Detail-Informationen

Autor

Lisa Srikiow

verfasst am

12.12.2013

im Heft

journalist 11/2013

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Redaktionswerkstatt

5 Recherche-Dienstleister im Test

Von Recherchescout bis zum Informationsdienst Wissenschaft – der journalist hat fünf Rechercheportale ausprobiert. Testsieger: ein Angebot der TU Dortmund.

Wenn Zeit und Fachwissen bei Journalisten knapp sind, können sie einen Teil der Recherche auch an andere abgeben. Zumindest lautet so das Angebot zahlreicher Dienstleister, die Journalisten ihre Hilfe anbieten. Mitte September etwa startete Recherchescout, ein Portal, das damit wirbt, in kürzester Zeit Material und Ansprechpartner für eine schnelle und tiefgründige Recherche zu finden. Nicht das einzige neue Portal, das seit 2013 Journalisten unterstützen will.

Doch was bringen solche Angebote tatsächlich? journalist-Autorin Lisa Srikiow hat sie getestet und geschaut, was passiert, wenn man Recherchen für eigene Artikel und Beiträge an Außenstehende abtritt.

Fünf Anbietern stellte sie dieselbe Frage: Welche Folgen für die Gesundheit kann Lichtverschmutzung haben? Die Wahl fällt auf das Thema Lichtverschmutzung, denn obwohl die meisten Angebote frei in ihrer thematischen Ausrichtung sind, gibt es auch einige Spezial-Dienstleister mit medizinisch-wissenschaftlichem Fokus. Bei ihrer Anfrage bittet Lisa Srikiow um Hinweise zu Gesprächspartnern sowie Informationen zu Studien und Projektgruppen. Und das kam dabei heraus ...

Der Newcomer: Recherchescout.de

Mit Kai Oppel und Martin Fiedler stehen zwei ehemalige Wirtschaftsjournalisten hinter Recherchescout. Ihr Geschäftsmodell basiert auf der Theorie: Journalisten wollen Informationen, Unternehmen Öffentlichkeit. Da erstere tendenziell weniger Ressourcen haben, können sie ihre Anfrage über das Portal streuen. Unternehmen wiederum bezahlen dafür, ihre Themen zu lancieren. Und nicht nur das, sie müssen Spielregeln einhalten.

Recherchescout erklärt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Die Unternehmen dürfen die Anfragen nicht weiterleiten. Material, das nichts mit der Anfrage zu tun hat, darf ebenfalls nicht an die Journalisten verschickt werden. Außerdem sind die Journalisten nicht dazu verpflichtet, das Material zu verwenden. Nach Ablauf des Rechercheauftrags dürfen sie zudem nicht weiter mit Pressematerial "versorgt" werden. So ausführlich formuliert das keine der anderen Plattformen.

Um das Angebot, das seit September 2013 als Beta-Version auf dem Markt ist, nutzen zu können, muss man sich registrieren und als Journalist ausweisen. Das Formular für die konkrete Anfrage ist schnell ausgefüllt: Der Journalist schildert sein Anliegen und gibt an, was bereits zum Thema recherchiert wurde, dazu die Deadline.

Leider kann man als Journalist nicht sehen, welche Unternehmen sich bei Recherchescout beteiligen. Das soll auch so bleiben, aus "geschäftlichen Gründen". Die Antwort eines Empfängers kommt nur wenige Stunden später. Es ist ein Unternehmen, das die Milch von Kühen vertreibt, die bei langwelligem Licht gehalten werden. Was das nun konkret mit Lichtverschmutzung zu tun hat, bleibt vage. Natürlich will der Unternehmenssprecher Öffentlichkeit für sein Produkt. Aber er leitet immerhin auch ein paar interessante und kritische Artikel weiter.

Fazit: Sinnvolle Spielregeln, schnelle Antwort, ein paar interessante Artikel zum Weiterrecherchieren

Der Klassiker: idw-online.de

Es war vor etwa 20 Jahren, da saßen die Pressesprecher einiger Hochschulen beisammen und machten sich Gedanken. Ihr Problem: Wie bringen wir unsere Informationen leichter unter Journalisten? Geboren war der Informationsdienst Wissenschaft, kurz idw.

Was mit einem einfachen E-Mail-Dienst für Journalisten begann, ist heute ein eingetragener Verein mit mehr als 900 Mitgliedern, darunter Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Deren Pressemitteilungen, Termine und Veröffentlichungen verschickt der idw. Auf der Plattform gibt es neben einer Archivsuche auch eine Expertenvermittlung und Expertenlisten.
Die Archivsuche ist praktisch, um einen ersten Überblick zu bekommen. Das Schlagwort Lichtverschmutzung ergibt mehr als 60 Treffer, elf davon aus dem vergangenen Jahr. So bekommt man immerhin ein paar erste, schnelle Ergebnisse. Über den Expertenmakler lässt sich – wie auch bei Recherchescout – eine konkrete Anfrage stellen, die der idw dann an seine Mitglieder rausschickt.

Bereits nach ein paar Stunden trifft die erste Nachricht ein, letztlich bleibt es bei fünf Antworten. Gleich mehrere Forscher und Mitarbeiter aus dem Verbund Verlust der Nacht melden sich und bieten Kontakte zu Wissenschaftlern an. Der Forschungsverbund war schon bekannt, um den kommt man bei dem Thema nicht herum. Trotzdem ist die Hilfe des idw nützlich: Schon bei der Vorrecherche tauchte immer wieder der Name eines amerikanischen Wissenschaftlers auf, der die gesundheitlichen Folgen von Licht untersucht. Seine Studie liegt nun als PDF vor, wie auch ein umfassender Sammelband des Bundesamts für Naturschutz. Das zusammen ergibt einen guten Überblick über die Facetten der Lichtverschmutzung – von ökologischen Konsequenzen hin zu den Grundlagen der Chronobiologie.

Fazit: Fazit: Hilfreiche Archivsuche, aktuelles Hintergrundmaterial, die üblichen Ansprechpartner

Die Kollegen: Medien-Doktor.de

Keine Registrierung, keine Onlinemaske. Die Kontaktaufnahme zum Medien-Doktor Pro erfolgt per Mail oder Telefon. Das Portal betreibt der Fachbereich Wissenschaftsjournalismus der Technischen Universität Dortmund. Anfangs bewerteten die Macher von medien-doktor.de lediglich Artikel zu wissenschaftlichen Themen nach journalistischen Kriterien. Anscheinend gab es genug Verbesserungspotenzial, denn nun bekommen Journalisten bei ihrer Vorabrecherche tatkräftige Unterstützung – unter Wahrung des Redaktionsgeheimnisses, verspricht das Portal. Medien-Doktor Pro will so die Qualität des Wissenschaftsjournalismus verbessern. Als Gegenleistung soll man allerdings veröffentliche Artikel als Nachweis einreichen.

Ein Anruf genügt: Der Kollege, ein Wissenschaftsjournalist, ist hilfsbereit. Er hakt nach, was bereits in Erfahrung gebracht wurde, und fragt, bis wann man die Ergebnisse brauche. Der erste (und einzige) persönliche Kontakt bei diesem Test ist freundlich. Trotzdem bleibt ein merkwürdiges Gefühl. Nicht nur deshalb, weil man seine Rechercheidee einem Fremden mitgeteilt hat. Man lässt außerdem einen Kollegen die eigene Arbeit erledigen. An einem Freitagnachmittag.

Aber die Ergebnisse überzeugen: Früher als angekündigt meldet sich Medien-Doktor Pro. Er vermittelt einige anscheinend bewährte Kontakte. Auch die persönliche Einschätzung des Wissenschaftsjournalisten ist wertvoll: Es gebe zwar plausible Zusammenhänge für eine schädliche Wirkung von Lichtverschmutzung, nur die empirischen Beweise fehlten.

Fazit: Schnelle Antwort, überzeugendes Ergebnis

Das Sprachrohr: Medicalpress.de

Hinter Medicalpress steht ein PR-Unternehmen aus Baden-Württemberg. Wer sich registriert, kann auch die Schwesterportale Fashionpress, Beautypress und Livingpress nutzen. Medicalpress bündelt Pressematerial, das Pharmazieunternehmen bereitgestellt haben – also Pressemitteilungen, Informationen über neue Produkte sowie Bild- und Videomaterial. Auch hier gibt es die Möglichkeit, konkrete Anfragen zu stellen. Erhält man nach einer Woche keine Antwort, wird die Anfrage gelöscht. Ergebnisse brachte diese Recherche jedoch nicht. Auch die Suche im Archiv blieb ohne Erfolg.

Tatsächlich kommt diese Plattform recht werblich daher: Zahlreichen Marken der Pharma- und Kosmetikindustrie wird viel Platz eingeräumt. Wer nach bestimmten Produkten der Branche sucht, wird hier sicher schnell fündig. Für die Recherche in Sachen Lichtverschmutzung ist das jedoch nicht besonders hilfreich. Um Medicalpress nutzen zu können, muss man zudem nicht nur Nutzernamen und E-Mail-Adresse, sondern auch die gesamte Anschrift angeben. Das ist unangenehm. Noch störender ist allerdings, dass man nach der Registrierung mehrmals täglich E-Mails mit "Produktinformationen" erhält.

Fazit: Kein Rechercheerfolg, nervige Werbung im Posteingang, mulmiges Gefühl

Die Internationalen: ResponseSource.de

Seit Mai 2013 ist das Portal ResponseSource auch in Deutschland und Frankreich auf dem Markt. Dahinter steckt das Medienunternehmen DWPub, das bereits in Großbritannien einen Recherchedienst etabliert hat. Außerdem bietet DWPub noch eine Mediendatenbank, eine Datenbank mit Kontakten zu freien Journalisten sowie den Versand von Pressemitteilungen an. ResponseSource ist neben Mediendoktor das einzige Portal im Test, bei dem man sich nicht dauerhaft registrieren muss. Die Geschäftsidee funktioniert ähnlich wie bei Recherchescout. Die Anfrage wird direkt gestellt, Name und eine E-Mail-Adresse reichen als persönliche Angaben. Danach heißt es: zurücklehnen und abwarten.

Pünktlich – einen Tag vor Ablauf der Frist – meldet sich ein Astrophysiker aus Wien. Allerdings wird jemand gesucht, der sich mit den gesundheitlichen Folgen von Lichtverschmutzung auseinandersetzt – ob hier ein Physiker helfen kann? Auf Anfrage empfiehlt der Experte einen Kollegen aus der Schweiz, der sich mit dem menschlichen Biorhythmus beschäftigt. Beide sind Autoren in einem Buch zum Thema Lichtverschmutzung. Das könnte tatsächlich interessant sein. Außerdem meldet sich eine Mitarbeiterin von ResponseSource und bittet um Feedback. Auf die Frage, ob man mehr über die teilnehmenden Unternehmen erfahren könne, antwortet sie, dass man auch das in Zukunft anbieten wolle.

Fazit: Keine Registrierung, schnelle Antwort, vielversprechende Kontaktvermittlung

Und was kam raus?

Neun Antworten, sechs Links, 13 Studien und sechs Kontakte – das sind die Ergebnisse der fünf getesteten Rechercheplattformen. Am überzeugendsten war die Unterstützung von Medien-Doktor Pro mit zahlreichen Studien, einer eigenen Einschätzung und ausgesuchten Kontakten. Auch die Suche über den idw war hilfreich: Sie ging zwar nicht sehr in die Tiefe, verschaffte allerdings einen guten ersten Überblick.

Recherchescout und ResponseSource liegen im Mittelfeld: Die Plattformen lieferten zwar schnelle Antworten, die passen aber nicht so richtig zur Recherchefrage. Medicalpress enttäuschte: Statt wirklicher Inhalte liefert die Seite vor allem Produktinformationen.

Verlässt man sich allein auf einen Anbieter, läuft man natürlich Gefahr, eine einseitige Recherche zu bekommen. Auch die Tatsache, dass Unternehmen und Journalisten enger aneinanderrücken, hinterlässt einen Beigeschmack. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, besonders nützlich war es bei dieser Recherche jedoch nicht. Viel vertrauenerweckender und hilfreicher war da die Einschätzung von Medien-Doktor Pro – allerdings muss die TU Dortmund mit dem Portal auch kein Geld verdienen. Schade ist, dass dieses Angebot nur für medizinische Themen zur Verfügung steht.

Es empfiehlt sich also, mehrere Portale zu nutzen. So kann man vergleichen, ob bestimmte Studien oder Experten häufiger genannt werden, ob es widersprüchliche Meinungen zum Thema gibt oder in gewissen Fragen Konsens herrscht. Gerade wer noch unsicher auf einem bestimmten Themengebiet ist, gewinnt so etwas mehr Sicherheit. Allerdings können Journalisten wohl nicht darauf verzichten, eine eigene Recherche zu starten und die Rechercheplattformen nur für Teilaspekte einer Geschichte einzusetzen. Denn letztlich gibt wohl kein Journalist gern seine Ideen und Vorhaben raus – ein mulmiges Gefühl bleibt.

Die Autorin

Lisa Srikiow arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie bloggt auf lisasrikiow.wordpress.com.

 

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

17.12.2013 13:16

Fritz Meier

Hallo Herr Bartsch,

stimme ich nicht ganz zu. Folgt man dieser Logik, dann dürften Sie auch niemanden befragen, der bei einer Firma angestellt ist oder in einer Uni arbeitet, die von einem Unternehmen gesponsort wird. Zumal es ja (hoffentlich) nicht um eine 1:1 Übernahme von Informationen geht, oder?

Ich sehe es als hilfreiche Werkzeuge, um meinen Kontaktkreis zu erweitern. Dass ich dennoch mein Hirn eingeschaltet lassen muss, um die Werbeantworten von relevanten Informationen zu trennen, das versteht sich von selbst.

13.12.2013 11:23

Günter Bartsch

Das eigentliche Problem kommt leider gar nicht richtig zur Sprache: Das Geschäftsmodell von Responsesource und Recherchescout ist ja so, dass man nur jene Experten vermittelt bekommt, die dafür auch bezahlen (können). Wer zahlt, erkauft sich also Einfluss auf die Berichterstattung. Wer sich auf so etwas einlässt, arbeitet nicht journalistisch.

 
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