Detail-Informationen

Autor

Hannah Beitzer

verfasst am

16.10.2014

im Heft

journalist 9/2014

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Redaktionswerkstatt

7 Regeln, damit ein Liveblog gelingt

Liveblogs haben unter Journalisten einen ähnlich schlechten Ruf wie Klingeltonwerbung. Aufdringlich, penetrant, inflationär. Dabei kann ein Liveblog mehr sein als nur ein überdrehter Nachrichtenticker in Echtzeit. Er kann informieren und unterhalten, einordnen und erklären. Und so geht's.

+++ Es muss etwas passieren +++

Klar ist: Liveblogs mit der Überschrift "Michael Schumachers Zustand unverändert" kann man sich schenken. Auch wenn sich nach dem Unfall des ehemaligen Formel-1-Weltmeisters viele Leser für seinen Gesundheitszustand interessierten, gilt auch für Liveblogs die simpelste aller journalistischen Regeln: Es muss etwas passieren, über das es sich zu berichten lohnt. Schließlich gehört es zu den wichtigsten Aufgaben eines Journalisten, aus der Fülle an kleinen und großen Meldungen, die im Laufe des Tages in den Nachrichtenkanal tröpfeln, für den Leser diejenigen auszusuchen, die relevant sind. Liveblogs verführen dazu, sie einfach mal vor sich hin plätschern zu lassen, selbst kleinste Nicht-Meldungen zu publizieren, ganz nach dem Motto: Wenn der Liveblog schon mal da ist, kann ja alles rein.

Wann ist ein Liveblog sinnvoll? Meistens dann, wenn in einem bestimmten Zeitraum ein Ereignis die Nachrichten dominieren wird – und dabei so viele tatsächliche Wendungen, Neuigkeiten und Drehs zu erwarten sind, dass diese sich in Echtzeit abwechseln. Die ersten Liveblogs gab es nicht ohne Grund im Sportressort: Ein Fußballspiel dauert mindestens 90 Minuten, und in diesen 90 Minuten interessieren sich die Leser für alles, was auf dem Spielfeld passiert, für die Tore, Pässe und Fehlpässe, für die Leistung einzelner Spieler und die der ganzen Mannschaft. Oder ein TV-Duell: Was sagen die Kandidaten, wie sehen sie dabei aus, wie schlagen sich die Moderatoren? Oder ein Wahlabend: Wie lauten die Hochrechnungen, wie ist die Stimmung in den Parteizentralen, wie die vor den Wahlbüros?
Und was macht man, wenn der Liveblog stockt, nicht genügend Nachrichten reinkommen? Ganz einfach: Überlegen, ob es wirklich live sein muss – oder ob dem Leser mit einem informativen Überblick vielleicht mehr geholfen wäre.

+++ Ein Liveblog braucht Tiefe +++

Wozu braucht man eigentlich einen Liveblog über ein Fußballspiel? Das kann man sich doch im Fernsehen ansehen. Und die Regierungserklärung über die Euro-Krise, die wird doch inzwischen auch live ins Internet übertragen! Das alles stimmt. Deswegen muss in einem Liveblog mehr passieren als nur die Nacherzählung dessen, was gerade für alle sichtbar geschieht.

Die meisten Fußballfans nutzen den Liveblog auf einem Nachrichtenportal eher als Second Screen – sie schauen also das Spiel im Fernsehen an und surfen nebenbei im Internet. Was sie dort suchen? Na, witzige Kommentare, skurrile Anekdoten, aber eben auch Fachwissen und Hintergrundinformationen. Sie wollen auf die Analyse ihres Lieblings-Sportreporters nicht bis nach dem Spiel warten, sondern kleine Kommentare schon während des Spiels erhalten. Damit ähnelt die Aufgabe des Journalisten, der den Liveblog füllt, dem Job eines Fernseh- oder Radiokommentators.

Im Fall der Regierungserklärung wollen die Leser dementsprechend nicht nur wissen, was Angela Merkel gerade wortwörtlich zur Euro-Krise sagt. Sondern auch, wo die Frontlinien innerhalb der Koalition verlaufen, welche Rolle die Opposition spielt, welche Auswirkungen das alles auf Europa hat und warum gerade diese Regierungserklärung für die Kanzlerin wichtig ist – und somit auch wichtig genug für einen Liveblog. Denn die Debatte im Bundestag kann zwar tatsächlich jeder selbst verfolgen – für das Zwischen-den-Zeilen-Lesen jedoch braucht es Experten.

Ein Liveblog kann hinter die Kulissen blicken – wie etwa verläuft im Bundestag der Tag nach den Wahlen? Welche Partei trifft sich wann und wie, wie ist die Stimmung, was wird hinter vorgehaltener Hand geredet? Oder auch: Wie läuft eigentlich so ein ganz normaler Wahlkampftag ab, was passiert zwischen den Fototerminen, wenn gerade keine Hände geschüttelt und Kinder geknuddelt werden?

Im Idealfall kann ein Liveblog sogar einen Krieg erklären – das gelang zum Beispiel vielen angloamerikanischen Medien bei der Ukraine-Krise. Hier wechselten sich Meldungen – stets richtig eingeordnet – mit Kurzanalysen, Augenzeugenberichten und Linktipps ab. Und das alles, ohne überdreht oder redundant zu wirken. Unnötig zu erwähnen, dass der Personalaufwand für so einen Liveblog enorm ist. Es braucht dafür Korrespondenten, die Augenzeugenberichte liefern, Experten, die eine Lage rasch einschätzen, Nachrichtenredakteure, die die Agenturen im Blick behalten, und dann auch noch jemanden, der all das sinnvoll zusammensetzt. Ein guter Liveblog ist eben nicht, wie viele denken, ein bequemer Weg, um mit einer unübersichtlichen Nachrichtenlage umzugehen. Wer sich um die wirklich wichtigen einordnenden Absätze drückt, der hinterlässt beim Leser nichts als Verwirrung.

+++ Bunt soll es zugehen +++

Das Schöne an Liveblogs ist, dass nicht nur ein Autor sein Wissen und seine Beobachtungen einbringen kann, sondern dass mehrere Autoren berichten können – von unterschiedlichen Orten, aus unterschiedlichen Quellen, mit unterschiedlichem Tonfall. Kein Mensch braucht einen Liveblog, der eine reine Textwüste aus Agenturmeldungen ist, in immer demselben Tonfall, mit Informationen, die überall zu haben sind. Für die Basisinformationen, den nachrichtlichen Überblick, reicht eine simple Meldung wirklich aus.

Anders im Liveblog: Hier kann zum Beispiel ein Sportreporter in der Fankurve stehen, ein anderer Statistiken grafisch aufbereiten oder Pass- und Laufwege visualisieren. Oder der Bundestagskorrespondent kann eine Debatte live verfolgen, während sein Kollege die Kommentare auf Twitter im Blick hat und Reaktionen der Oppositionsabgeordneten in den Blog einbauen kann.

Ein weiteres Beispiel: Auch die Olympia-Eröffnungszeremonie in Sotschi hatte viele berichtenswerte Aspekte. Wie spektakulär ist die Show? Welche Band spielt? Wer trägt eigentlich das olympische Feuer? In welchen Disziplinen hat welches Team welche Chancen? Was bedeutet das Ereignis politisch? Ein Liveblog soll bunt und vielfältig sein. Er lebt von unterschiedlichen Stimmen und Sichtweisen.

+++ Auf den eigenen Stil kommt es an +++

Ein Liveblog ähnelt stilistisch eher einem Kommentar oder einer Kolumne als einem reinen Nachrichtenticker. Den richtigen Ton zu treffen, ist gar nicht so leicht. Hier muss jedes Medium selbst entscheiden, was passt und was nicht. Natürlich sieht ein Liveblog im Boulevardjournalismus anders aus als einer auf faz.net. Im Zweifelsfall gilt für den Liveblog: Würde ich eine Formulierung auf keinen Fall in einem Printartikel verwenden, sollte ich auch im Liveblog lieber auf sie verzichten.

Heißt es in meiner Redaktion: no jokes with names – dann sollte ich auch nicht im Liveblog anfangen, Namenswitze zu reißen. Der Liveblog sollte nie zu einer Müllhalde dessen verkommen, was für eine konventionelle Nachricht zu undurchsichtig, zu zweifelhaft, zu unseriös oder zu flach ist. Andersrum gilt: Wenn ich meine Leser für gewöhnlich eher über das Styling und den Speiseplan der Kanzlerin informiere als über ihre Meinung zur Euro-Krise, dann darf der Liveblog zu den Koalitionsverhandlungen auch dementsprechend anders aussehen.

Vor allem geht es nicht ohne den Mut zum Experiment. So liegt es mit Sicherheit nicht gerade auf der Hand, die Schach-Weltmeisterschaft live zu begleiten – denn anders als Fußball ist Schach ja kein Massensport. Aber wenn ein Liveblog dazu so grandios geschrieben ist, wie das im vergangenen Jahr auf Zeit Online der Fall war, dann heißt es: Bitte mehr davon! Sicher kann man sich darüber streiten, ob Literaturkritiker das neueste Werk von J.K. Rowling live rezensieren müssen, wie auf Spiegel Online geschehen – aber warum nicht mal ausprobieren? Auch den täglichen Liveblog Der Morgen auf Spiegel Online, in dem sich große und kleine Meldungen munter abwechseln, kann man verwirrend und kleinteilig finden. Er bietet dem Leser jedoch etwas anderes als pure Information: eine Auswahl dessen, was einem Nachrichtenredakteur im Frühdienst so begegnet – und somit einen Blick hinter die Kulissen der Redaktion.

Neue Formate sollten einmal ausprobiert und im Zweifel auch wieder verworfen werden. Es ist in jedem Fall besser, auf unterschiedlichen Seiten unterschiedliche Dinge zu lesen, als überall dieselben 08/15-Nachrichten. 

+++ Auch für den Liveblog gilt die Sorgfaltspflicht +++

Heißt das jetzt also: In so einem Liveblog kann ich mal so richtig die Sau rauslassen, alles schreiben, was mir gerade durch den Kopf schießt? Natürlich nicht. Die journalistische Sorgfaltspflicht gilt auch für Liveblogs. Verfolgt meine Redaktion also strikt das Zwei-Quellen-Prinzip, dann melde ich auch im Liveblog nur das, was ich aus mindestens zwei Quellen weiß. Auch Nachrichtenagenturen können sich irren – weswegen ich eine Meldung, die mir zweifelhaft erscheint, nie ohne weitere Prüfung übernehmen sollte, ganz nach dem Motto: versendet sich ja ohnehin.

Wenn ich selbst als Reporter vor Ort bin, bedeutet das nichts anderes. Schwirren da plötzlich Gerüchte herum, dass sich Kanzlerin Angela Merkel hinter verschlossenen Türen ganz fürchterlich mit ihrem Vize Sigmar Gabriel gestritten hat, dann muss ich – wie ich das für jede andere Geschichte auch mache – abwägen: Woher kommen die Gerüchte? Kann ich meiner Quelle vertrauen? Welche Interessen könnte sie verfolgen? Auch im Liveblog kann ich meine Leser mit derartigen Informationen nicht alleine lassen, sondern muss sie einordnen und erklären.

+++ Der Moderator ist der wichtigste Spieler +++

Das in der Redaktion vorhandene Expertenwissen, aller Mut zum Experiment und alle sprachlichen Fertigkeiten nützen nichts, wenn es nicht jemanden gibt, der das Geschriebene in eine sinnvolle Struktur gießt. Deswegen ist der Moderator der wichtigste Spieler im Liveblog. Er sollte sich in jedem Fall mit dem Thema des Blogs auskennen und zudem geübt sein im Umgang mit rasch einlaufenden Meldungen. Denn so kommen die Einträge im Liveblog schließlich dort an.

Der Moderator muss entscheiden: Welcher Eintrag taugt als neue Überschrift, was ist eher eine unterhaltsame Anekdote am Rande? Welche Bilder und Tweets sind sehenswert, welche lässt man lieber weg? Doppeln sich Einträge? In welcher Reihenfolge sollen sie einfließen? Das gilt besonders, wenn nicht nur ein Autor allein den Liveblog befüllt, sondern mehrere beteiligt sind. Und noch viel mehr, wenn nicht alle davon in Rufweite voneinander sitzen, sondern einer im Fußballstadion und der nächste in der Fankneipe. Der Moderator muss Fakten checken und die Entwicklung im Blick behalten, er muss Rechtschreibfehler korrigieren und ist für die Dramaturgie des Liveblogs verantwortlich.

+++ Übersichtlichkeit muss sein +++

Überhaupt, die Dramaturgie! Fehlt die Struktur, verwirrt ein Liveblog die Leser mit zu viel Klein-Klein, mit einer raschen Abfolge an schwer verständlichen Nachrichtenfetzen, anstatt tatsächlich einen umfassenden Überblick zu liefern. Dann gehen zwischen lustigen Tweets und Bildern, flapsigen Scherzen oder Blitzanalysen schon mal die tatsächlichen News verloren. Deswegen ist es sinnvoll, die wichtigsten Ereignisse in einem Vorspann über dem eigentlichen Liveblog noch einmal zusammenzufassen – in Form einer kurzen Aufzählung beispielsweise. Auch Zwischenüberschriften können helfen. Kein Leser hat Lust, in einem ellenlangen Liveblog die Information zu suchen, die er gerade braucht. Und: Nicht alles, was sich einer der beteiligten Autoren ausdenkt, muss tatsächlich in den Blog. Hier gilt, was auch für andere Nachrichten gilt: Was nicht interessant genug ist, fliegt raus.

Über die Autorin

Hannah Beitzer ist freie Journalistin und schreibt häufig für süddeutsche.de – auch Liveblogs. Hier geht es zu ihrer Website.

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