Detail-Informationen

Autor

Monika Lungmus

verfasst am

22.02.2011

im Heft

journalist 2/2011

facebooktwitterdel.icio.usMister Wongdigg.comaddthis.comMa.gnolia

Mehr zum Thema

  • Abgehängt – In der dritten Tarifrunde haben die Zeitungsverleger ihre Pläne für künftige Berufseinsteiger konkretisiert.
  • Umfrage: Werden Journalisten zu gut bezahlt?

Tarifrunde Zeitungen

"Kluge Verleger machen das nicht"

Am Mittwoch, den 23. Februar 2011, kommen DJV, ver.di und BDZV in Köln zusammen, um die Tarifrunde für die rund 14.000 Tageszeitungsredakteure fortzusetzen. In den Redaktionen stehen die Zeichen bereits auf Streik, die Redakteure wollen die Forderungen der Verleger nicht einfach hinnehmen. Der journalist hat sich in der Medienbranche umgehört: Was ist Journalismus heute noch wert?

"Journalisten-Discounter"

Bild: ddp/Jens-Ulrich Koch

Sergej Lochthofen, ehemaliger Chefredakteur Thüringer Allgemeine

"Es gibt keine Krise des Mediums Zeitung. Und es gibt erst recht keine Krise des Journalismus. Noch nie gab es so viel so guten Journalismus in Deutschland wie heute. Und selten haben sich Qualitätstitel so gut verkauft wie jetzt. Man hat begriffen, dass es nur eine Chance gibt, um im Wettbewerb zu bestehen. Diese Chance heißt: Qualität. 

Jeder kennt aber auch die Discounter der journalistischen Branche. Die, die für eine sehr schlichte journalistische Kost auch noch üppig Geld verlangen. Die, die krasse Fehler des Managements durch Streichungen von Hunderten Redakteursstellen zu kaschieren suchen, um die Rendite auf gewohnter Höhe zu halten. Die, die den journalistischen Nachwuchs in prekäre Verhältnisse zwingen. 

Es gibt allenfalls eine Krise des alten Verwertungsmodells der Verlage. Viele teure Anzeigen einsammeln und diese auch noch teuer dem Leser verkaufen – so einfach funktioniert das eben nicht mehr.

Eine Redakteurstelle kann man nur einmal streichen. Und die nächste Krise kommt bestimmt. Man darf schon jetzt gespannt sein, wie dann die Qualität mit noch weniger Journalisten erneut gesteigert wird."

"Kluge Verleger machen das nicht"

Bild: ddp/Stephan Schraps

Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Innenpolitik Süddeutsche Zeitung

"Oscar Wilde hat über Menschen geklagt, „die von allem den Preis und von nichts den Wert kennen“. Im Journalismus darf dieser Satz nicht gelten. Wer am Nachwuchs spart, der spart an der Zukunft des Journalismus.

Junge Journalisten sollen nicht nur für den Journalismus leben; sie müssen auch davon leben können. Wenn aber die Eingangsgehälter kastriert werden, wird der Beruf kastriert. Kluge Verleger machen das nicht, weil sie wissen, das die ökonomische Bilanz eines Medienunternehmens langfristig nur dann stimmt, wenn auch die journalistische Bilanz stimmt. Kluge Verleger sparen den Journalismus nicht kaputt. Kluge Verleger wissen, dass Pressefreiheit nicht die Freiheit ist, Redaktionen zu deckeln und Redaktionen kaputt zu sparen. Pressefreiheit ist die Freiheit verantwortungsbewusster Verleger und Journalisten. 

Pressefreiheit ist das tägliche Brot der Demokratie. Die Medienunternehmen backen dieses Brot. Dafür braucht es ordentliche Zutaten. Dafür braucht es ordentliches Handwerk. Die guten Standards des journalistischen Handwerks haben ihren Wert für die Demokratie. Mit Billiglöhnern und mit billigen Zutaten kann man diese Standards nicht halten."

"Arbeit am Fließband"

Bild: pa/dpa/Horst Galuschka

Tissy Bruns, Politische Chefkorrespondentin beim Tagesspiegel

"Es ist nun einmal so: Die Entlohnung ist ein Spiegel der Wertschätzung für jede Arbeit. Da spricht die Entwicklung eine deutliche Sprache. Mehr noch als das Geld finde ich die Ungewissheit der Arbeitsbedingungen für junge Journalisten bedenklich. Der Fantasie sind offensichtlich keine Grenzen gesetzt, jenseits des normalen Arbeitsverhältnisses neue Konstruktionen zu erfinden. Aber kann man sich wirklich gute Kontrolleure der Mächtigen vorstellen, die ihren eigenen Chefs nur schlecht widersprechen können, weil sie sich in ihrem Job von Halbjahr zu Halbjahr hangeln?

Am meisten aber beschäftigt mich der Sinnverlust unseres schönen Berufs. Beschleunigung und Hype degradieren uns manchmal zu Fließbandarbeitern, die schnelle Informationshäppchen in ihre Medien liefern und zum Nachdenken und Nachbohren überhaupt nicht mehr kommen."

"Immer weniger Redakteure"

Bild: Suzanne Eichel

Tom Schimmeck, freier Publizist

"Gewiss, die Medien sind im Umbruch. Vieles ändert sich rasant, Medieninhalte wechseln auf neue, digitale Plattformen. Seit mindestens einem Jahrzehnt weiß das jeder, der offene Augen hat. Doch die Antwort war oft nur Krisengeheul, das viele Verlage zum Vorwand nahmen, radikal Stellen zu streichen. Die meisten Verlagshäuser machen trotz schwieriger Zeiten noch immer Gewinn. Fast überall aber erledigen immer weniger Redakteure die gleiche Arbeit. Der Rest wird auf freie Mitarbeiter verteilt, die noch lausiger honoriert und in einen Unterbietungswettbewerb getrieben werden. 

Etlichen Medienprodukten merkt man längst an, dass sie mit heißer Nadel gestrickt sind, vor allem von Agenturware und PR-Material leben, dass ihre Korrespondenten, wenn vorhanden, immer riesigere Pools von Abnehmern bedienen müssen, um halbwegs auf ihre Kosten zu kommen. Schon gibt es Zeitschriften ohne Redaktion.

An Sonn- und Feiertagen schwärmen die Verlagsherren noch immer aus, um über Qualität, Verantwortung und Meinungsfreiheit zu schwadronieren. Werktags aber herrschen in ihren Häusern die Betriebswirte und Controller, auf deren Werteskala guter Journalismus und eine funktionierende demokratische Öffentlichkeit weit unten rangieren."

"Nachwuchs läuft weg"

Bild: imago/Hoffmann

Horst Röper, Presseforscher und Geschäftsführer des Formatt-Instituts in Dortmund

"Die Verlage haben über Jahre von der Attraktivität des Berufsfelds Journalismus profitiert. So sind noch heute entsprechende Hochschulangebote extrem stark nachgefragt. Für jede Volontariatstelle können die Verlage aus einer Vielzahl von Interessenten wählen. 

Dass dies heute noch gilt, ist wegen der rapiden Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen und der Gehaltsentwicklung für Journalisten erstaunlich. Wenn sich diese negativen Trends der vergangenen Jahre fortsetzen, wird die Branche bei der Rekrutierung ihres Nachwuchses nicht mehr aus dem Vollen schöpfen können. Die Zeiten einer Positivauswahl werden vorbei sein. Hinzu kommen wird eine anschwellende Flucht aus dem Journalismus, zum Beispiel in die PR. Motto: Wer kann, der geht. Auch das ist keine Positivauswahl. Der Schaden für den Journalismus wird immens sein – aber erst morgen."

"Mit Dioxin verseucht"

Bild: Universität Leipzig

Michael Haller, emeritierter Journalistik-Professor der Universität Leipzig

"Qualitätsarbeit ist überall ein bisschen teurer als Massenkonfektion. Qualität braucht nun mal gut ausgebildete Profis. Wer diese Selbstverständlichkeit seinen Redakteuren verweigert, dem ist in Wahrheit die Qualität egal. Der will nur verkaufen. Und der handelt nicht anders als die Tierfuttermischer, denen es schnuppe ist, wenn die Hühnereier dioxinvergiftet sind, Hauptsache, die Rendite stimmt. 

Immer mehr journalistische Produkte sind dioxinverseucht – lies: mit PR-Stoff angereichert und mit Schleichwerbung durchsetzt. Doch im Unterschied zu Hühnereiern gibt es im Journalismus keine verbindliche Reinheitsnorm. Und viele Verleger denken, sie könnten den Journalismus noch billiger bekommen und die Qualität noch weiter herunterdrücken. 

Bald wird er vielerorts ungenießbar, und noch mehr Menschen werden auf ihn verzichten. Der damit verbundene Schaden ist unermesslich, weil die billige Massenkonfektion die Substanz dieser Gesellschaft zersetzt."

"Das wirkt demotivierend"

Bild: privat

Volker Lilienthal, Stiftungsprofessor für Qualitätsjournalismus, Universität Hamburg

"Nie waren die Leistungsanforderungen an deutsche Journalisten höher. Nie mussten sie mehr Informationen sichten, verarbeiten und für ihr Publikum aufbereiten als heute. Nie war mehr Geistesgegenwart gefordert, das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden, die komplexen Prozesse in Politik, Wirtschaft, Kultur richtig zu verstehen, um sie nutzbringend vermitteln zu können. Und nie brauchte es mehr Aufmerksamkeit, um den allfälligen (PR-)Täuschungen interessierter Kreise nicht auf den Leim zu gehen.

In dieser Situation wirkt es wie ein Ausdruck von gedankenloser Geringschätzung, wenn die Verleger das Tarifniveau von Redakteuren deutlich absenken wollen. Die Verleger, die in jeder drittklassigen Sonntagsrede das Wort vom „Qualitätsjournalismus“ im Munde führen, wollen offenbar nicht anerkennen, dass Journalist ein hoch anspruchsvoller Beruf ist und dass die Wertarbeit der Kolleginnen und Kollegen anständig bezahlt werden muss. 

Mehr Arbeit, weniger Geld – von dieser Botschaft geht ein Demotivationssignal aus, ein Signal, das die Geschäftsmodelle der Verlage selbst gefährdet. Denn die setzen einen bestmöglichen Journalismus voraus, der auch morgen noch seine Kunden findet."

"Milchmädchen-Rechnung"

Bild: Kathrin Brunnhofer

Stephan Weichert, Journalistik-Professor an der Macromedia University of Applied Sciences in Hamburg

"Die Zeitungsverleger stecken momentan in einem herben Dilemma: Auf der einen Seite sinken ihre Auflagen drastisch und die Leser laufen ihnen in Scharen davon, weshalb sie Stellen abbauen und Lohndumping betreiben. Auf der anderen Seite wollen viele von ihnen trotzdem versuchen, ihre Qualitätsstandards zu halten, damit ihre Produkte und das, wofür sie stehen, überhaupt noch gekauft werden. Dass es sich hier langfristig um eine Milchmädchenrechnung handelt, die gar nicht aufgehen kann, dürfte jedem klar sein: Denn die Kahlschläge im Pressesektor haben für meine Begriffe inzwischen ein Ausmaß erreicht, das nicht nur unzumutbar ist, sondern Journalisten an einer gewissenhaften Ausübung ihres Berufs hindert. 

Solide Recherchen, lupenreine Analysen, geschliffene Kommentare wird es weiterhin nur geben, wenn wieder in den Journalismus investiert wird, statt ihn allmählich ausbluten zu lassen. Andernfalls muss die Leidenschaft, die wir mit dieser Profession verbinden, künftig durch Leidensfähigkeit ersetzt werden."

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

23.02.2011 11:16

Heike Rost

Nachtrag: Zumal es sich bei den Zitierten um Persönlichkeiten handelt, deren Wort in der Branche Gewicht hat und entsprechendes Gehör findet ... ;-)

23.02.2011 11:09

Heike Rost

Liebe Kollegen, die Wortwahl der meisten Beiträge ist so unbedacht wie gedankenlos und ärgerlich: Kluge Verleger setzen auf qualifizierte Journalisten, faire Vertragsbedingungen und ebenso faire Honorare. Das betrifft nicht allein Redakteure, sondern auch Freie Journalistinnen und Journalisten sprich alle Journalisten. Diesbezüglich sitzen wir als Kollegen alle in einem Boot - unabhängig von Arbeitsverhältnissen, vertraglichen Regelungen und Tarifrunden.
Ich würde mich als Aktive des DJV wirklich sehr, sehr freuen, wenn auch unser Verbandsorgan auf solche Kleinigkeiten achtet, die bei so manchen freien KollegInnen für mehr als nur ein Stirnrunzeln sorgt.

 
Anzeige: 1 - 2 von 2.
 
Viavision
Viavision