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Autor

Interview: Svenja Siegert

Fotos: Jürgen Schulzki

verfasst am

30.07.2011

im Heft

journalist 7/2011

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Bild: Jürgen Schulzki

Journalistische Perlen, mehr Übersicht, weniger Bildergalerien – Stefan Plöchinger hat sich viel vorgenommen.

sueddeutsche.de

"Bei uns gibt es die besseren Texte"

Vor 15 Jahren bastelte er an seiner ersten Website, vor einem guten Monat krempelte er den Online-Auftritt der Süddeutschen Zeitung um: Stefan Plöchinger hat die Chefredaktion von sueddeutsche.de übernommen. Im journalist-Interview erzählt er, wie er an Welt Online vorbeiziehen will, um mit sueddeutsche.de die Nummer drei unter den deutschen Nachrichtenportalen zu werden.

journalist: Wie bringen Sie Ihren Leser zum Staunen?

Stefan Plöchinger: Indem ich ihm eine sehr kompetente Nachrichtenseite anbiete.

Darüber soll er staunen?

Darüber staunt er nicht, aber es ist der erste Grund, warum ein Leser eine Newssite besucht. Darüber hinaus muss er sich an ein paar Stellen unterhalten fühlen und immer wieder kleine Perlen finden, die es so nirgends sonst gibt.

In einem Buchbeitrag schreiben Sie: Onlineportale müssen jeden Tag aufs Neue Leser zum Staunen bringen. Vielleicht beherrscht Zeit Online dieses Handwerk. Anfang Juni wurden die Lead Awards verliehen. Zeit Online räumte gleich zweimal ab. Was fehlt sueddeutsche.de zum Lead Award?

Gratulation an Chefredakteur Wolfgang Blau – er hat es bei Zeit Online verstanden, Journalismus online weiterzuentwickeln, von der iPad-Version seiner Site bis zu Datenjournalismus-Ansätzen. Solche Leuchtturmprojekte braucht jede Site, auch wir, wobei wir uns nicht allein darüber definieren sollten. Wir sind zuallererst eine Nachrichtenseite. 

Klingt einleuchtend.

Das klingt trivialer, als es ist. Aber ich könnte auch sagen, wir wollen ein reines Kommentarportal werden. Wollen wir aber nicht. Das wäre zu verengt.

Aber wofür steht die Nachrichtenseite sueddeutsche.de – gerade im Vergleich zu anderen News-Angeboten im Netz?

Auf sueddeutsche.de kommen die Leser aus demselben Grund, aus dem sie die Süddeutsche Zeitung kaufen: Sie wollen wissen und verstehen, was auf der Welt los ist. Unsere erste Aufgabe ist es also, das Weltgeschehen gut abzubilden – und es besser zu erklären als die anderen Portale.

Wie erklärt man es besser?

Wir müssen uns eine zeitgemäße Dramaturgie überlegen, wir müssen auch online richtig blattmachen. Zu welchem Zeitpunkt will der Leser einen Tickertext lesen? Zu welchem eine Analyse oder einen Kommentar? Und wann ist statt diesen klassischen Darstellungsformen ein Frage-Antwort-Text eher angebracht? Wir müssen letztlich weg von reinen Tickertexten und hin zum Beispiel zu Formen, die den Live-Charakter dieses Mediums betonen oder Nachrichten interaktiv darstellen. Wir müssen unsere Formate weiterentwickeln. 

Machen das derzeit nicht alle Redaktionen?

Aber auf wie vielen Webseiten findet man wirklich Innovatives? Deutscher Onlinejournalismus hängt insgesamt noch zu sehr am klassischen Ticker.

Auch Ihr früherer Arbeitgeber Spiegel Online?

Spiegel Online hat den Online-Nachrichtenjournalismus perfektioniert. Aber wir wollen Spiegel Online nicht kopieren. Wenn man die Kopie ist, werden die Menschen immer zum Original greifen. Onlinejournalisten können blattmacherisch und optisch durchaus über Spiegel Online hinausgehen. Mit unserem Facelift Ende Mai haben wir etwa Schwerpunktthemen für die Startseite eingeführt. Das bringt den Leser vielleicht nicht zum Staunen; er denkt sich aber hoffentlich, dass er bei uns das rundere Infopäckchen bekommt – das er so nirgendwo im Netz findet.

Das heißt, aus diesem Grund gehen Leser künftig zu sueddeutsche.de und nicht zu Spiegel Online?

Und weil man bei uns am Ende des Tages die besseren Texte findet.

Glauben Sie, dass im Netz ausreichend Platz für zehn überregionale Nachrichtenportale ist – die Auftritte der Fernsehsender nicht mitgerechnet? Laut einer Auswertung von Tomorrow Focus produzieren sie zu 80 Prozent die gleichen Inhalte: identisches Agenturmaterial.

Für alle wird es sich langfristig nicht rentieren. Aber in jeder entwickelten Volkswirtschaft gibt es mehrere Nachrichtenportale nebeneinander – so wie es mehrere Tageszeitungen nebeneinander gibt.

Bild: Jürgen Schulzki

 

"Auf allen Onlineportalen wurden in den vergangenen Jahren auch Dinge gemacht, die mit den dazugehörigen Printmarken nicht zu vereinbaren waren."

Stefan Plöchinger sieht bei sueddeutsche.de kein Imageproblem.

 

 

Die Tagezeitungen haben im Gegensatz zu den Onlineportalen ein starkes Profil. 

Aber einen Heribert Prantl und einen Kurt Kister liest man nur auf sueddeutsche.de. Und auch unsere Onlineredakteure entwickeln Profil.

Sie sagen, die Nachrichtenportale müssen Profil entwickeln. Wie passt es in Ihre Überlegungen, dass eine Großzahl von Usern nicht mehr über die Startseite auf ein Nachrichtenportal kommt, sondern über Links in Suchmaschinen und sozialen Netzwerken?

Man muss die Nachrichtenseiten da differenziert betrachten. Zu Welt Online und Focus Online kommen weniger Leser über die Startseite als bei uns. Diese Angebote leben stärker von Suchmaschinenoptimierung. Focus Online und stern.de haben zum Beispiel Ratgeberwelten als wertvolle Klickbringer, was vollkommen legitim ist – aber auch zeigt, dass die Erfolgsmodelle der Nachrichtenseiten eben nicht austauschbar sind. Unser erster Anspruch ist, eine runde Nachrichtenseite zu machen. Die Süddeutsche Zeitung ist die Zeitung, die den meisten Leuten im Land die Welt erklärt. Das Gleiche verbinden sie mit ihr im Netz.

Wie wollen Sie das Imageproblem von sueddeutsche.de als Marke im Netz lösen?

Inwieweit hat sueddeutsche.de ein Imageproblem?

sueddeutsche.de hat nicht dasselbe Renommee wie die Süddeutsche Zeitung. Die Trennung von Werbung und redaktionellem Teil wurde nicht immer eingehalten. Der Seite hängt der Ruf von schlechten Bildergalerien, den 100 besten Bieren der Welt nach. Auch heute konnte man bei Ihnen von einem Paris-Hilton-Sexvideo erfahren, von nach Döner riechenden U-Bahn-Gästen und Rod Stewarts Modeleisenbahn.

Manches davon ist doch einfach Unterhaltsames, wie Sie es auch in den bunten Spalten von Zeitungen wie unserer finden. Anderes will ich nicht verteidigen. Auf allen, wirklich allen Nachrichtenportalen gab es in der Vergangenheit Exzesse von Klickstrecken. Da würde ich auch bei Spiegel Online einige finden. Websites haben den Fehler gemacht, zu lange nur auf Klicks, also Page Impressions, zu optimieren. Das Resultat: ewig lange Bildergalerien, die in die Irre führen, Zeit von Redakteuren binden, Leserinteressen nicht gerecht werden, Qualität vernachlässigen. Wir reden darüber, wie wir davon wegkommen. Wir wollen, dass die Leute zu uns finden, weil sie hier lesen, was sie woanders nicht lesen können.

Mein Eindruck ist, die Klickgalerien bei sueddeutsche.de sind weniger geworden.

Wir fahren sie in der Tat zurück, weil ich nicht daran glaube.

Aber Ihr Imageproblem hat nicht nur mit Klickstrecken zu tun.

Unsere Seite ist viel besser, als Sie unterstellen. Hier schreiben eine motivierte Onlineredaktion und renommierte SZ-Journalisten. Wir sehen uns publizistisch auf Augenhöhe mit der klickmäßig stärkeren Konkurrenz aus Hamburg.

Qualitätsjournalismus im Netz lässt sich nur finanzieren, wenn man Seichtes mit Anspruchsvollem mischt. Das war zumindest die Meinung Ihres Vorgängers Hans-Jürgen Jakobs.

Seichtes hat er sicher nicht gesagt. Der Leser sucht Unterhaltung. Und Unterhaltung muss man auf einem Niveau machen, wie es der SZ ansteht. Ich denke, dass auf allen Onlineportalen in den vergangenen Jahren auch Dinge gemacht wurden, die mit den dazugehörigen Printmarken nicht zu vereinbaren waren. Die SZ hat auch eine Leute-Spalte – wieso sollte sueddeutsche.de also keine People-Meldungen haben? 

Wie wäre es denn, die Verzahnung mit der gedruckten Ausgabe zu verstärken?

Wir arbeiten daran. Der Kollege Prantl ist seit vielen Jahren ein sehr geschätzter Mitarbeiter der Onlineredaktion, und wir wollen die Expertise aller Printkollegen in unser Angebot hieven. Wir installieren gerade in den beiden großen Ressorts Politik und Wirtschaft Print-Online-Koordinatoren, die den ganzen Tag im Grunde nichts anderes machen, als eine eigene Stimme der SZ auf die Seite zu bekommen.

Indem Sie Zeitungsartikel über den Tag verteilt auf die Website stellen?

Nein, genau nicht. Manchmal geht es nur um Amtshilfe: Ein Printkollege wird angerufen, um eine zweite Meinung zu einer Eilmeldung einzuholen. Manchmal geht es um zwei, drei einordnende Absätze Text, um uns von Agenturen abzuheben. Und manchmal um einen schnellen Kommentar.

Sie haben Ende Mai die Seite einem Facelift unterzogen. Wie war das Feedback auf die Veränderungen?

Ich habe rund 200 Mails bekommen, eine Facebook-Umfrage gemacht und zum Facelift getwittert. Mehr als 50 Prozent der Rückmeldungen waren positiv, ein gutes Viertel fand die Schriftart zu groß – da steuern wir nach. Andere hatten Probleme mit unserer verstärkten Facebook-Integration, aber das kann man im Gespräch lösen. Ich habe jede Mail, jeden Tweet beantwortet.

sueddeutsche.de ist immer noch extrem unübersichtlich.

Wo denn? Auf der unteren Hälfte der Homepage?

Ja. Und man verliert auf Ihrer Seite leicht die Orientierung. Weiterführende Links bieten keinen Weg zurück an. Ich klicke zum Beispiel eine Bildergalerie im Text an und lande in einem völlig anderen Ressort.

Man sollte das angehen, aber: ein Schritt nach dem anderen. Wir haben jetzt die Topaufmacher umgebaut. Es war uns an dieser Stelle das Wichtigste, eine eigene Sprache zu finden.

Was sind Schritt zwei, drei und vier?

Wir werden klassische Probleme angehen: die rechte Spalte, Multimedia-Einbindungen und die untere Seitenhälfte.

Wann wird die Seite übersichtlicher?

Spätestens zum Jahresende wird sueddeutsche.de sehr anders aussehen als zu Jahresbeginn.

Für die Tatsache, dass man nicht rund um die Uhr kommentieren kann, stecken Sie regelmäßig Kritik ein. Wann gehen Sie dieses Problem an?

Wir hoffen, dass wir im Laufe des Sommers eine deutlich verbesserte Kommentarfunktion bekommen. Es ist klar, dass Öffnungszeiten nicht mehr in die Zeiten sozialer Netzwerke passen. Es ist auch klar, dass eine anonyme Kommentarkultur, in der sich die Redaktion nicht beteiligt, sehr schnell zu Entgleisungen führt.

Ihre Redakteure werden sich in Zukunft also mehr an Diskussionen beteiligen?

Jeder ist dazu ermuntert. Am wichtigsten ist allerdings die Moderation. Wir wollen eine Netiquette, die einen guten Ton in den Kommentaren verlangt, außerdem stärker auf Klarnamen setzen und uns mit Facebook verweben.

Vorbild stern.de?

Dort hat man die Kommentarfunktion komplett zu Facebook ausgelagert. Das würde bei unseren Lesern nicht unbedingt gut ankommen.

Sie müssten sich weniger Gedanken um die Verbreiterhaftung machen und hätten damit weniger Zeitaufwand.

Dafür hätten wir andere Probleme.

Ich habe ein Problem mit den vielen Ressorts.

Richtig, 21 Ressorts kann ein Leser kaum überblicken. Wir wollen das neu strukturieren und Dramaturgie reinbringen.

Seit Mai hat sich auch der Reiseteil von sueddeutsche.de verändert. Hier bekommt man leicht den Eindruck, den Ihre Seite an vielen Stellen ausstrahlt: mehr Schein als Sein.

Wieso? Unser Reiseressort ist erfolgreich, der Verband VIR hat ihn gerade zusammen mit Zeit Online und Spiegel Online prämiert. 

"Eine Liebeserklärung an Köln" in Ihrem Reiseteil ist ganze sieben Zeilen lang. 

Sie meinen einen Kurztext aus dem Archiv, der als Einleitung auf einer Themenseite zu Stadtreisen nach Köln steht? Das finde ich da nicht so schlimm.

Diese kurzen Stücke gibt es häufig. Der integrierte Marco-Polo-Reiseführer – bilderlos. Dazwischen viele Anzeigen, eine integrierte Flug- und Hotelsuchmaschine. Man verliert schnell den Überblick. Was ist redaktionell? Was Anzeige? Ist das Reiseressort geschaffen worden, um den Anzeigenkunden ein attraktives Werbeumfeld zu schaffen?

Nein. Das Ressort machen zwei Kolleginnen, die großen Wert auf journalistische Inhalte legen. Wenn das Werbekunden gefällt, in Ordnung.

Auf Ihrer Startseite gibt es heute einen Navigationspunkt mit dem Namen "Sprachreisen". Der führt zu keinem journalistischen Inhalt, sondern zu einer Anzeige eines Sprachreise-Anbieters ...

Zeigen Sie mal her.

... Dahinter verbirgt sich eine Anzeige zu Linguland.

Ein Fehler. Da fehlt der übliche Anzeigenhinweis, auch wenn wir an diesem konkreten Anbieter beteiligt sind – wir nehmen das raus und bessern nach.

Ist Onlinejournalismus auch Journalismus für den Werbekunden? Es geht häufiger um Klicks und darum, ein werberelevantes Umfeld zu schaffen, als Printjournalisten es gewohnt sind.

Wir arbeiten im Alltag komplett unabhängig. Klar versucht die Online-Einheit eines Verlags, Erlöse zu generieren, aber die Trennung zwischen Redaktion und Verlag ist eindeutig.

Anderes Thema: Wie stehen Sie zu multimedialen, neuen Erzählweisen?

Wir müssen darauf sicher mehr jener Energie verwenden, die wir Onlinejournalisten früher in 08/15-Klickstrecken gesteckt haben. Aber es muss immer auch Sinn ergeben. Da geht es um mehr als ein bloßes Bekenntnis zu Slideshows oder Videos. Wir haben ein großes Arsenal an interaktiven Features, bis hin zu georeferenzierten Kartentools und komplexen Datenaufbereitungen. Die Kunst liegt darin, sie richtig einzusetzen und im Redaktionsalltag zu etablieren. Jeder Redakteur muss damit umgehen können.

Aber viel sieht man davon bei Ihnen noch nicht.

Wir standardisieren gerade die Technik, damit es im Laufe des Jahres mehr wird.

Was haben Sie mit Ihren Blogs vor? Im Augenblick sind sie recht versteckt, teilweise gibt es seit einem halben Jahr keine neuen Einträge.

Wir werden die Blogs neu aufstellen und in unser restliches Angebot integrieren.

Bild: Jürgen Schulzki

 

 

"Ich bin Digital Native, eine andere journalistische Generation"

Stefan Plöchinger könnte sich vorstellen, nie wieder für ein Printmedium zu arbeiten.

 

 

Werden Sie selbst auch eines schreiben?

Das kann ich mir gut vorstellen. Ich unterstütze auch jeden anderen Redakteur, der das machen will. Es kann gut sein, dass wir bis Ende des Jahres ein kleines Redaktionsblog haben, auf dem wir erklären, wer wir sind und was wir tun.

Sie haben in einem Interview gesagt, man muss sich zwingen, für kreative Formen Freiraum zu schaffen. Inwiefern war das bei Spiegel Online einfacher?

Das ist in jeder Onlineredaktion schwierig, denn jede hat ihre eigenen Engpässe.

Anders gefragt: Haben Sie für Ihre Pläne mit sueddeutsche.de genug Ressourcen? Die Mannschaft von Spiegel Online ist viermal so groß.

Man kann nie genug Redakteure haben, aber meine Mannschaft ist motiviert. Und wir haben die tagesaktuelle Macht der Süddeutschen Zeitung im Rücken.

Sind Ihre Redakteure Content-Schubser oder Onlinejournalisten?

Natürlich Onlinejournalisten, und zwar gute. Jeden Tag erstellt meine Redaktion eine Seite, die von morgens bis mitternachts auf der Höhe der Zeit ist. Das ist nichts, das sie einfach aus der Zeitung nimmt, sondern ein Angebot, das sie selbst erstellt – nicht nur aus den Tickern, sondern auch mit eigenen Texten und multimedialen Inhalten.

Darf man einen Onlinejournalisten bei einem Nachrichtenportal daran messen, wie viele Texte er recherchieren und schreiben kann?

Man ist nicht nur dann ein guter Onlinejournalist, wenn man einmal die Woche einen Autorentext geschrieben hat. Es sollte nicht das Ziel einer Nachrichtenredaktion sein, möglichst viele Autorentexte zu produzieren, während nebenan eine Zeitung arbeitet, die ebenfalls sehr viele Autorentexte produziert. 

Was macht einen guten Onlinejournalisten dann aus?

Ein guter Onlinejournalist bei einem Nachrichtenportal geleitet die Leser bestmöglich durch die Welt da draußen. Mal mit einem guten Tickerverschnitt, mal mit einem guten eigenen Feature, mal mit einem witzigen Text für zwischendurch.

Wie passen die Redakteure der Süddeutschen Zeitung in Ihre Vorstellung von Aufgabenteilung?

Eine Printredaktion muss daran arbeiten, ein sehr gutes Printprodukt zu machen – eine Onlineredaktion daran, ein sehr gutes Onlineprodukt zu machen und dabei die Expertise der Printkollegen einfließen zu lassen. Letzteres heißt nicht, dass jeder Printkollege ab sofort ein Onliner sein muss oder immer als erstes für die Website schreiben muss. Das würde an einer klugen Aufgabenteilung vorbeigehen.

Fühlt sich ein Printabonnent nicht gelangweilt, wenn er die gedruckten Texte, die er bestenfalls schon kennt, über den Tag verteilt auf sueddeutsche.de noch einmal angeboten bekommt?

Wir haben klare Regeln, dass wir bestimmte Dinge aus der Zeitung niemals übernehmen: Das "Streiflicht" und die Seite 3. Man darf das Printprodukt nicht kannibalisieren. Es ist uns aber klar, dass die SZ mit ihren publizistisch wertvollen Stoffen online gegen andere Free-Angebote wie Spiegel Online bestehen muss. Wenn wir eine gute Einschätzung zu einem aktuellen Thema wie Ehec haben, werden wir natürlich diese bestmögliche Einschätzung aus Print übernehmen. Wir haben nur sieben Prozent Überschneidungsleser. Darin liegt eine große Chance: Wir wollen eine neue, jüngere Zielgruppe an die Marke SZ heranführen, die die beste Tageszeitung Deutschlands noch nicht kennt. 

Was haben Sie, was Ihr Vorgänger Hans-Jürgen Jakobs nicht hatte? Jakobs sagt man nach, ihm fehle die bedingungslose Begeisterung fürs Netz. 

Unsinn. Da sprechen schon die Wettbewerbszahlen eine andere Sprache. Er hat sueddeutsche.de weit nach vorne gebracht. Ich bin Digital Native, eine andere journalistische Generation. Im Gegensatz zu ihm kann ich mir gut vorstellen, nie wieder offline zu arbeiten.

Wenn Sie Ihre Ziele in Zahlen ausdrücken, was wollen Sie mit sueddeutsche.de erreichen?

Nach Visits wollen wir innerhalb eines überschaubaren Zeitraums in die Top-3 der deutschen Nachrichtenportale aufsteigen – und Welt Online dort den Platz streitig machen. Und wir wollen jeden Tag publizistisch ganz vorne sein.

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

13.07.2011 19:42

Franz Wagner

Jan Söfjer, wie kommen Sie dazu, dass ich sueddeutsche.de Bild-Niveau unterstelle? bild.de zu lesen ist deutlich entspannedner als das Ärgernis sueddeutsche.de.

Niveau haben beide nicht, da haben Sie recht. Wobei das bei bild.de noch höher ist.

05.07.2011 20:47

Matthias Kneissl

Gratulationen zu diesem gut geführten Interview:

Beschreibend, dass sich Herr Plöchinger an www.welt.de orientiert und auf Heribert Prantl beruft. Diesen Spagat wird er nicht hinkriegen. In seinen Vorträgen spricht Heribert Prantl von Medienunternehmen, die den Journalismus auf dem Altar des Werbe- und Anzeigenmarktes opfern und von der Qualitätsinjektion, die der Online-Journalismus so dringend benötige. Das geht nicht, wenn man wie www.welt.de werden will.

Interessant auch die Beteiligung der Süddeutschen an dem Anbieter für Sprachreisen. Der Link ist immer noch nicht als Werbung gekennzeichnet. Und muss Werbung nicht mehr als solche identifizierbar sein, wenn der Verlag an dem beworbenen Unternehmen beteiligt ist. Und warum beteiligt sich die Süddeutsche an diesem Unternehmen, die als Eigentümer eine Kapitalgesellschaft hat, die eigentlich Solar-Fonds anbietet. Dieser Anbieter von Sprachreisen hat in den letzten 3 Jahren seine AGBs 6-mal so entscheidend geändert, dass der Kunde jeweils vor einer völlig neuen juristischen Situation stand. Bei der Buchung einer Sprachreise über www.sueddeutsche.de erfährt man erst danach, an welche Schule man kommt, denn auf der Homepage stehen keine Schulnamen. Vielleicht hat der Verlag Angst, dass die Besucher direkt an der Sprachschule buchen und die Süddeutsche keine Provision erhält. Auf dem Weg die Online-Ausgabe der Süddeutschen in die Gewinnzone zu bringen, opfert der Verlag den Journalismus auf dem Altar des Werbe- und Anzeigenmarktes, um Herrn Dr. Prantl noch einmal zu bemühen.

So richtig glaubhaft kommt Herr Plöchinger nicht rüber, wenn er behauptet: Anzeigenabteilung und Redaktion arbeiten bei der Onlineausgabe der Süddeutschen unabhängig. Vielleicht stimmt das bei der TAZ, ansonsten ist das nur ein Ehrencodex, an den sich hier keine Zeitung, gedruckt oder online, hält.

04.07.2011 16:51

Jan Söfjer

@Franz Wagner: Die SZ ist sehr anspruchsvoll, aber die Kritik, mehr oder weniger jede Zeitung sei auf Bild-Niveau, ist anspruchslos.

sueddeutsche.de ist auch nicht anspruchslos und es arbeiten viele gute Redakteure für die Seite. Man sollte ihnen nur mehr Raum geben, sich zu entfalten.

04.07.2011 14:15

Franz Wagner

sueddeutsche.de ist ein hochgradiges Ärgernis. Die Artikel sind ganz überwiegend in einer Weise agitatorisch, dass auch die Leserkommentare zwangsläufig polemisch werden müssen. Man zieht bewusst ein unsachliches, emotional reagierendes Publikum an.

In Anbetracht des dramatischen Niveauverfalls der Printausgabe sind die boulevadesken Auswüchse von sueddeutsche.de allerdings nachzuvollziehen, keineswegs aber gerechtfertigt oder gar entschuldigt.

04.07.2011 13:24

Jan Söfjer

@Christian Kopp: Mit Syrien greifen einen Sie gutes Beispiel auf. Spiegel Online hat einen Reporter, der in Syrien und Libyen war. sueddeutsche.de hatte keinen Reporter in den Ländern. Ich glaube, selbst die SZ hat erst sehr spät Reporter losgeschickt bzw. nur Gaddafi-embedded in ein Tripolos-Hotel.

Stefan Plöchinger sagt, man sei nicht nur dann ein guter Online-Journalist, wenn man einmal die Woche einen Autorentext geschrieben habe. "Es sollte nicht das Ziel einer Nachrichtenredaktion sein, möglichst viele Autorentexte zu produzieren." Im Interview bewirbt er konsequent nur die Printautoren Prantl und Kister, ja sagt gar: "Wir wollen eine neue, jüngere Zielgruppe an die Marke SZ heranführen."

Bei mir lautet die verstandene Botschaft: sueddeutsche.de ist nur eine große Werbeaktion, um mehr Leser für die Print-SZ zu bekommen. Online gibt es in erster Linie Nachrichten. Am Rande noch ein paar Printtexte und hier und da noch mal ein kleines Textchen von einem Onliner. News gibt es aber überall und das hektische Newslesen kann man sich eh sparen, wenn man die SZ abonniert hat. Weswegen sollte also ein SZ-Abonnent sueddeutsche.de lesen? Weswegen sollte ein Nicht-SZ-Abonnent sueddeutsche.de lesen? Wegen der verstreuten, wenigen Printtexte? Wegen der News, die es überall gibt? Oder wegen der News, die mit zwei Sätzen eines Print-Redakteurs angereichert sind?

Spiegel Online hat gute Autoren, schreibende Redakteure und Reporter. Es geht nicht darum, ständig neue Layouts einzuführen, sondern um die Arbeitsweise von Online-Redakteuren. So lange die – abseits der Nachrichtenredaktion (eigentlich ist das ja nur ein kleiner Teil der sueddeutsche.de-Redaktion und nicht die ganze Redaktion) – nicht wirklich journalistisch arbeiten können, nicht genauso wie Print-Redakteure recherchieren und schreiben können, so lange werden sueddeutsche.de, und mehr oder weniger auch jede andere Online-Seite bis auf Spiegel Online, keine bedeutende Rolle spielen. Die Online-Seiten müssen sich von der Diktatur der Nachrichten befreien. Dann würde natürlich beispielsweise sueddeutsche.de der SZ wirklich Konkurrenz machen. Und deshalb sollten die Print- und die Online-Redaktionen bei Tageszeitungshäusern eine einzige Redaktion sein. Was nicht heißt, dass die Print-Redakteure wie Onliner arbeiten sollten, sondern die Onliner wie Print-Redakteure. Am Ende geht doch eh nur darum, gute Texte zu drucken oder online zu stellen. Die einzigen, die sich ein bisschen anpassen müssten, wären die Print-Nachrichten-Redakteure, die, mit mehr Journalisten, auch Online die Nachrichten betreuen müssten. Aber auch da kann man gerne mal einen Gang runterschalten. Viele Leute schauen eh bestenfalls nur ein Mal pro Tag auf eine Newsseite.

01.07.2011 12:53

Christian Brockmann

Naja, was sinnlose Klickstrecken betrifft, braucht sueddeutche.de sich nicht zu verstecken, da gibt es einiges zu drücken, äh, zu tun.
Wenn Sie das ernst meinen, wäre es zu begrüßen, es nervt wirklich, und zwar überall.

01.07.2011 11:20

Klaus Mueller

"Websites haben den Fehler gemacht, zu lange nur auf Klicks, also Page Impressions, zu optimieren. Das Resultat: ewig lange Bildergalerien, die in die Irre führen, ... Qualität vernachlässigen. Wir reden darüber, wie wir davon wegkommen. ..."

Es wird Zeit. Schon vor zig Jahren hat nicht nur Niggemeier diese Klickstreckenseuche oft beschrieben. Nun, wo es zu spät ist, merken es die ach so tollen "Qualitätszeitungen" auch.

01.07.2011 10:33

M. Meester

Im Prinzip sind das interessante Pläne, die Herr Plöchinger hier ausbreitet. Als Langzeitleser von sz online kann ich vieles durchaus begrüßen.
Was ich problematisch finde ist der Plan, Online-Leser an die gedruckte Ausgabe heranzuführen. Seite drei und das Streiflicht sind, bei aller Qualität, kein Argument für ein Abo. Bei mir selbst führte der Weg in die andere Richtung, vom Holz zum Pixel.

Kritisch sehe ich, dass auch die sz online der um sich greifenden Facebook-Seuche verfällt. Die ist m.E. der zweite Irrweg der Verlage nach den Apple-Lobpreisungen. Ein eigenes Identifikationssystem wäre hier die Lösung. Und, ja, das kostet erst einmal Geld.

01.07.2011 09:08

Christian Kopp

Danke für das ausführliche Interview. Ich bin selbst ein Leser der Print- und Onlineausgabe, aber wenn man durch die "bestmöglichen Einschätzungen" unter die Top 3 kommen möchte, sollte man sich wirklich von Focus, Stern und Welt Online (etc..) abheben und somit zum Beispiel auch interessantere Artikel mit mehr Background-Infos veröffentlichen. Man braucht sich nur die Berichterstattung über die Situation in Syrien anzusehen und einem wird, wenn man selbst gute Kontakte zu Syrern im Land aus versch. Regionen pflegt, schlecht was die deutsche Presse (abgesehen Junge Welt (hab erbarmen.. sowie die Zeitung vom Rhein etc..) betrifft. Informationen "aus einem Internetforum durch einen Aktivisten" und teilweise falschen YouTube-Videos vom Sender eines Rifat al-Assad? Super :)

Weiterhin klingt vieles zu sehr nach copy-und-paste – vielleicht sollte man weniger Wert auf Bildergalerien legen und mehr in die Texte und Recherchen der Journalisten? Ich vermisse bisher u.a. Artikel über die versch. "syrian blacklists" (auf engl, arabisch und deutsch) im Internet (eigene domains sowie Facebook & Co) – dort wird teilweise wohl auch zu einem Mord an Deutschen aufgerufen, welche sich Pro-Assad äußerten. Dies ist aber nur eine der Randgeschichten, welche man mal näher begutachten sollte.

Aber genug der Worte. Das Interview hat mir gut gefallen, gerne gelesen und bin als Leser bereits neugierig darauf, ob man von diesen Plänen in den kommenden Monaten online auch etwas merkt.

01.07.2011 08:17

Siegrid Schnotz

Herrn Plöchinger durfte ich mir am Tag des Online- Journalismus in Ffm auch anhören. Wie ein Kollege nach 5 Minuten twitterte: "Außer Thesen nix gewesen". Das beschreibt seine Arbeit wohl am besten. Ihre Fragen an ihn finde ich übrigens ausgezeichnet. Sich dauerhaft herauszureden, kann nicht die Hauptaufgabe eines Chefredakteurs sein.

 
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