Detail-Informationen

Autor

Peter Welchering

verfasst am

21.12.2011

im Heft

journalist 11/2011

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  • Die Journalistin Pia Grund-Ludwig hat mit ihren Kollegen aufgedeckt, wie im Rathaus von Remseck Mails überwacht wurden. Hier gehts zum Rechercheprotokoll.

Wer steckt hinter dem Informanten?

Anonyme Informanten

Googeln reicht nicht

Die Internetrecherche ist immer noch unterentwickelt. Schon das Zurückverfolgen einer IP-Adresse stellt viele Journalisten vor ein Problem. Das beeinflusst mitunter auch die Qualität der Berichterstattung.

Alle großen Medien haben über Amina Arraf berichtet. Amina Arraf – jung, schön, lesbisch und aus Syrien – erzählte Anfang des Jahres in ihrem Blog A Gay Girl in Damascus von der Unterdrückung in ihrem Land, vom Besuch einiger Geheimdienstler und der Flucht mit ihrem Vater. "Sie ist so authentisch", schwärmte ein Kollege eines Nachrichtenmagazins.

Dann entpuppte sich Amina als der wohlbeleibte rotbärtige 40-jährige Doktorand Tom McMaster. Ein Amerikaner, der in Edinburgh lebt. Auf die Schliche gekommen war ihm ein Blogger, der die Internet-Protokoll-Adresse von Amina überprüft hatte. Dabei stellte sich heraus, dass ihr Computer nicht in Damaskus, sondern in Schottland steht. Der Rest war Routine und so manches Qualitätsmedium blamiert, weil sich die Recherchen wohl auf das Anwerfen einer Suchmaschine beschränkt hatten.

Es wird Zeit für einen Paradigmenwechsel im Fach Recherche. Die meisten Journalistenakademien bieten die Disziplin Internetrecherche immerhin an. Auch die Journalismus-Studiengänge führen sie namentlich im Curriculum auf. Doch was darunter zu verstehen ist, welche Methoden und Werkzeuge hier eingesetzt werden, welche "Fähigkeiten und Fertigkeiten" der Rechercheur braucht, das scheint alles noch ziemlich unklar zu sein.

Immerhin taucht auf den gängigen Konferenzen zur Zukunft des Journalismus oder zum Journalismus der Zukunft die Bezeichnung schon als künftiger Beruf auf: Internet-Rechercheur – das ist diesen Konferenzdiskussionen zufolge eine Mischung aus Informatik-Bachelor, schreibendem 007 und in der Redaktion mühsam zivilisiertem Nerd. Vom Alltag in den Redaktionen deutscher Blätter und Sender ist dieses Berufsbild allerdings weit entfernt. Genauso wenig alltäglich ist dort aber auch der Umgang mit simplen Recherchetechniken. Geo-Lokationsdienste, Whois-Abfragen und Tracen – für die meisten Redakteure nur Fremdwörter. Schon der Umgang mit UND, ODER, NICHT beim Formulieren einer Anfrage an eine Suchmaschine sorgt da nicht selten für verständnisloses Kopfschütteln.

Und gar die Zusammenarbeit von Netzwerkspezialisten und Journalisten in einem Rechercheteam gilt vielerorts als undenkbar. "Wir machen hier Zeitung und wollen doch bitte keine Redaktionszelle von Anonymous gründen", wehrte vor wenigen Monaten der Ressortleiter einer Tageszeitung den Antrag auf ein Informationshonorar für einen Informatiker ab. Der Netzwerkspezialist sollte helfen zu beweisen, dass ein öffentlich-rechtliches Bankinstitut Spionagesoftware einsetzt, um Journalisten auszuspionieren.

Die Geschichte kam Mitte September doch noch an die Öffentlichkeit. "HSH Nordbank setzte Detektive auf Journalisten an", titelte der Spiegel, dem ein Bericht des mit der Überwachung beauftragten Sicherheitsunternehmens an die Bank zugespielt worden war. Das hat in der Tageszeitungsredaktion, die dicht an der Geschichte war, natürlich zu Diskussionen geführt. Letztlich begründete der betroffene Ressortleiter seine damalige Fehlentscheidung damit, dass die Geschichte für das Blatt ohnehin eine Nummer zu groß gewesen sei. Und deshalb brauche man auch keine Internetrecherche mit Netzwerkauswertung.

Dabei sind die Anlässe für eine solche Recherche inzwischen alltäglich geworden. Doch selbst Onlineredaktionen und überregionale Medien trauen sich hier oft nicht ran. Weil sie nicht wissen, was zu tun ist, und das auch nicht zugeben wollen. Auf der anderen Seite sind die grundlegenden Werkzeuge für grundlegende Recherchen in der Regel schon in den Redaktionen vorhanden. So kann hier nicht einmal die Ausrede herhalten, das Budget gebe das leider nicht mehr her.

Ein feines Stück investigative Recherche

Die Tübinger Journalistin Pia Grund-Ludwig hat vor zwei Jahren in einem viel beachteten Beitrag im Deutschlandfunk über einen Fall von Mailüberwachung im Rathaus des beschaulichen Orts Remseck berichtet. In den Tagen und Wochen nach Ausstrahlung dieses Beitrags berichteten die lokalen und regionalen Zeitungen, aber auch überregionale Blätter über die Mailüberwachung im Rathaus.

Ausgangspunkt für dieses feine Stück investigativen Journalismus war eine anonyme Mail. Die war einem Kollegen Grund-Ludwigs zugesandt worden. Absender war insider.remseck@eranet.pl (IP-Adressen und URL sind aus Gründen des Informantenschutzes verändert worden). Der Absender schilderte mit technischem Sachverstand, wie im Remsecker Rathaus Mails überwacht werden und mit welchen Methoden die Verwaltung arbeite.

Natürlich interviewte das Rechercheteam um Pia Grund-Ludwig die Personalratsvorsitzende im Rathaus, die auch prompt den schon seit längerem gehegten Verdacht äußerte, dass Dritte ihre Mails mitlesen. Natürlich sprachen die Journalisten mit einem Gemeinderat, dessen Mails über Wochen nur mit Verzögerung vom Rathausserver an ihn weitergeleitet wurden und der darüber sinnierte, welche Filter auf dem Mailserver im Rathaus wohl installiert seien. Und natürlich befragte man Informanten im Rathaus.

Selbstverständlich interessierte sich das Rechercheteam auch für den anonymen Mailschreiber. Es ist bekanntlich nicht unüblich, dass Informanten Journalisten aus sehr persönlichen und nicht immer ehrbaren Motiven einen Tipp geben. Von der Glaubwürdigkeit eines Informanten hängt da eine Menge ab. Um die aber beurteilen zu können, ist es notwendig, seine Identität zu kennen. Hierbei griff Grund-Ludwig auf die Internetrecherche zurück --> hier geht's zum Rechercheprotokoll

Nachdem sich der Informant letztlich geoutet hatte, war klar, dass die Informationen zur Mailüberwachung im Remsecker Rathaus glaubwürdig waren und nun noch mit den klassischen Recherchemitteln überprüft werden mussten. Derartige Internetrecherchen ersetzen also weder die Kreuzrecherche noch die Konfrontation der Betroffenen mit den recherchierten Fakten und die Bitte um Stellungnahme. Das Beispiel zeigt aber auch, dass eine Internetrecherche eine enorme unterstützende Leistung entfalten kann.

Dabei muss jeder recherchierende Journalist selbst entscheiden, wie weit er oder sie beim Einsatz von Hilfsmitteln und Werkzeugen für die Internetrecherche geht. Forensische Werkzeuge wie Wireshark erlauben eine umfangreiche Netzwerküberwachung mit einer detaillierten Analyse aller Verbindungen von und zu einer bestimmten Datenschnittstelle. Mit einer sogenannten Deep-Packet-Inspection einzelner Datenpäckchen können zum Teil sehr vertrauliche Informationen gewonnen werden. Selbst die Überwachung verschiedener Internet-Knotenrechner mit allen darüber versandten Datenpäckchen stellt heute kein wirkliches technisches Problem mehr dar. Letztlich lässt sich mit solchen Mitteln der Netzüberwachung und Auswertung in rein technischer Hinsicht nicht nur ein Persönlichkeitsprofil einer "Zielperson" erstellen, sondern es lassen sich sogar Inhalte von elektronischen Briefen recherchieren. Das darf natürlich keine Recherchemethode von Journalisten sein. Die Mailüberwachung verbietet sich genauso wie das Abhören von Handys.

Welche Werkzeuge sind berufsethisch vertretbar?

Deshalb muss die Diskussion über den Ausbau der Internetrecherche auch von der berufsethischen Diskussion über den Einsatz einzelner Werkzeuge begleitet werden. Die Gefahr, ethische Standards des liberalen Rechtsstaats noch im Rahmen der legalen Möglichkeiten zu verletzen, ist groß angesichts der enormen Leistungsfähigkeit der Methoden und Tools für die Internetrecherche.

Eine solche Diskussion ist notwendig, um konkrete Handlungsempfehlungen für den journalistischen Alltag geben zu können. Denn von der völlig legitimen Verfolgung der IP-Adresse der angeblichen syrischen Bloggerin ist der Schritt zur ethisch mindestens bedenklichen Auswertung des Netzverkehrs an einer Datenschnittstelle, um den Absender einer E-Mail identifizieren zu können, sehr klein.

Deshalb müssen nicht nur investigativ arbeitende Journalisten genau bedenken, was sie tun. Wer feststellt, dass Aminas Blog-Einträge nicht von einem Computer in Damaskus abgesandt wurden, sondern von einem Server in Edinburgh, hat die journalistische Pflicht und das Recht, an die vermeintliche Amina unter dieser IP-Adresse eine Nachricht zu schicken und um ein Telefonat, persönliches Treffen oder weitere Kommunikation zu bitten, um die Identität Aminas klären zu können. Er hat aber überhaupt kein Recht, den Mailverkehr von Amina zu überwachen.

Wer die Methoden von Internetrecherche und forensischer Software kennengelernt hat, wird auch die eigenen Informanten besser schützen können, weil er weiß, wie schnell und einfach Informationen aus dem Netz und von beliebigen Festplatten beschafft werden können. Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste wenden dabei im Übrigen auch nicht unbedingt die ethischen Standards an, denen sich Journalisten in der Regel verpflichtet fühlen.

Wer weiß, wie Internetrecherche funktioniert, wird vertrauliche Mails verschlüsseln, Inhalte investigativer Recherche über ein Anonymisierungsnetzwerk verschicken, die Dateien auf seiner Festplatte nicht unverschlüsselt lassen, brisante Informationen auf externe Datenträger auslagern und sicher unterbringen sowie beim Treffen mit Informanten kein Handy dabei haben, das geortet werden kann.

In diesem Rechercheprotokoll lesen Sie, wie die Journalistin Pia Grund-Ludwig mit ihren Kollegen die Überwachung von Mails im Rathaus von Remseck aufgedeckt hat.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

21.12.2011 08:43

Alexander Baumbach

Danke für den gelungenen Beitrag!

 
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