Detail-Informationen

Autor

Phillipp Selldorf

verfasst am

30.11.2011

im Heft

journalist 12/2011

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"Man fragt sich, ob das das Schubsen wert war: all die Floskeln, die gebügelten rhetorischen Standards und die Binsenweisheiten, die einem während des Spiels schon gekommen sind."

Aus dem Alltag eines Fußballreporters

Hinterm Absperrband geht's weiter

Manchmal lässt es einen am Sinn des Ganzen zweifeln: Immer mehr Fußballreporter drängeln sich auf immer engerem Raum in der Mixed Zone des Stadions, um die immer gleichen Floskeln und Binsen von den Profis zu erfragen. Der SZ-Journalist Philipp Selldorf berichtet aus dem Alltag eines Fußballreporters.

Vor 15 Jahren, als das Internet für die meisten Menschen noch eine geheimnisvolle Vision war, hat der Kolumnist Max Goldt eine Feststellung getroffen, die sowohl Diagnose als auch Prophezeiung war. "Zweifelsohne nimmt der Journalismus überhand", schrieb er in einem seiner Aufsätze, bei denen man nie so genau weiß, ob sie Kulturkritik oder Klamauk sind (zu finden im Buch Ä, 1996). Jedenfalls beschwerte sich der Autor darüber, dass die Gymnasien Jahr für Jahr Zigtausende Abiturienten hervorbrächten, "die meinen, für normale Arbeit zeitlebens überqualifiziert zu sein. Ständig müssen neue Medien gegründet werden, damit diese Leute vorm Computer sitzen und telefonieren können, meist mit ihresgleichen oder privat."

Aus der Sicht eines Fußballreporters lässt sich Goldts Polemik nicht widersprechen. Ein gewöhnliches Bundesligawochenende bringt so viel Aufwand an Journalismus respektive an journalistischen Kapazitäten hervor, dass es früher für eine ganze Saison gereicht hätte. Ein unbefangener Mann wie Max Goldt, der sich für Fußball nicht interessiert, dürfte am Verstand der Menschheit zweifeln, wenn er die Menschenaufläufe sähe, die sich nach den Spielen in den Interviewzonen ergeben. Als Fußballreporter ist man solche Rudelbildungen gewohnt, man hält sie für Normalität.

Es ist eine alltägliche, typische Szene, wenn sich zwei Dutzend Männer und Frauen aufgeregt drängelnd auf zwei Quadratmetern ineinanderschieben, um dem Spieler nahe zu sein, der hinter dem Absperrband steht und Erklärungen abgibt. Während Ordner über die vorgesehene Position der Grenzpfosten wachen und Eindringlinge augenblicklich zurückweisen, verteilen Kameraleute mitten im Pulk Kinnhaken, sobald sie ihre Geräte auf den Schultern justieren; im Schlepptau die Assistenten, die das Werk ihrer Herren verteidigen, notfalls mit Gewalt. Glücklich sind die, denen die Natur lange Arme gegeben hat, damit sie ihr Aufnahmegerät nutzbringend einsetzen können. Und gelobt seien Fußballer wie der stets eifrige Hamburger Mittelfeldspieler Marcell Jansen, die so laut sprechen, dass man sie auch in gesundem Abstand von der Menge bestens verstehen kann.

Das alles ist nicht so schlimm, dass man dafür Mitleid verdiente oder haben möchte; es ist allerdings auch nicht wünschenswert. Manchmal lässt es einen am Sinn des Ganzen zweifeln. Später schaut man dann in sein Notizheft und fragt sich, ob das die Anstrengungen und das Schubsen wert war: all die Floskeln, die gebügelten und gefönten rhetorischen Standards und die Binsenweisheiten, die einem während des Spiels schon selbst gekommen sind. Den Spielern ist kein Vorwurf zu machen. Sie sind durch die Verhältnisse geprägt und betreiben deshalb geübte Selbstzensur. Sie werden von ihren Beratern und den Pressechefs der Vereine geschult und eingestimmt auf die menschenfressende Öffentlichkeit, die den Fußball zur großen Sache macht. Und wenn Reporter auf die nichtssagenden Profis schimpfen, dann werden sich manche Spieler womöglich ebenfalls fragen, was das soll: So viele Leute, die gierig nach Banalitäten verlangen.

Das Getümmel in den Pressezonen ist das Resultat des Wachstums in der Medienwelt und die Folge der scheinbar unaufhörlich steigenden Popularität des Fußballs. Bei besonderen Anlässen kann aus Platzmangel auch Platzangst werden. Nach dem EM-Endspiel 2000 in Rotterdam zwischen Italien und Frankreich ging die niederländische Polizei mit Schlagstöcken gegen italienische Reporter vor, die angeblich unkontrolliert in die Mixed Zone vorgedrungen waren. Es gab Festnahmen. Rangeleien im Gedränge kommen aber auch im Liga-Alltag immer wieder vor.

Szenen für einen erstklassigen Skandal

Diese manchmal peinigenden Zustände haben mit der Eroberung des Fußballs durch das Privatfernsehen vor 20 Jahren begonnen. Wer für die Übertragungsrechte bezahlt, der besitzt auch das Privileg des ersten Zugriffs auf Trainer, Spieler und Offizielle. Mittlerweile findet dieser Teil des Fußballjournalismus hinter Trennwänden und in separaten Studios statt. Die Vertreter der gedruckten Presse stehen sozusagen in der dritten Reihe, ihr Los teilen sie mit der wachsenden Schar von – durchweg jungen – Abgesandten der Internetdienste. Ältere Zeitungsleute neigen dazu, sich unentwegt über die Degradierung zu beklagen, aber das ist eher Ausdruck von Larmoyanz als eine echte Notstandsmeldung der freien Presse. Dass die Verhältnisse "immer schlimmer" werden, dass man jetzt aber gar nicht mehr an die Akteure herankäme, stimmt im Grunde nicht. Die Vereine achten in der Regel darauf, dass alle Medien zum Zuge kommen. In Deutschland sind die Bedingungen ohnehin weit besser als in England, Spanien oder Italien, wo sich Spieler und Reporter kaum noch leibhaftig begegnen.

Früher, das ist allerdings wahr, war tatsächlich alles ganz anders, und diese selige Vergangenheit liegt nicht mal zurück in den Zeiten von Fritz Walter oder Uwe Seeler. Noch in den 80er und 90er Jahren war ja der Fußballjournalismus ein ziemlich gemächliches Geschäft. Auch beim FC Bayern, wo heutzutage eine gewöhnliche Pressekonferenz ein Medienereignis ist, herrschten beschauliche Zustände, obwohl der Klub längst ein gesellschaftlicher Mittelpunkt der Bundesrepublik war und Stars wie Karl-Heinz Rummenigge und Paul Breitner beschäftigte.

Während der Trainingswoche bezogen die Reporter ihre Posten in der Vereinszentrale an der Säbener Straße, niemand vertrieb sie hinter Absperrgitter. Sie trafen sich im Erdgeschoss an der Treppe zum Kabinentrakt und warteten darauf, dass ihnen die Spieler nach dem Training und dem Duschen in die Arme liefen. Interviews wurden im Zwiegespräch abgemacht, kein Pressedirektor wachte darüber, und der Begriff "Autorisierung" war nicht mal als Fremdwort bekannt – er existierte nicht. Die drei Münchner Boulevardzeitungen waren täglich zur Stelle, die Vertreter von Merkur und Süddeutscher Zeitung erschienen gelegentlich. Fernsehen? Zweimal in der Woche kam Uli Köhler vom Bayerischen Rundfunk. Die Nachrichtenagenturen? Ließen sich von den Reportern der örtlichen Tageszeitungen informieren. Nicht jedes offene Wort war von nationaler Bedeutung wie heute. Nach Auswärtsspielen der Bayern durften die Reporter der Münchner Zeitungen im Mannschaftsbus mitfahren. Was sie dort sahen und hörten, das behielten sie für sich.

Auch bei der Nationalmannschaft arrangierten sich die Parteien in vertraulicher Nähe. Während der WM 1986 in Mexiko wohnten die Berichterstatter im selben Hotel wie die Mannschaft, in der Mansion Galindo in Queretaro wurden sie Zeugen von Szenen, die für erstklassige Skandale getaugt hätten, aber niemand erfuhr davon. Bei der WM 1990 in Italien hatte das DFB-Team dann bereits sein eigenes Quartier, die Reporter mussten sich mit Besuchszeiten bescheiden, die aus heutiger Perspektive zwar immer noch auf paradiesische Art ungezwungen erscheinen. Doch die Verhältnisse begannen sich nun zu wandeln.

Man kommt sich irgendwie als Kulisse vor

Im Jahr 2011 ist der Medienbetrieb bei der Nationalmannschaft präzisen Reglements unterworfen. Es gibt die tägliche Medienarbeit zur Mittagsstunde, in der die Pressekonferenz mit einem Mitglied aus dem Trainerstab und dem einen oder anderen ausgewählten Spieler stattfindet. Häufig ist der Schauplatz dieser Großveranstaltungen die örtliche Niederlassung eines DFB-Sponsors, zuletzt kamen bevorzugt Autohäuser zur Geltung. Zur gleichen Zeit werden einzelne Reporter zum Interview mit Spielern zusammengebracht, meistens im Mannschaftshotel. Diese Treffen dauern selten länger als eine Viertelstunde. Mitarbeiter der Pressestelle achten auf die Einhaltung der Fristen, und man lernt ihren Diensteifer zu verfluchen, weil sie just dann auftauchen und bedauernd auf die Uhr pochen, wenn sich gerade ein Gespräch entwickelt hat.

Als gemeiner Fußballkorrespondent hat man einen Beruf, um den einen viele Leute aufrichtig beneiden, selbst solche, die Villen besitzen und Yachten im Mittelmeer. Aber die Zwänge, denen die Reporter bei der Beobachtung der Nationalmannschaft ausgesetzt sind, die sind geeignet, den Spaß an der Arbeit zu verderben. Zumindest phasenweise. Die Trainingseinheiten, die immer interessante Informationen liefern, finden mittlerweile fast durchweg hinter verschlossenen Toren statt. Dass man den Spielern beim Aufwärmen zusehen darf, ist bloß ein schwaches Zugeständnis ans Fernsehen und an die Fotografen. "Die ersten 15 Minuten sind offen für Medienvertreter", steht dann heuchlerisch im Programmheft. Eine neue Unsitte ist es auch, dass die Pressekonferenzen im Fernsehen und im Internet übertragen werden. Das mag zwar wehleidig klingen: Aber man kommt sich irgendwie als Kulisse und damit entbehrlich vor.

Andererseits erzählen die Zeugen der alten Zeiten, dass früher zwar die Binnenverhältnisse intimer waren, dass aber auch der Journalismus eine andere Qualität hatte. Er war langsamer, schon wegen der limitierten technischen Mittel, und angeblich war er auch eindimensionaler, weil er sich vor allem auf den grünen Rasen beschränkte. Heute wird Fußball als großes Gesellschaftsspiel beleuchtet, mit all seinen sozialen und wirtschaftlichen Hintergründen. Und auch der Blick auf den Sport ist differenzierter, Strategie und Taktik sind wichtige Themen geworden.

Dass der Journalismus im Fußball überhand nimmt, das bleibt dennoch eine zeitgemäße Diagnose oder zumindest These. Das Internet stößt wie eine chinesische Fabrik tonnenweise Wegwerfware zum Thema Fußball aus, die Mitmachkultur in den Foren und Blogs trägt ihren Teil zur Unübersichtlichkeit bei. Und in der Interviewzone ist es seit diesem Sommer wieder etwas enger geworden, nachdem dapd einen flächendeckenden Sportservice eingerichtet hat.

Wirkliche Nachrichten sind kaum zu erwarten

Jetzt müht sich außer dpa und sid eine dritte Nachrichtenagentur an der Ausbeutung des Tagesgeschehens ab. Die Rivalität der Dienste bringt Meldungen hervor, die nur deswegen zu Meldungen erhoben wurden, weil die anderen Dienste sie noch nicht auf den Markt gebracht haben. Das wiederum bewegt die anderen Dienste dazu, die Meldung ebenfalls auf den Markt zu bringen. So passiert es, dass alle drei nacheinander darüber berichten, dass Lukas Podolski den 1. FC Köln im Winter nicht verlässt, ungeachtet dessen, dass niemand zuvor behauptet hat, dass er das tun wollte. Kein Vorwurf an die Kollegen: Die Karriere von solchen Nicht-Meldungen beruht wohl auf einem systembedingten Herdentriebsyndrom.

Diesen Monat öffnet dann auch der Sportnachrichtenkanal von Sky. 19 Stunden Sendebetrieb pro Tag. Sky investiert viel Geld und hat eine Menge überwiegend junger Journalisten eingestellt (sowie als erfahrenen Spielmacher den ehemaligen BR-Mann Uli Köhler). Das muss man natürlich loben. Aber ob das neue Angebot den allgemeinen Erkenntniswert steigert? Dass dieser Nachrichten-Kanal seine Mittel nutzt, um veritable Nachrichten zu ermitteln – zum Beispiel die Machenschaften der Magnaten vom Weltverband Fifa zu recherchieren –, das ist kaum zu erwarten. Tore und Paraden in zig Zeitlupen wird es geben und noch mehr Statements zur Lage vor dem nächsten Spieltag. Aber immerhin werden die Kameraleute keine verwackelten Bilder aus dem Gedrängel übermitteln, Sky ist schließlich Erstrechtehalter.

Bild: Wolfgang Krapohl

Der Autor

Philipp Selldorf arbeitet als Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung in Köln. Seine Karriere begann als Lokalreporter beim Kölner Stadt-Anzeiger. Selldorf studierte Politik, Philosophie und Geschichte. Seit 1999 schreibt er für die SZ.

Mehr zum Thema Sportjournalismus gibt es in der Dezember-Ausgabe des journalists.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

02.12.2011 20:33

Michael Kämmerer

Hervorragende Situationsbeschreibung - wobei es durchaus auch Vereine (z.B. Hoffenheim, Nürnberg, Mainz) gibt, bei denen die Rudelbildung nicht ganz so extrem ist wie beim FC Bayern.

01.12.2011 22:22

Mozalini B

Schöner Hinter-die-Kulissen-Blick. Zur "Wegwerfware" im Internet: Natürlich stimmt das in vielen Fällen, die Blogs, die immer denselben Kram ablassen, sind Legion. Aber es gibt auch Perlen darunter, Seiten z.B., die sich intensiv mit Taktik auseinandersetzen und der Frage, warum eigentlich eine Mannschaft gewonnen hat und die andere nicht. So etwas sieht man in der Sportschau gar nicht mehr und in der Presse auch selten.

01.12.2011 17:38

Joerg Schiffmann

Sehr netter Aufsatz und eine exakte Beschreibung, gilt für fast alle TV-relevanten Sportarten. Und wenn die DFL erstmal ihr eigenes Fernsehen richtig realisert hat, ist das Parallel-Universum perfekt. Was waren das noch für Zeiten, als man mit Ernst Happel 30 Minuten auf dem Parkplatz in Norderstedt sprechen konnte :0))

01.12.2011 15:57

Bernd Marenbach

Volltreffer!
Wir sehen uns beim Kölsch!

01.12.2011 14:32

David Nienhaus

Trifft den Nagel auf den Kopf. Philipp, wir sehen uns in der Mixedzone (oder auch nicht). Grüße aus Essen

01.12.2011 11:14

Thomas Arndt

Ersetze das Wort Fußball durch Motorsport und es beschreibt die Zustände in Formel 1, DTM, Rallye-WM usw. Das ist kein Fußball-Problem, sondern ein generelles Problem unseres Berufs, in dem es (fast) nur noch um kontrollierte Pressearbeit geht!

01.12.2011 10:46

Norbert Schmidt

Schließe ich mich an - großartig - exakt auf den Punkt gebracht.
Chapeau !

30.11.2011 18:36

Thomas Ernstberger

Einfach großartig!

 
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