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Autor

Olaf Wittrock

verfasst am

23.08.2012

im Heft

journalist 7/2012

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Wer die Tricks aus der Buchhaltung kennt, kann Konzernen unangenehme Fragen stellen.

Redaktionswerkstatt

7 Bilanztricks, die Journalisten kennen sollten

Was verrät der Jahresabschluss tatsächlich über Vermögen, Finanzen und den Gewinn einer Firma? Wie können Unternehmen ihre wirtschaftliche Lage verschleiern? Und wo verläuft die Grenze zwischen Schönrechnen und Fälschen? Sieben Tricks zur Bilanzanalyse zeigen, worauf Journalisten in den Zahlenkolonnen achten sollten.

Vorab eine Entwarnung: Jahresabschlüsse sind kein Hexenwerk, sondern Ergebnis ordentlicher Buchführung. Fast jedes Unternehmen muss sie erstellen – und je nach Größe auch veröffentlichen, in Auszügen oder sogar vollständig im elektronischen Bundesanzeiger. Dazu gehört neben der Bilanz, die nur einen Einblick in die Vermögenslage der Firma gewährt, auch die für Beobachter weitaus aufschlussreichere Gewinn- und Verlustrechnung (GuV). Dazu kommt noch ein Anhang mit mehr oder weniger hilfreichen Erklärungen zu allen möglichen Zahlen. Außerdem der teilweise opulente Lagebericht, der zusammenfasst, wie das Jahr gelaufen ist, und der – vor allem bei großen Konzernen – regelmäßig mit allerlei PR- und Imageteilen angefüttert wird.

Aufmachung und Umfang des Jahresabschlusses geben bereits Hinweise darauf, was einen im Innern erwartet – und ob es überhaupt lohnt, sich näher mit ihm zu befassen. Denn Bilanzen dienen höchst unterschiedlichen Zwecken, und deshalb sind sie auch für Journalisten nicht immer gleich brauchbar. Die Regel: Kleinere Mittelständler geben nur preis, was unbedingt sein muss – und das ist häufig nicht sehr aussagekräftig. Außerdem optimieren sie ihren Jahresabschluss typischerweise für das Finanzamt – rechnen ihren Firmenerfolg also möglichst steuersparend klein. Wie es diesen Betrieben wirklich geht, lässt sich aus den verkürzten Abschlüssen im Bundesanzeiger kaum erkennen.

Ganz anders sieht die Sache bei Konzernen aus, die stark in der Öffentlichkeit stehen. Für sie ist der Jahresabschluss nicht nur das wichtigste Dokument zu ihrer wirtschaftlichen Lage. Sie nutzen die Zahlen auch, um sich gegenüber Kunden, Finanziers und Konkurrenten zu positionieren. Bei börsennotierten Gesellschaften ist das sogar Pflicht – und es hat nach vorgeschriebenen europäischen Standards (IFRS) zu erfolgen, die von der deutschen Steuer- und Handelsbilanz übrigens abweichen können.

Es ist meist gar nicht so schwer, aus den Begleittexten im Lagebericht und der Art der Präsentation herauszulesen, ob ein Unternehmen nun gerade die eigene Ertrags- und Vermögenslage besonders positiv darstellen möchte oder den eigentlich überragenden Erfolg kleinredet. Konkrete Hinweise für das eine wie andere finden sich dann womöglich im eigentlichen Abschluss und im Anhang des Jahresabschlusses. Wer die folgenden Tricks der Buchhalter kennt, kennt zwar immer noch nicht die wahre Lage des Konzerns – kann aber zumindest unangenehme Fragen stellen.

Für die Steuer arm rechnen

Für die meisten Bilanzen interessiert sich zuallererst das Finanzamt, denn was nach den Regeln der Buchführung am Ende als Gewinn verbleibt, ist maßgeblich für die Ertragsbesteuerung. Kein Wunder, dass gerade kleinere Unternehmen ihren Erfolg für die Steuerbilanz klein rechnen. Wie das geht? Durch so schöne handwerkliche Kniffe wie Verlustvorträge, Rückstellungen oder Wertberichtigungen --> 7. Letztlich ist das alles ein Job für Profis und teilweise so kompliziert, dass man es als Laie kaum durchblickt – schon gar nicht aber mit einem Blick auf eine Bilanz, die bestenfalls das Ergebnis "gestaltender Steuerberatung" präsentiert.

Fazit: Bilanzgewinne sind gerade bei kleineren Unternehmen steuerlich optimierte Zahlen ohne weitere Aussagekraft. Als Maßstab für Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens taugen sie jedenfalls nicht. Wer wissen will, wie es einer Firma wirklich geht, braucht schon ein bisschen mehr an Informationen. Zum Beispiel eine Kapitalflussrechnung --> 5.

Ausgaben als Anschaffung buchen

Das Wort "Abschreibung" löst bei Laien oft Verwirrung aus – denn es trägt eine doppelte Bedeutung. Umgangssprachlich meint man damit wohl eher, was der Profi "Werte berichtigen" --> 7 nennt. Man findet sich damit ab, dass ein Kunde seine Rechnung nicht mehr zahlen wird oder dass sich die neue Maschine als Fehlkauf entpuppte. Buchhalter verstehen unter "abschreiben" etwas anderes, nämlich die Tatsache, dass fast alles im Lauf der Zeit an Wert verliert. Kauft man etwa für die Firma einen neuen Drucker, dann schafft man technisch gesehen einen Vermögenswert an. Hält der fünf Jahre, braucht man danach einen neuen. Rein rechnerisch sinkt der Wert des Druckers also jedes Jahr um 20 Prozent. Das ist genau der Wert, den man dann Jahr für Jahr "abschreibt".

Spannend wird die Sache allerdings bei der Frage, was eigentlich eine Investition in einen Vermögenswert ist – und was schlicht eine laufende Ausgabe für das Geschäft. Ein typisches Beispiel dafür sind Entwicklungskosten, etwa in der Autoindustrie: Haben die nun direkt mit dem Geschäft zu tun, sind also einfache Ausgaben? Oder schafft das Unternehmen damit zusätzliches Know-how, und damit Vermögen? Im ersten Fall wird der zusätzliche Kostenblock den Gewinn schmälern. Im zweiten Fall würde dagegen ein neuer Wert in der Bilanz geschaffen – und der Gewinn würde nur durch die Zinsen für Kredite geschmälert, die das Unternehmen für die Entwicklungsarbeit aufnimmt, und später dann durch Abschreibungen.

Klingt komisch? Wie verlockend diese Überlegungen aus Sicht eines Buchhalters sind, zeigt einer der größten Bilanzskandale der Geschichte, der vor zehn Jahren die Märkte erschütterte. In der Bilanz des US-Telefonkonzerns Worldcom hatte man damals mehr als elf Milliarden US-Dollar falsch verbucht und so Schulden versteckt. Worldcom hatte unter anderem Gebühren für die Nutzung fremder Netze als Investitionen deklariert und so Milliardengewinne vorgetäuscht.

Fazit: Abschreibungen sind nicht per se verdächtig, sondern eine ganz normale Rechenoperation. Allerdings lohnt es, die wesentlichen Vermögensgegenstände in einer Bilanz einmal zu hinterfragen – vor allem, wenn Anlagevermögen und Kapitalkosten in einem Unternehmen deutlich stärker wachsen als die laufenden Betriebsausgaben.

Kosten großzügig schätzen

Eine Bilanz hat stets zwei Seiten: Auf der Passivseite steht, woher das Kapital in einem Unternehmen stammt, und auf der Aktivseite steht, in welchen Vermögenswerten es steckt. Aktiva bestehen einerseits aus dem Anlagevermögen wie Gebäude und Maschinen, andererseits aus dem sogenannten Umlaufvermögen, zu dem Vorräte genauso zählen wie offene Forderungen, das Geld in der Kasse und auf der Bank. Unterm Strich steht also das gesamte Vermögen des Unternehmens.

Tatsächlich? In der Praxis hat die Bilanzsumme leider nur eine ziemlich geringe Aussagekraft. Und das liegt unter anderem daran, dass sich der Wert vieler Aktivposten gar nicht so leicht bestimmen lässt. Bestes Beispiel dafür ist der Wert des eigenen Lagers: Was die Vorräte wirklich wert sind, weiß man ja erst, wenn man sie verkauft hat – bis dahin muss man schätzen. Legt man dazu nun Anschaffungspreise zugrunde oder zum Beispiel die eigenen Herstellungskosten? Und rechnet man dort einen Gemeinkostenanteil dazu oder bloß Material und Arbeitsstunden? Unternehmen haben hier je nach Bilanzregeln die Wahl zwischen ganz unterschiedlichen Methoden. Ein anderes Beispiel sind sogenannte immaterielle Vermögensgüter – wirtschaftlich nützliche Firmenwerte also, die man nicht anfassen kann: Marken, Patente, Lizenzen. Ob die nun in der Bilanz auftauchen oder nicht, das handhaben die Bilanzregelwerke ganz unterschiedlich. Ein grundsätzliches Problem besteht aber immer: Wie soll man wissen, was der Name Apple wert ist, solange man ihn nicht verkauft? Wer bilanziert, schätzt also ziemlich oft.

Fazit: Die Bilanzsumme ist kein Maßstab für die Substanz eines Unternehmens und schon gar nicht geeignet für den Vergleich mit anderen Unternehmen. Denn viele Aktivposten sind geschätzt – oder tauchen erst gar nicht auf.

Die Bilanz verkürzen

Dazu kommt ein weiterer Umstand, der vor allem die Passivseite der Bilanz berührt, also die Kapitalherkunft. Wer Gebäude oder Maschinen kauft, muss diese Anschaffungen ja irgendwie bezahlen, und wenn das Eigenkapital dazu nicht reicht, müssen Kredite her. Darunter leidet die so oft beschworene Eigenkapitalquote – ein Maß dafür, wie viel des Firmenvermögens aus eigenen Mitteln stammt und wie viel umgekehrt der Bank gehört.

Grundregel: Je niedriger die Eigenkapitalquote, umso riskanter und damit teurer ist der Bankkredit. Deshalb bauen viele Unternehmer ihre Hallen nicht mehr selbst und kaufen auch keine Maschinen mehr, sondern mieten oder leasen sie. Sie bilden gar kein großes Eigentum, haben also auch keine sonderlich hohe Bilanzsumme. So kommen sie vergleichsweise leicht auf eine hohe Eigenkapitalquote.

Fazit: Gerade Bilanzen von Mittelständlern sollen in erster Linie der Bank gefallen. Über die Güte des Unternehmens sagt die Bilanzsumme allein daher wenig aus.

Den Cashflow glätten

Die eigentliche Musik spielt beim Jahresabschluss in der Gewinn- und Verlustrechnung sowie im Kapitalfluss, Neudeutsch der Cashflow-Rechnung. Letztlich soll der Cashflow eines Unternehmens zeigen, wie viel Geld ein Unternehmen aus eigener Kraft erwirtschaftet und damit frei zur Verfügung hat. Grob gesagt steckt dahinter eine simple Einnahmen-Ausgaben-Rechnung. Die interessiert in der Praxis viel häufiger als bilanzielle Vermögensfragen – denn sie ist das entscheidende Maß für den wirtschaftlichen Erfolg. Allerdings ist der Cashflow mit Vorsicht zu genießen, denn der Begriff kann ganz Unterschiedliches meinen. Bilanzen nach internationalen Standards unterscheiden den Cashflow aus operativer Tätigkeit von Investitions- und Finanzierungstätigkeit. Entscheidend für den Firmenerfolg ist vor allem, wie viel Cash das operative Geschäft produziert.

Kein Wunder, dass Unternehmen eine Menge dafür tun, um eben diesen Cashflow zu "optimieren" und möglichst zu glätten, also den Erwartungen der Öffentlichkeit anzupassen. Möglichkeiten dafür gibt es einige. So wandern zum Beispiel Rohstoffe gegebenenfalls von der operativen in die investive Tätigkeit --> 2. Gehörig durcheinander gerät die Cashflow-Rechnung auch durch Zukäufe anderer Firmen. Denn die Kosten dafür tauchen nur beim finanziellen beziehungsweise investiven Cashflow auf. Der operative Cashflow dagegen steigt, denn er profitiert von den zusätzlichen Erträgen einer übernommenen Firma.

Fazit: Der operative Cashflow zeigt an, wie viel ein Unternehmen aus eigener Kraft verdient – das kommt einem Maß für den Firmenerfolg ziemlich nah. Allerdings können vor allem Firmenübernahmen das Bild verzerren.

Sich erfolgreich rechnen

Anders als vor dem Finanzamt --> 1 wollen viele Unternehmen an der Börse gern erfolgreich sein – und Investoren mit Erfolgsmeldungen überzeugen. Die produziert man natürlich am besten durch Gewinn oder – wie Kaufleute sagen – durch das "Ergebnis" der Gewinn- und Verlustrechnung. Also durch das, was übrig bleibt, wenn alles bezahlt ist. Dieses Ergebnis lässt sich wunderbar in Beziehung setzen zu anderen Bilanzkennzahlen. So lassen sich Umsatz- und Eigenkapitalrenditen berechnen, Gewinne pro Aktie oder auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis, also das Ergebnis im Vergleich zum Börsenwert. All das lässt sich dann mit anderen Unternehmen derselben Branche vergleichen – und gibt einem ein Maß dafür, wie der Erfolg einzuschätzen ist.

Jedenfalls theoretisch. Praktisch ist auch dabei große Vorsicht geboten, denn die Ergebnisrechnung ist offen für allerlei Rechenspiele und Manipulationen. Unternehmen können nicht nur Ausgaben verschieben oder anders bewerten, die den Gewinn schmälern. Sie können auch Anlagevermögen neu bewerten und stille Reserven heben oder Vermögensteile verkaufen, um das Ergebnis in ihrem Sinne zu verändern – und die Börsianer auch dann nicht zu enttäuschen, wenn es mal schlechter lief als erwartet.

Die Spielmasse erhöht sich, wenn nicht mehr das Endergebnis im Fokus steht, sondern angepasste Ergebniskennzahlen. Die international bekannteste ist das EBIT, Kurzform für "earnings before interest and taxes", zu Deutsch: Ergebnis vor Zinsen und Steuern. Die Idee: Unternehmen zahlen unterschiedlich hohe Steuern, die sich oft schon von Stadt zu Stadt unterscheiden, auch die Zinsen für Kredite sind je nach Region und Bank unterschiedlich hoch. Für das EBIT rechnet man diese Aufwände also aus dem Endergebnis heraus – und bekommt so eine besser vergleichbare Zahl für den eigentlichen Firmenerfolg – denn für Steuern und Zinsen können Unternehmen ja nichts.

Das stimmt allerdings nicht so ganz: Erstens sind Zinsen zu guten Teilen von der Bonität der Firma abhängig und zudem gerade bei Firmen, die stark wachsen und viel zukaufen, oft so hoch, dass sie das EBIT deutlich übersteigen, so dass sich ein Verlust hinter einem positiven EBIT verstecken lässt. Zweitens sind Steuern schlicht Ausgaben, die zu bezahlen sind, genau wie alle anderen Kosten. Das EBIT allein ist also kein geeigneter Maßstab für Erfolg.

Noch wilder wird die Rechnung beim EBITDA, für das Buchhalter neben Steuern und Zinsen auch noch Abschreibungen auf das Anlagevermögen herausrechnen. Man tut also so, als sei ein Ergebnis zustande gekommen ohne jeden Maschinenverschleiß. Das ist je nach Branche eine ziemlich gewagte Betrachtung – führt aber nochmals dazu, dass die Konzernchefs höhere Ergebnisse vermelden können. Und noch höher werden die womöglich, indem man das EBITDA "korrigiert" oder "adjustiert".

Dazu rechnen die Bilanzprofis auch noch solche Kosten heraus, die ihrer Meinung nach einmalig oder außergewöhnlich sind, etwa große Investitionen, Übernahmen, Wertberichtigungen oder Restrukturierungskosten – also Ausgaben für die Sanierung eines Unternehmensteils. Auch hier gilt bei nüchterner Betrachtung: Kosten sind Kosten. Egal wie oft oder warum sie anfallen mögen. Ein "um Sondereinflüsse bereinigtes EBITDA" ist jedenfalls keine sonderlich aussagekräftige Bilanzgröße mehr.

Und weil ihnen der Erfolg damit nicht hoch genug ist, erfinden Unternehmen sogar immer neue Ergebniskennziffern – das verbietet niemand. So vermeldeten manche Unternehmen schon vor gut zehn Jahren Ergebnisse vor Marketingausgaben, argumentierten, die Werbung sei genau wie Zinsen kein Teil ihres eigentlichen Geschäfts.

Ähnlich kreativ zeigte sich kürzlich der Online-Gutschein-Verkäufer Groupon. Für den Verkaufsprospekt vorm Börsengang berechnete Groupon ein "adjusted CSOI". Das steht für "adjusted consolidated segment operating income", zu Deutsch etwa "bereinigtes konsolidiertes Ergebnis der Geschäftstätigkeit der Segmente". Dahinter steckt ein Ergebnis, das weder die Kosten für Aktienbeteiligungen der Beschäftigten enthält (daher "bereinigt"), noch die Kosten für die Kundengewinnung. Das ist einigermaßen absurd, besteht das Groupon-Geschäft doch zu großen Teilen aus Telefonakquise. Wer genauer in die Bilanz schaut, erkennt: Während Groupon laut "adjusted CSOI" im Jahr 2010 immerhin 81,6 Millionen US-Dollar Gewinn vermeldete, lagen allein die Akquise- und Marketingausgaben im selben Jahr bei 263,4 Millionen US-Dollar.

Fazit: Der Gewinn ist im Geschäftsbericht stets das, was ganz am Ende rauskommt – also das Ergebnis einer langen Rechnung. Und die ist anfällig für allerlei Tricks und Kniffe. Weshalb modernen Ergebniskennzahlen wie dem EBITDA nicht zu trauen ist. Wer wissen will, ob ein Unternehmen gute Geschäfte macht, ist mit einem Blick auf den Cashflow --> 5 weitaus näher an der Realität.

Werte berichtigen

In jüngerer Zeit stehen sogenannte Wertberichtigungen häufiger im Blickpunkt der Berichterstattung – vor allem bei Banken. Das Wort ist eine schöne Umschreibung für das, was im Volksmund "eine Sache abschreiben" heißt. Es geht also schlicht darum zuzugeben, dass ein Häuslebauer seinen Kredit wohl nicht mehr zurückzahlen wird, oder dass man die Griechenland-Anleihe wohl kaum mehr zu dem Preis verkauft bekommt, den man dafür mal bezahlt hat. Weil in Bilanzen die meisten Vermögenswerte zunächst mit dem Anschaffungspreis bewertet sind, entsteht in solchen Fällen ein Missverhältnis zwischen Schein und Sein, das sich nur über die Wertberichtigung korrigieren lässt.

Das klingt sinnvoll – schafft aber für Bilanztrickser auch Spielräume. Ist der Immobilienkredit tatsächlich wertlos? Wie groß sind die Verlustrisiken mit griechischen Staatsanleihen wirklich? Soll man vorsorglich auch schon spanische Anleihen "wertberichtigen"? Das alles sind Ermessensfragen – und weil auch das Bilanzrecht nicht weiß, was in der Zukunft passiert, erlaubt es sowohl pauschale Abschläge als auch Einzelwertberichtigungen auf besonders große faule Posten in der Bilanz. Umgekehrt ist es auch möglich, Vorsorge für künftige Ausfälle zu betreiben, also Polster zu bilden, sogenannte Rückstellungen. Die muss man zwar möglicherweise wieder auflösen, wenn der Schuldner später doch noch zahlt. Zwischendurch lässt sich damit aber hervorragend die Bilanz verändern. Ohne dass eigentlich etwas passiert wäre.

Eine besondere Form der Wertberichtigung ist jene auf den sogenannten Goodwill. Das ist eine der merkwürdigsten Bilanzpositionen überhaupt, und sie entsteht durch Übernahmen. Kauft man nämlich eine andere Firma, dann ist diese möglicherweise mehr wert, als ihre Bilanzsumme oder der Kaufpreis erahnen lassen. Schließlich kauft man andere Firmen in der Regel genau deshalb, weil man mehr Erträge damit erzielen will. Man erwirbt also zusätzlich einen immateriellen Firmenwert, eben den Goodwill. Wie hoch der ist, weiß nun wahrlich niemand – trotzdem ist der Wert irgendwie da. Also schätzt man den Goodwill – und schreibt diesen Wert in die Bilanz.

Stellt sich dann im Lauf der Zeit heraus, dass man mit etwas zu viel gutem Willen bei der Sache war, sich der Kauf also als Fehlkauf herausstellte, dann muss man den Goodwill korrigieren. So entstehen Verluste auf ein rein virtuelles Vermögen. Ein wunderbares Spielzeug für Bilanzjongleure.

Fazit: Mit Hilfe von Wertberichtigungen können große Unternehmen sich ärmer rechnen als sie sind. Da die Verluste daraus fast immer nur grob geschätzt sind, lohnt ein Blick in den Anhang – und eine kritische Nachfrage beim Finanzchef.

Über den Autor

Olaf Wittrock ist Partner im Kölner Wirtschaftsjournalistenbüro wortwert.

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Aktuelle Kommentare zu diesem Text

26.12.2012 21:28

Peter Lustig

Ich finde es erstmal gut, dass man sich mit einem solch interessanten Themenkomplex beschäftigt. Aber was hier "erklärt" wird, liegt nicht weit über dem Niveau eines Schulbuchs!!

25.08.2012 02:02

Stefan Schroeter

Als freier Wirtschaftsjournalist, der sich immer wieder durch ziemlich nebulöse Geschäftsberichte arbeitet, bin ich für solche sachkundigen und leicht verständlich geschriebenen Aufklärungsbeiträge ausgesprochen dankbar. Sie tragen dazu bei, diese "Geheimwissenschaft" etwas zu entschleiern.

24.08.2012 10:46

Stefan Kreuzer

Zumindest weiß ich jetzt, warum die meisten Journalisten in wirtschaftlichen (und sonstigen) fachspezifischen Themen so erschreckend ahnungslos sind: Sie werden von "Informationsquellen" wie diesen hier "gebildet"

24.08.2012 09:20

Bertram Scudder

Investigativtechnisch interessant wäre es für den Normalbürger ja mal zu erfahren, wie trickreich eigentlich Journalisten ihre Bilanzen, ihre Spesenabrechnungen und ihre Steuererklärungen so drehen und biegen, dass sie sich davon locker ein 120 qm² Loft am Kollwitzplatz/Prenzlauer Berg, ihre Einkäufe im Bioladen und den nachmittäglichen Besuch bei Starbucks leisten können?! Muss man als erfolgreicher Medienschaffender sicher auch genauso gewieft sein, wie die hinterlistigen Nadelstreifenherren bei den Unternehmen und Konzernen, denn ansonsten wäre das ja wohl kaum möglich, oder?!

 
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