Detail-Informationen

Autor

Anke Vehmeier

verfasst am

31.07.2011

im Heft

journalist 8/2011

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Umfrage

Mein schwierigster Moment

Welches Thema hat Sie zuletzt in einen Gewissenskonflikt gestürzt? Wie haben Sie sich entschieden? Wir haben fünf Journalisten nach ihren schwierigsten Momenten im Beruf gefragt.

Namen der Schule nennen?

Bild: Manuela Antosch

Sandra Baumberger,
Redakteurin Mindelheimer Zeitung

Wir stehen jeden Tag vor Gewissensentscheidungen: Inwieweit muss ich medienunerfahrene Gesprächspartner vor sich selbst schützen? Dient ein Detail der Information oder befriedige ich damit nur niedere Instinkte? Journalistische Sorgfalt heißt für mich, nicht nur auf korrekte Fakten zu achten, sondern auch auf diejenigen, über die ich berichte. Eine schwerwiegende Entscheidung mussten wir kürzlich fällen: Der Lehrer einer Mindelheimer Schule wurde in Untersuchungshaft genommen, weil er an seinem Erstwohnsitz ein Mädchen sexuell missbraucht haben soll.

Sollten wir nun in der Berichterstattung den Erstwohnsitz und den Namen der Schule erwähnen? Uns war bewusst, dass der Lehrer dadurch verhältnismäßig leicht zu identifizieren sein würde. Andererseits sollten die Eltern erfahren, dass ein Lehrer der Schule, die möglicherweise auch ihre Kinder besuchen, des sexuellen Missbrauchs verdächtigt wird. Zumal die Schule selbst die Eltern nicht informiert hatte. Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Aus Sicht der Schule war sie falsch, sie hat sich beim Presserat beschwert. Der teilte jedoch unsere Auffassung.

Im Strudel der Vorverurteilung

Bild: privat

Birgit Holzer,
Frankreich-Korrespondentin für deutsche Zeitungen

Am Ende steht die bange Frage: Habe ich mich mitreißen lassen im Strudel der Vorverurteilungen, in die Hyper-Berichterstattung eines zunächst so undurchsichtigen Falls? Eine Frage, die sich wohl viele Journalisten stellen, die über die Causa Strauss-Kahn berichtet haben – so wie ich auch, die ich als Frankreich-Korrespondentin vor allem die Reaktionen in seiner Heimat thematisierte.

Gerade nach der spektakulären Wende wurde mir klar, dass ich den Schwankungen der öffentlichen Meinung mit unterlegen war – trotz des Bemühens um Neutralität. Täglich nährten wir den medialen Zirkus, auf die (vermeintliche?) Begierde der Leser bauend. Ein Übereifer, der eben auch Falschmeldungen rasch weiterverbreitete auf Kosten der Betroffenen. Der Fall ist ein Lehrbeispiel dafür, wie eine gesunde Distanz, abwägende Rück- und Rücksichtsnahme zu kurz kommen – aus Zeitgründen, Druck durch die Konkurrenz, aus Voyeurismus. Die schnelle Reaktion geht vor, manchmal vor der Wahrheit – wenn sie je herauskommt.

 

Wann läuft ein Mensch Amok?

Bild: Martin Ritter

Christina Knorz,
Stellvertretende Redaktionsleiterin des Nordbayerischen Kuriers

Als er anrief, kam er aus einem Polizeiverhör. Beamte hatten sein Haus durchsucht und die Jagdwaffen konfisziert. "Vor Angst, dass ich Amok laufe – weil ich ein Buch geschrieben habe", erzählte er am Telefon. Die Maschinerie lief an. Schnell hatte ich Interview und Foto des Mannes. Und ein schlechtes Gefühl, das wuchs, je länger ich sein Buch las. Ein Alter Ego des Autors verfolgt und ermordet ehemalige Kollegen, die durch die Beschreibungen eindeutig zu identifizieren sind. Fiktion? Tatabsicht? Polizeiverhör, Krisensitzung, Amtsärzte, Widerruf der Waffenlizenz. Stoff für viele Geschichten und doch ließ ich die Finger davon. Warum?

Der verhinderte Autor in einem Hundertseelendorf lieferte sich mir schutzlos aus – samt Amtsarzteinschätzungen und Krankengeschichte. Desaströs. Er war nackt. Doch verstand er überhaupt nicht, was es für ihn und seine Familie bedeuten könnte, würde ich die Geschichte schreiben. Er wollte Publicity für sein selbst verlegtes Buch, wollte über Ungerechtigkeiten reden, die ihm im Job angetan worden seien. Meine Meinung: Wer nicht versteht, wie Medien funktionieren, muss geschützt werden.

Plötzlich war die Katastrophe da

Bild: WDR/Dieter Jacobi

Stefan Brandenburg,
Redaktionsleiter Aktuelle Stunde und WDR aktuell im WDR Fernsehen

Für viele von uns war es der schwerste Moment ihres Journalistenlebens: die Loveparade. Aus der bunten Live-Übertragung umschalten auf Katastrophen-Berichterstattung. Reporter und Moderatoren müssen herausfinden, was geschehen ist, während sie gleichzeitig auf Sendung sind, stundenlang. Während ihnen Menschen zusehen, die ihre Kinder vermissen. Wenn sich journalistische Standards bewähren müssen, dann jetzt. Bilder, Handyvideos, Augenzeugenberichte laufen ein. Der Zeitdruck ist maximal. Was zeigen wir? Und was nicht? Grenzüberschreitungen sind schnell passiert. Heute kann ich unsere Sendungen von damals ansehen, ohne mich zu schämen. Die Redaktion funktionierte intuitiv. Nach Regeln, die auch an den 364 anderen Tagen gelten.

Die Aktuelle Stunde ist eine öffentlich-rechtliche Veranstaltung – uns gibt es, weil Information keine Ware ist. Unser Maßstab ist: Wir wollen denen, über die wir berichtet haben, in die Augen sehen können.

Ich habe nachgegeben

Bild: Hans-Joachim Winckler

Gabi Pfeiffer,
Freie Journalistin

Die Zeit war reif, das Thema heikel. Als das Gesetz zur "Eingetragenen Lebenspartnerschaft" im Werden war, wollte ich wissen: Wie leben Schwule und Lesben in Nürnberg? Heutzutage ist das kein Aufreger mehr, im Jahr 2000 bedeutete das ein öffentliches Outing. Zwei Männer und zwei Frauen erzählten ihre Lebensgeschichte. Die Namensnennung hatte ich freigestellt – aber darauf gedrungen, wirkliche Namen zu drucken. Es kam anders als gedacht: Der Lehrer, der so wahrhaftig über seinen Weg vom Familienvater zum bekennenden Schwulen berichtet hatte, befürchtete berufliche Nachteile und wählte ein Alias. Die Pfarrerin, die sich aus der unproblematischen Position in der Fortbildung auf eine Pfarrstelle auf dem Land beworben hatte, dagegen stand mit ihrem Namen ein.

Kürzlich habe ich eine Geschichte über das Wohnen am Fluss geschrieben. Komplett harmlos. Und doch bat die Studentin aus dem Hochhaus, ihren Namen und das Stockwerk wegzulassen. Ich habe, wenn auch widerstrebend, nachgegeben: Weiß ich denn, ob ein Stalker sie verfolgt? Ob sie ihre Vergangenheit abstreifen will oder einfach keine Lust auf nächtliches Klopfen an der Tür hat?

Lesen Sie am Dienstag, was SZ-Rechercheur Hans Leyendecker im journalist-Interview zum Thema Moral zu sagen hat.

Aktuelle Kommentare zu dieser Umfrage

01.08.2011 10:30

Andreas Küstermann

Mein schwierigster Moment war die Entscheidung, das Schreiben und Fotografieren für Printmedien wegen der seit 2001 drastisch gesunkenen Honorare aufzugeben. Das besorgt nun ein gut versorgter Pensionär in der Region zum Dumpingpreis, und die Profis schreiben es auf Format. Immerhin hat der frühere Polizist mal Protokoll schreiben gelernt und fotografiert kostengünstig digital.

 
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