Detail-Informationen

Autor

Svenja Siegert

verfasst am

18.04.2013

im Heft

journalist 4/2013

facebooktwitterdel.icio.usMister Wongdigg.comaddthis.comMa.gnolia

Link zum Thema

  • Mehr Infos zu den ausgehandelten Bildhonoraren gibt es auf der Website des Deutschen Journalisten-Verbands weiter

Mehr zum Thema auf journalist.de

  • 5. März 2013: "Das ist mehr als üblich", Interview mit DJV-Justiziar Benno Pöppelmann weiter

Bildhonorare

Reicht das?

Nach neun Jahren Verhandlungen haben sich Gewerkschaften und Tageszeitungsverlage auf verbindliche Honorare für freie Fotojournalisten geeinigt. Der journalist hat sich umgehört: Was denken die freien Fotografen über die ausgehandelten Honorarsätze?

19,50 Euro. So viel sollen freie Bildjournalisten künftig bekommen, wenn sie einer Tageszeitung ein Foto verkaufen. Und zwar mindestens – und auch nur, wenn das Foto kleiner als eine Spalte ist und die Auflage der Zeitung die 10.000-Marke nicht sprengt. Ansonsten kann es bis zu 75,50 Euro geben – je nachdem, wie groß das Foto und wie hoch die Auflage der Zeitung ist. Das sehen die jüngst ausgehandelten sogenannten gemeinsamen Vergütungsregeln vor.

Das Urheberrecht verlangt, dass Journalisten angemessen bezahlt werden müssen. Die Vergütungsregeln schreiben fest, was angemessen in Zahlen bedeutet. Am Montag, den 22. April, entscheidet der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) in seiner Gesamtvorstandssitzung, ob er mit dem Ergebnis leben kann, das Vertreter der Gewerkschaften und des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger zusammen mit einem Schlichter ausgehandelt haben. Der DJV selbst ist mit dem Ergebnis nicht wirklich zufrieden, stuft es aber als realistisch ein.

Die Reaktionen unter den Bildjournalisten sind gemischt. Viele kritisieren, dass Honorare zementiert werden, die deutlich unter dem liegen, was der Tarifvertrag für arbeitnehmerähnliche Freie vorsieht oder die Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing empfiehlt. Das sei alles andere als angemessen. Andere wiederum wissen, dass lokale Tageszeitungen derzeit deutlich weniger als 19,50 Euro für ein Foto bezahlen. Insofern könnten zahlreiche Bildjournalisten profitieren. Aber auch sie bezweifeln, dass die Verlage tatsächlich nach den neuen Sätzen zahlen werden.

Was also tun? Den Schlichterspruch annehmen oder nicht?

Update 22. April 2013: Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und die Deutsche Journalistinnen und Journalisten-Union (dju) in ver.di legen keinen Widerspruch gegen das Schlichtungsergebnis zu den Gemeinsamen Vergütungsregeln für Zeitungsfotos ein.

"Einfach einfordern?"

Bild: privat

Ganz schön viel, habe ich gedacht, als ich zum ersten Mal von den ausgehandelten Bildhonoraren gehört habe. Klar wären solche Preise gerade für uns Journalisten im Lokalen wünschenswert. Ich glaube aber nicht daran, dass sie sich durchsetzen lassen. Denn das Budget für uns Freie bei den Tageszeitungen wird in den Verlagen deshalb nicht automatisch größer. Was sollen wir also tun? Die Preise einfach einfordern? Dann macht den Job jemand anders.

Robert Tiesler arbeitet als freier Tageszeitungsjournalist in Brandenburg; er schreibt Texte und fotografiert.

"Mehr war nicht drin"

Bild: Anja Cord

Ich bin überzeugt, dass die ausgehandelten Bildhonorare das Maximum sind, was wir herausholen konnten. Jetzt stellt sich für den DJV die Frage: ablehnen oder nicht? Pest oder Cholera?

Lehnen wir die Vergütungsregeln ab, wird das fortgesetzt, was schon in den vergangenen Jahren passiert ist. Die Verlage werden weiter auf Kosten der freien Journalisten sparen. Gestern 50 Euro für ein Bild, heute 30, morgen 15 Euro. Denn seien wir mal ehrlich: Für ein Standardfoto zahlt der überwiegende Teil der Zeitungen – gerade im Lokalen – katastrophal. Sätze, wie sie die Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing empfiehlt, sind im Tageszeitungsgeschäft utopisch – die absolute Ausnahme.

Nehmen wir die ausgehandelten Honorarsätze an, geben wir uns mit diesen Honoraren am Minimum zufrieden. Sie sind sicher nicht unsere Wunschliste, aber wir haben eben auch endlich ein Werkzeug, mit dem wir arbeiten können. Einen Mindeststandard, den wir festgelegt haben. Fotos für 10 Euro oder weniger wird jedes Gericht in Deutschland als unangemessen verurteilen.

Wenn sich die Tageszeitungsverlage an die Vergütungsregeln halten, können 90 Prozent der Fotografen profitieren, teilweise mit dreimal höheren Sätzen. Selbst Verlage wie die Süddeutsche Zeitung müssten für den Großteil ihrer Fotos mehr bezahlen. Bislang gibt es 63 Euro pro Bild, künftig kann man bis zu 75,50 Euro bekommen – wohlgemerkt für ein Standardfoto. Für Spezialaufträge und exklusive Bilder wird es auch weiterhin mehr geben, je nach Verhandlungsgeschick.

Thomas Schumann ist seit 1979 freier Bildjournalist in München; sein Fachgebiet: Kunst, Kultur, Konzerte. Schumann saß als Beisitzer für den DJV in der Schlichtungskommission, die die Vergütungsregeln ausgehandelt hat.

"Die Verlage sollten umdenken"

Bild: Ben Gierig


Anfang der 90er Jahre hatte ich meinen Traumberuf gefunden. Spannende Geschichten, angenehme Kollegen, faire Honorare. Damals hatte ich viel Spaß und habe auch gutes Geld verdient – und zwar fast ausschließlich mit den vier in Dresden ansässigen Tageszeitungen.

Von diesen Zeiten kann man heute nur noch träumen. Gerade haben die Dresdner Neuesten Nachrichten ohne Ankündigung das Bildhonorar von 25 auf 20 Euro gekürzt. Die Sächsische Zeitung zahlt bei zehnfacher Auflage nur unwesentlich mehr. Dort wären zumindest die Honorare der Vergütungsregeln angebracht. Die Schlichterhonorare sollten sich dennoch am Tarifvertrag orientieren.

Momentan erziele ich mit den Tageszeitungen vielleicht noch ein Drittel meines Umsatzes. Das meiste davon läuft über meine Bilddatenbank für Sportfotos. Darüber hinaus versuche ich, mit eigenen Produkten wie dem Dynamo Wochenkalender neue Kunden zu finden.
Bei den lokalen Tageszeitungen läuft derzeit vieles falsch. Neben einer angemessenen Honorierung fehlen mir hier zusehends der Respekt und die Wertschätzung für die Arbeit der Urheber. Daran können die Vergütungsregeln wohl wenig ändern.

Meiner Meinung nach sollten die Verleger selbst umdenken. Solange sie weiter nur ans Sparen denken, statt endlich mit Tempo und Kreativität neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, werden Budgetkürzungen auch uns Fotografen weiterhin treffen. Erst wenn intelligent gemachte Lokalzeitungen für Print und Web wieder Lust am Lesen machen, werden auch die Erlöse wieder stimmen.

Ich werde weiterhin mein Bildarchiv pflegen und die Fotos auch den Zeitungen anbieten. Termine kann ich für die schlecht zahlenden Redaktionen aber nicht mehr wahrnehmen. Das wäre wirtschaftlich einfach unsinnig.

Frank Dehlis arbeitet seit den 90er Jahren als Bildjournalist in Dresden; für Tageszeitungen fotografiert er vor allem im Bereich Sport.

"Fotojournalismus wird zu einem Hobby"

Bild: Julia Grohmann

Ob eine neunjährige Verhandlungsdauer angesichts der raschen Veränderungen im Verlagswesen überhaupt zu einem Erfolg führen kann, sei dahingestellt.

Ein Erfolg wäre es, wenn professionelle Fotojournalisten von ihrem Beruf leben könnten. Ich kann das nicht: Meine Rechnungen bezahle ich mit den Honoraren aus kommerziellen Aufträgen. Mit zwei Kindern kann ich mir Fotojournalismus immer seltener leisten. Diese Entwicklung sehe ich ebenso bei vielen Kollegen: Der Fotojournalismus wird zu einem Hobby degradiert, dessen Ausübung Luxus ist.

Für Fotografen im Niedriglohnbereich mögen die einzelnen Honorar-Erhöhungen vorteilhaft sein – vorausgesetzt, sie werden umgesetzt. Große Verlage treiben freie Stammfotografen allerdings in Pauschalistenverträge: Für knapp 200 Euro am Tag werden damit alle Rechte an den Bildern abgegeben. Der Fotograf aber muss die komplette Ausrüstung stellen, hat keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, trägt alle Sozialleistungen selbst und wird durch Dienstplan und Arbeitspensum quasi in die Scheinselbstständigkeit gezwungen. Für diese Kollegen greift das Verhandlungsergebnis ohnehin nicht.

Johannes Arlt ist freier Fotograf und Fotojournalist in Hamburg.

"Ein Wolkenkuckucksheim"

Bild: Chris Bauer

Der DJV hofft, dass die bisherige Untergrenze von 5 bis 15 Euro für ein Foto jetzt auf mindestens 19,50 Euro angehoben wird. Träumereien. Die Erfahrung zeigt: Auch die vom DJV ausgehandelten Mindestzeilenhonorare für Texte werden nicht eingehalten, gerade bei den Publikationen, die auch für Fotos weniger als 20 Euro bezahlen. Viele Tageszeitungen zahlen nach wie vor weniger als die Hälfte des Zeilenhonorars, das die Vergütungsregeln als Minimum vorsehen. Wer aufmuckt, wird arbeitslos.

Das ist die Realität in der Region, nicht das Wolkenkuckucksheim, das sich unsere Funktionäre vorstellen.

Der Grund für dieses katastrophale Ergebnis: handwerkliche Fehler im Vorfeld der Verhandlungen. Der DJV hat in einer Bestandsaufnahme ermittelt, wie viel Honorar freie Fotografen für Fotoaufnahmen in Tageszeitungen bekommen. Trotz Warnungen erfahrener Kollegen wurde eine Bestandsaufnahme von Bildhonoraren erstellt, in die unseriöse und – wie ich finde – nur durch Erpressung der Fotografen mögliche Niedrigst-Bildhonorare einflossen. Die entstandene Honorarliste spiegelt eine Szene wider, die durch echte Existenzangst von Regionalfotografen entstehen konnte. Erpresste Bildhonorare von wehrlosen Kollegen oder Nebenerwerbsfotografen bilden die Entscheidungsgrundlage für die gemeinsamen Vergütungsregeln.

Fazit: Dieser Schlichterspruch kennt auf Fotografenseite nur Verlierer.

Wolfgang Hörnlein arbeitet als Bildjournalist mit den Schwerpunkten Politik und Wirtschaft; er betreibt in der Nähe von Darmstadt mit seiner Frau die Presseagentur pdh.

"Das löst unser Problem nicht"

Bild: privat

Das Problem: Der Markt wird nicht als Ganzes betrachtet. Was nützen diese Regeln, wenn sich zum Beispiel die Bildagenturen nicht daran halten werden, Pauschalpreise üblich sind und Mehrfachnutzung der Standard. Zudem verschiebt sich seit Jahren der Schwerpunkt immer mehr in Richtung Onlinepublikationen – und genau hierfür soll es nichts extra geben?

Bilder landen hochaufgelöst im Netz, alle möglichen Netzwerke fordern dazu auf, diese zu teilen. Unsere Bilder werden dort wie auch in Foren und Blogs über lange Zeiträume genutzt. Der Fotojournalist hat davon nichts. Die Honorartabelle löst unser Problem nicht. Das Problem müsste vielmehr an der Wurzel gepackt werden.

Natalie Nollert ist freie Fotojournalistin in Heidelberg.

Die Tabelle mit den ausgehandelten Honoraren finden Sie auf journalist.de und auf der Website des DJV.

 

Die April-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Und jetzt? Plötzlich stehen Hunderte Journalisten auf der Straße. Wie sieht der Arbeitsmarkt für sie aus?

Jetzt Probeabo bestellen: Hier gibt es die kommenden drei Ausgaben zum Kennenlernpreis von 5 Euro.

Aktuelle Kommentare zu dieser Umfrage

08.05.2013 21:00

Mario Moschel

Johannes Arlts Aussagen ist nichts hinzuzufügen. Warum um alles in der Welt hat der DJV diesem teuflischen Zahlenwerk überhaupt zugestimmt? Nur um nach neun zähen Verhandlungsjahren nicht das Gesicht zu verlieren? Dies wird den beteiligten Personen noch auf die Füße fallen.

 
Anzeige: 1 - 1 von 1.
 
Viavision
Viavision