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Autor

Steffen Grimberg

verfasst am

18.10.2011

im Heft

journalist 10/2011

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Bild: ddp/Lennart Preiss

Ex-ZDF-Mann Steffen Seibert: Fast scheint es, als wolle man ihm den Seitenwechsel immer noch nicht verzeihen.

Steffen Seibert

Der Hofdiener

Seit gut einem Jahr ist er das Sprachrohr der Regierung. Dass Steffen Seibert einmal Journalist war, ist ihm jetzt, da er auf die Seite der Macht gewechselt ist, kaum noch anzumerken. Eine Fehlbesetzung sei er nicht, heißt es in der Hauptstadt, aber richtig gut ist das Verhältnis zwischen ihm und seinen früheren Kollegen auch nicht.

Der Regierungssprecher war noch keine drei Monate im Amt, da war der Journalist bereits vergessen. Als "naiv" wurde Steffen Seibert von seinen früheren Kollegen gescholten. Die fielen genüsslich über seine Anfängerfehler her: Einmal hatte Seibert vergessen, den Vizekanzler, der damals noch Guido Westerwelle hieß, zu erwähnen. Josef Ackermann und die Deutsche Bank hatte er mit einer Bemerkung zur irischen Schuldenkrise vergräzt. Und eine Nachfrage vor der Bundespressekonferenz brachte ans Licht, dass Seibert morgens noch nicht die komplette FAZ gelesen hatte. Die Empörung war groß: Ein Regierungssprecher, der um halb zwölf die Frankfurter Allgemeine noch nicht zur Gänze inhaliert hat – wie kann er nur?

Fast schien es, als wollte man ihm den Seitenwechsel immer noch nicht verzeihen – ihm, der als ZDF-Korrespondent, Nachrichtenmann und Moderator des heute journals so viele Fans hatte.

Als Seiberts Wechsel vom ZDF auf die Regierungsbank im Juli 2010 bekanntgegeben wurde, hatte sich eine kleine ungläubige Protestwelle durch die medial vermittelte Republik ergossen. Die Nachricht erreichte die Welt an einem Samstag, in Hamburg tagte die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche, die plötzlich ein ganz neues Thema hatte. Dass so einer wie Seibert aus dem neutral-objektiven Job eines Journalisten, der die Mächtigen zu kontrollieren hat, ohne viel Federlesens auf eben diese Seite der Macht wechselte, noch dazu deren Sprachrohr sein würde, brachte viele auf. Mehr noch als die Ursache für die Vakanz im Regierungssprecheramt: Vorgänger Ulrich Wilhelm wechselte als neuer Intendant zum Bayerischen Rundfunk. Doch die vermittelte Meinung echauffierte sich vor allem über dessen Nachfolger: Seibert wird Regierungssprecher – wie kann er nur?

Steffen Seibert versteht diesen ganzen Aufruhr bis heute nicht. "Ich habe keinen Moment ein ethisches Problem in meinem Wechsel gesehen, weil ich überzeugt bin, dass Journalismus und Politik auf ihre Weise beide zu den Stützen dieser Demokratie gehören", sagt Seibert. Entspannt lehnt er sich auf der Besprechungscouch zurück. Und zur von vielen in die Rubrik "umstritten" einsortierten Möglichkeit, zum Zweiten zurückzukehren, sagt Seibert nach einem Jahr im Amt: "Ein Rückkehrrecht zum ZDF hätte ich auch bekommen, wenn ich Landrat in Speyer geworden wäre. Das ist für solche Fälle einfach vorgesehen. In meinen Überlegungen spielt das keine Rolle. Ich denke jetzt darüber nach, ein guter Regierungssprecher zu sein."

Merkels neuer Dackel?

Ob er wirklich ein guter ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Schon im November 2010 zitierte Holger Schmale, Chefkorrespondent der DuMont Redaktionsgemeinschaft für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau, genüsslich einen Regierungsinsider: Auch Seiberts Vorgänger Wilhelm sei ein loyaler Gefolgsmann gewesen, aber "er hatte nicht immer dieses Glitzern in den Augen". In diesem Porträt findet sich auch der böse Satz: "Das ist der neue Dackel von Merkel."

Und bei allem Bemühen, so etwas nicht an sich heranzulassen und professionelle Distanz zu wahren – geärgert hat es Steffen Seibert mächtig. Das merkt man ihm auch jetzt noch an, obwohl das schon wieder ein Jahr her ist. Zwar sitzt Seibert deutlich entspannter da, als ihn seine bisherigen Porträtschreiber dargestellt haben. Trotzdem wirkt er irgendwie angefasst, fragt rhetorisch, ob er wirklich über dackelhafte Züge bei sich nachdenken solle, und sagt ein bisschen trotzig, dass er sich schon ganz gut kenne, mit allen Licht- und Schattenseiten. Er ist mit sich im Reinen – und ärgert sich still. Laut werden ist seine Sache nicht.

Geärgert hat ihn auch die Verabschiedung einiger seiner ZDF-Kollegen, dieses "Igitt", mit dem sie seinen Wechsel quittierten und ihn ziehen ließen. Obwohl Seibert hier wohl lieber von Unverständnis sprechen würde. Jedenfalls hatte ZDF-Chefredakteur Peter Frey seinen Gefühlen im Juli 2010 ungewohnt freien Lauf gelassen – und das ist noch diplomatisch formuliert: "Wir bedauern, dass Steffen Seibert seine Perspektive nicht im Journalismus gesehen hat", so die offizielle Mitteilung. Dass Seibert so "die bundesweite Bekanntheit, die er auf dem Fernsehschirm als Moderator von heute und heute journal erworben hat, und die damit verbundene Kompetenz und Glaubwürdigkeit" mitnehme "in seine neue Aufgabe". Man habe ihn als "professionellen und engagierten Kollegen sehr geschätzt" und wünsche ihm nun "für seine neue Tätigkeit viel Erfolg", hieß es damals schmallippig.

"Ein Rückkehrrecht zum ZDF hätte ich auch bekommen, wenn ich Landrat in Speyer geworden wäre"

Dabei ist Seiberts Motivlage für den Wechsel an sich eher simpel und keineswegs anstößig: Beim ZDF hieß die Perspektive für den damals gerade 50-Jährigen eher Stillstand, schließlich war – und ist – Claus Kleber beim Mainzer Fernsehsender die klare Nummer eins als News-Anchor. Und Kleber ist gerade mal fünf Jahre älter als Seibert. Als das Angebot der Kanzlerin kam – man kannte sich seit einigen Jahren –, schlug Seibert ein. "Mit heißem Herzen" habe er Angela Merkel (CDU) zugesagt, weil er eine "große Sympathie – vielleicht auch Bewunderung – für die Arbeit der Bundeskanzlerin habe", zitiert ihn damals die Bild-Zeitung, und Hugo Müller-Vogg, dessen Kolumne in Springers Massenblatt Berlin intern heißt, kürte ihn zu "Merkels schönstem Mann".

Die Bewunderung Seiberts für die Kanzlerin ist echt. Doch kommt seine Lobpreisung der Angela M. auch heute noch merkwürdig eckig daher – wie aus einem auswendig gelernten Katechismus. Lesen möchte er davon nichts, nichts von der herausragend guten Regierungschefin und ihrer Regierung, die da in schwieriger Zeit das Richtige für unser Land tut und der er gern mit vollem Einsatz dient. Das klingt nach Phrase. Obwohl ihn eine Aura des "Warum fragen Sie mich das eigentlich immer und immer wieder?" umgibt, antwortet er bereitwillig auf die Frage, warum er den Beruf des Journalisten mit dem des Sprachrohrs getauscht hat.

Auch davon möchte er nur wenig lesen. Seibert gibt sich weiterhin sperrig, was das Interesse an seiner Person angeht. "Es gehört zu meiner Vorstellung von der Arbeit eines Regierungssprechers, dass man als Person selbst eher wenig auftaucht", sagt Seibert und schaut sinnierend in den Raum, hinüber zum Totenkopf, der hinter seinem Schreibtisch hängt. Dann schiebt er nach, ohne dass es kokett wirken soll: "Mir ist aber bewusst, dass ich in meinem früheren Leben für viele Menschen ein Begriff war. Dass es da noch eine Weile ein entsprechendes Interesse gibt, nehme ich schicksalsergeben hin." Den Totenkopf, den ihm seine Frau, die Malerin Sophia Seibert, zum Start im neuen Job geschenkt hat, solle man nicht überinterpretieren. Aus der Entfernung sieht er tatsächlich überraschend freundlich aus.

Eine Fehlbesetzung? Nicht wirklich.

Ein Jahr ist Steffen Seibert nun im Job. Und Nico Fried schreibt in der Süddeutschen Zeitung, das Auffälligste an ihm sei, "dass es gar nicht so leicht fällt, ihn als Regierungssprecher zu beurteilen". Eine "Fehlbesetzung" sei er ein paar Fehlern und Pannen zum Trotz "nicht wirklich". Was im Umkehrschluss heißen dürfte: Das Unbehagen der Journalisten, insbesondere der Hauptstadtkorrespondenten, die mit ihm tagtäglich zu tun haben, hält an.

Vielleicht deshalb wurde auch die harm- wie belanglose Twitter-Geschichte plötzlich zum Politikum: Am 28. Februar 2011 meldet sich @RegSprecher zum ersten Mal – und entpuppt sich, anders als von vielen im Netz erwartet, nicht als Fake. Steffen Seibert, der sich noch vor Jahresfrist als ZDF-Mann in einem Interview höchst skeptisch über Sinn und Zweck des neuen Dienstes erging, twittert. Amtlich. Mit allen Konsequenzen: Ende März gerät eine Sitzung der Bundespressekonferenz plötzlich durcheinander, weil Seibert einen geplanten USA-Besuch der Kanzlerin zunächst via Twitter in die Welt gepustet hatte. Ob man sich in Zukunft einen Twitter-Account zulegen müsse, um über relevante Termine der Bundesregierung informiert zu werden, wird Seiberts damaliger Vize Christoph Steegmans gefragt. Der antwortet ausweichend-kryptisch: "Im Informationsgeschäft wissen Sie: Viel hilft viel."

Die leidlich absurde Geschichte entwickelt ein Eigenleben: Blogs machen sich über den "zutiefst verunsicherten Berufsstand" der Hauptstadtkorrespondenten lustig, und Spiegel Online höhnt: "So schnell geht das in der Online-Welt: Ein kurzer Tweet, und die (Netz-)Öffentlichkeit weiß früher über die Reisepläne der Kanzlerin Bescheid als ein im Fax-Zeitalter steckengebliebener Journalist." Seibert selbst hält die ganze Angelegenheit für völlig überzogen. Das Twittern sieht er als Ergänzung. Ohnehin war die Bundesregierung nicht die erste auf der Welt, die auf die Idee mit den Tweets kam, und dass die Netzwelt voller Vorurteile über die Dinosaurier des Journalismus ist – geschenkt.

"Mit Twitter bin ich Chefredakteur"

Dass man beim Twittern auch Fehler machen kann, hat Seibert spätestens gemerkt, als er im Eifer des Zwitschergefechts Anfang Mai "Obama" statt "Osama" tippte: "Kanzlerin: Obama verantwortlich für Tod tausender Unschuldiger" stand da plötzlich. "Mit Twitter bin ich Chefredakteur und kann weniger beachteten Themen wenigstens die kurzzeitige Aufmerksamkeit meiner Follower verschaffen", meldete sich Seibert drei Wochen später im Zeit Magazin persönlich zu Wort. Allerdings lese er jetzt jeden Beitrag "dreimal durch, warte fünf Minuten und schaue nochmal drauf", eher er auf den Sendeknopf drücke.

"Ohne Wald kein Überleben von Mensch und Tier – Kabinett beschließt die Waldstrategie der Bundesregierung", twittert Seibert, während dieser Artikel entsteht. Ein Follower antwortet: "Gut Holz!" – wozu also die ganze Aufregung? "So kann das weitergehen, solange ich Regierungssprecher bin", hatte Seibert im Zeit Magazin verkündet: "Und wenn das vorbei ist, dann ist für mich auch Schluss mit dem Getwitter. Mein privates Mitteilungsbedürfnis entwickelt sich immer weiter zurück, je mehr Kommunikationsmittel mir zur Verfügung stehen. Ich schreibe am liebsten wieder Postkarten."

Da war sie wieder, diese seltsame Koketterie. Die so gar nicht zu der Demut passen will, mit der Seibert seine Erfahrungen im neuen Job nach einem Jahr garniert: "Ich habe gelernt, dass ich bei all den Themen, die mir natürlich auch als Nachrichtenmoderator schon begegnet waren, viel tiefer einsteigen, viel gründlicher lesen muss. Glücklicherweise ist man bei so vielen Gesprächen, Diskussionen und Beratungen mit dabei und hat Zugang zu den ersten Quellen, dass einem das Wissen förmlich zufliegt. Ich genieße es jedenfalls, so viel zu lernen."

Ein bisschen mehr als unversöhnlich

Sehen, staunen, wissen – warum dann der Wechsel aus einem Job, der ihm all das auch ermöglicht hätte? Seibert will von der Überhöhung des Journalismus nichts wissen. Mit Sätzen, dass man nicht einfach aufhört, Journalist zu sein, kann er nichts anfangen: "Ich bin Regierungssprecher. Davor war ich 21 Jahre Journalist und war das sehr gerne. Und nun bin ich das nicht mehr. Dass Journalismus etwas sein soll, das man nicht ablegen kann, damit kann ich nichts anfangen. Neugier auf Menschen, Lust an Politik und generell die Freude an der Begegnung mit dem Neuen, das kann ich nicht ablegen – aber das ist wohl kaum an einen einzigen Beruf gebunden."

Seine ehemaligen Journalistenkollegen aus der Hauptstadt geben sich nach 365 Tagen eher schnöde. Nach ihrer Einschätzung ist Ulrich Wilhelm dichter dran gewesen an der Kanzlerin und den Entscheidungsprozessen. Das wirkt ein bisschen mehr als unversöhnlich. Seiberts Stellung im Kabinett sei weit schwächer, schreibt etwa Hans Monath auf Zeit Online. Michael König zitiert in der Süddeutschen die "beinahe kindliche Naivität", mit der der Regierungssprecher auf Merkel reagiere. Seibert gelte im Berliner Pressebetrieb als "Klammeraffe" der Kanzlerin, womit er auf das @-Zeichen als Symbol für Seiberts Online- und Twitter-Begeisterung anspielt.

Wilhelm dagegen wurde schon beinahe abgöttisch geliebt in den einschlägigen Berliner Zirkeln – und im Vergleich zum Nachfolger geradezu verklärt. Warum, bleibt reichlich unklar. Seibert ficht das zumindest nach außen nicht an. Dass er für die Kanzlerin einer Partei arbeitet, die noch zu seinen Zeiten beim ZDF seinen einstigen Chef abschoss – ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender musste 2009 gehen – bleibt noch so ein Rätsel des Steffen Seibert. Er hätte den Protestbrief führender ZDF-Mitarbeiter gegen den dreisten politischen Durchmarsch mit unterzeichnet, sei damals bloß nicht gefragt worden, sagt der Regierungssprecher. Und für ihn spielt offenbar auch keine Rolle, dass Brender spätestens auch bei Merkel in Ungnade gefallen war, als er die Vorgaben der Kanzlerin bei Interviews und Statements mit einem so knappen wie wirkungsvollen "Wir sind doch nicht bei Hofe" kritisierte. Die Kanzlerin war im Fall Brender nicht beteiligt, sagt Steffen Seibert nach einigem Nachdenken. Jetzt, wo er an ihrem Hofe dient.

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