Umfrage

Bilder und ihre Folgen

Das französische Satireblatt Charlie Hebdo hat erneut Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Ein mutiges Statement für Pressefreiheit? Oder doch nur eine Provokation, gar schlichtes Profitdenken? Der journalist fragte drei Medienmacher.

"Verzicht auf Provokation"

Bild: NDR/Holde Schneider

Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell

Ich möchte in einer offenen Gesellschaft leben, in der die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen durch die Pressefreiheit gedeckt ist. Ich möchte aber nicht, dass diese Karikaturen zu einer Art Mutprobe werden, ob man sich als Journalist Pressefreiheit „traut“ oder sich selbst zensiert. Das Grundrecht erlaubt die logische Kette von "Pressefreiheit" über "Provokation" bis "Profit". Das ist der Weg von Charlie Hebdo. Für die Tagesschau folgen auf Pressefreiheit die Begriffe Relevanz und Verantwortung. Deshalb zeigen wir Teile der Karikaturen, verzichten dabei aber auf Abbildungen, die religiöse Gefühle verletzen können – verzichten also auf Provokationen und Pissflecke. Nicht weil wir uns zensieren, sondern weil wir täglich abwägen: Welches Bild muss ich für die journalistische Gesamtaussage einer Nachricht zeigen und welche Auswirkungen meiner Auswahl nehme ich in Kauf?

"Freiheit verteidigen"

Bild: Alexander von Spreti

Wolfram Weimer, Verleger und Herausgeber der Satirezeitschrift Pardon

Es gibt im islamischen Raum eine professionelle Empörungsindustrie. Re­ligiös-radikale Propagandisten suchen jeden Anlass, um ein Klima von Be­drohung, Gewalt und Angst zu verbreiten. Sie wollen Tabus erpressen und die Regeln der freien, westlichen Gesellschaften nach ihren Maßstäben neu definieren. Leider zeigt dieses Klima der gesteuerten Wut im Westen bereits Wirkung. Es gibt unter Karikaturisten, Satirikern und Journalisten seit den Mohammed-Zeichnungen aus Dänemark einen Trend zur Selbstzensur. Die Fundamentalisten haben damit einen Etappensieg errungen. Wir soll­ten uns daher gerade nicht in einen Kreislauf der Repression drängen las­sen, sondern die Freiheit der Kunst, der Literatur, der Debatte und auch der Satire unbedingt verteidigen. Alles andere wäre eine Anbiederung an reli­giösen Fundamentalismus.

"Ein inszenierter Skandal"

Bild: Jan Zappner

Wolfgang Büchner, dpa-Chefredakteur

Die Aufgabe der Deutschen Presse-Agentur ist es, zuverlässig über alle rele­vanten Ereignisse zu berichten. Wir erfüllen diese Aufgabe unparteiisch und unabhängig von Weltanschauungsgruppen, Wirtschafts- und Finanzinte­ressen sowie staatlichen oder politischen Einflüssen. Deshalb haben wir auch über die Kontroverse um das Mohammed-Video sowie die neuen Karika turen umfassend berichtet. Aufgabe der dpa ist es allerdings nicht, die PR-Aktion einer französischen Satirezeitschrift zu unterstützen. Wir haben uns daher im konkreten Fall gegen eine Weiterverbreitung der Kari­katuren entschieden. Denn es ist offenkundig, dass Charlie Hebdo hier einen Skandal inszeniert hat, um selbst möglichst große Beachtung zu finden. Es gab übrigens auch seitens unserer Kunden keinerlei Anfrage, ihnen Fotos mit den Karikaturen zur Verfügung zu stellen.

 

Die Oktober-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Der Journalisten-Mythos: Nichts als die Wahrheit. journalist-Autor Hans Hoff fordert: "Hört auf, so zu tun als ob!".

Jetzt Probeabo bestellen: Hier gibt es die kommenden drei Ausgaben zum Kennenlernpreis von 5 Euro.

Aktuelle Kommentare zu dieser Umfrage

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Ins Gästebuch eintragen

 (Wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz

Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
Viavision