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Autor

Max Ruppert

verfasst am

13.02.2012

im Heft

journalist 2/2012

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Recherchetipp

Acht Tipps für den Umgang mit Wikis und anderen Schwarm-Phänomenen weiter

Mehr zum Thema auf journalist.de

  • 6. Mai 2011: Plagdoc macht Pause weiter
  • 14. April 2011: Der Ex-Minister und sein Schwarm weiter

Sammeln, sortieren, stigmatisieren – Wo liegen die Grenzen des sogenannten kollaborativen Journalismus?

Plag-Wikis

Schnipseljagd

Vor einem Jahr ging ein Wiki öffentlich ans Werk, um den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg des Abschreibens zu überführen. Und heute? VroniPlag, VattenPlag, WulffPlag – nach wie vor nutzen Journalisten die Recherche-Ergebnisse von Crowdsourcing-Projekten. Wie geht’s weiter mit dem Schwarm? Mehr Kooperation? Mehr Skepsis?

Einen Pressesprecher? Gibt es nicht. Zumindest eine Kontaktperson mit Telefonnummer? Nicht zu finden. Vielleicht ein Chatraum, der auch Journalisten offen steht? Auch so etwas haben die Administratoren nicht eingerichtet. Stattdessen der Hinweis: "Sie können gerne einzelne Nutzer ansprechen. Wir weisen aber ausdrücklich darauf hin, dass momentan niemand von uns das Recht hat, für alle Mitarbeiter zu sprechen."

Wer an Informationen über das vergangenen Monat gestartete WulffPlag kommen will, hat es schwer. An den Umgang mit Wikis wie diesem müssen sich Journalisten erst noch gewöhnen. Ein Jahr ist es her, seit das GuttenPlag-Wiki gezeigt hat, was eine solche Initiative aus dem Netz für eine gewaltige Wirkung entfalten kann: Nach nur zwei Wochen war Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg als Plagiator überführt und legte sein Amt nieder.

Inzwischen haben sich Wikis, die sich den Zusatz "Plag" anhängen, für spontane Aktionen zur Dokumentation von Plagiaten oder anderen Skandalen etabliert. Viele Journalisten von taz bis zum ZDF-Morgenmagazin haben auch WulffPlag wieder für ihre Berichterstattung genutzt. Auf de.wulffplag.wikia.com sammeln engagierte Nutzer Verfehlungen des Bundespräsidenten Christian Wulff. Vor allem aber rekonstruierten sie Wulffs Anruf auf der Mailbox von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. "Wir wollen Transparenz, keine Stigmatisierung. Wir ermitteln nicht direkt, sondern sammeln, sortieren und vergleichen die Ergebnisse investigativer Arbeit anerkannter Quellen mit den Aussagen des Bundespräsidenten", heißt es auf der Seite.

Die Arbeit von WulffPlag ist für Journalisten genauso hilfreich wie die Dokumentation von Plagiatsstellen auf den Plattformen GuttenPlag und VroniPlag. Rund 130.000-mal haben die Nutzer das neue WulffPlag am besucherreichsten Tag im Januar aufgerufen.

In der Hochphase der Berichterstattung rund um den Rücktritt Guttenbergs im Februar 2011 gab es täglich bis zu zwei Millionen Seitenabrufe auf GuttenPlag, im vergangenen Monat waren es an guten Tagen gerade mal 2.000 – das entspricht einem Aufmerksamkeitsverlust um den Faktor Tausend.

Doch tot ist das GuttenPlag-Wiki nicht, wie die Community im Dezember 2011 bewiesen hat: Als Karl-Theodor zu Guttenberg wieder öffentlich auftrat und Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo Auszüge aus dem Interviewbuch mit Guttenberg veröffentlichte, waren die GuttenPlagger sofort zur Stelle. Sie durchforsteten einen kürzeren Text von Guttenberg aus dem Jahr 2004 und fanden ein weiteres Mal Plagiate. Diesmal war aber nur eine kleine, eingeschworene Netzgemeinde am Werk, etwa zehn Mitstreiter aus dem harten Kern, die man nicht unbedingt als "Schwarm" bezeichnen kann. Die Veröffentlichung des neuen Plagiatstexts unter dem Namen Guttenberg-2004 haben die Plagiatesucher mit der Welt am Sonntag abgestimmt, Sperrfristen wurden vereinbart. Im Gegensatz zur Anfangszeit gingen die Wiki-Autoren gezielt eine Kooperation mit einem Journalisten ein.

Wenn Redaktion und Schwarm nicht zusammenfinden

Die Berichterstattung der Medien spielt für Herzschlag und Puls der Wikis eine große Rolle. Dieses Resümee zieht PlagDoc, der Gründer von GuttenPlag, nach dem Hype des vergangenen Jahres. "Viele Helfer kamen sicherlich auf diesem Weg zum Wiki", schreibt PlagDoc per Mail. Auch für die Motivation der Aktivisten sei die Berichterstattung wichtig gewesen, durch sie hatten die Mitstreiter das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun. "Das ist entscheidend, um so eine große Menge an Mithelfern zusammenzuhalten."

Das Verhältnis von Schwarm zu Journalisten lässt sich am besten als Symbiose beschreiben. Tim Bartel, Administrator der Wiki-Plattform wikia.com, erzählte dem journalist von Anfragen aus zwei großen Zeitschriftenredaktionen im vergangenen Jahr. Sie wollten eine engere Zusammenarbeit mit der Wiki-Gemeinde ausloten. Es gab Gespräche, bei denen es darum ging, ob und wie man den Schwarm im Umfeld der eigenen Onlinepublikationen nutzen kann. Die Verlagsvertreter hatten die kostenlose Recherche- und Investigativkraft einer anonymen Masse vor Augen. "Konkret ging es um den Aufbau einer Inhouse-Infrastruktur", sagt Tim Bartel.

Überrascht haben ihn diese Anfragen nicht. Schon nach dem Erfolg von WikiLeaks richteten Redaktionen zahlreiche anonyme Briefkästen auf ihren Onlineseiten ein. Doch im Falle des Crowdsourcings – der recherchierenden Masse – scheint das nicht so einfach zu sein. Für Tim Bartel hängt das mit falschen Vorstellungen in den Redaktionen zusammen: "Das Unwissen über die Art und Funktionsweise eines solchen Wikis, vor allem über die Motivation der Nutzer und deren Unabhängigkeitswunsch, war recht groß."

Erst langsam beginnt das Verständnis in den Redaktionen für Schwarm-Phänomene zu wachsen. Beim Spiegel hat der Leiter der Dokumentations-Abteilung, Hauke Janssen, vergangenes Jahr die Arbeitsgruppe Social Media ins Leben gerufen, gerade als das GuttenPlag-Wiki seine Arbeit aufnahm. Mit dieser AG ist die Berichterstattung über Themen aus dem Social Web beim Spiegel institutionalisiert. Die Social-Media-Redakteure berichten regelmäßig an die Onlineredaktion und interessierte Kollegen. Auch über eine weitergehende symbiotische Beziehung macht Janssen sich Gedanken: "In Einzelfällen dürfte sich auch eine Kooperation mit der Wiki-Crowd empfehlen. Ob und inwieweit es innerhalb der Spiegel-Redaktionen konkrete Absichten gegeben hat, mit der Crowd in Sachen Plagiate oder auf anderen investigativen Feldern zusammenzuarbeiten, kann ich nicht sagen. Überlegungen gab es sicher."

Im April 2011, einen Monat nach dem Guttenberg-Rücktritt, hat die Redaktion ARD-aktuell in Hamburg ein sogenanntes Content Center eingerichtet. Hier suchen Social-Media-Redakteure täglich vor allem nach Videos im Netz, halten aber auch über den Facebook-Auftritt und den Twitter-Account der Tagesschau Kontakt im Social Web. Die Leistung der Freiwilligen in den Plag-Wikis hat ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke sensibilisiert: "Solche Plattformen werden künftig immer wieder mal eine stärkere Rolle spielen. Auch in anderen Themenbereichen wird die Einbeziehung des Recherchepotenzials der Netzgemeinde für professionellen Journalismus von großer Bedeutung sein."

Acht Tipps für den Umgang mit Wikis und anderen Schwarm-Phänomenen weiter

Der Journalismus ist aufgewacht und befindet sich in einer Art Versuchsphase: Redaktionen und einzelne Journalisten testen aus, wie sie auf den Schwarm zugehen und ihn nutzen können. Unsicherheit herrscht etwa, wenn es um den Umgang mit der Pseudo-Identität geht, also dem Verwenden von Nicknames. Christian Stegbauer beschäftigt sich an der Uni Frankfurt am Main schon seit mehr als zehn Jahren mit der sogenannten Schwarmintelligenz. Er rät Journalisten zu akzeptieren, dass es Phänomene gibt, die man beschreiben und nutzen muss, ohne zu personalisieren. "Das ist unbefriedigend, das kann ich schon nachvollziehen", sagt Stegbauer. Journalisten sollten aber verstehen, dass die Ideologie in den Wikis sich aus der Hackerkultur speist, wo Pseudonyme alltäglich sind.

Zu entscheiden, ob man sich auf Informationen von einem unter Pseudonym auftretenden Aktivisten verlässt, ist schwer. Die Studie eines US-amerikanischen Anbieters von Community-Software zeigt, dass diejenigen Kommentare in Foren und Blogs am häufigsten als hilfreich und qualitätsvoll eingestuft werden, die pseudonym abgegeben wurden. User hätten nichts dagegen, für ihre Äußerungen verantwortlich zu sein, aber sie wollen nicht mit ihrem privaten oder beruflichen Leben in Verbindung gebracht werden. "Ein Pseudonym schützt, während es ein gewisses Maß an Verantwortlichkeit garantiert", heißt es in der Studie.

Im VroniPlag-Wiki arbeiten zurzeit noch 10 bis 15 Aktive an insgesamt 13 Doktorarbeiten und Habilitationsschriften, deren Autoren noch ihre Titel tragen. Die Namen der Titelträger sind allerdings nicht mehr so klangvoll wie Guttenberg und Koch-Mehrin. Jetzt geraten eher lokale Persönlichkeiten in den Fokus. Doch das Interesse der Lokal- und Regionalmedien halte sich in Grenzen, schreiben die Plagiatesucher im Chat von VroniPlag. Was ist der Grund?

Ein Blick in die Lausitz: Die Region im Süden Brandenburgs ist gleich mit zwei Plagiats-Verdachtsfällen im VroniPlag-Wiki vertreten. Es geht um die Doktorarbeiten von Jürgen Goldschmidt (FDP), Bürgermeister der deutsch-polnischen Grenzstadt Forst, und von Detlev Dähnert, Vattenfall-Manager, unter anderem für die Umsiedlung von Dörfern verantwortlich, die dem Braunkohletagebau weichen sollen. Die Lausitzer Rundschau hatte wie andere regionale Medien auch über den Anfangsverdacht vergangenen Herbst in beiden Fällen berichtet. Doch danach hielten sich die lokalen Medien zurück.

Simone Wendler, Chefreporterin der Lausitzer Rundschau, sieht für Journalisten im lokalen Kontext eine besondere Verantwortung: "Wenn auf diese Art und Weise ein Verdacht in die Öffentlichkeit gebracht wird, kann der Betroffene sich erst mal nicht wehren." Er könne zwar sagen "Das stimmt nicht!", aber bis der Vorwurf von der Universität aufgearbeitet und geprüft worden ist, dauere es Monate.

"Und da habe ich ein Problem"

Bei den bundesweit in der Öffentlichkeit stehenden Persönlichkeiten haben Journalisten weniger auf die Befindlichkeiten der Betroffenen geachtet. Vielleicht auch, weil die großen Fälle klarer waren. Simone Wendler hat sich intensiv mit den Vorwürfen gegen den Vattenfall-Manager beschäftigt und auch darüber geschrieben, wie sie aufkamen. Zuerst wurden sie auf einer anonymen Internetseite erhoben, die sich VattenPlag nannte. Wendler versuchte, Kontakt mit den Betreibern aufzunehmen – ohne Erfolg. Das machte sie skeptisch. Erst später landete die Arbeit bei VroniPlag. "Da hat man einen gewissen Hype genutzt, um einen Nebenkriegsschauplatz zu eröffnen, nämlich den um Braunkohleförderung und Umsiedlung", sagt Wendler.

Wendler spricht von einem Stellvertreterkrieg, der auf dem Rücken der Beschuldigten ausgetragen wird. In den PlagWikis sieht sie ein wichtiges Werkzeug für Journalisten, doch sie ist skeptisch gegenüber Aktivisten. "Vielleicht liegt die Trefferquote von VroniPlag über einen längeren Zeitraum bei nur 20 Prozent. Das heißt, wir haben 80 Prozent Unschuldige, die monatelang als Sau durchs Dorf getrieben werden. Da habe ich als Journalistin ein Problem."

Tatsächlich gibt es Entscheidungen von Universitätskommissionen, die sich gegen das Aberkennen des Doktortitels ausgesprochen haben, etwa die Fernuni Hagen im Fall des CDU-Bundestagsabgeordneten Patrick Sensburg.

Simone Wendler hat sich entschieden, vorerst nicht über jede Wendung der Fälle zu berichten. "Ich bin an der Geschichte dran, werde aber erst wieder einsteigen, wenn die Prüfkommission der TU Cottbus ihren Bericht fertig hat", sagt die Chefreporterin. "Wir bekommen auf VroniPlag ein Menü serviert, von dem wir nicht wissen, wer es unter welchen Bedingungen gekocht hat. Wir machen uns eine Recherche zu eigen, von der wir nichts wissen."

Um in Zukunft mehr über Zutaten und Köche des Menüs herauszubekommen, braucht es mehr Recherche, Social-Media-Know-how und auch Zeit. Das Konzept des Präzisionsjournalismus könnte dabei helfen. Vor kurzem haben es die Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss und Guido Keel so charakterisiert: Rollenbild des Journalisten: Forscher. Seine Eigenschaft: akribisches Arbeiten. Intention der Berichte: Wissen herstellen. Journalisten sollten auch sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden bei der Recherche einsetzen, etwa Onlinebefragungen oder Netzwerkanalysen. Der Journalist als Forscher – der Forscher als Journalist.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

16.02.2012 13:09

T K

Lieber Kalle Schmidt,

da gibt es so ein Sprichwort, das passt ab und zu ganz gut: "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus."

Und Egozentriker tun einer kollaborativen Sache nicht gut. Leute die sich selbst über andere und über die Sache stellen. Leute die meinen: "Ich bin Professor, ich weiss es aber besser." Insofern wurde ein Hansgert nicht von den anderen herausgemobbt. Die Konsequenzen hat er aber gespürt. Nicht dass ihm keine Chancen zur konstruktiven Mitarbeit eingeräumt worden wären, dies ist eindeutig geschehen. Genutzt hat er sie dann allerdings nicht.

Zum angeblichen Löschwahn hat ja schon mein Vorkommentar für Klarstellung gesorgt.

16.02.2012 10:34

A. Kroate

Das ist die Benutzerseite: http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Benutzer:Hansgert_Ruppert Und vor der Sperrung sah sie so aus: http://de.vroniplag.wikia.com/index.php?title=Benutzer:Hansgert_Ruppert&oldid=58857

Alle Versionen können hier gesehen werden: http://de.vroniplag.wikia.com/index.php?title=Benutzer:Hansgert_Ruppert&action=history

Es ist ein Wiki. Durch Klick auf das Datum kann man die anderen Versionen aufrufen.

Die Diskussionsseite wurde nicht gelöscht. Sie ist hier, wo sie immer ist: http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Benutzer_Diskussion:Hansgert_Ruppert

Aus der Diskussionsseite ausgelagerte, ältere Abschnitte, sind alle hier: http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Benutzer_Diskussion:Hansgert_Ruppert/Archiv

Tatsächlich war es Hansgert Ruppert, der immer wieder mal versucht hat, seine Diskussionsseite zu "löschen", aber die Aktiven habe gezeigt, das in das Archiv zu verschieben. So ist es normal.

Die Diskussionsseiten wurden nicht komplett gelöscht, es wurde dort sogar überhaupt mal gar nichts gelöscht. Also entweder du weißt es nicht besser oder nimmst es mit der Wahrheit selbst nicht so genau.

15.02.2012 18:43

Karl-Heinz Schmidt

Er wurde "herausgemobbt". Er hat sich nicht selbst gesperrt, er wurde gesperrt, seine Benutzerseiten und seine Diskussion komplett gelöscht - durch Klicken. Bleiben wir doch bei der Wahrheit.

15.02.2012 14:55

T K

Hansgert Ruppert versucht, einen verzerrten Einblick in die Struktur des Wikis zu geben. HgR hat sich durch das arrogante Auftreten seiner "Kunstfigur" und das beharrliche Behaupten, seine Meinung als Hochschullehrer habe mehr Gewicht als das der anderen Mitarbeiter selbst "herausgemobbt".

15.02.2012 10:44

Cassiopeia

An dieser Stelle: "Als Karl-Theodor zu Guttenberg wieder öffentlich auftrat und Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo Auszüge aus dem Interviewbuch mit Guttenberg veröffentlichte, waren die GuttenPlagger sofort zur Stelle", fehlt mir ein Hinweis auf die Begründung. Es ging ja nicht einfach darum, dass zu Guttenberg wieder öffentlich aufgetreten ist, es ging darum, dass er weiterhin behauptet, über all die Jahre und aufgrund der vielen Datenträger bei der Dissertation einfach den Überblick verloren zu haben. Die Plagiate in dem vergleichsweise kurzen Aufsatz zeigen, dass diese Behauptung nicht stimmt. Aus diesem Grund kam es im Dezember 2011 zu der neuen Dokumentation auf GuttenPlag.

Zur Küchen-Metapher: Wie oft, wann und wo haben Journalisten überhaupt die Möglichkeit, die Küche zu betreten und in die Kochtöpfe zu schauen? Wenn z. B. ein Politiker sich zu etwas äußert, kann dann der Journalist auch den Schreibtisch und Computer dieses Politikers durchforsten, um herauszufinden, wie diese Äußerung zustande gekommen ist? Die Wikis sind nicht vollkommen transparent – wie sollten sie das auch sein können? –, aber die Dokumentationen sind es, jeder Schritt, jede Änderung an einer Seite kann nachvollzogen werden. Und es sind doch die Dokumentationen, die im Fokus stehen sollten.

Ich halte die Wikis nicht für perfekt organisiert, ich rege mich regelmäßig über dieses oder jenes dort auf, aber wenn man sich so manche Artikel bezüglich der Wikis liest, wünscht man sich, die entsprechenden Journalisten hätten überhaupt einmal den Schritt getan und die Küche betreten, die Tür steht offen.

14.02.2012 19:52

Martin Klicken

Ich habe nicht von absoluter Transparenz gesprochen. Ich habe das Bild von der Zubereitung eines Menüs aufgegriffen. Natürlich könnten, um im Bild zu bleiben, ein paar der Köche Schauspieler sein, die Lieferbelege der Zutaten gefälscht, oder die Kameras könnten präpariert sein.

Aber mal von solchen Verschwörungsszenarien abgesehen, kann das Menü meines Erachtens sehr wohl eingeschätzt werden.

Die Frage ist, ob man heute von einem Journalisten, der über das Kochen schreibt, überhaupt erwarten darf, dass er sich mit dem Gedanken beschäftigt, sich das vor Ort anzuschauen. Journalisten haben ja auch Instinkte, und machen sich vor Ort ihr eigenes Bild, so würde es dann schon schwieriger für Schauspielerköche. Ich habe auch gar nicht den Anspruch auf Transparenz, das wird immer von anderen vorgetragen. Ich weise lediglich darauf hin, dass es wenig Menschen gibt, die ihre Arbeit minutengenau über ein Jahr protokollieren lassen.

Für die im Artikel erwähnten 20% dürfte es übrigens bei 18 Fällen zu nicht mehr als 3,6 "Treffern" kommen. Ich glaube, es sind schon mehr. Das meine ich. Einfach mal in die Küche reinschauen. Dann wird alles viel lebendiger.

14.02.2012 18:18

Erbloggtes wordpress.com

Danke für den Artikel! Dass der Journalist als Wissenschaftler (d.h. hier: quellenkritisch) arbeiten sollte, ist sehr richtig. Man kann Wikis nicht absolut kontrollieren – und die absolute Transparenz, von der Martin Klicken spricht, existiert dort auch nicht.

Alles könnte gelogen sein: Dass hier wirklich Martin Klicken und Hansgert Ruppert kommentieren ebenso wie Max Rupperts Aussage, nicht mit Hansgert Ruppert verwandt zu sein.

Das anzuzweifeln, erscheint mir aber sinnlos. Anders bei Plagiatsfällen: Da sollte man alles anzweifeln und genau prüfen. Das Ergebnis ist immer noch keine absolute, objektive Wahrheit, aber hinreichende Überzeugung.

Zum Diskurs über die Arbeit von VroniPlag habe ich in meinem Blog einen Beitrag formuliert. erbloggtes.wordpress.com/2012/02/14/vroniplag-und-transparentes-kochen-plagiatssuche-1-jahr-alt/

14.02.2012 17:36

Max Ruppert

@Hansgert Ruppert Vielen Dank für die Auseinandersetzung mit dem (langen) Artikel und das Lob! Aus Transparenzgründen: Es gibt keine verwandtschaftliche Beziehungen zw. Hansgert und Max Ruppert. Zumindest keine mir bis jetzt bekannten ;-)

@Martin Klicken: Danke für die Kommentare. Dass die unterschiedliche Sichtweise auf die Arbeit von VroniPlag zum Diskurs anregt, finde ich gut.
Außer der FernUni Hagen hatte ja die Uni Potsdam im Falle Althusmann, der NICHT im VroniPlag behandelt wurde, auch eine Entscheidung "pro reo" gefällt. Also darf auch Bernd Althusmann seinen Doktortitel trotz Plagiatsverdacht behalten.

14.02.2012 17:14

Hansgert Ruppert

Nun, ich bin bei Vroniplag noch nicht ganz so lange dabei wie Martin Klicken. Allemal jedoch lange genug um sagen zu können, dass dort weiß Gott nicht alles so sauber und transparent zugeht, wie er es zu behaupten die Stirn hat.

Da verschwinden durchaus mal unliebsame Kommentare spurlos. Auch unliebsame Mitglieder. Das ist wohl menschlich, wenn die Mitgliederzahl dramatisch sinkt, sei es aus Desinteresse an der Sache, sei es durch eben jenes "Herausmobbing" bzw. Weg-Sperren. Nicht schön, was da zur Zeit auf Vroniplag passiert. Bald wird Martin Klicken – als Letzter – das Licht ausmachen müssen, wenn es so weitergeht.

Unbeschadet dessen ist die Spiegel-Redaktion, ist JEDE Redaktion sicher gut beraten mit der Social-Media Beobachtung. Hier kann man dem Volk direkt und in Echtzeit aufs Maul schauen, denn hier wird es ja auch aufgerissen.

Kurz: Ein schöner Artikel, der mir gefallen hat. Vielen Dank! :)

14.02.2012 14:39

Martin Klicken

Im Artikel wird Frau Wendler zitiert: "Wir bekommen auf VroniPlag ein Menü serviert, von dem wir nicht wissen, wer es unter welchen Bedingungen gekocht hat. Wir machen uns eine Recherche zu eigen, von der wir nichts wissen."

Dazu stelle ich fest: im VroniPlag Wiki kann durch Klicken auf die Barcodes und das Navigieren durch die Seitenlisten jedes Falls jede Seite und jede Fundstelle einzeln angeschaut werden. Zu jeder Fundstelle kann eine Diskussionsseite betrachtet oder angelegt werden (Knopf oben rechts "Diskussion"). Jede Änderung an jeder Seite im Wiki, inklusive der Diskussions- und Forumsseiten, kann über "Versionen" nachgeschaut werden und wird dauerhaft gespeicehrt. Auf die Minute genau. Rückwirkend bis hin zu den ersten Seiten im Wiki. Hier zum Beispiel sieht man, dass ich am 9. April 2011 um 20:20 einen mehrere Seiten umspannenden Fund in der Dissertation von Veronica Saß eingetragen habe. Das gilt für jede, ausdrücklich _jede_ Änderung im Wiki. Man sieht genau, wie gekocht wurde.

Wir stehen also in einer großen Küche. Es wird in gläsernen Töpfen gekocht. Die Zutaten liegen fein säuberlich auf den Anrichten. Daneben Belege über die Herkunft, wo gekauft, welcher Preis, wann, welcher Zulieferer. Jeder Handgriff in der Küche kann durch eine große Glasscheibe oder wahlweise als "embedded cook" live mitverfolgt werden. Für die nachträgliche Untersuchung nehmen Kameras in allen Ecken das Geschehen auf. So transparent funktioniert die Arbeit im VroniPlag Wiki. Und Simone Wendler stellt sich hin und behauptet, man wüsste nicht, was das für ein Menü sei und wie gekocht wurde? Mit Verlaub, das klingt ein wenig naiv.

Es mag sein, dass es Berührungsängste gibt. Dass die nützlichen Tipps zum Umgang mit Wikis und Onlineprojekten evtl. durch gezielte individuelle Fortbildungen ergänzt werden sollten. Und dass bildungsfeindliche Vorurteile ("das verstehe ich sowieso nicht", "niemand weiß, ob das stimmt") verbreiteter sind, als man als Wissenschaftler vielleicht denkt. Manche Blender und Plagiatoren machen sich eben dies zunutze. Alle Fälle auf der Hauptseite bei VroniPlag Wiki beeinhalten evidente und schärfste Verstöße gegen die Grundfeste der Wissenschaft. Alles baut darauf auf. Es gibt in der Wissenschaft keinen schwereren Verstoß, als das Manipulieren von Erkenntnissen, oder das Verschleiern der Herkunft eines Gedanken. Erkenntnisse stehen für sich, und müssen ohne Ansehens dessen, der sie präsentiert, nachprüfbar sein. Wer das, auch nachdem er sich die dokumentierten Stellen angesehen hat, mangels Kenntnis oder gesundem Vertrauen in die Anwendbarkeit "guter Sitten" (man klaut nicht und gibt fremder Leute Arbeit als eigene aus) nicht einzuordnen weiß, dem kann man daraus keinen Vorwurf machen. Ich würde damit allerdings auch nicht hausieren gehen.

Den meisten Schülern und Lehrlingen in diesem Land ist im Prinzip klar, dass das, was sich bei VroniPlag auf der Hauptseite findet, nicht geht, denn sie bekommen dafür sofort eine 6 und haben die Prüfung nicht bestanden, bzw. müssen die Universität verlassen.

Ich empfehle daher Fr. Wendler einmal den Besuch eines Kochkurses und bis dahin, sich einmal das Wiki etwas genauer anzusehen, um schonmal den Appetit anzuregen.

14.02.2012 13:21

Martin Klicken

Wenn jemand einen Eimer Wasser umtritt. Und ich sage: "Da ist ein Eimer Wasser umgekippt". Und ich sage das jedes Mal. Dann habe ich eine Trefferquote von 100%. Ich muss darauf achten, dass ich nur die Dinge dokumentiere, die offensichtlich sind. Das ist die Aufgabe aller Menschen in diesem Land, die einen Internetzugang haben, und sich an der Dokumentation beteiligen wollen. Auch ohne Anmeldung.

Die Dokumentation bei VroniPlag funktioniert manuell. Nicht automatisch. Die Barcodes werden manuell erzeugt, nachdem mehrere Dokumentare, oft auch nach ausführlicher Diskussion, die entsprechende Stelle angeschaut haben. Es muss darauf geachtet werden, dass es nicht in Richtung esoterischer Analysen abgleitet. Aber für die auf der Homepage gelisteten Fälle kann ich sagen: Trefferquote 100%. Dort stehen Fakten, die für sich sprechen. Die Trefferquote vereinzelter Universitäten, z.B. bei der Umsetzung der Empfehlungen der Hochschulrektorenkonferenz zur Bekämpfung wissenschaftlichen Fehlverhaltens, ist hingegen 0 %. Die FernUni Hagen hat vor lauter Gräfinnen und Prinzen ganz vergessen, eine unabhängige Kommision einzurichten. Und bis jetzt ist das auch die einzige(!) "Universität", die sich völlig ins Abseits stellt und mit einer Kombination von Besitzstandsdenken/VogelStrauß-Taktik und purer Frechheit meint, weiter Teil des Wissenschaftsbetriebs bleiben zu können. Die Zeit wird zeigen, wie es weitergeht.

Woher Frau Wendler ihre 20% hat, ist mir schleierhaft. Dass man zur gründlichen Aufarbeitung einer Dissertation, bei der bereits ein starker Anfangsverdacht mit Belegstellen vorliegt, keinen "Schwarm" benötigt, ist richtig! Die Infrastruktur dazu, die Vorgehensweise, haben sich die Beteiligten jetzt innerhalb der letzten 12 Monate angeeignet. Um einen Fall zu dokumentieren, reichen 3-4 Leute. Das Argument, man könne so etwas mit wenigen Menschen gar nicht bewältigen als Entschuldigung für den schlimmen Nachholbedarf an vielen Universitäten verfängt also nicht. Bei VroniPlag Wiki kann jeder Journalist oder anderweitig interessierte jederzeit gerne in den Chat kommen. Dort werden interessierte Nachfragen gerne beantwortet.

 
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