In eigener Sache

Detail-Informationen

Autor

Jana Gioia Baurmann

Fotos: Jan Zappner

verfasst am

13.11.2013

im Heft

journalist 11/2013

Mit seiner Onlineplattform Weeklys will Jasper Fabian Wenzel das Tempo aus journalistischen Texten nehmen. (Bild: Jan Zappner)

Weeklys

Langsamer, bitte!

Der Journalist Jasper Fabian Wenzel ließ sich an der Axel-Springer-Akademie ausbilden – obwohl er von dem Verlag wenig hält. Jetzt startet er zusammen mit Henrik Schütt eine Onlineplattform für schöne, lange Texte – obwohl er keine Ahnung hat, ob es klappen wird.

Wenn Jasper Fabian Wenzel zu Hause auf dem Sofa sitzt und geradeaus schaut, blickt er direkt in das Gesicht von Mathias Döpfner. Das Schwarz-Weiß-Foto gehört zu einem Interview aus der Süddeutschen Zeitung und ist mit Eine gewisse Coolness ist hilfreich überschrieben. Wenzel hat es sich ausgeschnitten, "Döpfner ist so etwas wie mein Antiheld", sagt er. Dieses Anti stößt Wenzel ab, es treibt ihn an.

Döpfner ist der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG. Er ist derjenige, der das Medienunternehmen internetkompatibel machen will, indem er die Redaktionen ausdünnt. Derjenige, der den Mitarbeitern in einer E-Mail schrieb, dass "die Axel Springer AG den eingeschlagenen Weg zum führenden digitalen Medienunternehmen konsequent weitergehen" werde. Der Rest ist bekannt, Springer hat seine Regionalzeitungen und jede Menge Zeitschriften verkauft (siehe journalist 9/2013).

Jasper Fabian Wenzel ist 27, an der Axel-Springer-Akademie ließ er sich zum Journalisten ausbilden. Ende 2012 beendete er die "Hölle Springer", wie er sie nennt. Das Unternehmen Springer will den schnellen Journalismus noch schneller machen und verschiebt sein Kerngeschäft mehr und mehr, hin zum Onlinehandel und weg vom Journalismus. Wenzel will genau das Gegenteil: lange, gut recherchierte Reportagen, Porträts, Essays – und eine angemessene Bezahlung für die Autoren. Weeklys heißt das Projekt, für den Start haben er und sein Kompagnon Henrik Schütt, 27 Jahre, Geld über die Crowdfunding-Plattform Krautreporter gesammelt.

Gegen schlechte Texte

Berlin-Prenzlauer Berg, ein Donnerstag im Oktober, die Huffington Post ist gerade in Deutschland gestartet. "Ein guter Tag, um über Qualitätsjournalismus zu sprechen", findet Wenzel. Denn die meisten Reaktionen auf den Start der Huffington Post, sagt er, "zeigen die Unlust auf noch mehr Hässlichkeit und schlechte Texte". Wenzel spricht etwas gekünstelt, was vielleicht daran liegt, dass er sich im Feuilleton sieht. Am Tag zuvor war er noch in Frankfurt, auf der Buchmesse, um mit ein paar Leuten über seine Weeklys-Idee zu reden. Und natürlich auch wegen der Bücher. "Schreiben habe ich gelernt, als ich anfing, mich gegen schlechte Texte zu wehren", sagt er.

Wenzel wuchs in Flensburg auf, als Minderheitendäne; mit 15 schrieb er seinen ersten Artikel für die Schülerzeitung. Nach dem Abitur studierte er Literatur- und Theaterwissenschaften und arbeitete als Lokalreporter für Flensborg Avis, eine dänisch-deutsche Tageszeitung. Dann bewarb er sich bei der Springer-Akademie. So ganz klar wird im Gespräch nicht, weshalb er ausgerechnet dorthin wollte, schließlich stand Springer noch nie für gut abgehangene Reportagen, und die Feuilletons anderer Zeitungen gelten als weitaus besser. "Der Gedanke war: Indem ich mich dem Antipoden nähere, entwickelt sich etwas", sagt Wenzel.

Berlin, Prenzlauer Berg – Hier bastelt Jasper Fabian Wenzel an Weeklys.

Das Feuilleton der Welt hält Wenzel für das schwächste von allen; die Kulturseiten waren für ihn trotzdem der spannendste Arbeitsraum im Verlag, "der einzige Ort der Zeitung, wo das Duell, das Streiten über Texte und Themen mitunter noch erwünscht war". Springer hat ihn enttäuscht, das spürt man. Doch diese Enttäuschung nutzt ihm auch. Wütend auf Springer zu sein, ist im Moment wieder mal ziemlich angesagt.

Weeklys ist keine neue Idee. 60pages.com zum Beispiel funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip. Porträts, Essays und Reportagen, wie Alexanderplatz von Spiegel-Autor Georg Diez etwa, nonfiktional, 60 Minuten Lesezeit – für 2,99 Euro kann man sich die in den Einkaufskorb klicken. "Autoren wie Diez könnten wir nicht bezahlen", sagt Wenzel. "Wir wollen den Nachwuchscharakter unterstreichen und sprechen gezielt talentierte Leute an, deren Texte uns gefallen haben." Jeden Tag diskutieren die beiden über Texte, die ihnen aufgefallen sind, via Skype, da Schütt in Kopenhagen lebt. Autoren, Fotografen, Videojournalisten oder Programmierer können ihre Ideen vorstellen. Welches Thema umgesetzt wird, entscheiden Wenzel und Schütt. Auf Weeklys wird dann wöchentlich ein Produkt publiziert, daher auch der Name, wenn auch mit einem s zu viel.

Auf Deutsch oder Englisch

Wie auch bei 60pages.com sollen die Texte auf weeklys.eu auf Deutsch oder Englisch erscheinen. "Ich glaube, dass man das den Lesern heutzutage zumuten kann, ohne permanent betonen zu müssen, es handele sich hierbei um etwas Zweisprachiges", sagt Wenzel.

Auf der Weeklys-Seite waren bisher zwei Texte zu lesen: ein Interview mit Ron Jeremy, 60-jährig, einst erfolgreicher Pornodarsteller in den USA, ein Gespräch über die Krise der Pornoindustrie. Erste Frage: How is the porn business doing, Mr. Jeremy? Der andere Text ist eine Reportage von Wenzel. Immer noch Sturm erzählt von Fußballer Mike Drechsel, der ein zweiter Michael Ballack hätte werden können, der aber im Harz blieb und heute in der Kreisliga spielt. Aus drei Treffen mit dem Fußballer wurden fünf Zeitungsseiten: eine Titelgeschichte in der Welt am Sonntag. "Das war meine beste Erfahrung während der gesamten Springer-Zeit", sagt Wenzel heute. Auch das Interview ist bereits in Welt kompakt und auf Welt Online erschienen, für weeklys.eu hat Wenzel es übersetzt und überarbeitet. "Uns ging es darum, zu zeigen, dass wir diese Geschichten durch ein wenig Akribie am Text noch deutlich verbessern können."

Bei Springer werde nicht über Texte gesprochen, Edelfeder sei dort mehr ein Schimpfwort, das nicht zu einer managerhaften Vorstellung von Redaktionsarbeit passe, sagt Wenzel. "Da heißt es eher: Schreib' mal 500 Zeilen, Abgabe in vier Stunden!" Wenzel glaubt an die Entschleunigung. "Journalismus in Langform" ist der Slogan von Weeklys.

99 Cent pro Geschichte

Guter Journalismus braucht Zeit, so viel steht fest. Nikolaus Brender, einst ZDF-Chefredakteur, forderte jüngst in einem Essay, den Turbojournalismus zu stoppen. "Schnelle Berichte fürchten Politiker, Unternehmen, Verbände und auch Gewerkschaften mangels Substanz schon lange nicht mehr", schreibt Brender. "Gefahr im Verzug kommt für sie aber dann auf, wenn sich ein Journalist Zeit nimmt." Doch Zeit ist Geld. Und davon haben die Verlage nicht mehr so viel.

Jasper Fabian Wenzel und Henrik Schütt wollen den Autoren einen Grundbetrag zahlen, "so um die 300 Euro", den Rest steuert die Community bei. Die wöchentlichen Geschichten werden im Einzelverkauf 99 Cent kosten, davon erhält der Autor 50 Prozent. Wenzel und Schütt bleiben, nach Abzug der Gebühren fürs Bezahlsystem, 40 Prozent, die sie wieder in Honorare investieren wollen. Das ist der Plan. Einige Inhalte soll es auch kostenlos geben.

Wie sich online mit Journalismus Geld verdienen lässt, weiß niemand genau. Einige installieren Paywalls, die meisten stellen Unmengen von Bildergalerien und Videos online, die Klickzahlen und Werbeeinnahmen nach oben treiben sollen. Wenzel glaubt, dass Texte auch alleine funktionieren, ohne Anhängsel wie animierter Slideshow oder Video. Nach Onlinejournalismus klingt das nicht. Ein guter Text bringe doch alles schon mit, die Bilder, die Bewegung, sagt er. "Nur so kann man Autoren zu Marken aufbauen." Springer und andere Verlage hätten online verspielt, so Wenzel. "Jetzt sind die Ästheten und Idealisten dran, alle, die noch etwas vorhaben, einen besseren Journalismus machen wollen, die nicht dominiert werden von Profitgedanken und Karriere." Wenzel meint Menschen wie sich selbst.

"Der Fight nach vorn ist offen" – Der Satz fiel während der Ideenfindung.

Vor dem Schreibtisch mit Döpfner hat Jasper Fabian Wenzel an diesem Tag ein neues Video für die Krautreporter-Seite gedreht. Alles hat er ins Bild gerückt. Die Blumen, die neben dem Döpfner-Interview stehen, hat er extra für die Kamera gekauft, es soll ein bisschen wohnlicher aussehen. Die Plüsch-Schildkröte vor dem Regal, als Sinnbild für Langsamkeit. Gegenüber, auf dem Sofa, dem Döpfner-Ausguck, saßen Wenzel und Schütt im April dieses Jahres, als ihnen die Idee zu Weeklys kam. "Die meisten in unserem Bekanntenkreis, darunter logischerweise viele Journalisten, waren von dem Konzept sofort begeistert und hatten Lust mitzumachen", sagt er. "Das gab uns Rückenwind." Als Springer drei Monate später bekanntgab, seine Regionalzeitungen und Zeitschriften wie Hörzu an die Funke-Gruppe verkaufen zu wollen, wurde dieser Rückenwind noch ein bisschen stärker. An der Wand neben dem Schreibtisch hängt ein Zettel: "Der Fight nach vorn ist offen", steht da drauf. Der Satz fiel während der Ideenfindung, inzwischen ist er zum Anfeuerungsruf geworden.

Und was kommt herum?

Die 3.000 Euro, die Wenzel und Schütt über Krautreporter gesammelt haben, sollen das Startkapital sein. Fünf bis sechs Geschichten lassen sich davon vorfinanzieren, über die Community kommt dann – hoffentlich – neues Geld rein. Auch eine Kooperation mit Verlagen wäre denkbar, allerdings wollen sich Wenzel und Schütt nicht reinreden lassen. Sie selbst wollen mit weeklys.eu kein Geld verdienen, sondern nur eine Plattform etablieren, manchmal auch selbst Reportagen recherchieren und aufschreiben. Zurzeit kommt Wenzel nicht dazu; für das Projekt muss er sich mit der Technik auseinandersetzen, das braucht Zeit.

Bleibt die Frage, welche Themen Weeklys abdecken wird. Dass guter Journalismus Zeit braucht, okay, aber Zeit wofür? Um verglühte Pornosterne zu porträtieren? Es soll keine festen Themen geben, alles sei möglich, einzige Voraussetzung: Idee und Text müssen überzeugen. Wahrscheinlich ist, dass es vor allem Themen aus Gesellschaft und Kultur werden, schließlich kommen Wenzel und Schütt beide aus der Feuilletonecke. Aber vielleicht sollte man die Idee nicht niederschreiben, sondern erleichtert sein, dass junge Journalisten daran glauben, auch in Zukunft mit Schreiben ihr Geld verdienen zu können. Weeklys ein bisschen Zeit zu geben, ist also das Mindeste, das man tun kann.

Die Autorin

Jana Gioia Baurmann arbeitet als freie Journalistin. Sie lebt in Hamburg und Berlin.

Die November-Ausgabe des journalists ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Titelthema: Nestbeschmutzer vor! Über den schwierigen Umgang von Medien mit ihrer eigenen Geschichte

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