Detail-Informationen

Autor

Simon Feldmer

verfasst am

06.04.2011

im Heft

journalist 4/2011

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Die Spiegel-Ausgabe: "Das Ende des Atomzeitalters"

Fukushima, Journalisten und ihr Fachwissen: Laut Mycle Schneider hätte vieles viel früher klar sein können.

Japan und die Medien

"Ich muss aufpassen, nicht aggressiv zu werden"

Journalisten nennen ihn den Atomfachmann. Mycle Schneider klärt über Atomenergie auf, berät Politiker, Organisationen und Unternehmen in Nuklearenergie-Fragen – darunter auch zehn Jahre lang das deutsche Umweltministerium. Die Ereignisse im japanischen Fukushima machen ihn für die Medien zu einem gefragten Experten. Die "Menge an Unsinn", die Journalisten in seinen Augen verbreiten, hält er für "spektakulär", die Interviewfragen, die an ihn gerichtet werden, für "erstaunlich".

Bild: Serge Ollivier

Mycle Schneider: "Medien haben sich in die Abhängigkeit von Experten begeben."

journalist: Ihre Einschätzungen zur Katastrophe in Japan waren im deutschen Radio zu hören und in der Spiegel-Titelgeschichte "Das Ende des Atomzeitalters" nachzulesen. Sie leben und arbeiten in Paris. Wie haben Sie sich als Energieexperte über die Ereignisse informiert?

Mycle Schneider: Ich habe alles Mögliche verfolgt. Japanische Angebote wie Kyodo News zum Beispiel. Das ist eigentlich ein Bezahldienst, der seine Seite aber wegen der dramatischen Ereignisse geöffnet hat. Häufig habe ich NHK World eingeschaltet, den englischsprachigen Dienst des japanischen Networks NHK. ARD, ZDF, deutsche Zeitungen nicht täglich, weil mir die Zeit fehlte. Dazu französische Presse, Radio und Fernsehsender. Vor allem aber mein eigenes weltweites Netzwerk von Experten, NGOs und Journalisten. Das ergibt dann als Patchwork ein umfassendes Bild.

Vielleicht können Sie uns dann helfen. Wie viele Kernschmelzen gab es in der ersten Woche nach dem Beben im Atomkraftwerk Fukushima?

Es gab drei Kernschmelzen in unterschiedlichen Stadien, besser gesagt, zerstörte Reaktorkerne zu unterschiedlichen Graden.

Woher nehmen Sie diese Erkenntnis?

Das ist nicht meine Erkenntnis, das ist offensichtlich so. Es waren am Ende der ersten Woche längst Schätzungen bekannt, die seltsamerweise aber in der Medienöffentlichkeit nicht so wahrgenommen wurden. Kern eins war nach einer Woche zu etwa 70 Prozent beschädigt, Kern Nummer zwei zu etwa einem Drittel. Zu Kern drei habe ich noch keinen Schätzwert gesehen, aber er ist laut Angaben der japanischen Atomaufsicht immer noch (am 21. März, Anm. d. Red.) zu fast der Hälfte trocken. Es gibt überhaupt keinen Zweifel daran, dass es zu drei Kernschmelzunfällen gleichzeitig gekommen ist.

Sie sprechen von Schätzwerten. Die könnten auch falsch sein. Auf welche Informationen beziehen Sie sich? 

Das sind Informationen, die in der Zwischenzeit auch von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) und der französischen Forschungsorganisation für Anlagensicherheit IRSN, also technischen Strahlenschutz- und Reaktorsicherheits-Organisationen, publiziert wurden. Die Prozentzahlen sind sicher nicht präzise. Es geht aber um die Grundinformation, dass der Brennstoff kaputt war, worauf bereits die Wasserstoffexplosionen sowie die gemessene Freisetzung von Spaltprodukten wie Cäsium und Jod hinweisen.

"Ich bin sehr vorsichtig mit dem Fingerzeigen"


Zumindest in der Berichterstattung in Deutschland drang das nicht so eindeutig durch. Lag das an den Angaben der japanischen Behörden, der Betreibergesellschaft Tepco oder den Journalisten?

Ich bin sehr vorsichtig mit dem Fingerzeigen. Für die japanische Seite stellen das Beben, der Tsunami und der Unfall in Fukushima eine so unglaubliche Katastrophe dar, dass man da nicht vorschnell urteilen darf. Aber so wie es hier ankommt, war die Informationspolitik vor allen Dingen von Tepco schwer nachzuvollziehen. 

Erinnert Sie die Unklarheit, unter der vor allem die betroffene Bevölkerung in Japan leidet, ein wenig an die Tschernobyl-Katastrophe vor 25 Jahren?

Ganz eindeutig: ja. Allerdings gilt heute nicht mehr die Ausrede, dass man in so einer Situation noch nie war. Im Sinne einer angemessenen Informationspolitik in einer Katastrophensituation hat keine Seite Konsequenzen gezogen. Die Medien übrigens auch nicht.

Was hätten die Medien für Konsequenzen ziehen sollen?

Ihre Experten unter den Journalisten auf dem Feld der Kernenergie zu pflegen, anstatt den Bereich austrocknen zu lassen. Ein Konzept entwickeln, das etwa einen Pool an externen Experten bereithält, so dass man ihn nicht erst in der Krise aufbauen muss.

Ist das nicht etwas pauschal? In vielen deutschen Redaktionen wurden in den vergangenen Jahren die Wissenschaftsressorts ausgebaut.

Mag sein. Aber zu einzelnen Redaktionen werde ich mich hier ganz bestimmt nicht äußern. Global gesehen gibt es auf jeden Fall die Tendenz, dass zu wenige Fachleute auf diesem Gebiet recherchieren und schreiben. Das gilt übrigens für die Energiepolitik allgemein. Die Menge an Unsinn, die verbreitet wird, ist schon ziemlich spektakulär.

"Früher gab es vielleicht 15 Kernenergie-Fachjournalisten in Deutschland, die richtig top waren. Wo sind die heute?"


Welchen Unsinn meinen Sie?

Es ist doch erstaunlich, dass Journalisten während der ersten Woche nach dem Unglück nicht in der Lage waren herauszufinden, dass längst drei Kernschmelzen im Gange waren. Die damit beschäftigten Berichterstatter haben offenbar nicht gelernt, wie man recherchiert – oder wollten  es gar nicht. Das war früher anders. Da gab es vielleicht 15 Kernenergie-Fachjournalisten in Deutschland, die richtig top waren. Wo sind die heute? Ich habe in dieser Woche Journalisten gesprochen, die kamen "unseren täglichen Schneider" (so hieß das in einer Redaktion) abholen, das Statement des Tages. Null inhaltliche Investition.

So gesehen müsste die Berichterstattung über die Tschernobyl-Katastrophe besser gewesen sein als die über Fukushima?

Das wäre eine fundierte Untersuchung wert. Dazu müsste man aber erst einmal vernünftige Kriterien aufstellen.

Manchmal überkommt einen selbst als politisch interessierter Mensch in diesen Tagen das Gefühl, dass man erst jetzt in seiner ganzen Dramatik verstanden hat, was damals in Tschernobyl eigentlich wirklich passiert ist. Das ist bei Ihnen dann wohl anders?

Das ist bei mir natürlich anders. Allerdings waren die Ereignisse in Japan für die Weltöffentlichkeit eine ganz andere Erfahrung. Man erlebt die Katastrophe live. Hier liegt dann auch wieder die journalistische Problematik: in der Erklärung dessen, was die Menschen bereits sehen oder gesehen haben. In Tschernobyl hat die Explosion niemand gesehen. Heute saßen die Leute am Bildschirm, sahen eine Explosion und es erklärt ihnen niemand, was da eigentlich passiert ist.

In Deutschland haben sich eigentlich rund um die Uhr Journalisten und Experten darum bemüht, umfassend zu informieren und zu erklären. In vielen Augen auch sehr gut. Was fehlte Ihnen konkret?

Zum Beispiel die sofortige Aufklärung, dass es Wasserstoffexplosionen gab, die auf Brennelementeschäden hinweisen können, aber nicht die Reaktoren selbst explodiert sind. Die Leute haben imaginär die Tschernobyl-Explosion im Kopf. Die späte und unangemessene Aufklärung hat dann dazu geführt, dass die Menschen sich sagten: War also doch nix. Ich wurde noch am 18. März gefragt, ob wir noch mit einem blauen Auge davonkommen oder ob es den Super-GAU gebe. Schlagworte. Kein Verstehen. Zu dem Zeitpunkt waren die Messdaten bereits jenseits von Gut und Böse.

Wie haben Sie von der Tschernobyl-Katastrophe erfahren?

Das weiß ich noch sehr genau. Durch den BBC Worldservice. Für mich war Radio damals die beste und vor allem schnellste Quelle.

In die Tagesschau schaffte es das Tschernobyl-Unglück erst zwei Tage nach der Explosion mit einer kurzen Meldung. Erst am dritten Tag wurde in den deutschen Medien breit darüber berichtet. Die Katastrophe in Japan war sofort weltweit auf den Schirmen. Wie verändert das die Haltung der Menschen zur Kernenergie?

Die Tatsache, dass sich die Katastrophe nicht auf dem ukrainischen Land ereignete, sondern live aus einem der am höchsten entwickelten Länder der Erde zu verfolgen war, hat einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Empfindung der Menschen und damit auch auf die Einstellung zur Atomkraft.

In der Bild-Zeitung sagte der damalige Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble eine Woche nach der Tschernobyl-Katastrophe, dass die deutschen Atompläne von dem Unglück nicht betroffen seien. Heute beschließt die Bundesregierung nach wenigen Tagen, alte Meiler in Deutschland abzuschalten. Liegt die direkte innenpolitische Konsequenz eher an der Wucht der Ereignisse oder an der Intensität der Berichterstattung? 

Das ist eine hervorragende Frage, aber ich weiß nicht, wer die beantworten könnte. Es ist sicherlich die Kombination von beidem. 


"Deutsche Journalisten wollten schon in der ersten Woche nach dem Beben wissen, ob man jetzt noch gefrorenes Sushi essen kann"


Wie unterscheidet sich die deutsche Berichterstattung über die Katastrophe von der in französischen Medien und anderen Ländern?

Es gleicht sich an. Allein schon, weil man überall die gleichen Bilder sieht. Außerdem ist überall festzustellen, dass sich Medien in eine Abhängigkeit von Experten begeben haben, die ihnen erklären, was da eigentlich passiert. Ich finde es immer erstaunlich, was ich alles gefragt werde. Deutsche Journalisten wollten schon in der ersten Woche nach dem Beben wissen, ob man jetzt noch gefrorenes Sushi essen kann. Als ob es zu diesem Zeitpunkt keine dringenderen Probleme gegeben hätte.

Das wurden Sie gefragt?

Na ja, etwas überspitzt formuliert, aber Ähnliches mehrfach. Journalisten wollten sofort wissen, ob man auch Schutzmaßnahmen in Deutschland treffen muss.

Total abwegig?

Zu diesem Zeitpunkt total abwegig. Und da wurde es für mich schwierig. Da musste ich aufpassen, nicht aggressiv zu werden. Genauso abwegig fand ich teilweise die Entwicklung der Fragestellung. Es ging sehr früh los, aus der Situation in Japan auf Deutschland zu schließen. Was bedeutet das jetzt für die Atomkraft in Deutschland? Das ist eine logische und richtige Frage, nur kam sie viel zu früh, schon ein, zwei Tage nach dem Unglück. Da stand für mich die Dramatik vor Ort ganz oben.

Man könnte vielleicht sagen: Angesichts der Katastrophe in Fukushima stellt sich die Frage nach dem künftigen Umgang mit der Kernenergie fast automatisch.

Ich gebe dazu ja auch meine Meinung ab, allerdings ist mir das in den ersten Tagen nach dem Unglück sehr schwer gefallen. Ich bin etwa 25-mal in Japan gewesen, mehrfach auch in Fukushima und habe dort viele Freunde. Da hat man einen anderen Reflex.

Glauben Sie, die dramatischen Ereignisse in Japan diskreditieren die Kernenergie nun endgültig?

Der Spiegel-Titel am Samstag nach dem Beben hat das schon gut getroffen: "Das Ende des Atomzeitalters". Ich kenne auch ein paar Berater, die da mitgewirkt haben.

Unter anderem Sie?

Ein klitzekleines bisschen.

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

19.04.2011 19:13

Peter Metzger

Mycle Schneider, dieser angebliche "Experte" ist in Wirklichkeit ein grüner Anti-Kernkraft Lobbyist. Physiker war er noch nie ...

08.04.2011 08:34

Wolfgang Buerger

Wer gestern Abend die ARD Monitor Sendung gesehen hat, kennt spätestens jetzt die abgrundtief verlogene Informationspolitik von TEPCO und der Japanischen Regierung.

Monitor hat ein brisantes Dokument von AREVA veröffentlicht, das nach Hinweis von Areva nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

Kurzer Einführungs-Text: http://www.wdr.de/tv/monitor//dossiers/atomkraft.php5

Video [7min 21]: http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2011/0407/fukushima.php5

sowie das brisante AREVA-Dokument (englisch PDF 33 Seiten):
http://www.wdr.de/tv/monitor//sendungen/2011/0407/pdf/areva-fukushima-report.pdf

07.04.2011 13:14

Holger Krohn

"... dass sich Medien in eine Abhängigkeit von Experten begeben haben". Richtiger wäre für mich (insgesamt): "scheinbaren Experten". Wenn man schaut, auf wessen Gehaltsliste viele dieser Pseudo-Fachleute direkt oder indirekt stehen, dann wird schnell klar, aus welcher Richtung der Wind dieser "Expertisen" weht. Und viele sog. Journalisten sind zu dumm, zu merken, dass sie nur als Meinungsmacher missbraucht werden.

 
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