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Autor

Text: Jan Söfjer

Bilder: Jakob von Siebenthal

verfasst am

15.01.2013

im Heft

journalist 1/2013

Mehr zum Thema auf journalist.de

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    Frankfurter Rundschau

    Der Sportreporter

    Ein Mittwoch im Dezember. Seit den 80er Jahren arbeitet Thomas Kilchenstein als Sportreporter für die Frankfurter Rundschau. War es das jetzt? Der journalist hat den 55-Jährigen auf dem Eintracht-Sportplatz besucht.

    Als Armin Veh, Trainer von Eintracht Frankfurt, auf einer Pressekonferenz Anfang Dezember gefragt wird, was seine Lieblingsschlagzeile nach dem Spiel gegen Werder Bremen wäre, sagt er: "Am liebsten würde ich lesen, dass es bei der Frankfurter Rundschau weitergeht." Kein Satz zeigt deutlicher, was die Zeitung für den Fußball-Bundesligisten bedeutet. Keine Zeitung berichtet umfassender über die Mannschaft. Jeden Tag gibt es einen Artikel über sie. Zu jedem Heimspiel, etwa alle zwei Wochen, erscheint eine 16 Seiten starke Beilage. Das Eintracht-Ressort ist eines der klickstärksten auf der Website der Frankfurter Rundschau (FR). Jeden einzelnen Eintrag im Eintracht-Blog kommentieren Hunderte Leser. Eine Facebook-Seite und eine Videokolumne gibt es auch. Würde die Rundschau wirklich eingestellt, es wäre ein Desaster für die Mannschaft und die Fans.

    Kaum einer symbolisiert die Eintracht-Berichterstattung bei der Rundschau so sehr wie Thomas Kilchenstein. Anfang der 80er kommt der heute 55-Jährige bei der FR unter – direkt nach seinem Lehramtsstudium. 1988 wird er Sportredakteur und bleibt es bis heute. Das heißt: Eigentlich ist er gar kein Redakteur mehr. Als M. DuMont Schauberg, der Haupteigner der Rundschau, im Frühjahr 2011 beschloss, den Mantel, den überregionalen Teil, bei der Berliner Zeitung produzieren zu lassen, fielen rund 60 Stellen weg – auch Kilchensteins. Er nahm eine Abfindung an und machte als Pauschalist weiter. Die Abfindung soll im Januar kommen. Ob er das Geld wirklich erhalten wird, weiß er plötzlich nicht mehr. Gerade erst hat die Frankfurter Rundschau Insolvenz angemeldet.

    Was wenn?

    Die schwarz-weißen Eintracht-Banner knattern neben der Commerzbank-Arena. Kalter, feuchter Wind bläst Kilchenstein ins Gesicht. Er beobachtet das Training der Eintracht-Mannschaft auf dem Rasen neben dem Stadion. Fast jeden Tag kommt er hierher – er oder sein Kollege Ingo Durstewitz. Kilchenstein schaut, wie die Spieler sich warm machen und Spielzüge üben. Danach spielt die A-Mannschaft gegen die B-Mannschaft. "Die A-Mannschaft gewinnt immer", sagt Kilchenstein. "Bei anderen Bundesligavereinen gewinnt schon mal die B-Mannschaft, weil auch in der zweiten Reihe viele gute Spieler am Ball sind." Ein Satz, der auch mal für die Rundschau galt. Vor ein paar Wochen haben Redakteure des Spiegels, die früher bei der Rundschau gearbeitet haben, über ihre Zeit dort geschrieben. Neun waren es. Fast eine Fußballmannschaft. 

    Kilchenstein spricht nicht viel und wenn, dann leise. Das hier ist sein Revier, er ist eine Instanz hier. Ob er noch dazugehören wird? Zu dieser kleinen Runde von Sportjournalisten, die sich hier täglich trifft: ein Kollege von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zwei von Bild, ein freier Journalist, der Eintracht-Sprecher, ab und zu jemand vom Fernsehen. Wie soll man weiterarbeiten, wenn man nicht weiß, ob sich die eigene berufliche Existenz auflösen wird?

    Kilchensteins Frau arbeitet aushilfsweise; sie haben einen neunjährigen Sohn. Was wenn? In den Markt der ganz Freien? Soll er wieder wie zu Unizeiten für 18 Pfennig die Zeile schreiben? Kilchenstein beobachtet schweigend das Spiel. Die A- oder die B-Mannschaft? Zu welcher wird er noch gehören?

    "Ihr seid zu teuer"

    Roland Palmert, dunkler Mantel, dunkelgrüner Schal, ist Bild-Redakteur; seit 31 Jahren berichtet er über die Eintracht. Als Joschka Fischer in Frankfurt noch auf Polizisten losging und mit FR-Redakteuren per Du war, waren Bild und Rundschau die Gegenpole der Republik. Heute sagt Palmert: "Die FR-Insolvenz macht mich betroffen. Und ich glaube, in der Branche wird es noch schlimmer kommen." Peppi Schmitt, der freie Sportreporter, der für "alle außer Bild" schreibt, ein großer, kräftiger und in die Jahre gekommener Mann, plaudert derweil mit den anderen. Er habe Gerüchte gehört, dass die Südwestdeutsche Medien Holding, Eigner der Süddeutschen Zeitung, die Konkurrenz also, Interesse an der Rundschau habe. Thomas Kilchenstein sagt leise: "Wir sind für die doch keine Konkurrenz."

    Carsten Knoop, Typ entspannter Türsteher und Pressesprecher der Eintracht, betont gleichwohl die Bedeutung der Rundschau. "Die FR ist wichtig für uns. Vor allem die Onlinereichweite der Eintracht-Berichterstattung." Der Markt ist vorhanden, die Nachfrage da. Sollten sich die FR-Sportredakteure einen neuen Job suchen müssen, könnten sie ihre Eintracht-Berichterstattung mit einem selbst vermarkteten Eintracht-Portal alleine weiterführen. Aber kann man davon leben? Kilchenstein zweifelt.

    2004 erfährt Thomas Kilchenstein zum ersten Mal am eigenen Leib, dass die Rundschau spart. Er sollte zur Fußball-Europameisterschaft nach Portugal fliegen. "Ich war immer derjenige, der die ausländischen Teams betreut hat. Und auf einmal hieß es, es könne nur einer hinfahren, der, der über die deutsche Mannschaft schreibt. Dabei waren die Kosten in Portugal nicht hoch." Von da an wurde jeder Euro zweimal umgedreht. Gab es an einem Tag ein Spiel in Dortmund und eines in Mönchengladbach, fuhren die zwei Reporter mit einem Auto. Einer setzte den anderen ab, fuhr weiter und sammelte den Kollegen später wieder ein. Spielte es früher keine große Rolle, was ein Hotelzimmer kosten durfte, durften es nun nur noch höchstens 50, 60 Euro sein. "Dieser Spargedanke war permanent da." Seit zehn Jahren ist die FR im Sparmodus. Weihnachtsgeld weg, Urlaubsgeld weg, Gehaltskürzungen, Abfindungen. "Ständig hieß es, ihr seid zu teuer, es muss gespart werden." Doch die FR-Mannschaft blieb tapfer.

    Krankmeldungen? Fehlanzeige.

    Von der alten kämpferischen FR-Atmosphäre ist wenig geblieben. Die Redakteure sind paralysiert, geplättet, wütend, ausgeblutet, niedergeschlagen. Trotzdem arbeiten alle weiter, niemand meldet sich krank. Es ist die letzte Hoffnung, dass sich doch noch ein Retter für die FR finden möge. Obwohl der Mantel nach Berlin gewandert ist, ist der Newsroom gut gefüllt. 70 bis 80 Leute arbeiten dort: Redakteure, Freie, Layouter, Korrektoren, Digital-Redakteure. Fast alle anderen Büros wurden gekündigt oder vermietet. Nun sitzen sie alle im Newsroom, der zum Einzug 2009 als modernster Europas gepriesen wurde. Wie in einem Schiff voller Flüchtlinge, das ein Kriegsgebiet verlässt. "Es ist eine komische Atmosphäre", sagt Kilchenstein. "Wir arbeiten weiter, als wäre nichts. Wir funktionieren. Es ist erstaunlich, gespenstisch." 

    Nach dem Training auf dem Rasen neben der Commerzbank-Arena, kommt Trainer Veh zu den Reportern. Sie stellen ein paar Fragen. Veh klopft Kilchenstein auf die Schulter, heftig, herzlich, kurz. Für einen Bundesligatrainer lässt er eine erstaunliche Nähe zu. Veh hat eines der Solidaritäts-Abonnements für die Rundschau abgeschlossen. Obwohl er schon ein Voll-Abonnement besitzt. Manchmal fragt er Kilchenstein: "Wie geht’s bei euch weiter? Wie kann das mit der Insolvenz sein? Ihr macht doch ein gutes Blatt."

    Dann kommt noch der Innenverteidiger Heiko Butscher. Ein Fernsehreporter vom Hessischen Rundfunk interviewt ihn. Am folgenden Wochenende wird Butscher zum ersten Mal für die Eintracht spielen. Er ist ein sympathischer Typ, ein guter Redner. Am Ende sagt er den Satz: "Ich bin immer der Meinung: Wenn man ehrliche Arbeit verrichtet, wird das zurückgezahlt." Für die Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau muss das wie Hohn klingen. Und doch glauben sie noch daran.

    Mehr zum Thema

    Für den aktuellen journalist haben wir im Dezember weitere Journalisten in der Krise besucht: Anna Ringle-Brändli, Redakteurin bei dapd + Georg Dahm, der als Redakteur die letzte FTD-Ausgabe mitproduziert hat.

    Aktuelle Kommentare zu diesem Text

    15.01.2013 17:51

    Hans Muster

    Sollte es tatsächlich so kommen, wäre dies für alle Eintrachtfans als auch für den Verein selbst eine sehr bittere Pille. Auch die Berichterstattung der FR über die Eintracht wurde zwar häufig kritisiert, dennoch hebt sich diese deutlich von allen anderen Zeitungen in Frankfurt und Umgebung ab. Im positiven Sinne natürlich. Ich drücke Herrn Kilchenstein sowie der ganzen FR die Daumen.

    15.01.2013 17:02

    FR Leser

    Es wäre zu schade, wenn die FR tatsächlich eingestellt würde.

    Auch wenn ich fast nur Artikel über die Eintracht lese, ich lese in keinem anderen Blatt lieber über die SGE als in der FR.

    Da würde ich anderen so- und hier genannten "Blättern" die Insolvenz mehr gönnen. Und mit dieser Meinung bin ich bestimmt nicht der einzige.

    Alles gute FR. Mögest du uns Lesern noch lange erhalten bleiben!

     
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