Detail-Informationen

Autor

Interview: Hans Hoff

Fotos: Jan Zappner

verfasst am

04.06.2013

im Heft

journalist 6/2013

facebooktwitterdel.icio.usMister Wongdigg.comaddthis.comMa.gnolia

Ines Pohl im journalist-Interview: "Das ist ein harter Markt. Der ist brutal, und der ist auch für die taz brutal."

taz

"Das ist unsere Antwort auf die Krise"

Ohne den Verdienst, die Auflage, ohne Einnahmequellen geht nichts, findet Ines Pohl. "Die taz hat sich nun mal keine Fettschicht angefressen, die Sie in schlechten Zeiten einfach mal abschmelzen können", sagt die Chefredakteurin im Interview. Mit journalist-Autor Hans Hoff spricht die 46-Jährige über Mainstream und Punk, die neue Wochenend-taz und das freiwillige Bezahlen im Netz.

journalist: Ich habe heute Morgen sechs Zeitungen gelesen und danach als siebte die taz. Abgesehen von der Auslandsberichterstattung fand ich nicht so viel aufregend Neues in der taz.

Ines Pohl: Was heißt Neues?

Der andere Ansatz, den andere Blätter nicht haben.

Selbstverständlich haben wir einen eigenen Ansatz. Wir stellen unsere Fragen immer aus einer sehr klaren Perspektive, nämlich der nach den Machtverhältnissen. Und, Sie sagten es, in der Auslandsberichterstattung schauen wir schon kontinuierlich hin und machen Themen groß, die in anderen Blättern gar nicht vorkommen. Die taz erlaubt es sich aber, auf Lücke zu gehen. Wir machen nicht alles, was andere machen müssen. Wir wählen unsere eigenen Schwerpunkte aus. In der Tat muss man allerdings sagen, dass andere Zeitungen jetzt auch über Themen berichten, über die vor 20 Jahren nur die taz berichtet hätte. 

Das mit dem eigenen Zugang haben sich die anderen Zeitungen natürlich abgeschaut.

Das FAZ-Titelbild ist ein ganz gutes Beispiel, an dem man die Anlehnung an die besondere Sprache der taz durchaus erkennen kann. Inhaltlich steht die Frage, wer sich früher mit Themen wie sexueller Befreiung, Atomkraft und Klimakatastrophe beschäftigt hat als die taz? Niemand. Das ist jetzt aber angekommen in der Mitte der Gesellschaft.

Geht es Ihnen ein bisschen wie den Grünen, dass Ihnen die Themen geklaut werden?

Wir sind ja froh, dass die Themen, die die taz in den politischen Diskurs eingespeist hat, jetzt auch von anderen aufgegriffen werden und auch eine FAZ mal kritisch über Atommeiler berichtet. Es ist ja gut, dass auch andere die Gefahren anerkannt haben, selbst wenn damit den Grünen ein originäres Thema weggenommen wurde.

Das ist ja das alte Hase-und-Igel-Spiel. Sie als Igel vom Dienst müssten doch schon längst weiter sein, wenn die Hasen kommen.

Wir entwickeln uns auch weiter. Wir sind vielen anderen Zeitungen einen Schritt voraus mit dem, was wir jetzt mit unserer gedruckten Wochenendausgabe machen und unserem relaunchten Internetauftritt. Alle Zeitungen sind in der Krise, aber wir tun etwas und entwickeln ein neues Wochenendprodukt.

Ist das der Schritt aus der Printkrise raus? Wir haben eine Wochenzeitung am Samstag, und in der Woche machen wir normalen Dienst?

Das ist unser Modell. Wir machen die Wochenendausgabe, die auch als einzelne Ausgabe funktioniert und entsprechend abonniert werden kann.

Die mit 3,20 Euro auch fast doppelt so viel kostet wie in der Woche.

Die ist auch dicker und aufwendiger hergestellt und hilft dabei, die politischen Zusammenhänge des Weltenlaufs noch besser zu verstehen. Wir sagen: Print muss echt Spaß machen. Das muss eine Lust sein, zu lesen. Das ist eine Antwort auf die Krise. Obwohl wir ja noch ganz gut dastehen, wir mussten keine Leute entlassen.

Sie haben keine Krise, weil Sie eigentlich immer in der Krise waren.

Das stimmt ja nicht. Wir haben ja einige Jahre hintereinander schwarze Zahlen geschrieben. Es gab da schon ganz andere Zeiten für die taz.

Das heißt: Sie jammern nicht mehr so wie früher. 

Wir müssen nicht mehr jammern, weil wir stabil dastehen und die Rettungskampagnen von früher Geschichte sind. Wir haben eine Genossenschaft gegründet, und die Auflage ist angestiegen.

Wo liegt Ihre Auflage derzeit?

Bei knapp 57.000.

Verkauft oder gedruckt?

Verkauft. Wir sind aber auch durch die Genossenschaft abgesichert. Deshalb ist es für uns nicht sofort lebensbedrohlich, wenn wir mal 1.000 oder 2.000 Abos unter unserem Soll sind.

Zurück zur Krise.

In der Wochenendausgabe erlauben wir uns eine andere Definition von Aktualität. Wir setzen die Themen, die aus unserer Perspektive wichtig sind. Wir versuchen nicht, mit dem Millimeterpapier abzubilden, was uns der Newsflow oder Agenturen oder Spiegel Online vorgeben. Wir setzen mehr Zeit und Kraft in längere Stücke, wir versuchen, unsere Auslandskorrespondenten noch besser zu nutzen. Das ist unsere inhaltliche Antwort auf die Krise.

Sind Sie damit so etwas wie die grüne Alternative zur Zeit?

Die Zeit ist sehr erfolgreich. Klar. Die Zeit ist vielleicht die Angela Merkel unter den Zeitungen, sehr solide.

Und Sie sind dann Trittin?

Das würde ich so nicht sagen. Wir sind die taz am Wochenende. Wir nehmen uns sehr ernst.

"Ich bin jetzt vier Jahre da und immer wieder erschrocken darüber, wie heftig hier an manchen Tagen gestritten wird."

Das klingt wie das Einläuten des Abschieds für die tägliche taz.

Ich gehe davon aus, dass es weiter eine tägliche Ausgabe geben wird. Vielleicht werden die gedruckten Zeitungen als Luxusartikel sogar wieder eine Renaissance erleben. Nicht mehr in den Auflagenstärken wie derzeit noch, aber noch viele Jahre real existierend. Aber es gibt viele Leute, die wollen nicht mehr jeden Tag eine gedruckte Zeitung. Vielleicht gibt es auch in drei oder vier Jahren noch ein neues digitales Endgerät, das uns wieder ganz anders rangehen lässt. Da steckt niemand drin.

Manche sagen: Wer in der Woche Tageszeitung liest, ist entweder alt oder arbeitslos.

In unserem Fall ja glücklicherweise nicht, selbst wenn auch unsere Leser älter werden.

Wie alt ist der durchschnittliche taz-Leser?

Der der täglichen Zeitung 55 Jahre und der des Wochenendabos 45 Jahre. Die Leute, die auf taz.de unterwegs sind, sind übrigens deutlich jünger, im Durchschnitt 37 Jahre. Das ist ganz anders als bei Regionalzeitungen oder beim ZDF oder der ARD, wo es ja schon über die 60 geht.

Dann sind Sie quasi noch in der RTL-Zielgruppe.

Mag sein. Fakt bleibt, dass es unglaublich schwer ist, unter 25-Jährige an ein Abo zu kriegen.

Die sagen: Ich habe gar keine Zeit für so ein Papier. Ich habe doch Spiegel Online.

Nicht nur. Die haben auch taz.de, Twitter, Blogs oder die New York Times. Wir haben ja traditionell ein Lesepublikum, das sehr gut ausgebildet und auch mehrsprachig ist. Da ist ein riesiges Angebot, das natürlich Zeit wegnimmt für die Lektüre der gedruckten taz.

Hätten Sie als Vorreiter vom Dienst nicht anstatt der Wochenend-taz noch stärker aufs Netz setzen müssen?

Da sind wir ja sehr erfolgreich. Wir haben mehr als 100.000 Twitter-Follower, wir sind eine sehr aktive Facebook-Community. Die taz-Kommune ist im Internet sehr, sehr aktiv. 

Aber das lässt sich schwer monetarisieren.

Auch da hat die taz eine Antwort gefunden, die bisher kein anderes Medium hat. Wir haben als Erste ein freiwilliges Bezahlmodell entwickelt.

Und das funktioniert? 

Wir nehmen damit 11.000 Euro im Monat ein. Das ist nicht so viel, aber für uns eine bedeutende Summe, die immer steigt, wenn wir das Modell wieder bewerben.

Wie viele gedruckte Ausgaben müssten Sie in der Woche für die Summe verkaufen?

So runde 5.000. Viel wichtiger als die unmittelbare Zahl ist aber das Solidaritätsprinzip, das offensichtlich auch Wege im Netz findet. Die Paywahl zeigt, dass unsere Leserinnen auch im Netz bereit sind, Geld zu zahlen. Das ist noch zu wenig. Aber da ist echt Bewegung im Markt. Es kommt bei den Menschen so langsam an, dass es nicht funktioniert, alles umsonst haben zu wollen.

Ein bisschen nervt dieser Paywall-Layer schon, der sich beim Seitenaufruf erst einmal über den Text legt.

Aber das Verständnis, dass wir irgendetwas machen müssen, dass wir Kohle verdienen müssen, ist größer als dieser Eine-Klick-Nerv.

Ich finde ja, die taz könnte dedizierter, frecher und mutiger sein. Und ein bisschen weiter links.

Ich finde, wir sind oft frech. Wir stellen uns Diskussionen, die andere Blätter in dieser Klarheit nicht führen. Wir setzen uns immer wieder auch mit den eigenen Rollenbildern auseinander und zwar nicht verhaftet im grünen Muff der 80er. Wir sind schon sehr kritisch auch mit dem, woher wir kommen. Manche sagen, wir sind zu wenig links. Das sehe ich anders. Die taz hat eine ganz klare Verortung, indem sie sehr grundsätzlich fragt: Wer profitiert von Entscheidungen, wer zahlt dafür?

Dedizierter, frecher, mutiger und ein bisschen weiter links – das sind Ihre Worte von 2009.

Das ist nicht so, dass ich das nicht gemerkt hätte. Dedizierter ist aber kein Wort, das ich benutze.

Haben Sie denn das, was Sie damals gefordert haben, alles geschafft?

Das müssen Sie als Leser beurteilen. Die taz hat sich gut am Markt behauptet. Wir haben die Wochenendausgabe, wir haben unseren taz.de-Relaunch, der der Konstruktion unseres gesamten Hauses viel gerechter wird. Es ist ganz viel passiert, um die linksalternative Grundperspektive der taz aufrechtzuerhalten. Ich bin zufrieden damit, wo wir jetzt als Zeitung stehen. Das ist ein harter Markt. Der ist brutal, und der ist auch für die taz brutal. Es gibt keine Selbstverständlichkeiten mehr, dass irgendwas einfach weiter bestehen bleibt. Wenn Sie fragen, ob ich so zufrieden bin, dass ich alles hingekriegt habe, was ich mir gewünscht habe, dann sage ich: Nein, natürlich nicht.

Sie argumentieren schon zum zweiten Mal mit Geld, mit dem Umsatz. Verstellt das nicht auch den Blick auf den Inhalt?

Ohne den Verdienst, die Auflage, ohne Einnahmequellen geht nichts – das sehen Sie bei der FR oder der FTD. Die taz hat sich nun mal keine Fettschicht angefressen, die Sie in schlechten Zeiten einfach mal abschmelzen können.

Sie sorgen dafür, dass die Zahlen in Ordnung sind, damit der Spielplatz für die Redaktion sauber ist?

Die taz muss lebendig bleiben. Ich versuche es hinzubekommen, dass uns keine Angst vor dem Untergang lähmt, wie das in anderen Häusern der Fall ist. Wir sind nicht selbstzufrieden. Wir müssen uns immer wieder selbst erfinden und fragen uns: Was heißt jetzt, heute links? Als Chefredakteurin ist man gehalten, Rahmenbedingungen zu organisieren, in denen die Kollegen dann kreativ sein können.

"Die taz muss lebendig bleiben. Ich versuche es hinzubekommen, dass uns keine Angst vor dem Untergang lähmt, wie das in anderen Häusern der Fall ist."

Sie sind ja medial sehr präsent und treten viel auf. Besteht da nicht die Gefahr, dass man sich als Außenministerin der taz den Großkopferten zu sehr annähert? 

Ich nähere mich denen an, weil ich mit denen in einer Talkshow sitze?

Da könnte man eine Gefahr vermuten.

Man kann das aber auch genau anders sehen, dass man in der direkten Begegnung sein eigenes Profil schärft und gestärkt herausgeht. Ich habe nicht das Gefühl, dass das Denken und die Attitüde der Großkopferten, wie Sie sie nennen, auf mich überschwappt, wenn ich mit ihnen an einem Tisch sitze. Da ist die taz auch ein sehr starker Organismus, der genau darauf guckt, dass sich niemand vereinnahmen lässt.

Aber es besteht doch die Gefahr, dass man durch die Nähe weich wird, die Fundamentalopposition vergisst und mit den anderen im großen Strom schwimmt.

Wir wollen ja keine fundamentale Opposition sein. Wir wollen kritisieren und kluge, linke Alternativen aufzeigen. Wir wollen dort sein, wo neue Ideen geboren werden und in politische Diskurse eingespeist werden. Die taz ist schon lange nicht mehr Fundamentalopposition. Natürlich spielen wir mit. Wir wollen mitspielen. Wir wollen unsere publizistische Strahlkraft ausnutzen und dabei die linksalternative Stimme bleiben, die wir sind.

Gibt es in der Hinsicht in der Redaktion eine Einigkeit? Darf ich Sie für die ganze Redaktion nehmen?

Die einzige Einigkeit, die hier besteht, ist, dass wir uns nicht einig sind. Hier gibt es einen unglaublichen Binnenpluralismus, und hier gibt es auch nach wie vor richtig heftige, derbe Kämpfe, bei denen es echt ans Eingemachte geht. Ich bin jetzt vier Jahre da und immer wieder erschrocken darüber, wie heftig hier an manchen Tagen gestritten wird.

Aber am Ende gewinnen Sie?

Ich? Nein. Ich verstehe mich als Moderatorin. Ich trage natürlich die presserechtliche Verantwortung. Ich muss Schaden von der taz abwenden, ich muss dafür sorgen, dass Minderheitenmeinungen zu Wort kommen, dass die taz nicht rassistisch, sexistisch und kriegsverherrlichend ist. 

Es ist aber überhaupt nicht so, dass ich mich immer mit meinen persönlichen Themenwünschen durchsetze. Das ist aber auch nicht meine Aufgabe.

Wie oft müssen Sie das Schwert rausholen und sagen: Cut. Da drunter steht mein Name nicht? 

Selten. Das muss man sich ganz genau überlegen, weil man damit immer auch die Atmosphäre des kreativen, frechen Miteinanders stört und gefährdet. Deswegen muss ich oft Dinge zulassen, die mich persönlich stören. Die taz ist dann gut, wenn sie an Grenzen geht. Wer den Mut hat, an Grenzen zu gehen, geht manchmal eben auch drüber hinaus. Da muss ich auch mitgehen. Trotzdem gibt es natürlich irgendwo eine rote Linie.

Es gab Artikel, die haben Sie rausnehmen lassen.

Das gab es erst ein einziges Mal. Das war das Zwangsouting eines Spitzenpolitikers. Der Artikel war gedruckt und stand auf der Website. Den habe ich runtergenommen, im Archiv sperren lassen und mich dafür entschuldigt.

Haben Sie da zu spät reagiert?

Ich wusste nicht, dass der erscheint. Ich lese nicht jeden Artikel vorher.

Das ist Ihnen intern nicht als Großtat angerechnet worden.

Es war auch keine Großtat, es war eine absolute Notbremse. Mir wäre lieber, wenn ich sie nicht hätte ziehen müssen. Aber ich trage den performativen Akt, jemanden zu outen, nicht mit. Das geht gegen meine persönlichen Grundsätze. Gut ist, dass wir aus der Auseinandersetzung gelernt haben und andere schwierige Themen bewusster in den Redaktionskonferenzen ansprechen.

Ich habe heute in meiner taz gelesen von "abgefuckt", "ich fick dich", "Fotze", alles auf ein paar Seiten. Standard oder zufällige Ballung?

Das ist eine zufällige Ballung. 

Gibt es Momente, wo jemand sagt: Können wir das nicht mal ein bisschen runterkühlen?

Auch darüber wird sich in den Redaktionskonferenzen echt heftig auseinandergesetzt. Es gibt dann halt einige, die finden das gut, und andere eben nicht.

Das heißt, wenn ich als Redakteur arbeiten möchte, habe ich die größtmöglichen Freiheiten, die ich in Deutschland haben kann, bei der taz.

Die geringste Reglementierung.

Und die geringste Bezahlung.

Wir zahlen nach wie vor wenig.

Sie zahlen schon seit Ihrer Gründung schlecht. Vorhin haben Sie gesagt, wie gut es der taz geht. Warum zahlen Sie nicht nach dem allgemeinen Tarif? 

Dann müssten wir den Stamm an Leuten, mit denen wir in der Redaktion arbeiten, also 120 Leute, den müssten wir halbieren. Wir wollen aber möglichst viele Leute hier haben, um eine möglichst große Bandbreite abdecken zu können. 

Wenn man sieht, dass man irgendwo richtig Geld verdienen kann, dann geht man?

Klar, die taz ist nach wie vor für ganz viele ein Sprungbrett. Dadurch kommen immer wieder junge Menschen dazu mit ganz anderen Denkbildern, mit einem ganz anderen Verständnis von Journalismus. Die kommen mit ganz viel Kraft und Saft und dem Wunsch, sich zu profilieren. Davon profitiert die taz sehr. Darüber hinaus haben andere Kollegen, die bleiben wollen und mit der taz älter werden, auch ganz gute Systeme entwickelt. Die nehmen dann vielleicht eine Auszeit für ein Buch, schreiben das, kommen wieder, und wir profitieren von der gewonnenen Expertise.

Ich sehe jetzt schon ganz viele klassische Verleger mit den Fingern schnippen und "wollen wir auch" rufen. Die sagen ihren Redakteuren jetzt: Ihr könnt euch besser verwirklichen, dafür zahlen wir euch weniger.

Es ist ja nicht so, dass die Verleger so ein großes Interesse daran haben, dass die Journalisten sich verwirklichen. Aber es funktioniert bei der taz ja nur, weil die Leute, die hier arbeiten, bei ihrer eigenen Zeitung arbeiten. Die taz gehört ja nicht mir, die taz gehört auch nicht dem Geschäftsführer, die gehört auch nicht der Genossenschaft, die gehört uns allen. Das ist ja anders als bei klassischen Häusern, wo immer ein Besitzer sitzt, der die Kohle verdient.

"Wenn wir nach Tarif bezahlen würden, dann müssten wir den Stamm an Leuten, mit denen wir in der Redaktion arbeiten, also 120 Leute, den müssten wir halbieren. "

Es ist auf seine Art ein klassisches Aufstockermodell.

Ein Modell, bei dem es gut ist, wenn man etwas dazuverdienen kann.

Das würde man bei anderen kritisieren. Wenn Kik das macht.

Man kann uns doch nicht mit Kik vergleichen. Die Leute sind ja freiwillig hier. Sie sind hier, weil sie bei der taz arbeiten wollen. Natürlich wäre das toll, wenn wir nach Tarif bezahlen könnten oder sogar darüber hinaus. Allerdings würde dann auch der Erneuerungsprozess unterbrochen, und der ist ganz viel wert.

Das heißt: Man kann den Blues nur glaubhaft spielen, wenn man hungert?

Da ist schon was dran. Den Drang, sich weiterzuentwickeln und sich neu zu erfinden, hat man weniger, wenn man zu satt ist und dadurch Gefahr läuft, bräsig zu werden. Das muss nicht so sein. Es gibt ja auch ganz andere Kollegen, die viel Geld verdienen und trotzdem super arbeiten. Ich weiß nicht, ob das bei uns der Blues ist. Man spielt auch den Rock'n'Roll besser und stärker, wenn man keinen allzu vollen Bauch hat.

Sie sind ja musikalisch vorgebildet. Was ist denn die taz für ein Musikstil?

Oh. Das ist eine gute Frage. Das ist gar kein Musikstil. Das ist eine Mischung.

Crossover sagt man, wenn man nicht weiter weiß.

Absolutely Crossover mit verschiedenen Instrumenten aus vielen Ländern.

Aber ein bisschen mehr Punk könnte der taz schon gut tun.

Warum?

Ein bisschen frecher. Ich finde, die taz ist oft sehr brav. Sie macht halt ihren Job. 

Sie vermissen den Punk. Was ist Punk?

Der Punk wäre, dass mir die taz einen aufrührerischen Gedanken ins Hirn pflanzt, auf den ich selbst nicht gekommen wäre.

Das tun wir. Die taz will aber nicht mehr das Kampfblatt sein, das zum Straßenkampf aufruft. 

Es geht ja nicht um den Straßenkampf, es geht um den Kampf in meinem Hirn, wo vielleicht hier und da eine durchgezogene Sicherheitsnadel Positives bewirken könnte.

Die taz muss sicherlich auf die inneren Ungereimtheiten gucken in den Lebensweisheiten, die unsere Klientel so propagiert. Wo sind also beispielsweise die Widersprüche der Grünen? Ob das nun punkiger sein muss, weiß ich nicht. 

Sind Sie den Grünen möglicherweise zu nahe?

Wenn Sie die Grünen fragen, dann ganz bestimmt nicht.

Die mögen Sie nicht?

Manche würden sich schon wünschen, dass wir weniger kritisch mit ihnen umgehen. Wir sind nahe dran an den Grünen, weil wir viele Leserinnen haben, die aus dem grünen Milieu kommen, aber durch diese Nähe sind wir auch besonders kritisch. Wenn Sie etwa schauen, wie wir auf dem Titel mit den Steuerplänen der Grünen umgegangen sind, "Grüne am Steuer, das wird teuer", das war vielen Grünen dann doch zu wenig solidarisch.

Da kommen Sie aber doch in dieses bürgerliche Mainstream-Fahrwasser.

Wenn Sie dann unsere Kommentierung dazu gelesen haben, können Sie das auch anders sehen. Grundsätzlich stimmt aber, dass wir publizistisch aufpassen müssen, kritisch mit den Grünen zu bleiben. Es gab eine Phase in der taz, da waren wir zu nahe dran. Dann hat die taz aber ganz klar erkannt: Wir können und wollen nicht die Hofberichterstatter sein. Wir kritisieren weiter die Grünen, die Linkspartei, die Piraten und alles, was milieuhaft nahe an uns dran ist.

An Ihrer Haupteingangstür steht der Hinweis, man solle durchs Café nebenan eintreten. Auf dem Schild steht "Nächster Eingang zur Linken". Ist das Zufall?

Das ist ein Zufall.

Keine innere Aufforderung an die Mitarbeiter.

Ganz bestimmt nicht. Das würde sowieso nicht funktionieren. Mit einer Aufforderung würden wir das genaue Gegenteil bewirken. Der antiautoritäre Reflex ist noch sehr ausgeprägt.

Der Reflex "Was verboten ist, das macht uns gerade scharf" gilt hier noch?

Ist ein bisschen so.

Hier neben uns steht seit Ihrem Antritt als Chefredakteurin 2009 immer noch eine Pappfigur von Michelle Obama. Das geht doch 2013 eigentlich überhaupt nicht mehr.

Man muss Standfestigkeit haben, auch wenn der Wind mal ins Gesicht weht. Wer sich in den USA ganz gut auskennt wie ich, weiß, was es für die schwarze Community bedeutet, dass im Weißen Haus ein schwarzes Präsidentenpaar sitzt. Das ist also bei aller Kritik an Obama auch eine Ermutigungsfigur. Sie zeigt, dass sehr viel möglich ist.

Ist das nicht ein längst verrauchter Mythos?

Das ist ein historisches Ereignis, das nicht so schnell verraucht.

Aber wenn man den aktuellen Abhörskandal betrachtet, Guantanamo, den Drohneneinsatz, dann ist der Obama-Zauber doch weg. 

Man soll sich nicht so schnell vom Zauber so blenden lassen. Ich war nie diejenige, die an Obama diese Heilserwartungen hatte. Das war ja schon jesuanisch, was man sich von dem erwartet hat.

Er hat gesagt, er schließt Guantanamo.

Er hat aber im Laufe seiner Präsidentschaft auch gelernt, dass viele Dinge, die er sich wünscht, für die er auch steht, in der aktuellen Verfasstheit der USA nicht umsetzbar sind. Er ist da sicher auch an Alltäglichkeiten gescheitert.

Finden Sie sich als Obama-Versteherin in der Redaktion gespiegelt?

Ich würde mich nicht als Obama-Versteherin bezeichnen. Er hat viele Fehler gemacht, und ich finde, er müsste seinen Second Term besser und schärfer nutzen. Jetzt muss er schon zeigen, was er wirklich will. Aber die USA werden hier im Haus ganz unterschiedlich gesehen.

Gibt es schon Pläne, wie Sie den Obama-Besuch in Berlin begleiten werden?

Da haben wir uns noch nicht drüber unterhalten. Aber wir werden da sicherlich punkig rangehen. Versprochen.

Über den Autor

Hans Hoff arbeitet als Journalist in Nideggen.

Die Juni-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Alles nur Fake? Wann drehen Bildjournalisten zu viel an der Wirklichkeit herum?

Jetzt Probeabo bestellen: Hier gibt es die kommenden drei Ausgaben zum Kennenlernpreis von 5 Euro.

Aktuelle Kommentare zu diesem Interview

05.06.2013 13:49

journalist-Redaktion

@Hyper Pac: Wir denken, Frau Pohl hat durchaus "Paywahl" gemeint. Ist ja freiwillig.

05.06.2013 13:38

Hyper Pac

Wie viele gedruckte Ausgaben müssten Sie in der Woche für die Summe verkaufen?

So runde 5.000. Viel wichtiger als die unmittelbare Zahl ist aber das Solidaritätsprinzip, das offensichtlich auch Wege im Netz findet. Die Paywahl zeigt, dass unsere Leserinnen auch im Netz bereit sind, Geld zu zahlen. Das ist noch zu wenig. Aber da ist echt Bewegung im Markt. Es kommt bei den Menschen so langsam an, dass es nicht funktioniert, alles umsonst haben zu wollen.

---

Sehr schönes Interview, aber das soll doch sicherlich im zweiten Satz der Antwort "Paywall" heißen und nicht "Paywahl", oder ?!

 
Anzeige: 1 - 2 von 2.
 
Viavision
Viavision