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Autor

Lukas Heinser

verfasst am

05.05.2011

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Die Grand-Prix-Überdosis: Dirk Elbers übergibt NDR-Intendant Lutz Marmor einen wenig glamourösen Bartschlüssel.

Eurovision Song Contest

Wie die Satelliten

Auch in diesem Jahr berichten Lukas Heinser und Stefan Niggemeier wieder vom Eurovision Song Contest. Duslog statt Oslog nennen sie ihr unkonventionelles Videotagebuch. Warum es ihm vor der Berichterstattung rund um Lena Meyer-Landrut graut, hat Lukas Heinser für den journalist aufgeschrieben.

Da stehen sie jetzt. Zwanzig, dreißig Fotografen und Kameraleute, in der Hoffnung, das Aufmacherfoto für ihre morgige Grand-Prix-Berichterstattung zu bekommen. Vor ihren Objektiven halten Dirk Elbers, Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, und Lutz Marmor, Intendant des Norddeutschen Rundfunks, gemeinsam einen riesigen silbernen Bartschlüssel in den Händen – nicht gerade das glamouröseste Motiv, aber was will man machen. Lena Meyer-Landrut ist nicht da an diesem Vormittag, an dem die Stadt die Arena offiziell an den NDR übergibt, damit der aus dem Fußballstadion innerhalb der nächsten zwei, drei Wochen ein Fernsehstudio für die größte Show des europäischen Fernsehens zaubern kann.

Selbst wenn man voraussetzt, dass der Eurovision Song Contest (ESC) irgendeine nachrichtliche Relevanz hat – und das tue ich natürlich schon aus reinem Selbstinteresse –, fällt es schwer, diesen Pressetermin Anfang April in der Düsseldorfer Esprit-Arena, die während der nächsten Wochen offiziell nur "Arena" genannt werden darf, ernst zu nehmen. Da stehen Lokaljournalisten, Regionalreporter und natürlich das NDR-eigene Kamerateam auf dem Balkon der VIP-Loge und gucken in ein Rund, in dem Arbeiter, die von hier oben wie Lego-Männchen aussehen, damit beschäftigt sind, Aluminiumtraversen zu verschrauben und unter die Decke zu ziehen. Später kriegen wir das Treppenhaus gezeigt, durch das die Künstler – "auch Lena" – später vor ihrem Auftritt gehen werden. "Da kommen Sie später nicht mehr hin!", verkündet NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber. Und obwohl es ganz beeindruckend ist, in einer solch kleinen Gruppe durch ein leeres Stadion zu spazieren, fragt man sich doch irgendwann: "So what?"

Die Veranstalter, der NDR und die Produktionsfirma Brainpool haben zu diesem Termin geladen, um die "heiße Phase des ESC" einzuläuten. Die Berichterstattung, die sich außerhalb von Düsseldorf – eine Stadt, der schon in normalen Jahren ein Selbstbewusstseinsinfarkt droht – bisher primär auf Lena konzentriert hat, soll sich jetzt endlich auch den anderen Teilnehmern und dem ganzen Drumherum widmen, wünscht sich Thomas Schreiber. Die anwesenden Journalisten kriegen deshalb eine Pressemitteilung mit beeindruckenden Zahlen in die Hand gedrückt: 13 Meter Bühnendurchmesser, 35 Kilometer Starkstromkabel, mehr als 1.000 Quadratmeter LED-Wand – da können sie morgen schon mal schön drüber schreiben.

Die Redakteure der Rheinischen Post, die sich sicher sind, den Grand Prix eigenhändig nach Düsseldorf geholt zu haben, vermelden sowieso schon seit Monaten aufgeregt jedes noch so kleine Detail zum Großereignis – mit jener irritierenden Ernsthaftigkeit, die nur Lokalmedien an den Tag legen können. Als im Januar Vertreter der Stadt Oslo die "ESC-Insignien" an die Stadt Düsseldorf überreichten (ein Teil des ESC-Veranstaltungskalenders, der nur stattfindet, wenn die Gastgeberstadt aus Prestigegründen darauf besteht), liefen die Lokalpolitiker mit stolz geschwellter Brust und dorthinein gerammten Stadtwappen-Anstecknadeln im Apollo-Theater auf. Sie bestätigten den wenigen überregionalen Journalisten jedes Klischee, das sie je über Düsseldorf gehört hatten.

Wenigstens dürften sich die Berichte über die bisher unbekannte Begeisterungsfähigkeit der Deutschen und ihr "herrlich unverkrampftes" Verhältnis zur Nation fünf Jahre nach der erfolgreich absolvierten Fußball-WM in Grenzen halten. Über irgendwas muss man natürlich trotzdem berichten und zwar täglich und viel – was einige Medien vor erhebliche Schwierigkeiten stellen dürfte. Das Phänomen Lena war ja bereits im vergangenen Jahr zur Genüge von allen Seiten betrachtet, bewertet und erklärt worden. Jetzt stehen die Journalisten dieser jungen Dame, die nichts Privates preisgibt, erneut gegenüber und haben keine Idee mehr, was sie schreiben könnten, weswegen sie Lena jetzt einfach doof, nervig und durch finden. Keine guten Voraussetzungen für rund zwei Wochen Hochfrequenzberichterstattung unter Boulevardjournalisten, die sich gegenseitig auf den Füßen rumstehen.

Der totale Overkill

Doch auch wenn Lena wieder am Start ist: In Düsseldorf wird ungefähr alles anders als in Oslo. Das fängt für mich persönlich mit der Anreise an (die 40 Minuten im Regionalexpress von Bochum waren vergangenenes Jahr der Beginn der Reise, nicht die Reise selbst), geht bei den Bierpreisen weiter (falls die Kneipen nicht 150-Prozent-ESC-Aufschlag nehmen) und endet noch nicht bei den Presseakkreditierungen, deren Kontingent erstmalig in der ESC-Geschichte begrenzt wurde. Mehr als 2.500 Leute würden die Kapazität des Pressezentrums sprengen. Während man in Norwegen – von der umfangreichen Beflaggung und Straßenbahn-Beklebung mal abgesehen – kaum hätte ahnen können, dass der europäische Musikzirkus vor den Toren der Stadt gastiert, steht zu befürchten, dass wir in Düsseldorf den totalen Overkill erleben werden. Bäcker werden ESC-Gebäck anbieten (und wenn es nur mit Landesfähnchen dekorierte Berliner sind), eine peinliche Hymne auf die Stadt gibt es schon, und das seit fünf Jahren "Public Viewing" genannte gemeinschaftliche Fernsehen auf Plätzen und in Kneipen ist offiziell vom NDR lizenziert.

Für zwei Wochen haben der Kollege Stefan Niggemeier und ich uns in Düsseldorf einquartiert, um von dort aus täglich Videos für duslog.tv zu produzieren. Unser Plan sieht wie schon im vergangenen Jahr bei oslog.tv so aus, dass wir keinen Plan haben. Erfahrungsgemäß passiert während der zwei Wochen "Eurovision Week" aber so viel, dass man damit ganz gut ein Videoblog füllen kann – man darf sich halt nur nicht ausschließlich auf Lena, ihre Schuhe und die Frage beschränken, wer sie zum Grand Prix begleitet. Zur Abgrenzung von der Vorjahresproduktion reisen wir diesmal mit Stativ und Windschutz an, auch wenn ich nach wie vor der Meinung bin, dass uns das als erster Schritt Richtung Sellout ausgelegt werden könnte. Deswegen will ich es auf der anderen Seite mit der Vorbereitung nicht übertreiben und habe maximal ein Drittel der Beiträge vorab auf YouTube begutachtet. Lena kann angeblich schon die Songs aller Konkurrenten mitsingen.

Die deutschen Fernsehzuschauer erwartet – so sie sich dem nicht widersetzen – die Grand-Prix-Überdosis. Wir werden vermutlich kaum die Zeit haben, in der Woche vor dem Finale am Vorabend in der ARD und zur Primetime auf ProSieben die täglichen Eurovisions-Shows zu schauen, aber wir wissen ja eh, worüber diese berichten werden. Der Reiz bei oslog.tv bestand ja auch darin, das Geschehen nicht aus der ersten Reihe zu verfolgen, sondern aus der dritten – was zu Metaszenen führte, als Lena beim traditionellen Rathausempfang von Kameraleuten umringt über den roten Teppich geschleift wurde und ihr irgendein Reporter währenddessen die Frage stellte, wie sie eigentlich mit dem ganzen Medienandrang umgehe.

Das Problem von Düsseldorf

Die Frage nach Sinn und Unsinn dieser Veranstaltung und dieses Medienrummels braucht man nicht zu stellen, solange wir in einer Welt leben, in der knapp zwei Wochen vor dem großen ESC-Finale mit noch größerem Aufwand die Hochzeit eines jungen Briten mit einer jungen Britin fürs Fernsehen aufbereitet wird. Düsseldorf und der NDR werden es schwer haben, an den bewegenden Überraschungseffekt heranzukommen, der dem norwegischen Fernsehen vergangenes Jahr mit dem transeuropäischen Flashmob während der Votingphase gelungen ist, als der Slogan "Share The Moment" Wirklichkeit wurde und der immer noch als merkwürdig geltende ESC für acht Minuten zu einem tatsächlich verbindenden popkulturellen Großereignis wurde.

Trotzdem hoffe ich auch in Düsseldorf auf ein Wiederentfachen jenes Grand-Prix-Feuers, das ich 2010 zu meiner eigenen Überraschung nach zehn Tagen Oslo in mir lodern spürte. Denn auch wenn die Qualität der einzelnen Beiträge unstreitbar in einem irritierenden Missverhältnis zu Größe und Aufwand der Veranstaltung steht: Die meisten Songs, die so im Formatradio dudeln, sind kein Stück besser – sie kommen nur ohne den Aufkleber "Bekannt vom Eurovision Song Contest" daher. Und wenn man so ein Lied während der Proben gefühlte hunderttausend Mal gehört hat, die dazugehörige Beleuchtung, Choreographie und die Spezialeffekte um vier Uhr morgens runterrattern könnte, dann wachsen einem tatsächlich die bescheuertsten Songs irgendwie ans Herz.

Letztlich darf man nicht vergessen, was für eine schöne Grundidee das eigentlich ist: Länder, die vor ein paar Jahrzehnten (oder gar vor wenigen Jahren) Bomben aufeinander geworfen haben, treten im friedlichsten aller Wettkämpfe gegeneinander an und haben dazu noch alle die gleichen Chancen. Aus Gründen der Folklore werden am Ende natürlich wieder irgendwo die Vorwürfe einer "Ostblock-Mafia" hervorgekramt werden, die die alljährlichen Plagiatsvorwürfe gegen mindestens einen Teilnehmer-Titel als traditionelle Begleiterscheinung der ESC-Berichterstattung abgelöst haben.

Sollte Lena mit Taken By A Stranger tatsächlich die Riesensensation schaffen und ihren Titel verteidigen (was ich durchaus nicht für ausgeschlossen halte), wird irgendein Alpinverein vermutlich demnächst Besteigungen von Stefan Raabs Selbstbewusstsein anbieten. Düsseldorf wird sich als Entertainment-Metropole verpflichtet sehen, die Show ein weiteres Mal auszurichten, und die ARD wird ihre Bundesliga-Rechte verkaufen müssen. Dann dürfte der ESC allerdings wohl niemanden mehr interessieren. Die Atmosphäre wäre wieder familiärer.

Der autor

Lukas Heinser ist verantwortlich für das Bildblog und coffeeandtv.de. Über den ESC berichtet Heinser zusammen mit Stefan Niggemeier im duslog.tv.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

08.05.2011 17:52

Jo DerBär

Ich würde 1000 Euro verwetten, dass Deutschland nicht gewinnt. Wo sollen die denn das Geld hernehmen, um nochmal einen ESC auszurichten?

06.05.2011 19:06

Bodo Budding

In der Kürze liegt die Würze. Ich liebe solche Berichte!

05.05.2011 19:10

Frank Höcker

treffend!

 
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