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Autor

Interview: Monika Lungmus

verfasst am

06.11.2012

im Heft

journalist 11/2012

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  • djv.de: Die Ausbildung junger Journalisten muss den Anforderungen der Medienwelt permanent angepasst werden
  • Alle Informationen zum Verbandstag 2012 in Kassel gibt es auf djv.de/verbandstag
Bild: dapd/Caroline Seidel

DJV-Bildungsexpertin Ulrike Kaiser: Dass das Volontariat in der Journalistenausbildung ausgedient hat, glaubt sie nicht.

Journalistenausbildung

"Es hapert beim theoretischen Teil"

Volontariat, Journalistenschule, Studium: Es gibt viele Möglichkeiten, in den Beruf einzusteigen. Aber keine Gewähr für eine wirklich gute Ausbildung. Was müsste sich ändern? Und hat das Volontariat noch Zukunft? Der journalist sprach mit Ulrike Kaiser, die am Memorandum zur Aus- und Weiterbildung mitgewirkt hat, das der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) derzeit auf seinem Verbandstag in Kassel diskutiert.

journalist: Sie sind Medienfachjournalistin und als stellvertretende Bundesvorsitzende des DJV besonders in Fragen der journalistischen Aus- und Weiterbildung engagiert. Wie sah denn Ihre eigene Ausbildung aus?

Ulrike Kaiser: Für die damalige Zeit, 1970, sah die sehr klassisch aus: Abitur, Volontariat bei der Rheinischen Post, vier Jahre Redakteurszeit, anschließend ein Diplom-Studium in Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung. Und danach habe ich in der journalistischen Aus- und Weiterbildung gearbeitet.

Wenn Sie sich noch mal für den Journalistenberuf entscheiden würden und die freie Wahl hätten: Welchen Weg würden Sie heute einschlagen?

Ich würde versuchen, entweder an eine Journalistenschule zu kommen oder mich in einem kombinierten Journalistik-Studiengang einzuschreiben.

Haben Sie da konkrete Einrichtungen im Auge?

Meine Favoriten wären die Deutsche Journalistenschule in München, die Henri-Nannen-Schule in Hamburg oder die Evangelische Journalistenschule in Berlin. Auch die Axel Springer Akademie ist inzwischen sehr interessant, vor allem was den crossmedialen Bereich betrifft. Als Studiengang würde ich Journalistik an der Dortmunder Hochschule wählen, wenn ich denn beim dortigen Numerus Clausus eine Chance hätte. Ich halte dieses Modell, das damals mit gewerkschaftlicher Beteiligung konzipiert wurde, auch heute noch für profund.

Weshalb sind Sie von dem Dortmunder Journalistik-Studiengang so überzeugt?

Hier ist vor dem Start sehr gut überlegt worden, wie man Theorie und Praxis miteinander verbinden kann: Die Studierenden machen in der Mitte ihres Studiums ein verkürztes Volontariat und haben anschließend noch zwei Semester, in der sie die Praxis reflektieren können. Zudem wird hier journalistische Theorie und Praxis mit einem Fachstudium – ob Biologie, Jura oder Wirtschaft – kombiniert. Das ist ein sehr gut ausgearbeitetes Modell.

Gut 80 Prozent der Berufsanfänger gelangen nach wie vor über das Volontariat in den Journalismus. Und das ist seit 1990 durch einen Tarifvertrag geregelt, der ein Mindestmaß an Ausbildungsqualität garantieren soll. Wie sieht die Realität aus?

Viele Standards werden inzwischen nicht mehr eingehalten. Unsere Umfragen haben ergeben, dass es vor allem bei der theoretischen Wissensvermittlung erhebliche Defizite gibt. Im Tarifvertrag ist ja festgeschrieben, dass im Ausbildungsbetrieb ein Einführungskurs sowie regelmäßige Schulungen stattzufinden haben. Dabei hapert es am meisten. Die Vorgaben für die außerbetriebliche Ausbildung, also die vier Wochen im ersten und die zwei Wochen im zweiten Jahr, wurden zunächst weitgehend eingehalten. Aber heute ist auch das nicht mehr überall selbstverständlich.

Der DJV hält eine freiwillige Zertifizierung der Volontariatsausbildung für sinnvoll. Inwiefern würde das zur Einhaltung von Standards führen?

Ich bin kein Zertifizierungsfanatiker. Aber ich glaube, dass ein solches Zertifizierungsverfahren auch den Verlagen selbst noch mal Gelegenheit gibt zu überprüfen, welche Ausbildungsstandards sie haben und an welcher Stelle sie eventuell nachbessern müssten. Und die Volontariatsbewerber profitieren natürlich auch davon, weil eine Zertifizierung mehr Transparenz schafft und ihnen Orientierung im Ausbildungsdschungel bietet.

"Heute würde ich versuchen, entweder an eine Journalistenschule zu kommen oder mich in einem kombinierten Journalistik-Studiengang einzuschreiben."

Bildungsexpertin Ulrike Kaiser ist seit 2007 stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands. Zuvor arbeitete sie mehr als 20 Jahre als Chefredakteurin des journalists.

Wie könnte die Vergabe eines Qualitätssiegels konkret aussehen? Gibt es da Vorbilder?

Interessant ist das, was der MedienCampus Bayern in München macht. Das ist eine Vereinigung von Aus- und Weiterbildungseinrichtungen in Bayern, die sich mit Medien befassen. Die haben jetzt angefangen, Qualitätssiegel zu vergeben. Bisher haben sich aber meines Wissens nur Studiengänge und andere Bildungsinstitute beworben.

Vor allem große Verlagshäuser verabschieden sich zunehmend vom klassischen Volontariat und gründen eigene Journalistenschulen. Der DJV sieht diese Entwicklung eher kritisch. Warum eigentlich? Sind solche Einrichtungen nicht ein Ausdruck dafür, dass man die Ausbildung des Nachwuchses ernst nimmt?

Der DJV wirft da einen skeptischen Blick drauf, weil teilweise der Verdacht besteht, dass es sich um verkappte Volontariate handelt. Dass man Volontäre nur zu Journalistenschülern macht, um sie geringer bezahlen zu können. Wenn die unternehmenseigene Schule aber eine verantwortungsbewusste, engagierte Leitung hat, dann wird das Curriculum im Vordergrund stehen. Und im Medienunternehmen wird man erkennen, dass die Schule gleichzeitig eine Denkfabrik ist, die dem Gesamtunternehmen innovative Impulse und einen kreativen Input geben kann. Es profitieren also beide Seiten.

Das hört sich recht positiv an.

Man kann die Ausbildung danach bewerten, wie der Theorie- und Praxisanteil ist. Wenn die Schüler zu 90 Prozent in den Redaktionen arbeiten und nur gelegentlich in Seminaren zusammenkommen, dann wäre das ein verkapptes Volontariat. Aber wenn die Schüler weit mehr Möglichkeiten der Reflexion, des gemeinsamen Lernens haben, dann ist es anders. Ein in etwa gleichwertiges Theorie-Praxis-Verhältnis spricht für eine systematischere Ausbildung als im normalen Volontariat. Und ich persönlich wäre in diesem Fall auch bereit, gewisse finanzielle Abstriche in der Vergütung zu akzeptieren.

Der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag verfolgt einen neuen Ansatz: Die Volontäre müssen in Kiel berufsbegleitend den Studiengang Journalismus und Medienwirtschaft absolvieren.

Prinzipiell ist gegen eine Zusammenarbeit zwischen Medienunternehmen und Hochschule nichts einzuwenden. In diesem Fall sehe ich aber mehrere Probleme: Die Volontäre haben keine Wahlfreiheit, was den Studiengang betrifft, und das Studium ist kostenpflichtig und findet mit großem Arbeitsaufwand zu einem wesentlichen Teil in der Freizeit statt. Zudem finde ich auch die Verknüpfung von Journalismus und Medienwirtschaft eher verdächtig. Wir sollten aber abwarten, bis die ersten Volontäre diese Ausbildung beendet haben.

Kombinationen mit Medienwirtschaft oder mit PR findet man inzwischen häufig. Früher wäre diese Vermischung tabu gewesen. Muss man solche Kombinationsstudiengänge als Anpassung an die Realität sehen?

Für mich sind sie ein Zeichen für Entprofessionalisierung im Journalismus; während sich andere Bereiche wie etwa die PR erheblich professionalisieren. Als Journalist muss ich zwar wissen, wie die PR tickt, wie ein Verlagsgeschäftsführer denkt, aber wenn ich schon im Studium lerne, betriebswirtschaftliches Denken oder PR mit Journalismus zu verknüpfen, dann weiß ich nicht, ob das dem Journalismus gut bekommt.

Das Angebot an Studiengängen, in denen Journalismus oder Medien auftauchen, ist ziemlich unübersichtlich geworden.

Im Moment scheint es so, dass alles etwas zerfasert. Die Hochschulen suchen im Wettbewerb miteinander nach Nischen, die sie in der bundesweiten Landschaft als exklusiv verkaufen können. Es gibt schon mehr als 120 journalismusaffine Studiengänge. Und da ist es für den Nachwuchs unheimlich schwierig, noch durchzublicken. Ich meine, wir sollten wieder mehr an die Fundamente der journalistischen Ausbildung denken. Wir müssen definieren: Was sollten Journalisten heute kennen und können, was sollten sie wissen und lernen, bevor sie sich für eine spezielle Richtung entscheiden.

Welchen Einfluss hat eigentlich Bologna, also die Umstellung auf Bachelor und Master?

Bologna hat das Studium verschult. Module und Credit Points bestimmen den Studienverlauf. Da muss man sich generell die Frage stellen, ob das mit den Ansprüchen vereinbar ist, die an Journalisten gestellt werden. Von denen ja Selbstständigkeit, Kreativität und Neugier erwartet wird. Ich weiß, dass die Dortmunder im Rahmen des Bologna-Prozesses große Schwierigkeiten hatten, mit ihrem Modell überhaupt eine Akkreditierung zu bekommen, weil das im Studium integrierte Volontariat mit den Modulen nicht kompatibel war. In Leipzig hat man sich daher im Rahmen von Bologna auf den Master umgestellt, während München jetzt nur noch den Bachelor anbietet. Bologna war für die grundständige Journalistenausbildung an den Hochschulen nach meinem Eindruck nicht zuträglich. Aber Bologna ist nicht die Ursache für die Zerfaserung der Hochschullandschaft.

Zurück zum Volontariat. Das stammt noch aus der Bleizeit, gilt aber nach wie vor als Königsweg in die Redaktionen.

Ich glaube, dass es nicht mehr die Veränderungen abbildet, die in der Medienlandschaft stattgefunden haben. Zudem sind die Volontäre heute anders vorgebildet als noch vor 20, 30 Jahren. Sie haben durchweg ein Studium angefangen oder abgeschlossen, bringen viel Erfahrung durch Praktika und freie Mitarbeit mit. Das wird in der bisherigen Form des Volontariats nicht berücksichtigt. Es setzt zwar noch mal zwei Jahre auf diese Vorbildung drauf, hat sich aber inhaltlich nicht wesentlich verändert.

Wie müsste man den Tarifvertrag für Volontäre modernisieren?

Der Tarifvertrag (PDF) definiert einige Ausbildungsinhalte und Ausbildungsstationen. Man müsste möglicherweise an die Ausbildungsstationen ran. Da steht etwas von Ressorts, aber in vielen Zeitungen gibt es keine Ressorts mehr. Dagegen war 1990 der Begriff Newsdesk unbekannt, ebenso der Begriff Crossmedialität. Das ließe sich ohne größeren Aufwand ändern. Aus meiner Sicht wäre es aber wesentlich wichtiger, zusammen mit den Medienunternehmen verbindliche Ausbildungspläne zu entwickeln. In unserem Musterausbildungsplan (PDF) steht ein Begriff wie Typometer. Das kennt doch heute kein Volontär mehr. Hier müsste man dringend auf die aktuelle Redaktionsarbeit umstellen. Aber das können die Gewerkschaften nicht allein, da müssen die Medienunternehmen mitmachen.

Müsste man das Volontariat auch stärker auf den Aspekt des medienübergreifenden Arbeitens fokussieren?

Das hatten wir schon 1990 gefordert, damals in Form von Hospitanzen in anderen Medien. Heute haben wir den Vorteil, dass die Medienhäuser selbst diese multimedialen Strukturen haben. Man kann das medienübergreifende Arbeiten also im Hause selbst trainieren. Diesen Aspekt muss man bei einer Reform berücksichtigen.

Das Volontariat hat lediglich einen überbetrieblichen Theorieanteil von sechs Wochen. Muss auch daran etwas geändert werden?

Diese überbetriebliche theoretische Phase ist sicherlich nicht ausreichend. Aber man muss bedenken, dass es Berufseinsteiger mit einschlägiger Vorbildung gibt. Es macht einen Unterschied, ob der Volontär ein Abiturient ist oder bereits einen Bachelor oder Master hat. Das derzeitige Volontariat nimmt auf diese Unterschiede keine Rücksicht. Deshalb meine ich: Es ist dringend notwendig, dass sich alle Beteiligten in Sachen Journalistenausbildung an einen Tisch setzen und nach Möglichkeiten suchen, wie man kooperieren und koordinieren kann.

Wenn man stärker auf die Vorbildung der Volontäre abhebt, dann müsste man sich auch die Hochschulabschlüsse noch mal genauer anschauen.

Richtig. Man müsste vor allem die Volontäre stärker einbeziehen. Die wissen ja meist um eigene Defizite – und um die Möglichkeiten, die sie von ihrer Vorbildung her mitbringen.

Mehr Individualisierung ist also gefragt.

Ja, aber das ist zugleich ein Problem. Wir müssen im Volontariat zu einer vernünftigen Abwägung zwischen Standardisierung und Individualisierung kommen. Wer bereits eine theoretische Vorbildung hat, braucht andere Lerninhalte als Volontäre, die bisher ausschließlich in der Praxis gearbeitet haben. Wir müssen darüber diskutieren. Aber dazu brauchen wir auch die Verleger.

Michael Haller, emeritierter Journalistik-Professor der Leipziger Uni, hat den Vorschlag gemacht, das Volontariat auf ein Jahr zu verkürzen und auf die Vermittlung von Kernkompetenzen zu beschränken. Das spezielle Wissen soll man sich später in einzelnen Modulen aneignen.

Ich finde es gut, dass neue Überlegungen in die Debatte eingebracht werden. Wie schon gesagt: Für mich ist es wichtig, dass sich Unternehmen, Hochschulen, Journalistenschulen an einen Tisch setzen und im Diskurs klären, an welcher Stelle sie kooperieren können. Und wie man die Journalistenausbildung insgesamt optimieren kann.

Welche Kompetenzen benötigen Berufseinsteiger, die auch in 30 Jahren noch im Journalismus arbeiten wollen?

Das ist ein Vierklang von journalistischer Fachkompetenz (also Recherche-, Rechts- und Medienkenntnisse), speziellem Sachwissen – egal ob Sport, Medizin, Jura oder Biologie –, von Vermittlungskompetenz, also Wissen um Stilformen, die Fähigkeit, sich verständlich auszudrücken, und von dem, was ich als ethische Kompetenz bezeichne: Haltung, Konfliktfähigkeit, verantwortungsvoller Umgang mit dem Publikum. Das ist die journalistische Basis, und das sind die Fundamente, auf denen auch künftig aufgebaut werden kann, egal ob man für Online, für Rundfunk oder für die Presse arbeitet. Wie die technische Entwicklung weitergeht, welche Rolle Social Media im Journalismus künftig spielen, wo und wie Journalismus praktiziert wird – all das können wir heute schwer abschätzen. Auf den journalistischen Fundamenten aber lässt sich in jedem Fall aufbauen.

Sie haben an der Aktualisierung des DJV-Memorandums zur journalistischen Aus- und Weiterbildung mitgearbeitet, das der Bundesvorstand nun beim Verbandstag zur Abstimmung stellt. Darin ist formuliert, dass die tradierte Form des Volontariats auf lange Sicht generell auf den Prüfstand gehört. Muss man das so verstehen, dass das Volontariat bald ausgedient hat?

Ausgedient hat das Volontariat nicht. Das würden die jungen Leute, bei aller Kritik, die sie am Volontariat äußern, auch nicht akzeptieren. Unser Interesse ist es, das Volontariat qualitativ zu verbessern. Parallel dazu läuft aber eine Diskussion, vor allem in wissenschaftlichen Kreisen, in der angesichts der wirtschaftlichen Krise in den Verlagen nach der langfristigen Finanzierung von Qualitätsjournalismus gefragt wird. Und in diesem Zusammenhang wird diskutiert, inwieweit Journalisten auch über öffentliche Fördermittel finanziert werden könnten und wer tendenziell solche öffentlichen Fördermittel bekommen könnte. Es geht also dabei auch um die Frage, wer eigentlich Journalist ist. Eine solche Definition wäre über die Ausbildung möglich. Und in dieser Debatte wird dann auch die Frage gestellt, ob die Volontariate, die ja zumindest im Pressebereich in privater Hand sind, noch eine adäquate Form der Ausbildung darstellen. Ich betone: Das ist nicht unsere Debatte. Aber wir als DJV müssen uns mit ihr auseinandersetzen.

Mehr zum Thema

Lesen Sie in der November-Ausgabe des journalists, was Journalisten heute noch können müssen und warum die Axel Springer Akademie angeblich Deutschlands modernste Journalistenausbildung bietet.

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