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Autor

Christina Lissmann

verfasst am

16.08.2010

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14. August 2010: "Kulturzeit"-Redaktionsleiter Armin Conrad kritisiert im Spiegel den TV-Kulturjournalismus

Bild: ddp/Jens Schlueter

Politisieren als Berufskrankheit des Kulturjournalismus?

Kulturjournalismus

"Das ist ein Jammer"

Der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz von der TU Berlin sieht schwarz – zumindest, was die Kulturberichterstattung in Deutschland angeht. Er findet: In den Kulturressorts machen sich immer mehr verkappte Politikjournalisten breit.

journalist: Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen guten Kulturjournalisten aus?

Norbert Bolz: Das wichtigste Qualitätskriterium ist Sachverstand, der sich nur herausbilden kann, wenn sich jemand über viele Jahre hinweg mit einer gewissen Ausschließlichkeit auf bestimmte Themen konzentriert hat, so wie man das von Wissenschaftlern kennt. Außerdem setzt es die Fähigkeit voraus, dies in eine Sprache zu übersetzen, die auch dem Laien verständlich ist.

Sind Sie mit der Kulturberichterstattung hierzulande zufrieden?

Der deutsche Kulturjournalist möchte offenbar lieber politischer Journalist sein, möchte auf der ersten Seite des Feuilletons etwas gegen die Finanzspekulanten der London City, aber nichts über ein neues Theaterstück schreiben. Das Politisieren ist die Berufskrankheit des Kulturjournalisten in Deutschland. Offensichtlich sucht er einen Ersatzschauplatz, auf dem er mehr Aufmerksamkeit provozieren kann als bei seinen eigentlichen Sachthemen. Das ist ein Jammer. Eine intelligente Romanrezension könnte sehr viel mehr über die Gesellschaft Deutschlands heute sagen als ein dritter Aufguss irgendeiner Antikapitalismuskritik auf Seite eins des Feuilletons. Wenn man wieder einmal etwas ausschließlich über Musik, bildende Kunst lesen dürfte, wäre das ein großartiger Fortschritt.

Wer trägt für diesen Missstand die Verantwortung?

Irgendwie müssen die Chefredakteure und die Ressortleiter dafür verantwortlich sein, die gerne ihren Bereich mit einem politischen Profil versehen möchten und das für verantwortungsvollen Journalismus halten.

Sehen Sie die gleichen Tendenzen auch im TV-Journalismus?

Kulturjournalismus im Fernsehen pflegte immer schon ein Nischendasein. Das spitzt sich immer mehr zu, weil die Verantwortlichen die Sendeprinzipien des Fernsehens unbarmherzig durchsetzen – auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das bedeutet im Wesentlichen: Alles muss stark emotionalisiert sein, alles muss auf äußerste Simplizitäten plattgeschlagen werden und das ist im Grunde Gift für Kultur, Gift für jede Kulturberichterstattung. Fernsehen und Kultur – das verträgt sich einfach nicht. Insofern müssen wir uns auf Ausnahmeberichte konzentrieren und auf Ausnahmesender, so wie Arte. Arte ist ein artifizielles Konstrukt in der Fernsehlandschaft. Es ist eine spannende Frage, wie lange sich die Politik derartige Konstrukte leisten kann.

Wie kann die Zukunft der Kulturressorts aussehen?

Immer weniger Menschen haben die Ausbildung, die Muße, die Zeit, die Geduld, um sich auf solche Angebote einzulassen, und daher muss man dem Kulturjournalismus wirtschaftlich eine kritische, düstere Prognose stellen. Aber er wird immer noch mit großem Enthusiasmus betrieben, wenn man so will im Schatten der großen erfolgreichen Nachrichten.

Abgesehen von der Frage nach der Rentabilität, welche inhaltlichen Veränderungen würden Sie begrüßen? 

Guter Kulturjournalismus gäbe mir die Möglichkeit zu lernen, indem ich lese, zuschaue oder zuhöre, von Dingen, die ich nicht schon weiß. Aber über Politik weiß ich genauso viel wie der Kulturjournalist – über die politischen Dinge weiß ich vielleicht sogar mehr als er. Ich möchte etwas Neues lesen über Wagner oder über Peter Handke, was natürlich voraussetzt, dass der Journalist das Buch gelesen hat. Es gab früher Journalisten, die das geleistet haben. Hellmuth Karasek etwa war jemand, der von der Sache eine Ahnung hatte und einen James-Bond-Film genauso gut kommentieren konnte wie eine Wagner-Inszenierung. Solche Leute fehlen heute.

Was raten Sie angehenden Kulturjournalisten?

Ich bin ratlos, wenn ich mir überlege, wie man als junger Mensch im Kulturjournalismus Erfolg haben könnte. Kultur und Kunst waren immer eine Nische in der Nachrichtenwelt und die Nischen werden zuerst geschlossen. Wer diese also auch heute noch und in Zukunft bewirtschaften will, muss schon ein kleines Genie sein. Ich denke, nur derjenige kann überleben, der in seinem eigenen Sachbereich mit größter Kompetenz und stilistischer Brillanz eine Außenwelt präsentiert – das gilt wahrscheinlich für alle Berufe des 21. Jahrhunderts: Nur was man mit größter Begeisterung tut, kann auch irgendwo noch Aufmerksamkeit finden.

Norbert Bolz

Prof. Dr. Norbert Bolz arbeitet seit acht Jahren als Professor für Medienwissenschaft am Institut für Sprache und Kommunikation an der Technischen Universität Berlin. Er veröffentlichte unter anderem das Nachschlagewerk "Das ABC der Medien" und entwickelte die "Theorie der neuen Medien".

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

20.08.2010 06:29

Thomas Meier

@ Stephan Hensel

Herr Bolz verpackt an dieser Stelle Lobbyarbeit für extrem konservative Ausrichtungen unter dem Deckmantel der wissenschaftlichen Autorität. Es ist z.B. ein wissenschaftliches Faktum, dass Kultur grundsätzlich auch politisch ist. Dieses Faktum verneint Herr Bolz zu Gunsten seiner eigenen politischen Meinung.

19.08.2010 08:05

Stephan Hensel

Als Wissenschaftler hat er sich für keine Interessen einzusetzen! Die Aufgaben eines Wissenschaftlers sind die Wissensbewahrung und Wissensvermehrung.
Dieses Wissen kann er selbstverständlich bewerten. Jede Warnung ist im Grunde auch eine Bewertung wissenschaftlich gewonnener Fakten.

Aber wenn er sich konkret für die Interesse einer Bevölkerungsgruppe einsetzen würde, und seien es nur die Nichtpriviligierten, was erstmal ethisch gut erscheint, so betreibt er Lobbyismus und Lobbyismus ist aber im Bereich der Wissenschaft eine gefährliche Sache, weil man dazu neigen könnte, Wissen zugunsten der Lobby zu verfälschen.

18.08.2010 17:39

Marianne Dr. Bäumler

Ich finde Herrn Bolz einfach ziemlich raektionär und wichtigtuerisch.
Jemand, der auf dem Meinungsmarkt auffallen will, aber im Sinn von einem berechtigten Aufbegehren die Bürger gar nicht ernst nimmt, so wie er selbst unter der Veranwortungslosigkeit vieler Politiker offenbar gar nicht leidet. Als Wissenschaftler hat er aber die Aufgabe, sich für die Interessen besonders der Nichtprivilegierten einzusetzen, oder?

18.08.2010 17:04

Vlad Merzmensch

Sind die Schlagwörter wie "Antikapitalismuskritik" oder "Wagner" hier nicht eher exemplarisch zu verstehen? Denn die starke Politisierung des Feuilletons ist kaum zu übersehen. Ich meine hiermit nicht, dass die Kultur im außer-politischen Bereich anzusiedeln wäre, nein, keineswegs. Nur dass man beim Kulturellen das Politische im Vordergrund rückt, finde ich ziemlich einseitig, ja fast klischeehaft. Besonders merke ich es in den Artikeln über die Kultur der "fernen Länder".

Geht es um die russische Literatur, japanische Filme, chinesische bildende Kunst oder andere dem durchschnittlichen Leser wenig bekannte Kulturbereiche - da verliert man auf einmal den Aspekt "Kultur" aus den Augen. Da wird man auf einmal mit großartigsten Beispielen der Länder-Stereotype konfrontiert - und zwar egal, ob bei FR, TAZ oder FAZ. Da werden die politischen Zusammenhänge auf einem Bildungsbürgertum-Niveau aufgelistet (nach dem Motto "In China da isst man Hunde"). Und das in einem Kulturteil, der ja eigentlich der Horizonterweiterung des Lesers dienen soll, und nicht bloß seiner Zustimmung und Freude am Wiedererkennen der eigenen klischeehaften Vorstellungen. Oberflächlichkeit ist die Schwester der Über-Politisierung des Kulturellen.

Freilich, man kann nicht ohne politische Zusammenhänge. Nur die kulturelle Zusammenhänge darf man da nicht außer Acht lassen. Sonst gibt es nichts außer heiße Luft.

18.08.2010 16:34

Werner Baumschlager

Wenn ich mir den Beitrag von Klaus Mueller anschaue, dann ist das wohl ein recht schlichter Verstand.

18.08.2010 14:13

Klaus Mueller

Wenn ich mir den Wiki-Eintrag zu Herrn Bolz anschaue: Der gute Mann ist ein recht(er) reaktionärer Typ.

18.08.2010 13:53

Rolf Mueller

Wo man hinschaut, düstere Analysen und pessimistische Prognosen. Aber keiner hat den Mut zu sagen, warum das so ist und wie Abhilfe geschaffen werden könnte.
Die Medien müssten entkommerzialisiert werden, sämtliche Redaktionen öffentlich-rechtlich verfasst, auch die der privaten Medien, Nachrichten dürften keine Ware mehr sein.
Mir hängt dieses endlose Klagen, dass alles schlechter werde, zum Hals heraus, wenn nicht wenigstens Lösungen diskutiert werden.

18.08.2010 13:37

Michael Eiber

Das ist natürlich schwer: Neulich hatten wir diese merkwürdige Inspiration von Bolz, dass rechts neben der CDU eine neue Partei Platz hätte. Und dann redet er wieder ganz vernünftig.
Sollte man schon darüber nachdenken: Der Kulturjournalismus hat eine BRÜCKENEIGENSCHAFT. Es handelt sich um einen Auszug aus dem kulturellen Rahmen, der Kunst, Literatur, Unterhaltung und Festakte umfasst. Die Übermittlungsfunktion ist beinahe zweitrangig (darüber wäre wenigstens zu diskutieren!). Ich will nicht wissen, was in dem Film oder in dem Buch passiert, sondern ich will wissen, was das mit dem Autor macht. Diese zwei Ebenen sind analytisch auseinander zu halten, realiter sind sie natürlich verbunden. Bolz kritisiert, wenn ich das richtig sehe, die subjektive Seite der Berichte, das POLITISCHE, und da würde ich m.E. beipfilichten. Das Niveau ist ein bisschen gesunken, oder?

18.08.2010 12:47

Detlef Simon

Kultur ist doch nur verkappte Politik. Man versucht, z.B. in der Literatur, seine politische Sichtweisen statt direkt auf mehr subtile Weise an den Mann zu bringen. Nur ist die wichtigste Methoden z.B. in Literatur, Theater und Film, nämlich das Aufbrechen von Tabus mit den zugehörigen Machtmechanismen z.B. mittels Ironie und Humor, inzwischen abgenutzt und ausgereizt. Es gibt einfach kaum noch überflüssige Tabus. Neue Filme werden gefeiert, wenn noch ein Tabu ENTDECKT worden ist (z.B. letztens Liebe zwischen Behindertem und Nichtbehinderten). Die wichtigste politische Waffe der Kultur ist somit stumpf geworden. So ist man notgedrungen gezwungen, sich direkt auf's politische Parkett zu begeben.

18.08.2010 11:03

Harald Möller

Ich kann Herrn Bolz nur beipflichten. Mir ist aufgefallen, dass gerade die FAZ in ihrem Feuilleton sehr auf politische Themen wie Integration, Islam, Sterbehilfe, Patientenverfügung und vieles mehr setzt. Gerade in Zeiten wie heute, in denen speziell im Kulturbereich sich ein tiefes Sommerloch breit macht, füllen die Kulturseiten gerne den Platz mit Hintergrundberichten aus Politik und Gesellschaft. Vor einigen Jahren hatte diese Funktion die (Natur)wissenschaft eingenommen, die mittlerweile zum größten Teil nur noch in speziellen Wochenbeilagen zu Wort kommt.

17.08.2010 18:38

Peter Grabowski

Man weiß gar nicht so recht, was einen mehr verdutzen soll: Der vermeintlich um die Zukunft von Kulturjournalismus besorgte Medientheoretiker Bolz, der sich mindestens eine Konzentration, vielleicht aber sogar Beschränkung auf Formen der Kultur- und Kunstkritik wünscht, deren Begrenztheit nun wirklich überwunden schien? Seine Apologeten, die in sich selbst entlarvenden Hochspracheversuchen ("...medientypische Dummheiten (Fernsehen!) ...") ihr unterkomplexes Denken belegen? Oder seine Kritiker, die den offenkundig auf fruchtbare Böden fallenden Versuch eines Norbert Bolz, der Reaktion das Mäntelchen des Bürgerlichen umzuhängen, für "unklug" halten?

In den Äußerungen Bolz' offenbart sich eine Sicht auf die Welt, über deren schlichte Existenz man im Jahr 2010 eigentlich nur staunen möchte - wüsste man nicht um ihre bedauerlich weite Verbreitung in vor allem jenen pseudo-gebildeten Gesellschaftsschichten, die ein anderer prominenter Vertreter dieser Spezies Medienexperte, Noch-"Focus"-Chef Helmut Markwort, so gern als "Info-Elite" umschmeichelte und damit ansprach. Bolz selbst bezeugt aber lebhaft, wie auch ein formal erfolgreiches Absolvieren des dreigliedrigen Schulsystems und die darauf folgende akademische Ausbildung, Promotion und Habilitation kein Garant für einen klaren Blick auf die Welt sind. Bolz et al wünschen sich in ihren durch Besorgnis verbrämten Äußerungen - vielleicht ohne es selbst zu merken - das Ende der menschlichen, gesellschaftlichen und, da kommen wir möglicherweise zu des Pudels Kern, evolutionären Entwicklung. Kein möglicherweise unsicherer Fortschritt in vielleicht unbekanntes Gebiet: Sie möchten zurück in die überschaubare Welt des Unten und Oben, Rechts und Links, von Arbeit und Gesangbuch, die ihnen der Herr, ein gewisser Gott, dereinst geschaffen haben soll. Darin sollen die Starken möglichst ungehindert von gesamtgesellschaftlicher Verantwortung bleiben (außer in freiwilliger Mildtätigkeit), und die Schwachen sollen gefälligst froh sein, dass die Starken den Laden zumindest soweit finanzieren, dass keiner verhungert. Mit allen Implikationen: Kultur, das sind die schönen Künste und das Reden darüber, die Politik besprechen die Herren Politiker, denn die Damen - Bolz wird seit Jahren nicht müde, das im wahren Sinne des Wortes herbeizubeten - mögen doch bitte in der "natürlichen Arbeitsteilung" die eher kleinteiligen Sachen des Alltags übernehmen: Haushalt, Kinder, das ganze Schrödersche "Gedöns".

Dass die Protagonisten dieses Denkens nicht für Faschisten gehalten werden möchten - diese Gleichung bemängelte Bolz letzte Woche im angesprochenen Tagesspiegel-Kommentar explizit - ist nachvollziehbar; wie redlich sie ist, steht auf einem anderen Blatt. Dass sich allerdings eine Haltung, die im politischen Spektrum weiter rechts angesiedelt sein will als die vermeintlich sozialdemokratisierte Union der strahlungsresistenten Atomkraftfreunde, Homoehen-Gegner und Flüchtlingsausweiser, nur um eine Austarierung der politischen Balance im Lande handelt, wird sich im Ernstfall als Augenwischerei erweisen: Es geht schlicht um die Wegbereitung zur - auch formalen - Klassengesellschaft. Denn ach, wie schön war es dereinst im Mittelalter: Das Fräulein geminnt, die Frau Untertan, und der Pöbel arbeitete sich den Buckel so krumm, dass es dem Herrn - diesem wie jenem - eine Freude war (geringere Lebenserwartung im Maßen macht übrigens für die anderen die Rente sicher). Jetzt fehlt nur noch ein lustiger Hofnarr ... vielleicht ein Kulturjournalist, der ein bisschen über die Künste scherzt und der Gesellschaft Erbauung und Zeitvertreib sei ...

Zuletzt: Ich bin dem "journalist" für dieses Interview ausdrücklich dankbar. Und im Übrigen der Ansicht, dass Karthago ... aber lassen wir es für heute einfach mal gut sein.

17.08.2010 18:19

Bernd Stieg

Ich bin zwar weder Journalist noch Medientheoretiker, kann es trotzdem sein das mit "Antikapitalismuskritik" eigentlich "antikapitalistische Kritik" oder kurz "Kapitalismuskritik" gemeint ist? Passt allerdings ins qualitative Gesamtbild.

17.08.2010 16:20

Thomas Meier

Da danke ich dem Rudolph Ganz, besser kann man es nicht ausdrücken.
Herr Rabowski unterstelle ich das alte hochkulturelle Schema und ich glaube Ihnen, wenn sie selbst davon überzeugt sind unpolitisch zu sein. Dennoch, Sie sind es nicht.
Genau so wenig wie Herr Bolz, der das offen, ihm nicht genehme, Politische aus der Diskussion haben möche. Wer seinen Kommentar am 13.08. im Tagesspiegel gelesen hat (auch Online), der weiß, wie sehr er sich eine "christliche Leitkultur" wünscht. Sicher auch im Feuilleton.

17.08.2010 14:50

Rudolph Ganz

Erstaunlich, dass ausgerechnet ein Medienwissenschafter sich nach dem alten Rezensions-Feuilleton zurücksehnt. Kulturjournalisten haben in den siebziger Jahren gegen erhebliche Widerstände und Disziplinierungsversuche durchgesetzt, dass das Feuilleton nicht länger apolitisch zu sein hatte. Dieser Kampf fand nicht nur in den sogenannten bürgerlichen Blättern mit ihrer meist konservativen Generallinie statt, sondern auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Einstige Mitarbeiter des SFB z.B. können davon ein Lied singen.
Dass Norbert Bolz dann allerdings, nach seinem Hohelied auf den erfahrenen Fachjournalisten (der oft genug ein Fachidiot war), ausgerechnet Hellmuth Karasek als leuchtendes Beispiel dafür präsentiert, entlarvt seine Attacke als rein politisch motiviert, denn Karasek ist der Inbegriff des 'Generalisten', der über alles und jedes schwätzt - aber immer vom gewünschten rechten Standpunkt aus.

17.08.2010 14:14

Rainer Rabowski

Also das ist aber nun schon ziemlich bräsiges, teilweise böswilliges Missverstehen meiner Vorkommentatoren! Da Bolz doch einer der wenigen unabhängigen, nicht zuzuortenden Leute ist, würde ich da gern erst mal vehement widersprechen – sehe aber ein, wie sinnlos das bei sich selber als verbohrt Outenden ist. Die kaum gezügelte Polemik zeigt eher das eigene Verhaftetsein in völlig überkommenen Denk- und Polit-Schemata. Peinlich!

***

Was die Kulturjournaille anbelangt, würde ich eher zustimmen, dass da zuviel Politik vorkommt, teils aus Überfordertsein der Akteure, teils wegen der Suche nach eigener Relevanz und Behauptung zwischen der Vielzahl der Stimmen; das Primat der vorsortierten Politik schafft auch Orientierung. Allzu oft aber wird die Berichterstattung bestimmt von der Dummheit der Konventionen da und der eigenen Produktionsgewissheiten und damit formalistisch leer. Kultur wird so oft ihres Lebendigen beraubt, das es medial nicht so ohne weiteres abzuhandeln ist.

Etwa "Kulturzeit", die gern auch Berichte aus dem Weltspiegel übernehmen – überhaupt jede politische Nachricht kommt da vor, weil man, inkl. Korrespondentenmaterial, eben mehr draus machen und mehr „Aktualität“ behaupten kann. Aber auch sonst wird alles durchgenudelt, wo man meint, auch von angeblich tiefgründigeren Seite noch seinen Senf dazu geben zu müssen. Von der Pommesbude in Bottrop bis zu Palästina – ist alles Kultur!


Eine ausführlichere Literaturkritik – höchstens einmal die Woche. Fundierte Musikberichterstattung, eine ausführlichere etwa auch mal über Malerei ohne die banale Kulturklavierklimperbegleitung: Fehlanzeige. Der Rest ist oft Pflichtprogramm oder ein bisschen Gemeinplatz-Plauderei, inhaltlich brav und dürr, letztlich ein dauerndes: Mee-too. Dazu unoriginelle, überflüssige Moderatoren in einem festen Raster ihrer redaktionell vorsortierten Weltbilder, die eher das Rückbestätigende suchen statt das Neue in den jeweiligen Sensationen und Hervorbringungen. (Schlimm etwa Tina - „Hat das nicht auch was mit dem Holocaust zu tun“ - Mendelsohn; überlebte links-liberale Positionen, die sich immer gleich schon ihres Konsenses mit dem Zuschauer versichert sehen wollen. Wer da neuen Geist sucht... na ja.)

Sehr gute, kenntnis- und abwechslungsreiche Berichterstattung dagegen im Deutschlandfunk (aus beiden Standorten). Da merkt man natürlich auch, dass die von den medientypischen Dummheiten (Fernsehen!) und Zwängen (Quote) verschont arbeiten können. Überhaupt die Vermutung, dass Kultur mehr mit den behandelnden Medien bzw. den sich da affin denkenden Menschen zu tun hat.

Dass das Wissen, wie „man“ einen Beitrag strickt, das zu Unterscheidende längst überformt und neutralisiert, kann man dann aber auch bei den politischen Nachrichtenformaten lernen. Kommt jeden Tag was Neues, und sieht doch immer gleich aus.

17.08.2010 11:54

Thierry Chervel

Die Kulturseiten deutscher Zeitungen waren deshalb politisch, weil die Meinungsseiten deutscher Zeitungen kene Standpunkte von außen zuließen: Dort durften (und dürfen in der besonders konservativen SZ, aber auch FAZ) bis heute nur approbierte und gut abgehangene Redakteure schreiben. Das Feuilleton wurde so zum Ausweichraum politischer Debatte. Das bekannteste Beispiel hierfür war die Historikerdebatte. Damals waren es allerdings noch prominente Autoren von außen, die man schreiben ließ. Heute dürfen wieder nur Redakteure schreiben, weil man Autorenhonorare sparen will. Das macht die Sache steril.

17.08.2010 11:37

Andreas Reichhardt

Ungeachtet der angenommenen politischen Ausrichtung des Herrn Bolz ist es schon richtig, dass Kultur auch politisch sein kann.
Nicht jedes kulturelle Werk muss aber dieses sein.

Was den Kulturjournalisten wohl bewegt, ist die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz seines Tuns. Die Frage lässt sich am einfachsten beantworten, wenn man aktuelle Bezüge herstellt, ggf. unter Zuhilfenahme typisierter Meme, siehe Klassenkampf, Diskriminierung etc.
Man landet auf dieser Weise unweigerlich bei der Politik.

17.08.2010 09:57

Thomas Meier

Ich glaube, Herrn Bolz ist eigentlich schon klar, dass Kultur per se auch politisch ist. Ihm gefällt bloß nicht, wenn die für ihn falsche Politik (z.B. Antikapitalismuskritik) thematisiert wird. Er würde gerne mehr "Leitkultur" (z.B. Wagner) im Feuilleton vorfinden. Politische Aussagen derart in einer Forderung nach weniger Politik zu verpacken ist unklug. Es passt aber zu der politischen Ausrichtung von Herrn Bolz, der bekanntermaßen eine Partei rechts der CDU fordert (Kommentar im Tagesspiegel vom 13.08.).

 
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