sprichwort, heute gelesen im ARD-Videotext ... Unter tausend Menschen gibt es einen Weisen, aber drei, die sich dafür halten!

27.04.2015 10:53

Melanie Gehrke

Ich will nur kurz mein Entsetzen über die deutsche Griechenland-Berichterstattung in den hiesigen Medien zum Ausdruck bringen, ich fühle mich in einen düsteren SiFi-Film versetzt, in dem die demokratischen Prinzipien nichts mehr gelten. Die müsste eine unabhängige Presse wachsam begleiten ...

Dass sich eine solche Mehrheit der Deutschen dermaßen manipulieren lässt, wer hätte sich das träumen lassen. Wir nehmen wieder die erste Gelegenheit wahr, Europa ein weiteres Mal zu zerstören oder zumindest in die große Gefahr der Zerstörung zu bringen.

27.04.2015 13:04

Chris Bader

Vielen Dank für Ihren ausgewogenen Artikel! Als Varoufakis-Leser wundere ich mich jeden Tag, was in den deutschen Medien für ein groteskes Bild von ihm und der griechischen Regierung gezeichnet wird. Dabei hat er im Gegensatz zu vielen seiner europäischen Kollegen umsetzbare Ideen, um Europa zu reformieren.

27.04.2015 14:28

Petra Wilhelmi

@M.Gehrke: Man sollte sich nicht darüber wundern, dass sich eine große Zahl Deutscher manipulieren lässt. Man schaue in die Einkaufswagen der Supermärkte: BILD. Man sehe die Fernsehnachrichten, egal von welchem Sender: einseitige Nachrichten, ob nun zu Griechenland oder Russland. Überall wird nur das Böse gewittert und an den Mann/Frau gebracht. Wenn die Fakten es nicht hergeben, werden sie eben gebogen. Bösartig möchte ich noch darauf aufmerksam machen, dass es keine Denk-App gibt.

27.04.2015 15:49

Felix Kaul

Griechenland und seine Politiker so darzustellen, ist ganz großes Kino. Warum werden an keiner Stelle mal die Beträge erwähnt, die bislang Richtung Athen, für was, geflossen sind?

Hat der bayerische Finanzminister nicht recht mit der Feststellung, dass sein griechischer Kollege endlich mal seine Hausaufgaben machen soll? Ich kann mich dem nur anschließen, bis heute kam aus Athen nicht mal heisse Luft.

27.04.2015 21:27

Joachim Nolte

Für EZB, EU und IWF steht fest: Griechenland darf keinen Erfolg haben, weil sonst ihre neoliberale Strategie scheitert. Im Jahre 2009 beschlossen diese Institutionen, mit Griechenland einen Test zu starten, um zu klären, wie weit sie mit ihrer Austeritätspolitik gehen können, ohne nicht mehr beherrschbare soziale Unruhen zu riskieren. Die Akzeptanz dieser Politik in den Euro-Ländern, die in einer ähnlichen Situation waren, sollte mit einer systematischen Diskreditierung Griechenlands in den Medien erreicht werden, die immer noch andauert. Ich empfehle hierzu das Buch von Ernst Wolff: Weltmacht IWF, Chronik eines Raubzugs, Tectum 2014, zu Griechenland ab S. 175

Ihnen kann ich nur raten: Überzeugen Sie die Griechen und ihre neue Regierung davon, dass sie im Euro-Raum nicht die Spur einer Chance haben (siehe oben).
Viel Glück!


27.04.2015 23:07

Dagmar Brandt

Arte +7 zeigt eine Sendung mit dem Titel "EU: Kurz vor dem Crash?"
Darin wird ein deutscher Unternehmer (Inoviscoat GmbH) interviewt:
".... der Wohlstand, der hier erarbeitet wurde, basiert zu einem großen Teil auf der EU und dem Export in die europäischen Länder .... Ich kenne kaum ein mittelständisches Unternehmen, dass sein Wachstum nur in Deutschland hingekriegt hätte, sondern auch hier sind Europas Möglichkeiten für jedermann mehr als willkommen ... Europa ist für uns und für die Firma natürlich sehr wichtig ...Das ist schon etwas, das man gemeinsam geschaffen hat ... " Er appelliert an "Frau Merkel", auch weiterhin an diesem "europäischen Gefüge" zu arbeiten.

Anders gesagt, große Teile der deutschen Wirtschaft haben in den vergangenen 30 Jahren gut an schuldenfinanzierten Exporten nach Griechenland etc. verdient - auch die in diesen Firmen angestellten Arbeitskräfte. Niemand hat sich in Deutschland über die anwachsende Schuldenspirale aus griechischen Staatsanleihen und internationalen Krediten beschwert. Der "Rubel rollte" prächtig auf deutsche Konten. Jetzt drohen deutschen Banken und Pensionskassen als Finanziers dieser schuldenfinanzierten Exporte deutscher Unternehmen hohe Abschreibungen auf diese Schuldtitel in ihren Büchern. Davor soll sie nun der deutsche Steuerzahler bewahren, der nicht einsieht, warum er für seinen auf griechischen Schulden gebauten Wohlstand nachträglich blechen soll.

Diese Zusammenhänge bringt jener Unternehmer rund um Minute 25 auf den Punkt. Leider wird jener Unternehmer aber nicht gefragt, welchen Beitrag er und Seinesgleichen zur Lösung der Schuldenproblematik in der EU beitragen wollen. Der Mann vermittelt mir unterschwellig den Eindruck, dass er von "Frau Merkel" ein geräuschloseres Handling des Schuldenproblems erwartet, welches ihm und Seinesgleichen auch weiterhin glänzende Geschäfte außerhalb Deutschlands ermöglichen soll.

 
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