Detail-Informationen

Autor

Bernd Fabritius

verfasst am

08.09.2011

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Bild: Thomas Frey

Social-Media-Redakteure

Der Erste

Lars Wienand ist Lokaljournalist durch und durch – und der wohl erfahrenste Social-Media-Redakteur einer deutschen Regionalzeitung.

Seit einer Woche schaue er auf zwei Bildschirme, sagt Lars Wienand und lässt sich in seinen Bürostuhl fallen. Die schräg angeordneten Panorama-Screens an seinem Arbeitsplatz am Rand des ovalen Newsdesks erinnern an das Cockpit eines Sportwagens, mit gänzlich auf den Fahrer ausgerichteten Armaturen. Der linke Bildschirm ist für die Twitter-Kanäle reserviert, neue Tweets blinken auf, rutschen nach unten, werden von anderen verdrängt.

Bei der Koblenzer Rhein-Zeitung ist man stolz auf Wienand. Er sei der erste Social-Media-Redakteur am Newsdesk einer Regionalzeitung. Wienand selbst bringt den Vergleich an, er sei "Nachrichtenchef für Social-Media-Kanäle" – allerdings ein Chef ohne Untergebene.

Der 37-Jährige ist seit jeher ein Rhein-Zeitungs-Mann. Schon während der Oberstufe schrieb er frei für eine der Lokalausgaben. Sein Studium in Mainz brach der Westerwälder vor 15 Jahren für ein Volontariat bei der Rhein-Zeitung (RZ) ab. Bis auf einen kurzen Abstecher zu Boulevard Baden ist er dem Blatt treu geblieben. Er war mitverantwortlich für die Lokalredaktionen von Betzdorf und Koblenz und saß als Terminchef am Newsdesk. Alles herkömmliche Journalistenstellen.

2009 änderte sich das. Im Januar beschloss die RZ, sich bei Twitter anzumelden. Schnell stellte sich heraus, dass Wienand und ein Kollege diejenigen Redakteure waren, die am eifrigsten über die Kanäle des Mikroblogging-Diensts kommunizierten. Im Spätsommer 2009 folgte die Anmeldung bei Facebook. Auch das nahm Wienand von Beginn an in die Hand. "Terminchef und Social-Media-Beauftragter – nach ein paar Monaten wurde das alles zu viel", sagt Wienand. In Abstimmung mit seinem Chefredakteur gab er seine anderen Jobs auf. Seitdem kümmert sich Wienand ausschließlich um die sozialen Netzwerke.

Gut zwei Jahre später sitzt er am Newsdesk direkt neben dem Deskchef – und arbeitet eng mit den Printkollegen zusammen. Obwohl es sein Job ist, interessante, exklusive Themen in Online-Communitys aufzuspüren, läuft die Stoffversorgung nicht nur einseitig: Wienand twittert die Eilmeldung, die ihm der Printkollege übermittelt. Oder den Screenshot einer unfertigen Printseite. "Wenn uns keine Überschrift einfällt, ist das ein Aufruf an die Leser, sich mit Ideen zu beteiligen", erklärt er.

Viele Themen spielen lokale Follower und Friends der Redaktion zu. "Gerade kam ein Tweet mit dem Link zu einem Videoclip, der Koblenzer Fußballfans beim Abfackeln eines Feuerwerks am Deutschen Eck zeigt. Ich habe das an die Lokalredaktion weitergeleitet, die daraus jetzt eine Meldung macht und das Video einbettet." Wienand ist sich sicher: Zu Printzeiten wäre das an den Redaktionen komplett vorbeigegangen.

Wienand betreut die Twitter-Kanäle @rheinzeitung und @larswienand, facebook.com/rheinzeitung, facebook.com/lars.wienand, den RZ-Zentralaccount bei wer-kennt-wen.de und den Google+-Account der RZ unter seinem Eigennamen – Google akzeptiert bisher keine Unternehmensaccounts. Da man über soziale Medien oft schneller an Infos kommt als durch Nachrichtenagenturen, hat man sich in Koblenz früh zum Ziel gesetzt, dass jeder Redakteur die sozialen Medien nutzt. Bei der RZ wird mittlerweile auf allen Ebenen getwittert – vom Chefredakteur in Koblenz bis zum Volontär in der Lokalredaktion. RZ-Chefredakteur Christian Lindner beschreibt die sozialen Medien als "Schweizer Taschenmesser der Möglichkeiten", das Elemente wie "Themenlupe", "Imagefeile" und "Reichweiteneinfädler" enthalte.

Keinen Zweifel lässt Lars Wienand an der Einordnung seines Berufs. "Meine Aufgaben sind auch die eines klassischen Journalisten: Ich muss Themen erkennen, umsetzen und verbreiten." Bevor er einen Link online stellt, prüft er wie jeder Redakteur, ob Texte und Bilder journalistischen Ansprüchen genügen. Als Themenfinder ist er für die RZ mittlerweile unverzichtbar geworden. Im Vergleich zu früher ist Wienands Arbeit technischer, experimenteller geworden. Dabei hat er mit dem Schreiben nie aufgehört. Regelmäßig setzt er Themen für die Zeitung und die Website um, die ihm die sozialen Medien zuspielen.

Als angenehm an seinem Job empfindet er, dass ihm die Communitys einen anderen Blickwinkel aufzeigen, eine Gegenöffentlichkeit zum medialen Mainstream. Außerdem mag er die Hilfsbereitschaft, die ihm durch schnelle Antworten in sozialen Medien entgegengebracht wird. Aus Verbundenheit mit seinen RZ-Accounts twitterte und postete Wienand anfangs auch in seiner Freizeit. Mittlerweile zieht er die Grenze zum Beruf konsequenter. "Anfangs waren Vertretungen nicht klar geregelt, manchmal gab es niemanden." Heute ist für Ersatz gesorgt, wenn Wienand keinen Dienst hat – was nicht heißt, dass er privat auf Twitter und Co verzichten könnte. Es macht ihm eben Spaß.

Bild: Thomas Krause

Der Schlichter

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Bild: ZDF/Rico Rossival

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Bild: Jan Söfjer

Die Externe

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