Detail-Informationen

Autor

Interview: Catalina Schröder

verfasst am

11.08.2015

im Heft

journalist 8/2015

"Der fehlende Part" – Kreml-Werbung im thüringischen Lokal-TV.

Salve TV

Wieso zeigen Sie Propaganda, Herr Böhm?

Russisches Staatsfernsehen mitten in Erfurt. Seit Ende April zeigt der Lokalsender Salve TV eine Sendung des Kremlfinanzierten Kanals Russia Today. Und zwar vier Mal am Tag. Den Vorwurf, sein Sender unterstütze Propaganda, findet Gesellschafter Klaus-Dieter Böhm ungerechtfertigt.

Klaus Dieter Böhm, Gesellschafter Salve TV
Bild: Salve TV

journalist: Russia Today ist der russische Auslandssender. Gesendet wird auf Englisch, Spanisch, Arabisch und seit Ende vergangenen Jahres im Internet auch auf Deutsch. Wieso zeigt Ihr Sender russisches Staatsfernsehen?

Klaus-Dieter Böhm: Als Russia Today begonnen hat, auf Deutsch zu senden, haben alle deutschen Medien gesagt: Das ist doch Propaganda. Ich habe mir das Programm über einen längeren Zeitraum angeschaut und festgestellt, dass das natürlich eine Berichterstattung aus russischer Sicht ist. Gleichzeitig hielt ich es aber auch für einen interessanten Diskussionsbeitrag. Für mich war deshalb schnell klar, dass ich mehr Leuten die Chance geben möchte, sich diese Sendung anzusehen.

Wie lief das praktisch ab? Sind Sie nach Moskau gefahren?

Nein, das war gar nicht nötig. Ich bin nach Berlin gefahren und habe dort die deutsche Redaktion von Russia Today besucht. Denen habe ich angeboten, dass sie ihre Sendung bei uns ausstrahlen können. Das machen wir jetzt seit Ende April, und unser Sender hat in seiner zehnjährigen Geschichte noch nie so viele positive Rückmeldungen von Zuschauern bekommen wie in dieser kurzen Zeit.

Zahlen Sie Geld an Russia Today oder bekommen Sie umgekehrt Geld vom russischen Sender?

Nein. Das lief per Handschlag und ohne, dass irgendwer dafür Geld bekommt.

Finanziert wird der Sender vom Kreml, vorgeworfen wird ihm Propaganda. Warum unterstützen Sie das?

Für mich ist das engagierter Journalismus aus der Sichtweise der russischen Regierung. Ich halte Propaganda für einen Kriegsbegriff des Journalismus. Da ist man ja ganz schnell bei Goebbels – und das ist in diesem Fall ja wirklich ungerechtfertigt.

Engagierter Journalismus klingt harmlos. Die ukrainische Medienorganisation Stopfake ...

... wer soll das denn sein?

Stopfake ist eine Organisation von ukrainischen Journalisten, die sich während der Ukraine-Krise gegründet hat. Ihre Aufgabe: Falschmeldungen in russischen und ukrainischen Medien enttarnen.

Von denen habe ich noch nie gehört.

Stopfake hat Russia Today schon in vielen Fällen Falschberichterstattung nachgewiesen.

Es behaupten ja immer alle, dass es dauernd Falschmeldungen gebe. Aber können Sie mir auch ein Beispiel nennen?

Der Sender hat behauptet, dass ukrainische Flüchtlinge in Scharen nach Russland strömen. Das war definitiv eine Falschmeldung.

Wenn das eine Falschmeldung war, dann gehe ich davon aus, dass man sie auch im Nachhinein als solche identifiziert.

Russia Today hat diese Falschmeldung genauso wie Hunderte anderer Falschmeldungen bislang nie im Nachhinein richtiggestellt.

Also mir ist so etwas bisher nicht aufgefallen. Aber ich kenne natürlich auch nicht alles, was Russia Today sendet.

Es gehört zur Aufgabe von Journalisten, Fakten für andere einzuordnen und zu erklären. Gerade wenn es um so unübersichtliche Themen wie die Ukraine-Krise geht. Wie kommt Russia Today dieser Aufgabe nach?

Die Sendung, die wir zeigen, heißt Der fehlende Part, und da werden mehrere Seiten eines Themas beleuchtet. Neulich hatte zum Beispiel der russische Außenminister eineinhalb Stunden Zeit, sich auf Russia Today zu äußern ...

... kritische Fragen wurden ihm dort nicht gestellt. Wäre das nicht die Aufgabe der Redaktion gewesen?

Ich glaube, dass unsere Zuschauer sich ganz gut selbst eine Meinung bilden können. Die wissen schon, was richtig und was falsch ist, und was eine Meinung aus russischer Sicht ist. Offensichtlich bedienen wir da ein Bedürfnis, das in vielen Teilen der deutschen Medien nicht befriedigt wird.

Was sagen Ihre Redakteure dazu, dass auf Salve TV jetzt russisches Staatsfernsehen läuft?

Natürlich haben wir da bei manchen wirtschaftlichen Kontakten auch Fragezeichen gesehen und überlegt, ob das ein oder andere Unternehmen dann wohl weiter bei uns werben wird. Inzwischen steht die gesamte Redaktion zu 100 Prozent dahinter.

Salve TV ist ein kleiner Lokalsender. Ihr Auftrag ist es, über Politik und Ereignisse in Ihrem Sendegebiet zu berichten. Wie passt Russia Today in dieses Konzept?

Wir verstehen unseren Auftrag eben komplexer. Schließlich sind hier in Thüringen viele Firmen von den Wirtschaftssanktionen gegen Russland betroffen – das Thema geht uns also sehr wohl etwas an und schadet vielen hier im großen Stil. Dass wir Der fehlende Part ausstrahlen, ist für uns auch der Beitrag zu einer friedlichen Diskussion über Russland.Und

Sie glauben, dass Kreml-finanziertes Staatsfernsehen zu einer friedlicheren Diskussion beiträgt?

Ja, wieso denn nicht? Es geht schließlich darum, dass die Leute mehr über Russland erfahren.

Die Landesmedienanstalt in Thüringen war sich nicht sicher, ob Russia Today wirklich zu Ihrem Sender passt. Es hat das Konzept geprüft.

Die Landesmedienanstalt hat uns schriftlich einige Fragen gestellt. Das war es dann erst mal. Ob da noch etwas hinterherkommt, weiß ich nicht. Aber ich gehe davon aus, dass wir durch das Recht auf Meinungsfreiheit gut abgesichert sind. Alles andere würde ich als Zensur begreifen.

Über Klaus Dieter-Böhm

Klaus-Dieter Böhm ist Geschäftsführer der Toskanaworld GmbH. Zu der Unternehmensgruppe gehören Thermen und Hotels in Ostdeutschland und der Lokalsender Salve TV. Momentan erreicht der Sender durchschnittlich 70.000 Haushalte. Böhm ist außerdem Vorsitzender des Bundesverbands Lokalfernsehen.

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

11.08.2015 15:21

Sven Michel

Ein identisches Interview würde ich mir auch einmal mit einem der Verantwortlichen des deutschen Staatsfernsehens wünschen.

11.08.2015 20:09

Josch Apitzsch

Wer hat wann dieses Interview geführt und für wen? Und vor allem: Was soll diese Schlamperei?

12.08.2015 10:10

Klaus Goltsman

Und all die Propaganda, die das deutsche TV und die deutschen Printmedien täglich ausstrahlen und drucken. Die ist okay? Nee. Ich bin froh, dass es eine Gegenmeinung gibt, die einiges klarstellt, zurechtrückt, ergänzt. Ebenso wie andere Seiten im Internet, z.B. Nachdenkseiten, der Kompa, Altpapier, bis hin zum Postillon. Sind die auch "Kreml-Propaganda", wenn und weil sie über offizielle deutsche Lügen berichten oder sich drüber lustig machen?

12.08.2015 10:58

Anton Heitz

Wer ist denn Stopfake? Sind Ukrainische Medienorganisation in Bezug auf Russland also völlig unverdächtig für Propaganda?

Da würde mich doch mal genau deren Quelle interessieren für die Behauptung mit dem Märchen der Flüchtlinge nach Russland.

Habe grad mal bei Spon gesucht und nach 1 Min das hier gefunden:
http://bit.ly/1qVedyv

Die Zahlen sind nach Angaben von Uno-Flüchtlingswerks glaubwürdig! Lügen die also auch?

12.08.2015 11:14

Michael Termer

"Stopfake ist eine Organisation von ukrainischen Journalisten, die sich während der Ukraine-Krise gegründet hat. Ihre Aufgabe: Falschmeldungen in russischen und ukrainischen Medien enttarnen."

Stopfake.. ernsthaft? Die Webseite, die Fakes produziert und regelmäßig von Anatolij Sharij auseinander ßgenommen wird?

Wer ist Anatolij Sharij?

Ein ukrainischer Journalist, der ukrainische Nachrichtenfakes enttarnt. Mitlerweile mit fast 600.000 Abonnenten auf Youtube gegenüber stopfake mit 30.000.....

Ernsthaft, wenn jemand stopfake.org als eine Organisation mit der Aufgabe Falschmeldungen in russischen und ukrainischen Medien zu enttarnen beschreibt, betreibt übelste Sorte an Propaganda und verbreitet direkt Lügen.

"Der Sender hat behauptet, dass ukrainische Flüchtlinge in Scharen nach Russland strömen. Das war definitiv eine Falschmeldung."

Eine gewaltige Flüchtlingswelle

Heute vor einem Jahr auf Spiegel: "Und die Kämpfe setzten eine gewaltige Flüchtlingswelle in Gang. Allein in der zweiten Augustwoche verließen über 22.000 Menschen Donezk und Luhansk."

RT hat es nicht behauptet, sondern zitierte die Migrationsbehörde, die sagte dass in Russland sich 1,8 Millionen Ukrainer aufhielten.

William Spindler, UN refugee agency May 2015: "The number of people being displaced within Ukraine and also going to other countries has increased and now stands at over two million in total. 1.2 million people have been displaced inside Ukraine, and over 800,000 people have gone to neighboring countries, mainly to the Russian Federation, but also to Belarus, to Poland, to Germany, to France, Italy and other countries."

12.08.2015 11:36

Jens Schreiber

Wie Geil

Da will man einem Sender Propaganda nachweisen und verdreht hier die Fakten von den ukrainischen Füchtlingsströme.

Die Mauer zu Russland ist auch ein Antifaschistischer Schutzwall stimmts?

Meine Freundin kennt selber welche, die aus der Ukraine geflohen sind, ebenso der Bruder in Weißrussland hat ukrainische Flüchtlinge aufgenommen.

Dieses Interview zeigt dann doch wohl eher wie wichtig RT ist.

12.08.2015 11:39

Ulf Klaaßen

Wie gut, dass Propaganda immer nur die anderen machen.

Und es ist ist nicht die Aufgabe von irgendwelchen "Journalisten" oder eines belling-higgings oder correct-roepcke für mich "Fakten [...] einzuordnen und zu erklären" – das ist ganz allein meine eigene Aufgabe.

12.08.2015 12:17

Onkel Hotte

Sicherlich ist RT kein lupenreiner Sender, aber lassen wir doch mal tatsächlich die Kirche im Dorf stehen.

Immerhin weiß jeder, dass RT Propaganda verbreitet bzw. meint es zu wissen. Bei unseren Medien sieht das noch anders aus. Da weiß man nicht so recht, was wahr und was "aus Versehen" falsch ist oder nur "unglücklich" formuliert wurde. Gerade der Ukrainekonflift bot ja jede Menge journalistischen Zündstoff.

Über amerikansiche Propaganda regt sich keiner auf. Die brauchen auch kein Staatsfernsehen dafür, FOX und CNN machen das viel besser, bunter und auch noch freiwillig.

12.08.2015 12:57

Klaus Sonnenburg

Was für ein Skandal! Da traut sich jemand eine andere als die "westliche" (was immer das auch sein mag) Meinung zu verbreiten. Und das auch noch vor einen riesigen Publikum von 70.000 Zuschauern. Ein Anschlag auf unsere Pressefreiheit! Nur gut, dass unser unabhängiges Staatsfernsehen in seiner allseitigen Berichterstattung die klare Botschaft vermittelt: Westen gut - Russland böse.

12.08.2015 15:22

Willy Zagl

Leugnet der Interviewer ernsthaft, dass die Menschen aus der Ost-Ukraine massenhaft nach Russland geflohen sind?

Hier ein entsprechender Bericht von euronews: https://youtu.be/UMNuWy8r9E8 (ab 0:43)

Und hier einer von Reuters: http://reut.rs/1s8ksii


12.08.2015 17:48

Jan Berger

Interessant, dass nahezu alle bisherigen Kommentare dem Interviewer unterstellen, selber Propaganda zu betreiben.

Ich möchte noch einmal festhalten: Russia Today wird direkt vom Kreml finanziert und KANN daher nicht als neutral und objektiv bezeichnet werden. Wer Sendern wie der ARD und dem ZDF Propaganda vorwirft, muss das zwangsläufig auch RT vorwerfen.

@Willy Zagl: Bei dem Reuters-Artikel finde ich interessant, dass die Reuters-Autorin Olesya Astakhova sich bisher anscheinend ausschließlich mit russischer Öl- und Gaspolitik befasst hat. Bekanntlich auch ein Gebiet, wo die russische Regierung eine starke Kontrolle ausübt. Und plötzlich schreibt sie über ukrainische Flüchtlinge?

http://muckrack.com/olesya-astakhova/articles

12.08.2015 19:54

Krischn König

Chapeau Frau Schröder, eine wahrhaft gelungene Satire! Sie haben hier dem Selbstverständnis des deutschen Wald-und-Wiesen-Journalisten einen Spiegel vorgehalten.

Da ist wirklich alles drin: das Immer-auf-der-richtigen-Seite-stehen, die selektive Wahrnehmung von Fakten und Quellen, die unterlassene Recherche...

Und das dann noch in den "journalist" geschmuggelt zu kriegen – wirklich eine reife Leistung. Ich denke Sie haben noch eine große Karriere vor sich.

12.08.2015 22:00

Krischn König

@Jan Berger: Im Umkehrschluss heißt das also: wer RT Propaganda vorwirft, muss ARD + ZDF Propaganda vorwerfen? Schließlich sitzen da die Räte voll mit Vertretern der (regierenden) politischen Parteien und die Finanzierung erfolgt qua Steuer (auch wenn die nicht so heißen darf). Wie steht's denn hier mit der behaupteten Unabhängigkeit?

Ihren Angriff gegen die Autorin des Reuters-Artikels nennt man übrigens i.A. eine Verschwörungstheorie. Frau Schröder schreibt sonst für die Unternehmer-Postille "impulse". Auch ganz schön fachfremd, oder?

13.08.2015 00:19

Michael General

Herr Berger, haben Sie einen Beleg dafür, dass RT "direkt vom Kreml finanziert" wird? Oder kann man das als Propaganda abtun?

RT selbst gibt an: RT is an autonomous non-profit organization., zu lesen auf deren Webseite.

13.08.2015 10:06

Tanja Meisinger

Merkwürdig, dass es bis jetzt noch keinen Kommentar gab, der alle vorherige Meinungen als vom Putin bezahlte Trollbeiträge bezeichnet. Ist ja sonst bei jedem Artikel zum Thema Russlaned in der Regel spätestens an der 5. Stelle zu finden.

13.08.2015 10:26

Michael Termer

@ General:

"haben Sie einen Beleg dafür, dass RT "direkt vom Kreml finanziert" wird?"

hmm ja. Einmal wie sie sagten: "Autonomous non-profit organization (ANO) “TV-Novosti” und TV-Novosti gehört dem "government". Zum zweiten sagt RT es bei jeder Gelegenheit selbst, dass die 250m von der Regierung kommen o.0

Nach nunmehr 5 Jahren RT lesen, kommt man jedoch zu dem Schluss, dass die Berichte (RT international) umfangreicher, differenzierter und detailierter sind. Die Propaganda bewegt sich auf dem Niveau vom Spiegel/Tagesschau (weg lassen, was das Bild stören könnte, oder "Experten" befragen).

Es ist eine Ergänzung und kein "stand alone" Programm, was sie haben. Aber das schreiben sie auf ihrer Webseite ja auch genauso.

17.08.2015 16:34

Alex Brodsky

"Der Sender hat behauptet, dass ukrainische Flüchtlinge in Scharen nach Russland strömen. Das war definitiv eine Falschmeldung."

According to the UN Refugee Agency (UNHCR), by 16 April, 800,961 Ukrainians had sought asylum, residence permits or other forms of legal stay in neighbouring countries. This includes 659,143 individuals in Russia and an additional 81,023 individuals in Belarus. The number of Ukrainian nationals who had sought asylum, residence permits or other forms of legal stay in neighbouring countries increased by about 23,600 people compared to the previous week.

United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA), April 2015

 
Anzeige: 1 - 17 von 17.