In eigener Sache

Detail-Informationen

Autor

Cordt Schnibben

verfasst am

04.09.2013

im Heft

journalist 9/2013

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Cordt Schnibben

Die Zeitungsdebatte

Spiegel-Reporter Cordt Schnibben ist durch acht Zeitungsredaktionen gezogen. Er hat 21 Gastautoren beauftragt, Hunderte Forumsbeiträge gelesen, und er hat sein Projekt in Radiointerviews und Google-Videochats erklärt. Anstoßen will er damit eine Debatte über die Zukunft des Kulturguts Tageszeitung. Auf journalist.de zieht er eine erste Bilanz.

  Update

Auf Spiegel Online steht seit dem 10. September die Auswertung der Zeitungsdebatte – und was sich daraus für die Zeitung von morgen ableiten lässt.

Am Anfang stand der Entschluss, dass wir anfangen müssen, ehrlich zu uns selbst zu sein. Wir können nicht mehr tatenlos einer Entwicklung zusehen, die viele von uns den Job kosten wird.

Meine Art, mich jeden Tag zu informieren, hat sich in den vergangenen zwei Jahren stark verändert. War es sonst immer klar, mit der Süddeutschen Zeitung anzufangen (Titelseite, Seite 3, Panorama, ein bisschen Wirtschaft, ein bisschen Kultur, Medien, Sport), dann tageszeitung (überall mal so reinschauen), dann Frankfurter Allgemeine (Wirtschaft, Feuilleton, Sport), ist es jetzt: Twitter, Facebook, Flipboard, Perlentaucher, Taptu. Auf diese Weise lese ich auch Artikel aus SZ, taz und FAZ, aber vorgelesen von Hunderten Frühaufstehern, aussortiert, geliket, verlinkt, und dazu: New York Times, Guardian, Buzzfeed, New Yorker, Atlantic – all das, was schlaue Menschen für mich durchwühlt haben und präsentieren wie eine Jagdbeute.

Die drei Zeitungen kommen jeden Morgen ins Haus, aber als von kundigen Redakteuren zusammengestelltes Morgenpäckchen erreichen mich die Zeitungen nur noch selten. Schuld ist das iPad, auf das ich mich jeden Morgen freue wie früher auf frische Tüten mit Fußballbildern.

In meinem Bekanntenkreis höre ich verschiedene Begründungen dafür, warum der eine oder die andere Zeitungen nicht mehr liest oder nicht mehr so gründlich oder mit weniger Freude.

Es nützt nichts

Darum bin ich durch acht Redaktionen gezogen, um mit Chefredakteuren darüber zu sprechen, wie sie den Wandel erleben, den ihre Zeitungen durchmachen. Alle wissen, dass die goldenen Zeiten der Massenblätter vorbei sind, und alle hoffen auf neue digitale Erlöse.

Die Digitalisierung des Journalismus löst im Moment noch mehr Erlösungs- als Textfantasien aus, dabei mangelt es vor allem an Letzteren. Printprodukte nur digital zu vermarkten, das ist so wenig die große Lösung wie Bezahlmodelle für Onlinejournalismus. Letztlich wissen wir Journalisten das auch.

Wir haben uns zu lange darauf verlassen, dass Verlage und Verleger die Konzepte entwickeln, die uns und unseren Journalismus sichern. Wenn wir künftig diese Konzepte für neue Medien und neue Formen nicht entwickeln, dann dürfen wir uns nicht beklagen, wenn der Journalismus langsam zugrunde gespart wird.

Es nützt nichts, auf sinkende Auflagen und sinkende Werbeerlöse zu starren und uns damit zu trösten, dass ja die Onlineklicks steigen. Wir brauchen eine Debatte darüber, was sich im Printjournalismus und besonders im Tageszeitungsjournalismus ändern muss, eine Debatte aber, die auch Lösungen aufzeigt – das war der Ausgangspunkt für unser Projekt 2020.

Wir wollten das in Formen machen, die in sich schon eine Botschaft haben: Digitaler Journalismus ermöglicht uns, multimedial zu sein, was nicht nur heißt, Printjournalismus mit multimedialen Elementen aufzurüsten, sondern was vor allem heißt, ein Thema in Print, auf dem Tablet, auf der Website und dem Smartphone und in den sozialen Medien jeweils mediumgerecht zu erzählen. Der zweite Vorteil von digitalem Journalismus: Man kann das Netz und die sozialen Medien nutzen, um Leser und Kollegen ganz anders als vor zehn Jahren an der Entwicklung von Lösungen zu beteiligen.

Keine Debatte ohne Widerspruch

Wir haben das Projekt konzipiert in einer Gruppe, zu der Kollegen aus fünf verschiedenen Abteilungen der Redaktion gehörten – Bildredakteure, Layouter, Grafiker, Tablet-Entwickler, Reporter – und es entstand in enger Zusammenarbeit zwischen Print und Online.

Die Entscheidungen im Hause Springer haben uns veranlasst, die Umsetzung vorzuziehen und es auf dem Tablet nicht ganz so aufwendig zu machen wie geplant, dafür die Debatte auf Spiegel Online größer anzulegen, weil es nun ein Thema wurde, das noch mehr Leute interessierte.

Die Resonanz der Leser überrollte uns, innerhalb von zwei Tagen erreichten uns 800 Meinungsäußerungen als Kommentare unter den Debattenbeiträgen, im Forum bei Spiegel Online, per Mail und über Facebook, darunter auffällig viele lange und qualifizierte Kommentare mit sehr konkreten Wünschen und Vorschlägen. Dieser Zustrom hält bis heute an, und einige Debattenbeiträge wurden mehr als tausendmal auf Facebook empfohlen und getwittert. Unter dem Hashtag #tag2020 sind inzwischen mehr als 3.000 Tweets aufgelaufen.

Natürlich entwickelt sich so eine Debatte nicht ohne Widerspruch. Einige Medienjournalisten und Blogger wiesen am Anfang darauf hin, dass es nicht die erste Diskussion sei über die Zeitungskrise und viele Vorschläge nicht neu. Das ist sicher richtig, aber der Zeitpunkt der Debatte (Springer, Washington Post) hat bewirkt, dass sich ganz neue Kreise an der Auseinandersetzung über die Krise der Zeitungen beteiligt haben.

Unter Beschuss

Für mich waren diese Wochen eine seltsame Erfahrung, weil ich von zwei Seiten unter Beschuss genommen wurde. Von Printkollegen, die sich mit dem Thema am liebsten nicht beschäftigen möchten und mich als Schwarzmaler und Nestbeschmutzer abtaten, und anfangs auch von Bloggern, für die Zeitungen längst erledigt sind. Die Frontstellung zwischen beiden Gruppen ist starr wie im Kalten Krieg.

Nur wenige der 21 Debattenschreiber sind gedanklich in beiden Lagern unterwegs, noch bedauerlicher war allerdings die Ignoranz in den Zeitungsartikeln, die die Debatte begleiteten. Ein FAZ-Redakteur oder ein Zeit-Redakteur muss nicht Bloggern zujubeln, die das Ende der Zeitung beschwören, aber die öffentlichen, lauten und qualifizierten Meinungsäußerungen der Leser in der Debatte zu ignorieren, grenzt schon an Autismus.

Mir geht es vor allem um zwei Dinge: Zum einen den Leser darauf aufmerksam zu machen, dass ein Kulturgut dabei ist zu verschwinden, wenn sich Leser nicht mehr für Zeitungen engagieren und auch im Internet nicht für Journalismus bezahlen. Und zum anderen die Journalisten davon zu überzeugen, dass sie kreativer sein müssen, um ihren Journalismus zu verteidigen, dass sie die Digitalisierung nicht als Bedrohung, sondern als Chance zur Erneuerung annehmen müssen.

Als Spiegel-Mitarbeiter haben wir eine besondere Chance, die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen für einen sich ständig weiterentwickelnden Journalismus: Uns gehört der Verlag zur Hälfte, und wir haben mit Spiegel, Spiegel Online und Spiegel TV die drei Elemente unter einem Dach, die man heutzutage für modernen Journalismus braucht.

Zu begreifen, dass man dasselbe Thema im Heft, auf der Website, auf Tablets und Smartphones und im Fernsehen anders erzählen muss, das gehört zu diesem Selbstverständnis. Darum präsentierten wir das Zeitungsdrama zunächst im Heft und auf Tablets, begannen auf Spiegel Online eine Debatte darüber, wie sich Tageszeitungen verändern müssen, um neue Leser zu gewinnen, belebten diese Debatte mit Tweets und auf Facebook mit Videos.

Wir sind gespannt

Abgeschlossen wird das Projekt 2020, indem wir alle Vorschläge und Anregungen in das Konzept einer Tageszeitung einfließen lassen, die auf neue Art informieren soll. Wir verstehen das als Anregung und hoffen, dass es von Redakteuren in den inzwischen oft stark geschrumpften Redaktionen nicht als Anmaßung empfunden wird. Es ist nicht mehr als ein Vorschlag, destilliert aus Hunderten von Vorschlägen, und möglicherweise ein Weg, die Zeitung aus Papier zu ersetzen durch etwas, was Journalisten und Leser gleichermaßen überzeugt. Wir sind gespannt.

Auf Spiegel Online können Sie die Vision dieser neuen Tageszeitung besichtigen und dort im Forum, per Mail oder auf Twitter unter dem Hashtag #tag2020 Ihre Meinung äußern.

Der Autor

Cordt Schnibben arbeitet seit 1989 für den Spiegel, für den er als Reporter um die Welt zog und zuletzt das Ressort Gesellschaft leitete. Jetzt ist er zuständig für digitale Neuentwicklungen. 2007 gründete er mit Ariel Hauptmeier und Stephan Lebert das Reporterforum. Er twittert unter @schnibben.

Die September-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Der Tag X. Springer verabschiedet 940 Mitarbeiter

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

06.09.2013 11:25

Felice Ossini

Der Spiegel ist sicherlich das denkbar ungünstigste Medium, um eine Debatte über die Zukunft des (digitalen) Journalismus zu starten. Ein Haus, in dem sich Print und Online als zwei getrennte Redaktionen wie Feinde gegenüberstehen, hat nichts verstanden.

Auch von der Idee, "ein Thema in Print, auf dem Tablet, auf der Website und dem Smartphone und in den sozialen Medien jeweils mediumgerecht zu erzählen sehe ich bei der Spiegel-Zeitungsdebatte nullkommanichts.

Die Tatsache, dass die Redaktion Blogger angeschrieben hat, die mal eben für lau ihre Tipps für die Zukunft des Journalismus abgeben sollten, spricht Bände über das Verständnis, das Schnibben & Co. von der Arbeit der "Digitalen" haben. All dies verstärkt den Eindruck, dass diese Branche noch viel schneller den Bach runtergehen wird, als wir uns noch heute vorstellen. Weil der Leser/User diese antiquierte Vorstellung einer Dienstleistung schlicht nicht mehr will.

05.09.2013 14:16

Andreas Vogel

Lieber Herr Schnibben, die Initiative ist ja löblich, sie hat aber einen schweren Webfehler:

Warum wird diese Diskussion nur noch online geführt und nicht auch in Print? Es ist doch ein Trugschluss, dass nur agile Onliner gute Vorschläge machen können.

Gerade diejenigen Leser, die weiter Print die Stange halten können sicherlich sogar substantiellere Vorschläge machen als diejenigen, die sich bereits an den Verzicht auf die Tagespresse gewöhnt haben.

Das ist einer (von etlichen mehr) der vielen Fehleinschätzungen und Versäumnisse der Verlage: 2.0, also die Beteiligung der Leser und Debatte mit den Lesern nur online zu führen.

Seit Jahr und Tag haben Menschen mit guten Gründen den Zeitungsverlagen
gesagt: Schafft mehr Foren in der Zeitung, beteiligt mehr die Leser in der Zeitung.

Aber die Verlage und erst recht die Journalisten haben dies als Schädigung ihrer Hoheitsrechte und als Deprofessionalisierng zurückgewiesen. Jetzt erhalten sie (leider) die Rechnung für dieses Verhalten.

Andreas Vogel, http://presseforschung.de

 
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