Detail-Informationen

Autor

Interview: Jan Freitag

verfasst am

05.07.2011

im Heft

journalist 7/2011

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Bild: journalist

Mopo-Chefredakteur Frank Niggemeier glaubt nicht, dass seine Zeitung Mitschuld trägt an Eskalation und Trittbrettfahrern.

Hamburger Morgenpost

"Sie überschätzen unseren Einfluss"

Frank Niggemeier ist Chefredakteur der Hamburger Morgenpost. Seine Zeitung titelte mehrmals mit der wohl prominentesten Facebook-Party der vergangenen Wochen: dem 16. Geburtstag von Thessa aus Hamburg Bramfeld. Mit dem journalist sprach Niggemeier über Thessas Party, ihre Folgen und was seine Zeitung damit zu tun hat.

Bild: Morgenpost Verlag

journalist: Herr Niggemeier, Anfang Juni hat alle Welt über Thessa berichtet. Ist das Ihr Scoop?

Frank Niggemeier: Nein. Wir haben bloß als erste damit getitelt. Als die Mopo von der Party erfahren hat, unter anderem, weil wir selbst mehr als 10.000 Freunde bei Facebook haben, hatten bereits 14.000 User ihren Besuch bei Thessas Geburtstag angekündigt.

Das erklärt die Berichterstattung an sich, aber nicht auf Seite 1.

Doch. Zum einen, weil Facebook dieser Tage 20 Millionen deutsche Nutzer vermeldet hat, also mehr als jede andere Organisation hierzulande. Allein damit hat das Netzwerk eine Bedeutung, die kaum zu überschätzen ist. Zum anderen war es die spannendste und dynamischste Geschichte des Tages.

Spannender und dynamischer als Jörg Kachelmanns Freispruch?

Eine regionale Tageszeitung sollte mit regionalen Themen aufmachen. Thessa hatte an diesem Tag in Hamburg mehr Relevanz als der Prozess in Mannheim.

Und mehr Eskalationspotenzial.

Es handelte sich in der Tat um eine, zumindest in unserem Verbreitungsgebiet, beispiellose Veranstaltung. Die sich anschließenden Trittbrett-Partys zeigen, dass dieses Phänomen inzwischen zunehmend Schule macht.

Woran Sie nicht unschuldig sind.

Das sehe ich anders. Als wir erstmals online berichtet haben, besaß die Geschichte längst eine Eigendynamik, die herkömmliche Medien gar nicht herstellen können. In der jungen Zielgruppe hat das Internet eine Durchdringung von mehr als 90 Prozent, während gedruckte Zeitungen Digital Natives nur noch bedingt erreichen. Printprodukte haben bekanntermaßen Schwierigkeiten, regelmäßige Leser unter 30 Jahren zu finden – und Thessas Gäste waren weitgehend jünger als 20. Aber sicherlich wird sich der ein oder andere auf mopo.de informiert haben. 

Mit messbaren Zahlen?

Die Printauflage war an den Tagen vor und nach Thessas Party leicht überdurchschnittlich. Online war das Interesse größer. Bei den Klickzahlen hatten wir gerade am Abend der Party deutlich mehr Traffic auf mopo.de. Schließlich haben wir live darüber berichtet. Aber die Mobilisierung, die dazu führte, dass zu diesem Zeitpunkt 1.500 Menschen vor Thessas Haus standen, hatte längst stattgefunden – auf Facebook. An dieser Stelle überschätzen Sie unseren Einfluss.

Reden wir vom Einfluss darauf, sich über Tage die Titelseite zu füllen.

Fünf Titelseiten sind in der Tat ungewöhnlich, aber es war aus Boulevardsicht das dominierende Thema in der Stadt. Aber wenn die Frage möglicher Folgen ausschlaggebend wäre, dürften wir im Vorfeld auch nicht mehr über möglicherweise gewalttätige Demonstrationen oder den 1. Mai im Schanzenviertel berichten. Ich teile auch nicht die Theorie der Hamburger Polizei, dass die Zahl angezündeter Autos steigt, wenn wir darüber berichten. Autos brennen in unserer Stadt seit Jahren fast täglich – ob wir darüber schreiben oder nicht.

Waren Sie enttäuscht, dass Thessa letztlich der Bild-Zeitung ein Interview gegeben hat?

Nein, Interviews mit Thessa wurden sowohl vor als auch nach der Party angeboten, gegen hohe Honorare. Nicht, dass wir generell bezahlte Interviews ablehnen – doch in diesem Fall enthielten sie inhaltlich kaum mehr als das, was Thessa ohnehin schon bei Facebook gepostet hatte.

Was wird die Mopo am 3. Juni 2012 auf der Titelseite haben?

(lacht) Angeblich laufen die Vorbereitungen für Thessas 17. Geburtstag ja jetzt schon. Wenn sich die Hinweise darauf verdichten, wird erst mal zu prüfen sein, ob kommerzielle Interessen dahinter stehen. Es gab schon diesmal Gerüchte, das Ganze sei keine zufällige, sondern eine gezielte Aktion gewesen.

 

Mehr zum Thema gibt es in der Juli-Ausgabe des journalists. Jan Freitag beschäftigt sich im Text am Beispiel Thessa mit der Eigenkreation von Schlagzeilen durch Boulevardmedien.

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