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Autor

Simon P. Balzert

verfasst am

19.03.2013

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Bilder: dapd

Redaktionswerkstatt

Leichen auf Seite eins

Blut, Mord, Tote – 20 Regeln für einen angemessenen Umgang mit Gewaltfotos.

Das Foto aus Syrien hat Thomas Rassloff geschossen. Und wahrscheinlich gehört es zu den schockierendsten Fotos, die den syrischen Bürgerkrieg zum Thema haben. Es zeigt die toten Körper von 110 Männern in einem Flussbett in Aleppo. Alle wurden durch einen Kopfschuss hingerichtet, sie liegen auf dem Rücken, die Hände gefesselt. Allein in der Bilddatenbank von dpa finden sich 128 Fotos von Thomas Rassloff. Eins grausamer als das andere. Zeigen oder nicht zeigen?

In seiner Diplomarbeit Leichen auf Seite eins hat Simon P. Balzert die Bildberichterstattung über Kriege, Terroranschläge und Naturkatastrophen in spanischen und deutschen überregionalen Zeitungen untersucht. Sein Ergebnis: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, taz und Welt zeigen deutlich weniger Gewaltfotos als ABC, El Mundo, El País und La Razón. Außerdem: taz und Welt schafften es häufig, Gewaltfotos, die von FAZ und SZ nicht gedruckt wurden, inhaltlich und optisch angemessen zu präsentieren.

Dass der richtige Umgang mit solchen Fotos nicht selbstverständlich ist, weiß auch der Deutsche Presserat. Gerade erst hat er den Pressekodex in Ziffer 8 um neue Regeln für die Straftäter- und Opferberichterstattung ergänzt. Sie sollen dabei helfen, zwischen Persönlichkeitsrechten und dem öffentlichen Interesse abzuwägen. So weist der Presserat nun ausdrücklich darauf hin, dass bei der Berichterstattung über Straftaten und Unglücksfälle Kinder und Jugendliche in der Regel nicht identifizierbar sein sollen.  

Im Laufe seiner Untersuchung hat Simon Balzert einen Redaktionsleitfaden entwickelt, der Journalisten im Arbeitsalltag bei der Fotoauswahl unterstützen kann. Der Leitfaden soll den Bildredakteuren in Zweifelsfällen bei der Entscheidung für oder gegen die Veröffentlichung eines schockierenden Fotos helfen und Ansatzpunkte zur medienethischen Selbstreflexion bieten.



Simon Balzerts 20 Regeln für einen angemessenen Umgang mit Gewaltfotos lauten ...

Der Journalist sollte vor der Veröffentlichung sicherstellen, dass das Foto eine relevante Information enthält, dass es eine berichtenswerte Situation oder einen Missstand beschreibt – und nicht nur als Selbstzweck, zur Unterhaltung oder aus rein optischen Gründen zum Abdruck ausgewählt wird.

Der Journalist sollte vor der Veröffentlichung prüfen, ob es möglich ist, die Information des Fotos textlich in ähnlich eindringlicher Weise zu vermitteln und so auf eine Veröffentlichung verzichtet werden kann.

Der Journalist sollte versuchen, diejenigen Bilder zu veröffentlichen, die die Leser emotional am meisten ansprechen und am wenigsten schockieren. Anstelle des expliziten Fotos einer Kinderleiche kann beispielsweise auch das Bild blutverschmierter Kinderkleidung sehr eindringlich sein, ohne übermäßig abzuschrecken.

Der Journalist sollte bei der Bildberichterstattung dieselben Maßstäbe an Gewaltfotos legen, unabhängig davon, ob sie aus Europa oder von anderen Kontinenten stammen. So werden rassistische Vorurteile über fremde Länder und ferne Kulturen vermieden.

Der Journalist sollte von Fall zu Fall entscheiden und pauschale Verhaltensregeln wie "Keine Leichenfotos in der Zeitung" vermeiden. Der Tod und die öffentliche Diskussion darüber sind Teil einer aufgeklärten Gesellschaft und dürfen in den Medien nicht tabuisiert werden.

Der Journalist sollte gewährleisten, dass sein Medium ausreichend Raum zur Verfügung stellt, um ein Gewaltfoto textlich einzuordnen und zu kommentieren. Steht dieser Raum nicht zur Verfügung, sollte auf die Veröffentlichung des Bilds verzichtet werden.

Der Journalist sollte die Bildauswahl bei Gewaltfotos textlich begründen (dafür reicht im Allgemeinen die Bildunterzeile nicht aus) und, wenn möglich, an angemessener Stelle die Leser vor der Härte des Fotos warnen.

Der Journalist sollte sich immer darüber im Klaren sein, dass sich der Schockeffekt und die Appellfunktion von Gewaltfotos abnutzen, je mehr Bilder dieser Art veröffentlicht werden. Dementsprechend sollte er sicherstellen, dass der Abdruck im vorliegenden Fall notwendig und sinnvoll ist.

Der Journalist sollte nicht aus Jugendschutzgründen oder aus Angst vor Ablehnung der Leser auf eine Veröffentlichung verzichten, die er bildethisch für angemessen hält.

Der Journalist sollte sich in seiner Begründung für oder gegen die Veröffentlichung eines Gewaltfotos ganz auf das Foto und seinen Kontext konzentrieren und sich nicht von der Veröffentlichungspraxis anderer Medien beeinflussen lassen.

Der Journalist sollte sich darüber im Klaren sein, dass Fotos in einer gedruckten Zeitung oft stärker wirken als im Internet. Er sollte über die Möglichkeit nachdenken, ein schockierendes Foto nur auf der Internetseite seines Mediums zu veröffentlichen und es in der gedruckten Ausgabe anzukündigen. So gibt er den Lesern die Möglichkeit, das Foto (nicht) zu sehen.

Der Journalist sollte bei Fotos von Terroranschlägen abwägen zwischen dem Informationsinteresse des Publikums und der Pflicht, die Terroristen bei ihrer Suche nach Aufmerksamkeit nicht zu unterstützen.

Der Journalist sollte besonders vorsichtig im Umgang mit älteren Gewaltfotos sein. Je länger ein Ereignis zurückliegt, desto weniger vertretbar ist die Veröffentlichung von schockierenden Aufnahmen. Abgebildete Personen oder ihre Angehörige können durch die erneute unkontrollierte Konfrontation psychischen Schaden erleiden.

Der Journalist sollte sich im Zweifelsfall immer mit weiteren Redaktionsmitgliedern beraten. Er darf dabei nicht vergessen, dass er und seine Kollegen nicht das Durchschnittspublikum repräsentieren und dementsprechend eine andere Hemmschwelle in Bezug auf Gewaltfotos haben.

Der Journalist sollte auch das gestalterische Umfeld des Gewaltfotos im Blick haben: Leser reagieren besonders sensibel, wenn die Überschrift eines benachbarten Artikels oder die Aussage einer Anzeige auf derselben Seite ungewollt auf das Gewaltfoto bezogen werden kann.

Der Journalist sollte das Foto in keinster Weise sensationslüstern präsentieren: Statt es groß auf der Titelseite zu veröffentlichen, kann es auch klein im Innenteil der Zeitung abgebildet werden; anstatt mehrere Bilder desselben Motivs zu zeigen, sollte er eine aussagekräftige Aufnahme heraussuchen.

Der Journalist sollte überprüfen, ob abgebildete Opfer identifizierbar sind und zumindest ihre Gesichter unkenntlich machen. Dies gilt besonders für Fotos von Toten in Rücksichtnahme auf die Verstorbenen und ihre Angehörigen.

Der Journalist sollte sicherstellen, dass die Menschenwürde der abgebildeten Personen gewahrt bleibt. Dies gilt besonders, wenn sie identifizierbar sind.

Der Journalist sollte bei Selbsttötungen keine Fotos des Verstorbenen veröffentlichen.

Der Journalist sollte zum Dialog mit den Lesern bereit sein und Leserbriefe zum Abdruck des umstrittenen Fotos veröffentlichen.

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

10.06.2013 15:17

Christian Jäger

Mit Verlaub, ich kenne den Kollegen Rassloff schon sehr lange und war einer der Ersten, die eben jene angesprochenen Bilder sehen durften/mussten und habe ihm ausdrücklich geraten, die Bilder zur Veröffentlichung freizugeben. Wie schon angesprochen, ist zu berücksichtigen, dass die Bilder dem Umstand nach entstanden.

Aus Syrien gab es sehr lange eher harmlose Bilder, als ein Jahr lang friedlich demonstriert wurde und es Bilder von erschossenen Demonstranten gab, hat niemand diese veröffentlicht. Als dann der Konflikt eskalierte, gab es in den Medien auch keine Bilder von Toten zu sehen, weil man dachte das ist zu brutal. Und erst als dann eben solche Bilder auftauchten, wurde die Debatte über die Greuel, welche dort unten stattfinden, und in der Regel von Regierungsseite an von ihnen definierten Gegnern begangen werden, thematisiert.

Ich habe mit dem Kollegen nach seiner Rückkehr über die Bilder gesprochen und es war für ihn alles andere als einfach, diese zum einen zu fertigen, und zum anderen sie zu veröffentlichen. In dem Fall aber befürworte ich die veröffentlichung genauso, wie die des verbrannten vietnamesischen Kindes Phan Thi Kim Phúc oder des fallenden republikanischen Soldaten von Robert Capa. Denn nur so wird deutlich, dass auch in Syrien Krieg herrscht, und Krieg bedeutet Tod und Leid. In diesem Fall trifft es besonders hart die Zivilbevölkerung. Wen hat denn bisher der Umstand interessiert, dass im Monat bis zu 6.000 Syrer sterben? Musste dazu erst eine Bilderserie entstehen, die schon vor einem Jahr hätte verhindert werden können?

14.05.2013 12:03

Thomas Rassloff

Danke für die Hinweise. Aber Krieg ist nunmal Krieg und wenn man zufällig zum Ort eines Massenmordes gelangt, dann fotografiert der Fotograf, weil das ist seine Berufung.

20.03.2013 18:11

Norbert F.

Als Journalist mit einschlägiger Boulevard-Erfahrung kann ich dem Beitrag von Albert P. nur ausdrücklich zustimmen. Es hängt doch jede Entscheidung von den Umständen ab: Als Herr Möllemann sich aus dem Flugzeug gestürzt hat (Eindeutig eine Selbsttötung, s. Punkt 19), war es doch wichtig, sein Foto zu zeigen, da die Mehrheit der Öffentlichkeit Politiker eher über das Gesicht als über den Namen wiedererkennen. Ich könnte zu jedem anderen Punkt mit weiteren Beispielen antworten, aber ich beschränke mich aus Zeitgründen auf folgendes Fazit: Aus zugegeben lobenswerten Beweggründen heraus hat sich hier ein Student Regeln ausgedacht, die sich einerseits teils widersprechen, andererseits den Bezug zur beruflichen Realität vermissen lassen.

20.03.2013 11:38

Albert P.

Ohne Kenntnis der Diplomarbeit (es wäre sicher interessant, zu erfahren, ob bzw. was diese dazu sagt): Viel wichtiger als diese 20 Regeln vor den Latz geknallt zu bekommen, wäre deren Begründung. Warum soll man Tote unter diesen oder jenen Umständen zeigen bzw. nicht zeigen? Wie lässt sich das normativ, ethisch etc. begründen oder eben nicht? Das wären doch alles Fragen, die geklärt werden sollten, bevor man sich im Anschluss auf Regeln verständigen könnte.

Gerade auch der Hinweis auf El Pais, El Mundo oder La Razon, alles spanische Zeitungen, zeigt, dass das in anderen Ländern ganz anders gehandhabt wird. In allen diesen Zeitungen (ich glaube, in La Razon am wenigsten, in El Pais und El Mundo aber "ausgiebig") gab es etwa im Zusammenhang mit den Anschlängen in Madrid am 11.3.2004 so einige Leichenfotos zu sehen. Als deutscher Mediennutzer ist man derartiges nicht gewöhnt, aber die Frage ist doch: Ist die Abbildung von Leichen in spanischen Zeitungen pietätlos oder gibt es umgedreht in Deutschland eine Tendenz zur Verdrängung und Tabuisierung des Todes in der öffentlichen Debatte?

20.03.2013 09:16

Lieschen Müller

Super!!! Diese Regeln sollte man mal an eine ganz bestimmte Zeitung mit 4 Buchstaben weiterleiten. Damit die endlich mal damit aufhört, sich einen Dreck um die Persönlichkeitsrechte von Opfern (und auch Tätern!) zu scheren.

 
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