Detail-Informationen

Autor

Interview: Catalina Schröder

verfasst am

03.09.2014

im Heft

journalist 9/2014

Echt oder gefälscht? Mark Littles Agentur Storyful überprüft die Echtheit von Bildern und Videos aus sozialen Netzwerken.

Mark Little

"Bei Naturkatastrophen finden wir besonders viele Fakes"

Tausende Fotos und Videos von Kriegen, Konflikten und Katastrophen verbreiten Menschen täglich über soziale Netzwerke. Ob sie echt oder gefälscht sind, lässt sich oft nur schwer nachvollziehen. Als eine der ersten Social News Agenturen prüft Storyful solche Aufnahmen – und liefert das verifizierte Material an Medienhäuser in der ganzen Welt. Der journalist sprach mit dem Gründer Mark Little.

journalist: BBC, CNN, ARD und viele andere Medienhäuser beschäftigen ganze Teams damit, die Fotos und Videos aus sozialen Netzwerken zu verifizieren. Wozu brauchen wir Storyful?

Mark Little: Wir prüfen nicht nur, ob ein Foto oder Video echt oder gefälscht ist – wir beobachten rund um die Uhr die sozialen Netzwerke. Mit einem Algorithmus prüfen unsere Computer permanent, welche Begriffe in welchen Regionen der Welt in diesem Augenblick besonders häufig verwendet werden. Tritt ein Wort oder eine Kombination aus Begriffen ungewöhnlich häufig auf, kann das ein Hinweis darauf sein, dass dort gerade etwas passiert. So erfahren wir binnen Minuten, wenn in Israel oder Gaza Raketen einschlagen oder die Kämpfe in der Ukraine weitergehen.

Wie verifizieren Sie eine Aufnahme?

Wir versuchen zuerst, den Ort der Aufnahme rauszufinden. Facebook und Instagram machen es uns leichter als viele andere soziale Netzwerke, weil sie Ort und Datum gleich mitliefern. Kennen wir den Ort nicht, versuchen wir, uns über Bildabgleiche mit Google Maps anzunähern. Dann prüfen wir, ob das Wetter auf der Aufnahme mit den Wetterberichten des angeblichen Aufnahmetags übereinstimmt. Manchmal können wir über Straßenschilder oder Autokennzeichen genau rausfinden, wo die Szene stattgefunden hat. Zu jedem Ereignis suchen wir möglichst viel Material. Je mehr Menschen übereinstimmend von einer Sache berichten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ereignis so stattgefunden hat. Dann schauen wir, wo derjenige lebt, der das Material gepostet oder hochgeladen hat. Hat er schon häufiger Material hochgeladen – und wenn ja, was für welches? Hat er noch andere Profile? Finden wir ihn im Telefonbuch? Im Idealfall rufen wir den Urheber an.

Wie lange dauert das?

Manchmal liefern wir binnen Minuten die wichtigsten Informationen. In anderen Fällen dauert es zwei Tage.

Aus den aktuellen Konflikten in Israel und Gaza, aus der Ukraine oder dem Bürgerkrieg in Syrien tauchen jeden Tag Tausende Fotos und Videos auf. Ist es tatsächlich möglich, bei jedem zu sagen, ob es echt oder gefälscht ist?

Dass wir überhaupt nichts zu einer Aufnahme rausfinden, passiert eher selten. Aber wir finden auch längst nicht immer alle Informationen. Und das sagen wir dann genau so. Vergangene Woche hatten wir ein Video aus Gaza, auf dem ein Schütze aus dem Hinterhalt einen Palästinenser getötet hat. Wir konnten sagen, wo und wann das Video gemacht wurde; aber wer geschossen hat, haben wir nicht herausgefunden. Wir haben auch die Familie des Toten gefunden, die in den sozialen Netzwerken über seinen Tod geschrieben hat. Nur wenn wir uns zu 100 Prozent sicher sind, sagen wir ganz klar: Diese Aufnahme ist echt. Alles andere würde unsere Glaubwürdigkeit beschädigen.

Sie schicken jeden Tag das geprüfte Material an große Medienhäuser in der ganzen Welt. Beeinflussen Sie damit deren Berichterstattung?

Wir lassen uns von der Diskussion in den sozialen Netzwerken leiten. Wir wählen nichts aus, wir setzen keine Themen. Wir schreiben quasi mit, worüber die Leute auf Facebook und Co sprechen. Welche Fotos, Videos und Informationen erhalten die meiste Aufmerksamkeit? Diese Informationen geben wir weiter. In den Medien selbst tauchen wir später gar nicht auf, und wir haben keinen Einfluss darauf, welches Thema es auf die Titelseiten schafft. Ich war Auslandsreporter beim irischen Fernsehen und habe in den vergangenen 20 Jahren über alle großen Konflikte berichtet. Trotzdem sehe ich heute mittels der Aufnahmen von Augenzeugen mehr vom Gaza-Konflikt als damals, als ich selbst als Kriegsreporter vor Ort war. Wir wollen die Menschen so nah wie möglich an eine Geschichte heranbringen.

Welchen Hintergrund haben Ihre Mitarbeiter?

45 Leute gehören momentan zu unserem Team, 30 davon sind Journalisten. Wir haben ein Entwicklungsteam, das ständig daran arbeitet, unsere Technik zu verbessern, mit der wir die sozialen Netzwerke durchsuchen. Wir sind gerade dabei, dessen Mitarbeiterzahl zu verdoppeln. Einige unserer Journalisten haben – so wie ich – mehr als 20 Jahre Erfahrung. Mein Chefredakteur hat als leitender Redakteur für CNN gearbeitet. Wir haben Leute von MSN, von Nachrichtenagenturen, von der Washington Post. Und wir stellen immer mehr Digital Natives ein, die gleichzeitig journalistische Erfahrung haben. Auch einige Datenspezialisten arbeiten bei uns. Unsere Leute kommen aus verschiedenen Ländern und sprechen unterschiedliche Sprachen – es gibt zum Beispiel einen Koreaner, der Gälisch spricht und in Deutschland lebt.

Storyful gibt es jetzt seit vier Jahren. Sind gefälschte Fotos und Videos in dieser Zeit professioneller geworden? Welche Veränderungen stellen Sie fest?

Die technische Qualität hat sich nicht dramatisch verändert. Die Geschwindigkeit, mit der Nachrichten verbreitet werden, allerdings schon. Was mich sehr beunruhigt, ist, dass Regime, die gegen Meinungs- und Redefreiheit vorgehen wollen, immer besser darin werden, soziale Medien zu manipulieren, um ihre Propaganda zu verbreiten. In China beispielsweise gibt es immer mehr regierungsfreundliche Blogger. In der Ukraine und im Irak nutzen Regierungen soziale Netzwerke. Es ist eine Art digitaler Rüstungswettlauf zwischen Regierungen und Partisanen, den wir momentan beobachten. Das gab es noch nicht, als ich Storyful gegründet habe.

Gibt es ein Ereignis, bei dem Sie besonders viele Falschmeldungen enttarnt haben?

Bei Naturkatastrophen finden wir immer besonders viele Fakes. Warum das so ist, weiß ich nicht. Ansonsten gibt es keinen speziellen Konflikt, der hervorsticht. Was wir momentan in Gaza beobachten, ist, dass es immer schwieriger wird, neutrale Augenzeugenberichte zu bekommen.

Bild: Barry Cronin

"Früher haben Reporter gesagt: 'Worte reichen nicht aus, um zu beschreiben, was ich gerade sehe.' Heute hat jeder Zugang zu Fotos und Videos von Augenzeugen."

Im vergangenen Sommer haben Sie zusammen mit Google den Open Newsroom gegründet. Eine Plattform, auf der Augenzeugen zu aktuellen Ereignissen Fotos und Videos hochladen können. Wie stellen Sie sicher, dass Regierungen oder politische Parteien dort nicht ihre Propaganda verbreiten?

Zu Open Newsroom ist jeder eingeladen, der dazu beitragen möchte, Lügen aufzudecken und Informationen zu verifizieren. Auch der Presseoffizier von Assad oder ein Mitglied der syrischen Rebellen kann eine wertvolle Quelle sein, solange er oder sie sich auch als der ausgibt, der er ist. Transparenz ist unser Ziel. Die einzige Gefahr für uns ist, dass jemand anonym bleibt oder sich eine falsche Identität zulegt. Deshalb fragen wir die Leute, wer sie sind und welche Informationen sie mitbringen. Nur wenn wir ihnen trauen, dürfen sie mitmachen.

In der Ukraine bekommt Stopfake viel Aufmerksamkeit: Junge Ukrainer untersuchen Berichte aus russischen und ukrainischen Medien, um Propaganda zu enttarnen. Machen die Ihnen Konkurrenz?

Nein, die Initiative finde ich toll. Ich kenne ähnliche Organisationen aus dem Libanon und anderen Ländern. Es gibt eine ganze Bewegung von Menschen, die sich der Verifizierung von Social Content verschrieben haben. Das ist die Zukunft. Auch wir sind nicht allwissend. Nur wenn sich viele Organisationen und Menschen vernetzen und jeder seine Expertise einbringt, haben wir die Chance, Propaganda und Fälschungen zu enttarnen.

Wenn immer mehr Leute kostenfrei Aufnahmen verifizieren, wird Storyful nicht überleben.

Ich glaube nicht, dass Storyful jahrelang als Service funktioniert. Stattdessen wollen wir ein Paket an Werkzeugen entwickeln, mit dem Redaktionen in der ganzen Welt Social Content selbst verfolgen können. Das wollen wir natürlich verkaufen. Eines Tages sollen es lokale Zeitungen und Fernsehsender genauso nutzen wie die großen Medienhäuser. Wir hoffen, dass einzelne Techniken schon 2015 auf den Markt kommen.

Die Aufmerksamkeit von Medien verlagert sich sehr schnell: Vor kurzem haben alle über Syrien geschrieben, dann über die Ukraine, Israel und Gaza und jetzt über die Ebola-Krise. Flacht die Diskussion in sozialen Netzwerken genauso schnell ab?

Nein, überhaupt nicht. Der Vorteil sozialer Medien ist, dass wir ein Thema nicht einfach vergessen können. Es sind nicht mehr die Journalisten allein, die ein Thema setzen. Vor ein paar Jahren haben Reporter Sätze gesagt wie "Worte reichen nicht aus, um zu beschreiben, was ich gerade sehe". Heute hat jeder Zugang zu Fotos und Videos von Augenzeugen. Soziale Netzwerke machen es auch für Politiker viel schwieriger, Dinge zu ignorieren. Sie können nicht mehr sagen, dass sie von einem Thema nichts wussten. Es gibt für alles Augenzeugenberichte, die überall für jeden verfügbar sind.

Viele Journalisten glauben, dass soziale Netzwerke ihre Arbeitsplätze zunichte machen. Was sagen Sie denen?

Als ich Storyful vor vier Jahren gegründet habe, haben mich viele Journalisten behandelt, als wäre ich der Teufel persönlich. Sie hatten das Gefühl, dass ich den traditionellen Journalismus zerstören will. Ich habe dann versucht, ihnen zu erklären, dass soziale Netzwerke dem klassischen Journalismus die Chance geben, noch stärker zu werden. Uns geht es darum, Ordnung in der Informationsflut zu schaffen. Ich glaube, dass diese Nachricht mittlerweile auch bei vielen angekommen ist. Aber es gibt immer noch Redaktionen, die damit nichts zu tun haben wollen.

Wie werden soziale Netzwerke die Arbeit von Journalisten in den nächsten Jahren verändern?

Bis vor relativ kurzer Zeit glaubte man, dass nur Leute mit Kamerateams oder Druckmaschinen Nachrichten produzieren können. Es ist wie bei der Erfindung des Telefons oder des Fernsehens: Es scheint alles wahnsinnig neu zu sein, aber wenn ich in zehn Jahren meiner Tochter erkläre, dass es in der Vergangenheit Menschen gab, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt vor den Fernseher gesetzt haben, um einem Korrespondenten zuzuschauen, wird sie mich für verrückt halten. Heute ist jeder mit einem Smartphone auch ein Augenzeuge. Wir werden schon bald viel stärker mit den Menschen zusammenarbeiten, die wir nur für unsere Zuschauer halten. Sie sind zu unseren Partnern geworden.

Wann werden soziale Netzwerke klassische Nachrichtenagenturen ersetzen?

Ich glaube, dass diese Begriffe eines Tages verschwimmen. Sozialer Journalismus wird einfach nur noch Journalismus heißen, neue Medien nur noch Medien. Unsere Sprache hinkt dieser Entwicklung hinterher. Für vieles haben wir noch nicht die richtigen Begriffe. Neue Medien werden nicht das alte System zerstören, sondern sich mit diesem zu etwas Neuem verbinden. Es wird immer mehr Menschen geben, die Geschichtenerzähler, aber keine Journalisten sind.

Bezeichnen Sie sich selbst noch als Journalist?

Auf jeden Fall. Ich habe dieses Geschäft nicht aufgezogen, weil ich ein Start-up gründen wollte; das interessiert mich überhaupt nicht. Ich will ein nachhaltiges Geschäftsmodell für den Journalismus finden. Auch wenn die traditionelle Definition von Journalismus gerade verwässert, sind meine Instinkte immer noch die des 16-jährigen Jungen, der schon damals nichts lieber wollte als Journalist zu werden.

Über die Autorin

Catalina Schröder arbeitet als Wirtschaftsredakteurin für Impulse und als freie Journalistin in Hamburg.

Die September-Ausgabe ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

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