Detail-Informationen

Autor

Interview: Carolin Neumann

verfasst am

13.11.2012

im Heft

journalist 11/2012

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  • ... und hier direkt zum Chat
Bild: journalist

"Ich habe einen Polizeiwagen vor meinem Haus gesehen. Was ist da los?"

Leserchat

"Die Zeit ist es wert"

Jessica Dhyr (38) arbeitet seit sechs Jahren als Redakteurin bei Norran. Für die Zeitung aus dem Nordosten Schwedens betreibt sie seit 2009 einen Chat auf der Website – und es geht dort nicht nur ums Wetter oder ums Mittagessen.

Jessica Dhyr: "Pro Woche bekommen wir rund fünf Tipps, aus denen ein Artikel wird."

journalist: Vor einigen Jahren war Norran auf dem absteigenden Ast, dann kam Ihr Transparenzkonzept – was hat es beeinflusst?

Jessica Dhyr: Allen Zeitungen in Schweden geht es schlecht. Noch verdienen wir mit der Zeitung das meiste Geld, aber da wir nicht wissen, wie lange das gut geht, müssen wir Wege finden, in das Leben unserer Leser zu gelangen und online Geld zu verdienen. Bevor wir den Chat gestartet haben, waren wir für unsere Leser diejenigen, die entscheiden, was sie lesen sollen. Das mag früher funktioniert haben, aber heute nicht mehr. Die Leute wollen mitentscheiden können.

Wie genau funktioniert das Chat-Konzept, das Sie auf Ihrer Website sehr prominent betreiben?

Es ist ein Direktchat. Die Leser schreiben uns, und das erscheint direkt auf dem Bildschirm derjenigen, die gerade verantwortlich ist. Sechs Onlineredakteure, mich eingeschlossen, wechseln sich bei der Betreuung ab.

Worüber reden Sie mit Ihren Lesern?

Über was immer sie wollen: Warum habt ihr über dieses Thema was gemacht, aber über dieses nicht? Was ist gerade die große Geschichte in der Redaktion? Ich habe einen Polizeiwagen vor meinem Haus gesehen, was ist da los? Was haben Sie zu Mittag gegessen? Und natürlich geben sie uns auch Hinweise, worüber wir schreiben sollen.

Schalten Sie sich auch mal mit aktuellen Geschichten ein und fragen die Leser um ihre Meinung?

Ja, das machen wir im Chat und ebenso auf Facebook und Twitter. Früher haben wir Reaktionen in den Kommentaren unter Artikeln bekommen, doch seit wir den Chat machen, merken wir, dass die Leser lieber diesen Weg wählen.

Hat die Interaktion durch dieses neue Format generell zugenommen?

Definitiv. Wir bekommen wesentlich mehr E-Mails von Lesern, in denen sie uns mitteilen, was sie lesen wollen. Und die Leser sind freundlicher, weil sie wissen, mit wem sie sprechen. Dabei mögen die einen eher mich, andere meine Kollegin. Wir geben uns sehr privat.

Wenn so viel Zeit für Smalltalk draufgeht, wie handhaben Sie das neben der sonstigen Arbeit?

Heute zum Beispiel ging es hoch her im Chat, und meine Kollegin kam zu mir und meinte: Ich komme nicht dazu, meine Arbeit zu machen, die quatschen pausenlos. Sie muss aber immer ein Auge auf den Chat haben, damit die Leser sich auch an unsere Regeln halten. An anderen Tagen ist dafür wieder wenig los. Und wenn es wirklich stressig wird, schließen wir den Chat auch mal eine halbe Stunde. Das geht für die Leser in Ordnung.

Wie viel von dem, was Sie mit Ihren Lesern bereden, hat wirklich einen Mehrwert für die Zeitung?

Bei der Mehrheit der Gespräche geht es ums Wetter oder ums Mittagessen. Pro Woche bekommen wir rund fünf Tipps, die wirklich gut sind und aus denen ein Artikel wird. Die Zeit ist es also absolut wert, auch weil es gut ist, uns zu öffnen und zu zeigen, dass Journalisten normale Menschen sind. Wir können nicht mehr so sein wie früher, allwissend und undurchschaubar. Die Leser kaufen uns das nicht mehr ab.

Wie haben Ihre Leser diese neue Transparenz aufgenommen?

Am Anfang haben sie sich ein bisschen gefürchtet, glaube ich, und wir uns auch. Wir haben immer versucht, ganz korrekt in unseren Antworten zu sein und nicht zu persönlich zu werden. Wir haben nicht die richtige Ansprache gefunden. Heute ist es viel besser. Es ist, als chatte man mit einem Freund.

Mehr zum Thema

Wo deutsche Redaktionen in Sachen Transparenz aufholen können, lesen Sie in der November-Ausgabe des journalists.

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