Detail-Informationen

Autor

Sebastian Pertsch und Udo Stiehl

verfasst am

25.06.2015

im Heft

journalist 5/2015

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Bild: journalist

Redaktionswerkstatt

15 Floskeln, die Journalisten aus ihrem Wortschatz streichen sollten

Sebastian Pertsch und Udo Stiehl sammeln seit Monaten abgegriffene Phrasen und schiefe Sprachbilder aus den Medien. Für den journalist haben sie die schlimmsten Sprechblasen herausgesucht und zeigen, wie man sie vermeidet.

Das Gesetz wurde abgesegnet, die Fahndung verlief fieberhaft und der Eklat sorgte für einen Paukenschlag. Journalisten lieben Formulierungen wie diese – und Leser können sie nicht mehr sehen. Viele Floskeln und Phrasen sind nicht nur abgegriffen und überstrapaziert, sondern häufig auch überflüssig, schief, missverständlich, inhaltlich falsch oder wertend.

Dabei können Sprachbilder komplexe Dinge besser verständlich machen. Sie verhelfen der deutschen Sprache zu mehr Geschmeidigkeit, allerdings müssen die Bilder valide und wertfrei sein. Sie dürfen nicht beeinflussen, verschleiern oder verharmlosen. Im schlimmsten Fall können falsche Wortwahl und unpassende Bilder manipulieren und die Glaubwürdigkeit journalistischer Beiträge verringern.

Wir haben aus Presse-, Fernseh- und Radioberichten 15 besonders ärgerliche Negativbeispiele herausgesucht, die Sie vermeiden sollten.

1. aller Zeiten

Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre: Aller Zeiten schließt nämlich nicht nur die Vergangenheit ein, sondern auch die Zukunft. Doch selbst die besten Journalisten aller Zeiten haben keine Glaskugel, die ihnen die Meldungen der Zukunft vorhersagen kann.

Floskel: "Avatar ist der kommerziell erfolgreichste Film aller Zeiten."

Besser: "Avatar ist der bislang kommerziell erfolgreichste Film." Oder: "Avatar ist der kommerziell erfolgreichste Film in der Geschichte."

2. alternativlos

Meine Lösung ist die einzig wahre, die beste! Bundeskanzlerin Angela Merkel hat der vermeintlichen Alternativlosigkeit zu noch mehr Popularität verholfen, und etliche Politiker äffen sie nach. Das Wort suggeriert, es gebe nur diese eine Möglichkeit. Damit wird jeder konstruktive Gegenvorschlag im Keim erstickt. Das ist allerdings reine Rhetorik. Alternativen gibt es immer – auch zu alternativlos.

Floskel: "Für den Minister sei die Entscheidung für die Erhöhung alternativlos."

Besser: "Der Minister hat seine Entscheidung verteidigt“ oder „Der Minister sieht dazu keine Alternative."

3. an den Rollstuhl gefesselt

Ein leider gebräuchliches Sprachbild, das nicht nur schief, sondern auch noch schlimm ist. Mag jemand auch auf einen Rollstuhl oder eine Gehhilfe angewiesen sein, niemand würde ihn daran fesseln.

Floskel: "Er ist an den Rollstuhl gefesselt und wird sein Leben lang ein Pflegefall bleiben."

Besser: "Seitdem ist er auf den Rollstuhl angewiesen."

4. angebliche Bilder

Ist die Quelle eines Fotos unbekannt oder steht die Gefahr einer Manipulation im Raum, hört man oft von angeblichen Bildern. Es gibt natürlich angeblich Bilder, die etwas beweisen sollen, aber Bilder selbst können nicht angeblich sein.

Floskel: "Es sind angebliche Bilder zum neuen Smartphone im Internet aufgetaucht."

Besser: "Es sind Bilder aufgetaucht, die angeblich das neue Smartphone zeigen."

5. Luftschläge

Ein Begriff aus dem Militär, versüßt mit einer schlechten Übersetzung aus dem Nato-Slang. Darüber hinaus verharmlost das Synonym für Luftkrieg oder Luftangriff. Denn einen Luftschlag kann auch ein Trapezkünstler im Zirkus machen. Ganz friedlich.

Floskel: "US- und kurdische Medien berichten über neue Luftschläge gegen den IS."

Besser: "US- und kurdische Medien berichten über weitere Luftangriffe gegen die Terrorgruppe IS."

6. Menschen evakuieren

Menschen werden nicht evakuiert, sondern die Orte, aus denen sie gebracht werden. Würde man Menschen evakuieren, würden Floskelliebhaber von einem Blutbad sprechen. Evakuierung bedeutet, etwas luftleer zu machen oder vollständig zu entleeren. Leider hat es diese Formulierung inzwischen sogar in den Duden geschafft.

Floskel: "Nach einem Vulkanausbruch in Chile mussten 3.500 Menschen evakuiert werden."

Besser: "Nach einem Vulkanausbruch in Chile musste das Gebiet evakuiert werden, etwa 3.500 Menschen wurden in Sicherheit gebracht."

7. Preisbremse

Mietpreisbremse, Strompreisbremse, Lohnbremse oder einfach nur Kostenbremse – so wunderbar kurz die Kampagnenbegriffe auch klingen, teurer wird es trotzdem. Die Politik suggeriert so dem Bürger, dass Preise gleich bleiben oder sogar sinken könnten. Und Journalisten verwenden den Begriff unnötig weiter. Fakt ist, dass mit einer Preisbremse lediglich der Anstieg gedrosselt werden soll. Mehr nicht.

Floskel: "Der Bundestag hat die Mietpreisbremse beschlossen."

Besser: "... hat die sogenannte Mietpreisbremse beschlossen. Das Gesetz soll den raschen Anstieg von Wohnungsmieten in bestimmten Städten begrenzen."

8. schmerzhafte Einschnitte

Eine Phrase aus der Wirtschaft, die gleich doppelt schmerzt. Wenn ein Vorstandsvorsitzender von schmerzhaften Einschnitten spricht, suggeriert er mit dem Ausdruck schmerzhaft eine Emotion, so als würde es ihn persönlich betreffen. Die Einschnitte verschleiern, dass voraussichtlich Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren.

Floskel: "An der Hochschule wird es schmerzhafte Einschnitte geben."

Besser: "Der Hochschule fehlen zwei Millionen Euro, Mitarbeiter werden wohl ihren Job verlieren."

9. Sünder

Steuersünder, Dopingsünder, Temposünder, Umweltsünder, Ökosünder, Hartz-IV-Sünder und gerne auch der Feinstaubsünder. Solche Formulierungen stellen Verdächtige und verurteilte Straftäter gerne verharmlosend dar – die Straftat oder das Vergehen wird zur Sünde, ein möglicher Tatbestand suggeriert Geringfügigkeit. Der Journalist wertet.

Floskel: "In Deutschland haben Tausende Steuersünder reinen Tisch gemacht."

Besser: "In Deutschland haben mehrere Tausend Menschen Steuern hinterzogen. Sie versuchen, über die Selbstanzeige einer Strafe zu entgehen."

10. teilweise verletzt

Wenn eine Meldung kurz sein muss, dann bitte nicht um jeden Preis. Wenn Fünf Menschen teils schwer verletzt wurden, ist dies schlichtweg eine falsche und sinnfreie Behauptung. Die fünf Menschen sind entweder leicht verletzt oder schwer verletzt. Körperteile können gewiss unterschiedlich stark verletzt sein, der Mensch als Ganzes aber nicht.

Floskel: "Bei dem Unfall sind mehrere Menschen teilweise schwer verletzt worden."

Besser: "Bei dem Unfall sind mehrere Menschen verletzt worden, einige von ihnen schwer."

11. Tote gefordert

Ereignisse oder Dinge können nichts fordern, auch wenn Journalisten das immer wieder schreiben. In der Geschichte gibt es noch keinen nachgewiesenen Fall, in dem ein Gerät oder eine Handlung den Tod gefordert hat.

Floskel: "Die Lawine hat mehrere Tote gefordert."

Besser: "Bei dem Lawinenunglück sind mehrere Menschen ums Leben gekommen."

12. überwiegende Mehrheit

Selbst wenn es nur eine einzige Stimme ist – oder 0,0001 Prozent: Wenn eine Schale der Waage überwiegt, liegt dort auch die Mehrheit des Gewichts. Anders ist eine Mehrheit gar nicht möglich. Das Missverständnis mancher Kollegen: Die überwiegende Mehrheit wird als Synonym für die große Mehrheit verwendet. Doch es ist entweder eine Mehrheit oder ein überwiegender Anteil – aber nicht beides zugleich.

Floskel: "Die überwiegende Mehrheit der Deutschen ist dafür."

Besser: "Der überwiegende Anteil der Deutschen ist dafür." Oder: "Die Mehrheit der Deutschen ist dafür."

13. Vorankündigung

In nahezu allen Fällen, in der von einer Vorankündigung in Texten die Rede ist, handelt es sich schlicht um einen doppelt gemoppelten Begriff. Die Ankündigung reicht aus. Wann bitte trifft es zu, dass eine Ankündigung angekündigt wird? Leider steht auch die Vorankündigung mittlerweile im Duden.

Floskel: "Ohne Vorankündigung hat die Gesellschafterversammlung den langjährigen Chef gefeuert."

Besser: "Ohne Ankündigung hat die Gesellschafterversammlung den Geschäftsführer entlassen." Oder: "Unangekündigt hat die Gesellschafterversammlung den Geschäftsführer entlassen."

14. Vorprogrammiert

Ähnlich verhält es sich in der Informatik, deren Begriffe mittlerweile in jedem anderen Ressort zweckentfremdet werden. Wenn jemand etwas programmiert hat, hat er etwas in der Vergangenheit festgelegt, das in der Zukunft ausgeführt werden soll. Ob das nun ein Skript, der Videorekorder oder Ereignisse sind. Vorprogrammiert ist der weiße Schimmel aus dem EDV-Stall und bedeutet programmiertprogrammiert.

Floskel: "Das Chaos bei der S-Bahn ist vorprogrammiert."

Besser: "Das Chaos bei der S-Bahn ist abzusehen." Kurioserweise klingt die richtige Form "programmiert" hier falsch. Daher sollten Sie lieber nach anderen Wörtern suchen.

15. vor Gericht verantworten

Wenn ein Unschuldiger vor Gericht steht, muss er sich dann auch für etwas verantworten, das er nicht verbrochen hat? Nein. Denn in Deutschland gilt bekanntermaßen die Unschuldsvermutung. Eine vermeintliche Verantwortung, der sich jemand zu stellen hat, kommt einer Vorverurteilung gleich. Auch voraussichtlich Schuldige sind bis zur Verurteilung eines Gerichts rechtlich unschuldig. Das regeln unter anderem die UN-Menschenrechte, die natürlich auch in Deutschland gelten. Journalisten sollten diese Formulierung also vermeiden.

Floskel: "Er muss sich wegen Urkundenfälschung vor Gericht verantworten."

Besser: "Er ist wegen Urkundenfälschung angeklagt." Oder: "Wegen mutmaßlicher Urkundenfälschung steht er vor Gericht."


Floskeln Vermeiden

1. Kontext prüfen

"Geht" Schäuble tatsächlich auf Griechenland zu? Oder wäre es hier passender zu schreiben, "kommt Griechenland entgegen"? Sollte bei einem "Besuchereinbruch" nicht mehr Security aufgestellt werden? Und "winkt" irgendwo die "richtig dicke Kohle"?

"Es ist still geworden" nach dem Tod einer Schriftstellerin – tatsächlich? Und wieso kaufen vor Unwettern so viele Menschen Hamster? Nur weil eine Formulierung geläufig ist, stimmt sie noch lange nicht.

2. Nicht an der ersten Idee hängen bleiben

Verwerfen Sie Ihre erste Idee für eine Schlagzeile, sie ist meist die platteste: Die "Bahn stellt Weichen" und die "Lufthansa ist im Aufwind". Gähn! Die Alliterationskeule wollen wir erst gar nicht schwingen. Eyecatcher und Earcatcher lassen sich auch anders gestalten. Kämpfen Sie in Ihrem Artikel nicht krampfhaft um Sprachbilder und suchen Sie nicht ewig nach Synonymen! Gerade in Texten, die für das Hörverständnis geschrieben werden, ist Redundanz wichtig. Im Zweifel den Sachverhalt nüchtern und sachlich darstellen.

3. Buzzwords vermeiden

Vermeiden Sie Buzzwords wie Katastrophen(-Flug), (Familien-)Drama, Monster(-Stürme), Schock(-Zahlen), (Liebes-)Tragödie, (Zicken-)Terror, Power(-Paar), Sex(-Lehrerin) oder Horror(-Crash)! Versuchen Sie, Trends zu erkennen und auszumerzen: "nichts geht mehr", "vor Ort", "aktuell", "massiv" und "lahmgelegt" sind gute Kandidaten. Machen Sie sich auch Zitate nicht zu eigen. Besonders in der indirekten Rede haben Sie die Chance, hässliche Wörter umzuformulieren und Kampagnenbegriffe zu entkräften oder neutraler zu gestalten.

Über die Autoren

Sebastian Pertsch und Udo Stiehl sind freiberufliche Nachrichtenredakteure im Hörfunk und arbeiten als Dozenten, Autoren und Sprecher. Mit ihrem Projekt floskelwolke.de analysieren die beiden Journalisten zweimal täglich, wie häufig und intensiv Floskeln und Phrasen in etwa 2.000 Medien gedroschen werden.

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

02.07.2015 16:03

Eckhard Stengel

Sehr schöner Beitrag! Besonders wichtig finde ich den Hinweis auf "sich vor Gericht verantworten". Von solchen vorverurteilenden Floskeln gibt es noch mehr, zum Beispiel

- "leugnen": kommt von "lügen". Wenn ein Angeklagter leugnet, lügt er. Meist passt besser: "bestreiten" oder "abstreiten".

- "Beweismittel sicherstellen": Das klingt nach Beweisen für die Schuld eines Tatverdächtigen. Ob die sichergestellten Materialien aber tatsächlich die Schuld oder vielleicht doch eher die Unschuld belegen, zeigt sich erst nach der Auswertung. Also besser wertfrei: "Materialien sicherstellen".

- "sich wähnen": Wer sich "im Recht wähnt", erliegt einem Wahn, einer Einbildung, hat also eigentlich Unrecht. Neutraler wäre: "sich im Recht sehen / glauben".

- "vermeintlich": Ein "vermeintlich Unschuldiger" ist in Wirklichkeit schuldig. Möchte man ausdrücken, dass jemand wahrscheinlich unschuldig ist, muss es heißen: "ein mutmaßlich Unschuldiger".

11.08.2016 20:46

Ursula Echsler

Gut, das es sowas gibt, Gleichgesinnte sozusagen. Dieses unsägliche "Allerzeiten" ärgert mich, sobald ich es nur höre. Aber auch "die Schneise der Verwüstung" bzw. "eine Spur der Verwüstung" und dann dieses "kucken" !! Erleichternd, dass ich das hier laut sagen" darf.

 
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