Detail-Informationen

Autor

Jan Söfjer

verfasst am

12.10.2011

im Heft

journalist 10/2011

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Mit interkulturellem Dialog auf dem Weg zu einem besseren Journalismus: Alia Turki Al-Rabeo, 27, aus Syrien, Krishna Acharya, 33, aus Nepal und Carlos Fonseca, 29, aus Nicaragua (v.l.n.r.)

Internationale Journalistenschule

Zwölf Weltenwanderer

Sie kommen etwa aus Syrien und Armenien, China und Thailand, Liberia und Simbabwe – zwölf Journalisten aus allen Ecken der Welt haben sich im September in Hamburg getroffen. Es sind die ersten Schüler an Bertelsmanns neuer internationaler Journalistenschule. Zentrales Anliegen ist der Dialog in einer globalen Journalistengemeinschaft.

Dass Orange eine furchtbare Farbe sein kann, weiß Krishna Acharya schon, als er Anfang Juni die Zeitung aufschlägt. Acharya ist gerade aufgestanden und macht sich einen Tee. Doch dann sieht der nepalesische Journalist die Meldung: Ein junger Kollege von ihm wurde überfallen und hat nur mit Glück überlebt. Er hatte über die Machenschaften eines Lokalpolitikers geschrieben. Eines Abends standen plötzlich diese Männer vor ihm.

Auf der Karte der Pressefreiheit in der Welt ist Nepal orange eingefärbt. Das bedeutet: "bemerkbare Probleme". Reporter ohne Grenzen erstellt die Karte jedes Jahr. Manche Länder haben das Orange hinter sich gelassen, sind rot oder schwarz.

In Deutschland haben sich vor einem guten Jahr mehr als 1.000 Gäste im Großen Saal des Konzerthauses am Berliner Gendarmenmarkt die Karte der Pressefreiheit angesehen. Und sie sahen vor allem rot. Das Medienunternehmen Bertelsmann, zu dem RTL und Gruner+Jahr gehören, feierte seinen 175. Geburtstag und wollte "etwas Bleibendes schaffen". Etwas, das sich in das gesellschaftliche Engagement der Firma einreiht, wie es der Vorstandsvorsitzende Hartmut Ostrowski nennt.

"Pressefreiheit ist keine Selbstverständlichkeit", sagte Stern-Reporterin Katja Gloger zu Angela Merkel, Bertelsmann-Hauptaktionärin Liz Mohn und Klaus Wowereit in der ersten Reihe. Andreas Wolfers, Leiter der Henri-Nannen-Schule, sagte, sie wollten mutigen Journalisten "den Rücken stärken" und kündigte an, was RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel "ein Licht anzünden" nannte: die Gründung einer Akademie zur Förderung von unabhängigem Journalismus. Die International Academy of Journalism.

Genau ein Jahr später sitzen zwölf Schüler am Hamburger Hafen neben der Gruner+Jahr-Zentrale im alten Kontorhaus Stubbenhuk 10. Hier residiert die Henri-Nannen-Schule, und bis vor kurzem war hier die Geschäftsstelle des Netzwerks Recherche. Jetzt hat auch die neue Internationale Journalisten-Akademie Intajour in dem Gebäude ihren Hauptsitz. Die Schüler, Mitte 20 bis Mitte 30, sitzen an einer Tafel und tauschen sich mit Schulleiter Werner Eggert über die ersten drei Wochen Präsenzphase aus. Sie haben sich etwa mit Sicherheit im Netz, Datenbankrecherche und der Dramaturgie multimedialer Erzählformen beschäftigt.

"Der Druck auf die Presse ist bei uns raffinierter"

In der Runde sitzt auch Krishna Acharya. Von der Fortbildung erfuhr er durch einen Bekannten. In seiner Heimat arbeitet Acharya als Onlineredakteur bei der nepalesischen Zeitung República. Nebenbei bloggt er, ist Journalismusdozent und schreibt für ein Cricket-Portal. Nun sitzt Acharya im vierten Stock des Stubbenhuks. Seine Mitschüler kommen aus Nicaragua, Syrien, Ghana, Moldawien, Thailand, China, Liberia, Simbabwe, Ägypten, Armenien und der Ukraine. 400 junge Leute hatten sich beworben. In erster Linie richtet sich die Akademie an "Journalisten aus Ländern und Regionen, in denen die Pressefreiheit nicht im gleichen Maße gewährleistet ist wie bei uns und in denen die Journalisten-Fortbildung bestenfalls noch in den Kinderschuhen steckt", sagt Schulleiter Eggert. Die Flüge nach Deutschland und zurück sowie die Hotelzimmer-Kosten der Schüler trägt Bertelsmann.

Fatoumata Nabie Fofana, eine zierliche Frau aus Liberia, hat sich vorgenommen, ihren Kollegen zu Hause beim Daily Observer zu zeigen, wie sie die Website einer der größten Zeitungen des Landes verbessern können. Gayane Mirzoyan aus Armenien ist beeindruckt von den Prinzipien in den Redaktionen von Stern, Spiegel und Hamburger Abendblatt, die die Klasse besucht hat. "Wir sollten in Armenien nicht so oft über den finanziellen Stand der Zeitungen nachdenken, sondern mehr über unser Ansehen", sagt Mirzoyan. "Wenn die Menschen ihr Vertrauen in die Presse verlieren, sieht es auch finanziell schlecht aus." Oleg Shynkarenko aus der Ukraine war erstaunt, dass die "Journalisten hier die gleichen Probleme haben wie wir". Auch das Investigativ-Ressort des Sterns hätte bisweilen Schwierigkeiten, Informationen von staatlichen Stellen zu bekommen, erzählt Shynkarenko.

Carlos Fonseca aus Nicaragua kennt sich gut aus mit den feinen Abstufungen der Pressefreiheit. "Der Druck auf die Presse ist bei uns raffinierter", sagt Fonseca. "Der Staat ist einer der größten Auftraggeber für Anzeigen. Die meisten gibt er staatlichen und linientreuen Medienhäusern. Das führt schnell zur Selbstzensur, weil man um seinen Job fürchtet." Der 29-Jährige arbeitet als Multimedia-Produzent bei der Tageszeitung Confidencial, ist Mitinhaber einer Kommunikationsagentur und Teilzeit-Dozent für Onlinejournalismus an der Universidad Centroamericana in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua. Sein Vorbild ist sein Vater, einst leitender Journalist bei einer großen Zeitung. "Ich wollte früher kein Journalist werden, weil ich fürchtete, die Erwartungen nicht zu erfüllen", sagt Fonseca. Den Sinneswandel brachte das Web. "Ich wusste sofort, das würde die Art verändern, wie Menschen miteinander kommunizieren."

"Die Transferleistung, das Gelernte im Job tatsächlich anzuwenden, funktionierte nur bedingt"

Im Klassenraum stehen etliche Computer. Die Schüler hatten in den vergangenen Wochen wenig Frontalunterricht, sondern wurden vor allem mit einer E-Learning-Software vertraut gemacht. Denn in Deutschland werden sie selten sein: im Februar noch zwei Wochen bei der RTL-Journalistenschule in Köln und im Juni zehn Tage in Berlin. Die meiste Zeit sind sie zu Hause und arbeiten in ihren Redaktionen. Das Konzept der Akademie sieht vor, junge Journalisten so fortzubilden, dass sie professioneller und vor allem digitaler arbeiten können. "Unsere Schüler sollen auch dazu beitragen, die journalistische Arbeit in ihren Ländern weiterzuentwickeln", sagt Eggert. Zehn Monate Deutschland könnten dabei ablenken.

Das Problem bei der Sache ist das E-Learning selbst. Er habe oft genug erlebt, wie es ist, wenn neu erworbenes Wissen verloren geht. In den 90er Jahren arbeitete Eggert für die Deutsche Welle und die Namibian Broadcasting Corporation als Ausbildungsredakteur. Das Land hatte sich gerade für unabhängig erklärt. "Die Redakteure dort wurden damals häufig zu Fortbildungen und Kursen im Ausland eingeladen." In den meisten Fällen wirkten sich die Kurse kaum auf die Arbeit der Journalisten aus. "Die Transferleistung, das Gelernte im Job tatsächlich anzuwenden, funktionierte nur bedingt", sagt der 50-Jährige, der auch für das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt, das heutige Chrismon, gearbeitet hat.

Damit der Transfer in seiner Schule funktioniert, hat sich Eggert mit vielen Experten beraten. Zum Beispiel aus dem Poynter-Institut für Journalismus in Florida oder der Deutsche-Welle-Akademie, die beide Partner der Intajour sind. "Die Fellows üben alles praxisnah", sagt Eggert. Erst wer zwei, drei Mal etwas selbst gemacht habe, beherrsche es nachhaltig.

In der ersten Präsenzphase ging es auch um Fotoessays und Storytelling. "Für viele war das Neuland", sagt Claus Hesseling, Medientrainer an der Schule. Zusammen mit den Schülern haben sie überlegt, welche Fotogeschichte jeweils für ihre Arbeitgeber ein spannendes Thema wäre. "Das sollen sie nun umsetzen, wenn sie wieder in ihrem Heimatland sind – mit Unterstützung von uns und Feedback aus der Runde." Jeweils zwei Schüler bilden zudem eine Lernpartnerschaft, um sich gegenseitig zu motivieren. Das Arbeitspensum zu Hause beträgt sieben Stunden die Woche. Mehr sei neben Job und Familie unrealistisch.

Als E-Learning-Plattform setzt Intajour auf die Open-Source-Software Moodle. Hier können sich Schüler austauschen und ihre Beiträge vorstellen. Besonders stolz ist Eggert auf die sogenannten Webinare. Zwar kommen Dozenten wie die Stern-Reporterin Katja Gloger oder Rick Nieman, niederländischer RTL4-Fernsehmoderator mit CNN-Erfahrung, auch persönlich vorbei, doch der überwiegende Teil des Unterrichts findet online statt. In dem virtuellen Klassenraum treffen sich die Schüler zum Live-Video-Unterricht. Jeder sieht jeden in einem kleinen Fenster und jeder kann mit jedem sprechen. In Hamburg haben die Schüler so bereits von Dan Gillmor, Journalist, Digital-Vordenker und Autor des Buchs We the Media, gelernt. Und wer eine Sitzung verpasst, kann sich die Aufzeichnung ansehen.

Mit dem Schrecken davongekommen

Alia Turki Al-Rabeo hatte Glück, dass sie Syrien überhaupt für die drei Wochen verlassen konnte. Die Visa-Abteilung der deutschen Botschaft war geschlossen. Mit Hilfe der Akademie bekam sie schließlich wenige Tage vor Abreise ihr Visum. Das Gespräch mit ihr ist kompliziert, weil sie wegen der Lage in Syrien nichts Falsches sagen möchte, und falsch könnte alles sein. Man hätte nicht eine so mondäne, westlich wirkende Frau erwartet, deren Lieblingsroman im englischen Literaturstudium Emily Brontës Sturmhöhe war. Al-Rabeo arbeitet für das Portal The Women‘s International Perspective und die von ihr mitbegründete Seite Silent Heroes – Invisible Bridges. 2010 wurden Al-Rabeo und zwei Kollegen für ein Porträt über eine syrische Unternehmer-Familie, die ihr Glück in Pakistan gemacht hat, mit dem United Nations X-Cultural Reporting Award ausgezeichnet. Die Zentrale von Silent Heroes ist in Istanbul. Al-Rabeo arbeitet von Damaskus aus, andere Mitarbeiter sitzen in den USA, Afrika oder China. Sie produzieren in Englisch, Arabisch, Türkisch und Urdu. Deutsch, Spanisch und Französisch sollen folgen. Die friedliche Multinationalität liegt der jungen Journalistin im Blut: Ihr Vater ist Syrer, die Mutter Türkin.

Der interkulturelle Dialog ist auch ein zentrales Anliegen der Schule. Es entsteht schließlich nicht jeden Tag eine globale Gemeinschaft von Journalisten. Am 17. September sind alle Schüler wieder in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Drei Wochen haben gereicht, um ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zu festigen. Carlos Fonseca war dementsprechend bestürzt, als er hörte, dass sechs Stunden nach Krishna Acharyas Ankunft ein Erdbeben der Stärke 6,9 Südasien erschütterte. Mehr als 100 Menschen sollen ums Leben gekommen sein, sechs in Nepal. Acharya kam mit dem Schrecken davon.

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