Detail-Informationen

Autor

René Martens

verfasst am

12.07.2012

im Heft

journalist 7/2012

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  • 30. November 2011: Hinterm Absperrband geht's weiter – Aus dem Alltag eines Fußballreporters weiter

Mehr als 30 Journalisten loggten sich in die Telefonschalte von Dirk Nowitzki ein. Nach 17 Minuten war alles vorbei.

Pseudo-Interviews

Dieses Interview wurde aufgezeichnet von ...

Wer nicht mitmacht, bekommt gar kein Interview. Und so bleibt gerade Sportjournalisten häufig nichts anderes übrig, als sich im Pulk mit anderen Kollegen abfertigen zu lassen – und dann aus dem Wust von Fragen und Antworten ein eigenes Interview zu basteln. Machen sich Journalisten so zum Teil eines Systems, in dem Sportfunktionäre Medieninhalte steuern?

Ein Star, zig Journalisten, wenig Zeit. Es ergeben sich vielleicht nur ein, zwei Gelegenheiten, um eine Frage zu stellen. Die übrigen Kollegen wollen schließlich auch zu Wort kommen. Solche Telefonkonferenzen sind für Journalisten selten erquicklich. Gerade Prominente aus dem Sport und der Unterhaltungsbranche stellen sich aber Journalisten und ihren Fragen gerne am Telefon – und zwar nicht einzeln hintereinander, sondern im Pulk. Wie so etwas im Detail abläuft? Das Prozedere hat David Nienhaus, Sportredakteur beim Onlineportal DerWesten, in seinem Blog Das SportWort kürzlich beschrieben.

In "Die ganze Wahrheit über das Nowitzki-Interview" geht es um eine Konferenz mit dem deutschen Basketballstar Dirk Nowitzki, der in der US-Profiliga NBA spielt: Nienhaus amüsiert sich über die allzu privaten Fragen, die eine Kollegin stellte, und beschreibt, wie er verzweifelt die Stern-Taste drückte, aber dennoch keine seiner Fragen stellen konnte. "Dirk Nowitzki ist genervt. Ich auch." War sein Beitrag damit geplatzt? "Für DerWesten habe ich auf jeden Fall an dem ‚Conference Call‘ teilgenommen und Folgendes geschrieben", berichtet er – und verlinkt zu einem Wortlaut-Interview mit Nowitzki.

Wie kann es sein, dass ein Medienvertreter an einer Presserunde mit einem Sportler teilnimmt, ohne dabei Fragen zu stellen, und seine Redaktion später ein Frage-und-Antwort-Format veröffentlicht? Auf zwei Worte kommt es in diesem Zusammenhang an: aufgezeichnet von. Die Redaktion behauptet nämlich keineswegs, der Redakteur habe das Interview geführt. Vielmehr steht unter dem Text: "aufgezeichnet von David Nienhaus".

Dass Sportredaktionen bei Frage-und-Antwort-Formaten auf die Formulierung "aufgezeichnet von" zurückgreifen, wenn ihre Mitarbeiter die Fragen nur zu einem Teil oder gar nicht gestellt haben, ist gang und gäbe. Allerdings hatte vor Nienhaus wohl noch kein Interviewaufzeichner so deutlich gemacht, dass die Fragen nicht von ihm sind.

"Ich bin Journalist, kein Stenograf"

David Nienhaus ist Experte für den Basketball-Sport. Er beteiligt sich häufig an solchen Conference Calls, weil die Protagonisten der Sportart in der Regel nur auf diesem Wege mit Journalisten kommunizieren. Die Konferenz mit Nowitzki sei für ihn wegen der technischen Probleme eine "Ausnahmesituation" gewesen, sagt Nienhaus. "Darauf angewiesen zu sein, was die Kollegen fragen, ist alles andere als befriedigend. Wenn man, aus welchen Gründen auch immer, keine Fragen stellen kann, muss man mitnehmen, was kommt."

Als Nienhaus über den Conference Call mit Nowitzki bloggte und dabei seinen Beitrag für DerWesten ankündigte, ärgerte sich Jürgen Kalwa, der für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) aus den USA über Sport berichtet. Kalwa hatte ebenfalls an der Telefonkonferenz teilgenommen. Die Redaktion von DerWesten tue so, "als habe sie das Gespräch gesucht und bekommen, und dies sei nun das Resultat dieser Leistung". Tatsächlich habe sie von der NBA lediglich per E-Mail eine Nummer zum Einwählen bekommen.

Weil Kalwa in New York lebt, hat er einen speziellen Blick auf das Phänomen der Aufgezeichnet-von-Interviews. Diese "zusammengeklaubten Leistungen" seien eine "deutsche Besonderheit", sagt er. Ihn nerve es seit Jahren, dass Zeitungen, Zeitschriften und Onlinemedien Mitschriften von Pressekonferenzen drucken oder ins Netz stellen und so tun, als hätten sie irgendetwas eigenständig auf die Beine gestellt. "Am meisten nervt mich die geistige Armut von Leuten, so etwas zu publizieren. Ich bin Journalist, kein Stenograf." Die "berühmten Figuren da oben auf dem Podium" spielten zwar "eine wichtige Rolle" bei seiner Arbeit, sagt Kalwa. "Aber so wichtig sind sie nicht, dass ich all das Gerede zitieren würde, das sie von sich geben." Bedenkt man, dass Sportler heute in sozialen Medien ohnehin über die Möglichkeit verfügen, ihre persönlichen Eindrücke ungefiltert weiterzugeben, mutet die pure Wiedergabe ihrer Äußerungen anachronistisch an.

Die meisten Aufgezeichnet-von-Interviews entstehen hierzulande in den Mixed Zones der Fußball-Bundesligastadien. Nur hier können Print- und Onlinejournalisten ihre Fragen an die Spieler richten – jedenfalls dann, wenn sie zur Rudelbildung bereit sind, denn Einzelinterviews sind den Kollegen von Funk und Fernsehen vorbehalten. Zig Medienvertreter bilden Menschentrauben, halten ihre Aufnahmegeräte in Richtung der Spieler oder kritzeln in ihre Blöcke (siehe auch: Hinterm Absperrband geht’s weiter).

In der dritten Reihe

Exklusiv hat hier niemand auch nur eine Silbe. Weil schreibende Sportjournalisten nur "in der dritten Reihe" stünden, sei es nachvollziehbar, wenn sie Äußerungen aus der Mixed Zone zu einem Aufgezeichnet-von-Interview zusammenfassten, sagt Christoph Fischer, Sportressortchef der Westdeutschen Zeitung. "Unsere Leser interessiert es, was die Spieler oder Uli Hoeneß sagen, und da ist es mir auch egal, wie viele Journalisten drum herum stehen", ergänzt Alexander Marx, Chefredakteur von Spox, eine der wichtigsten deutschen Sport-Websites.

Doch nicht nur die Formulierung "aufgezeichnet von" deutet darauf hin, dass es sich bei dem Journalisten, der vor Ort war, keineswegs um einen Interviewer im klassischen Sinne handelt. Da heißt es dann etwa auf Yahoo! Eurosport: "Nach der Pleite spricht Bayern-Boss Bastian Schweinsteiger im Interview über den Fehlstart." Oder in der Online-Ausgabe der Ruhr-Nachrichten: "Über die Gründe für die starke Leistung sprach der Coach im Interview." Bei einem echten Gespräch wird in der Regel der Journalist genannt, der mit dem Interviewten gesprochen hat.

Beim Lesen solcher Interviews fällt auf, dass die stereotypen Fragestellungen à la "Wie zufrieden sind Sie?" oder "War das der perfekte Start in die Rückrunde?" und die entsprechend inhaltsarmen Antworten, die schon im Fernsehen und Radio verzichtbar sind, schriftlich noch wesentlich langweiliger klingen. Die Einschätzung, dass die typischen Floskeln es nicht wert seien, in einem Eins-zu-eins-Format wiedergegeben zu werden, komme vor allem von "Außenstehenden", sagt Christoph Fischer von der Westdeutschen Zeitung. Für Aufgezeichnet-von-Interviews gebe es durchaus "journalistische Argumente". Die Leser schätzten den "Grad von Nähe", den solche Beiträge erzeugten.

Es gehe nicht nur darum, was der Leser wolle, sagt David Nienhaus. Die Frage sei auch, wie viel Zeit man habe – vor allem als Onlinejournalist. Wortlaut-Interviews mit einem Spieler oder Trainer stehen häufig bereits eineinhalb Stunden nach einer Bundesliga-Begegnung im Netz – so schnell kann kein schreibender Sportjournalist ein Einzelgespräch geführt haben. "Wenn man am Tag nach der Partie noch exklusiv mit einem Spieler telefoniert, muss das Gespräch durch die Hände der Presseabteilung, es vergeht viel Zeit", sagt Nienhaus. "Dann hat man zwar die Fragen gestellt, die man stellen wollte, aber am Ende ist das Gespräch so weißgewaschen, dass die Antworten sich nicht von denen unterscheiden, die der Spieler in der Mixed Zone gegeben hat."

"Ich weiß nicht, ob das den Leser interessiert"

Auch Clemens Gerlach, Chef des Sportressorts bei Spiegel Online, hält Aufgezeichnet-von-Interviews für legitim – aber nur, sofern man dem Leser "ganz deutlich" mache, unter welchen Bedingungen sie entstanden seien. Wünschenswert sei eine Formulierung wie: "Die Aussagen von XY stammen aus einer Medienrunde nach dem Bundesligaspiel Blau gegen Gelb. An dem Gespräch waren mehrere Journalisten beteiligt." So handhabt es zumindest Spiegel Online, wenn eigene Redakteure oder Mitarbeiter solche Stücke produzieren. Während der Fußball-WM 2010 stand unter einem Frage-und-Antwort-Format mit dem Spieler Per Mertesacker: "Das Interview entstand in der Mixed Zone nach dem Sieg gegen Argentinien. Aufgezeichnet von Christian Gödecke." So transparent möchten einige Kollegen dann aber lieber doch nicht sein. "Sauberer wäre das. Ich weiß aber nicht, ob das den Leser interessiert", sagt Nienhaus.

Spiegel Online verwende die Formate, die hausintern "Auf-von-Int" genannt werden, "nur im Notfall", sagt Clemens Gerlach. In der Regel veröffentliche man "echte" Interviews. Das hänge auch damit zusammen, dass die von den Nachrichtenagenturen angebotenen Auf-von-Ints "oftmals belanglos sind", wie der Ressortchef sagt. In der Regel landeten diese Interviews nicht eins zu eins auf Spiegel Online, sondern man übernehme Zitate für die Fließtexte. "Oft fehlt die Dynamik, die ein gutes Interview auszeichnen soll; häufig mangelt es an kritischen Nachfragen."

Dass Redaktionen bei Auf-von-Ints auf Fragen zurückgreifen, die die Konkurrenz gestellt hat, halten viele Sportjournalisten für unproblematisch. Bei den Telefonkonferenzen, die die NBA turnusmäßig vor einer Saison oder vor den Play-offs veranstalte, "liegen die Fragen auf der Hand", sagt David Nienhaus. Thomas Janz, Chefredakteur von Yahoo! Eurosport, sieht es ähnlich. "In der Mixed Zone nach einem Fußballspiel kann man das Rad nicht neu erfinden." Mit anderen Worten: Die Fragen sind gewissermaßen herumfliegende Textbausteine, die so frei sind wie die Luft zum Atmen.

Die Sache mit dem Berufskodex

Keinerlei Verständnis hat Janz allerdings für Internetangebote, die Auf-von-Ints nicht kennzeichnen, sondern "als Exklusiv-Interviews verkaufen". Wer so handle, verletze einen "journalistischen Ehrenkodex", sagt er. "Wenn man diese Kollegen darauf anspricht, warum sie das machen, heißt es immer, sie bekämen das so vorgegeben", sagt Janz. Thomas Horky, Professor für Sportjournalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg, hat mit den zusammengestückelten Formaten ein Problem – vor allem weil Redaktionen hier den Begriff "Interview" verwenden. "Ein Interview ist immer ein Dialog", aber davon könne bei einem Text, der Aussagen aus der Mixed Zone oder einer Pressekonferenz zusammenfasst, keine Rede sein. Solche Als-ob-Interviews seien "kein Betrug, aber eine Form der Verschleierung". Horky hält diese Entwicklung für "gefährlich", weil "der Wert des richtigen Interviews verloren geht". Wenn 30- bis 40-zeilige Beiträge aus der Kategorie "Aufgezeichnet von" ständig und schnell verfügbar seien, sinke möglicherweise die Bereitschaft von Redaktionen, Platz für aufwendige Interviews freizuräumen.

Horky hat früher selbst als Sportredakteur für die Nachrichtenagentur dpa gearbeitet – und in dieser Zeit auch Frage-und-Antwort-Stücke gebastelt. Solche Formate sind seiner Meinung nach die Konsequenz daraus, dass man mit Sportlern "kaum noch echte Interviews führen kann". In dieser Hinsicht sind sich Theoretiker und Praktiker einig: Aufgezeichnet-von-Interviews sind weniger ein journalistisches, sondern ein strukturelles Problem. "Wenn wir im Laufe eines Jahres zwei Exklusiv-Interviews mit Spielern des FC Bayern bekommen, ist das viel", sagt Alexander Marx von Spox. "Wo sollen wir denn die Stimmen herkriegen, wenn nicht aus der Mixed Zone?"

Ab in den Pool

Eine Art großer Bruder des Aufgezeichnet-von-Interviews ist das sogenannte Poolinterview, das während großer internationaler Events gang und gäbe ist – wie zuletzt bei der Fußball-EM und Ende des Monats bei den Olympischen Spielen. Auch bei einem Poolinterview beteiligen sich Vertreter verschiedener Medien – wobei der entscheidende Unterschied zu den Auf-von-Ints darin besteht, dass diese Gespräche tatsächlich in einer Interviewsituation entstehen. Auch hier setzen nicht alle Zeitungen unbedingt auf Transparenz.

Zu den Ausnahmen gehört die taz, die etwa vor dem letzten EM-Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft gegen Dänemark anhand eines Gesprächs mit Abwehrspieler Mats Hummels ausführlich die Rahmenbedingungen beschrieb: "Am Tisch saßen auch zwei Journalisten von sport1.de. Beim DFB sind meist nur sogenannte Poolinterviews mit mehreren Kollegen möglich. Diese werden als Vertreter ihres Pools zu den Gesprächsrunden geschickt und versenden anschließend die Interview-Transkripte an die restlichen Poolmitglieder. Die taz hat einen Pool mit der Neuen Zürcher Zeitung gebildet." Den größten Pool hat Redakteur Fischer von der Westdeutschen Zeitung gemeinsam mit Harald Pistorius von der Neuen Osnabrücker Zeitung gegründet: ein Zusammenschluss von 16 Regionalzeitungen, der bei den Olympischen Spielen mit acht Mann vor Ort sein wird.

Die Journalisten haben hier allerdings keinen Einfluss darauf, wer ihnen für Interviews zur Verfügung steht. Das entscheiden die Verbände, die auf diese Weise auch die Themen setzen – und autorisiert werden müssen die Gespräche natürlich auch. Diese von Vereinen und Verbänden ausgeübte "Kommunikationskontrolle" sei heute "eines der großen Probleme des Sportjournalismus, wenn nicht das Problem schlechthin", sagt Thomas Horky. Onlinemedien sind von der Kontrollwut besonders stark betroffen, weil sich Sportorganisationen im Internet selbst als Akteure positioniert haben – und nicht mehr nur Gegenstand der Berichterstattung sein wollen. Sie wollen Web-TV-Abos, Apps und Onlinewerbung verkaufen. Da sind Journalisten nur ein Störfaktor – selbst dann, wenn sie oft nur als Stenografen agieren.

Über den Autor

René Martens arbeitet als freier Journalist in Hamburg.

 

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