Detail-Informationen

Autor

Monika Lungmus

verfasst am

12.04.2011

im Heft

journalist 4/2011

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Mehr zum Thema

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Tarifrunde Zeitungen

Werden Journalisten zu gut bezahlt?

Die Tarifverhandlungen für die Zeitungsredakteure werden am 4. Mai in Dortmund fortgesetzt. Ob die Verlegerseite dann am geforderten Billigtarif festhält? Der journalist fragte mal anders: Verdienen Journalisten zu viel?

Neuer Anlauf für die vierte Tarifrunde: Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) will den Gesprächsfaden wieder aufnehmen. Er regte in einem Schreiben an die Gewerkschaften DJV und ver.di an, einen neuen Verhandlungstermin zu vereinbaren. Am 4. Mai sollen die Tarifverhandlungen in Dortmund fortgesetzt werden. DJV und ver.di erwarten von der Verlegerseite eine deutliche Kurskorrektur.

Den ursprünglichen Termin im Februar hatte die BDZV-Delegation wegen einer Protestaktion platzen lassen: Rund 60 Journalisten waren am 23. Februar nach Köln gekommen, um im Tagungshotel ihren Unmut über die Forderungen des BDZV zu demonstrieren. Sie breiteten Plakate auf dem Weg zum Verhandlungssaal aus – zu sehen: Porträtfotos von Redakteuren und der Slogan: "Guten Journalismus nicht mit Füßen treten". Grund für die BDZV-Delegation, sofort abzureisen. "Wir trampeln nicht auf Journalisten rum", erklärte BDZV-Verhandlungsführer Werner Hundhausen in einer Pressemitteilung.

"Wer Einbußen von rund 30 Prozent verlangt, der kann keinen Jubel erwarten", hielt DJV-Hauptgeschäftsführer Kajo Döhring dagegen. Von Bremen bis Bayern kamen Solidaritätsgrüße und Protestnoten, um die Aktion der Journalisten in Köln zu unterstützen. In Baden-Württemberg führten Redaktionen vor, dass sie auch anders können: Rund 200 Redakteure legten am 23. Februar für mindestens zwei Stunden ihre Arbeit nieder.

Zudem kam es am 30. März zu einem mehrstündigen Warnstreik in Ostwestfalen, an dem sich Journalisten der Neuen Westfälischen, des Westfalenblatts, des Mindener Tageblatts, der Lippischen Landeszeitung und des Haller Kreisblatts beteiligten. Auch am 11. April, als man in Bielefeld den 200. Geburtstag der Neuen Westfälischen feierte, traten Journalisten aus der Region erneut in den Warnstreik, um der Forderung nach angemessenen Tarifverträgen Nachdruck zu verleihen. Am gleichen Tag demonstrierten Journalisten in Baden-Württemberg vor dem Haus der Südwest Presse und machten auf die Situation in den Zeitungsredaktionen aufmerksam. 

Besonders empört zeigen sich die Tageszeitungsjournalisten über die Forderung des BDZV, ein zweites, billigeres Tarifwerk für die künftige Journalistengeneration einzuführen. Mit Leiharbeit und Outsourcing gibt es zwar längst ein Zwei-Klassen-System im Journalismus. Aber nun soll dieses System in einem eigenen Tarifwerk zementiert werden. Obwohl es seit 2006 bereits eine niedrigere Gehaltsstaffel gibt. Doch das reicht den Verlegern offenbar nicht. Sie wollen es noch billiger.

Der DJV hat ausgerechnet, dass die Forderungen des BDZV für einen 40-jährigen Redakteur auf Einbußen von mehr als 30 Prozent hinauslaufen würden. Damit nicht genug: Gleicht dieser Redakteur den niedrigeren Arbeitgeberanteil in der Presseversorgung nicht durch einen höheren Eigenanteil aus, dann muss er als Rentner fast auf die Hälfte der Versicherungsleistung verzichten, die er heute bekommen würde.

Vor diesem Hintergrund stellte der journalist ausgewählten Verlegern und Geschäftsführern von Zeitungshäusern einmal die diffizile Frage: Sind Journalisten zu gut bezahlt? Hier die Statements jener, die eine Antwort nicht scheuten.

"Berufsjahre abschaffen!"

Bild: OV

Christoph Grote
Geschäftsführer Oldenburgische Volkszeitung

Die Oldenburgische Volkszeitung bezahlt ihre Redakteure nach Tarif und legt eine unternehmenserfolgs- und leistungsabhängige Tantieme obendrauf. Trotzdem finde ich, dass wir manche Kollegen ungerecht behandeln. Behandeln müssen.

Die Mitarbeiterstruktur einer Redaktion unterscheidet sich nicht von jener in anderen Bereichen der Wirtschaft. Es gibt Leistungsträger, Leistungserbringer und Minderleister. Wenn Sie als Chef Glück haben, sind diese drei Gruppen nicht gleich groß. Wenn Sie Pech haben, müssen Sie alle gleich gut entlohnen – wie die Redakteure. Von Führungskräften abgesehen, führt die Berufsjahresstaffel dazu, dass viele Journalisten ungerecht bezahlt werden: Geld, das jungen oder erfahrenen Leistungsträgern zusteht, kassieren nicht selten gemütliche Altredakteure.

Gute Bezahlung ist gerechte Bezahlung – und umgekehrt. Nur eine altersunabhängige, aber leistungs- und verantwortungsgerechte tarifliche Einstufung von Redakteuren ermöglicht die gerechte Verteilung der Personaletats. Mit dem schönen Effekt, dass Zeitungen für junge Talente wieder attraktivere Arbeitgeber werden. Weil wir ihnen gleich bieten können, was sie verdienen: ein gutes Gehalt.

"Nicht am Hungertuch"

Bild: privat

Laurent Fischer
Verleger und Herausgeber Nordbayerischer Kurier

Natürlich sollten Journalisten nach wie vor leistungsgerecht bezahlt werden. "Qualitätsjournalismus" – man traut sich diesen Begriff ja kaum noch zu verwenden, weil jeder etwas anderes darunter versteht – hat seinen Preis.

Zeitungsredakteure in Deutschland werden auch weiterhin nicht am Hungertuch nagen und verfügen über eine hervorragende Altersabsicherung, um die sie viele ihrer europäischen Kollegen beneiden. Dennoch dürfen wir nicht die Augen vor dem gegenwärtigen dynamischen Wandel in unserer Medienlandschaft verschließen: Zeitungen mit schwindenden Abonnentenzahlen und Werbeerlösen müssen, wenn sie überleben wollen, so manche liebgewonnenen "Erbhöfe" der gegenwärtigen Tariflandschaft zur Diskussion stellen können.

"Eine Frage des Markts"

Bild: privat

Walter Schweinsberg
Geschäftsführer Mediengruppe Oberfranken

Ob die Journalisten zu gut bezahlt sind oder nicht, kann nur aus der Sicht des Kunden beantwortet werden. Letztlich ist er es, der den Verlagen für Qualitätsjournalismus einen Preis zahlt. In dem Maße, wie er das nicht mehr tut oder tun sollte, wären die Verantwortlichen in den Unternehmen aufgefordert zu analysieren, woran das liegen könnte.

Wären es Wettbewerbsgründe – der Kunde kann ein vergleichbares Angebot zu einem günstigeren Preis kaufen – müsste man, um den Kunden zu halten, den Preis senken. Dies unterstellt, dass es auch künftig einen Markt für Qualitätsjournalismus geben wird, wovon wir ausgehen.

Zur Erhaltung der Rentabilität und damit dem Fortbestand des Verlags könnten aus diesem Vorgehen Kostensenkungsmaßnahmen im Gesamtunternehmen erwachsen, die selbstverständlich auch nicht vor der Redaktion haltmachen dürften. Sollten also Gehaltsstrukturen in der Redaktion angepasst werden müssen, hätte dies für uns seinen Ursprung immer nur im Markt und nicht in der Renditemaximierung des Unternehmens.

"Oft nur Verwalter"

Bild: PZ/Gerhard Ketterl

Thomas Satinsky
Geschäftsführender Verleger Pforzheimer Zeitung

Ja, Journalisten sind dann zu gut bezahlt, wenn sie sich auf eine Art Sachbearbeiterebene begeben, also Themen nur verwalten und ihnen die Reporterleidenschaft fehlt. Dies ist heute leider immer häufiger festzustellen.

Redakteure sind in jedem Fall eine sehr gut bezahlte Berufsgruppe, wenn man bedenkt, dass die Anzeigenvolumina in der Tageszeitungsbranche in den vergangenen zehn Jahren um rund 40 Prozent zurückgegangen sind und wir in der Regel jährliche Verluste bei der Abonnentenauflage zu verzeichnen haben. Auf der anderen Seite sind die Tarifgehälter der Redakteure aber seit 2001 um mehr als 15 Prozent angestiegen. Deswegen bin ich für eine außertarifliche Bezahlung, die einen variablen Anteil für besondere Leistungen oder Projektarbeit von Journalisten vorsieht.

"Nicht mehr zeitgemäß"

Bild: Andreas Bretz

Clemens Bauer
Vorsitzender der Geschäftsführung Mediengruppe Rheinische Post

Die Tageszeitungsbranche befindet sich, wie die Medienbranche insgesamt, in einem Strukturwandel. Gleichzeitig besteht die Notwendigkeit, den Lesern ein qualitativ gutes Produkt anzubieten.

Da Kosten und Erlöse im Gleichgewicht stehen müssen, belasten die Tariferhöhungen seit 2001 von mehr als 15 Prozent die Verlage sehr. Tarifmodelle vergangener Jahre sind oftmals nicht mehr zeitgemäß.

Um hier zu einem auch sozial vertretbaren Ausgleich zu kommen, denkt auch die Mediengruppe Rheinische Post über neue, innovative und betriebswirtschaftlich vernünftige Vertragsmodelle nach. Sie sollen helfen, Arbeitsplätze zu sichern und Qualität zu erhalten.

"Leistung geschätzt"

Bild: Axel Springer

Alexander Schmid-Lossberg
Leiter Geschäftsführungsbereich Personal, Axel Springer AG

Der Erfolg der Axel Springer AG wäre ohne die Leistung exzellenter Journalistinnen und Journalisten nicht denkbar. Journalismus, also gedruckte oder digitale Inhalte, die unsere Leser begeistern, ist unser Kerngeschäft.

Weil dies so ist, erfahren Journalisten in unserem Haus eine besondere Wertschätzung. Neben den tarifgebundenen Bezügen bieten wir attraktive Vergütungsmodelle, die an den Unternehmenserfolg geknüpft sind oder individuelle leistungsbezogene Sondervergütungen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche freiwillige soziale Leistungen. Betriebliche Kindertageseinrichtungen und Unterstützung bei der Pflege Angehöriger zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, exzellente Ausbildungs-, Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten runden das Angebot ab.

Aktuelle Kommentare zu dieser Umfrage

14.04.2011 17:16

Jay Bo

Ich kann als freier Journalist nicht überleben. Ohne Hilfe vom Staat geht es nicht. Ich spreche fünf Sprachen, habe ein Studium und zehn Jahre Erfahrung vorzuweisen. Wer nicht in einer Redaktion unterkommt, nagt am Hungertuch. Gleichzeitig beobachtet er, dass die Qualität in den Redaktionen immer schneller vernachlässigt wird.

13.04.2011 14:04

Heinz Müller

Wenn Verleger oder deren Interessenvertreter Tariferhöhungen von 15 Prozent in 10 Jahren monieren, sollte man vielleicht einmal nachrechnen: Bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2 Prozent pro Jahr bedeutet das einen Einkommensverlust von 5 Prozent!

Mich würde da mal interessieren, wie sich die Geschäftsführer-Einkommen im gleichen Zeitraum so entwickelt haben. Interessant ist auch, dass Redakteure heute nicht nur wie früher Autoren, sondern auch Fotografen, Metteure, Druckvorlagenhersteller, Computerspezialisten, Online-Redakteure, Ausbilder, Sekretäre und Telefonisten sind, denn die Arbeitsverdichtung auf eigentlich berufsfremde Tätigkeiten inklusive der entsprechenden Rationalisierungseffekte für die Verlage sind hinlänglich bekannt. Wer dann noch 13 Schuljahre, fünf jahre Studium, ein Jahr Volontariat und x-Kurse in Computertechnik und digitaler Bildbearbeitung hinter sich hat, fühlt sich doch echt ver . . .scht, wenn die Verleger mit solchen Vorstellungen in Tarifverhandlugen gehen.

Sollte sich das fortsetzen, geht die Motivation gegen Null, dann können die Herren Ihre Zeitungen demnächst selber füllen . . .

12.04.2011 18:15

Peter Kiosk

Meine Herren, es ist doch ganz einfach: Wer nach ca. 7 Jahren Ausbildung sieht, dass es sich bei einem Job in der Industrie eine Familie, ein Einfamilienhaus und seinen Urlaub plus Altersabsicherung leisten kann – warum sollte er dann noch zu einem Verlag gehen? Mit schlechten Arbeitsbedingungen, null Motivation oder Wohlwollen vom Arbeitgeber und vielen unbezahlten Überstunden? Die Demografie wird's richten und dann können Verlage nur noch 2b-Qualität liefern. Das dicke Ende kommt bei so einer Geisteshaltung. Aber dann setzen Sie sicher auf Kundenmagazine als verlegerischen Ausweg.

 
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