Detail-Informationen

Autor

Michael Ebert

verfasst am

20.09.2011

im Heft

journalist 8/2011

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Redaktionswerkstatt

Das A bis Z des Zeitungsfotos

Perspektivwechsel, Extremformate, gekonnt arrangierte Gruppen: Das kleine A bis Z des guten Zeitungsfotos soll Einsteigern beim Umgang mit der Kamera helfen und auch für Erfahrene den einen oder anderen Tipp parat halten. Denn nichts ist langweiliger als Routine.

Arrangierte Bilder

Manchmal geht es nicht anders: Das Sommerfest liegt in den letzten Zügen oder das verregnete Open-Air-Festival hat gerade erst begonnen. Es tut sich nichts vor der Kamera, aber ein Bild muss trotzdem her. Der berühmte Fotoreporter Robert Lebeck soll mal gesagt haben: „Ich habe nichts gegen gestellte Bilder – solange man es ihnen ansieht.“ Wenn Sie also Bilder arrangieren, dann machen Sie aus der Not eine Tugend und gehen offensiv an die Sache heran. Denn gestellte Bilder, die ungestellt aussehen sollen, werden schnell peinlich. Schließlich sind die Menschen vor Ihrer Linse meist keine Hollywood-Stars.

Blitz

In den Zeiten der analogen Fotografie war der Blitz ein unverzichtbares Zubehör. Heute ermöglichen digitale Kameras Empfindlichkeiten, von denen man früher nicht zu träumen gewagt hätte. Verzichten Sie öfter mal auf den Blitz und spielen Sie mit dem natürlichen Charme des Lichts. Das Ergebnis sind deutlich stimmungsvollere Aufnahmen. Wenn Sie blitzen, dann mit hoher Empfindlichkeit und langen Verschlusszeiten. So kann das Restlicht noch zur Geltung kommen, und abgesoffene Hintergründe lassen sich vermeiden. Bei bewegten Motiven entsteht so der interessante Einfriereffekt aus Bewegungsunschärfe und eingefrorener Bewegung. Der indirekte Blitz ist nur eingeschränkt empfehlenswert. Im 90°-Winkel gegen die Decke gerichtet, führt er in der Regel zu Schatten unter den Augen. Besser ist es, im 45°-Winkel gegen eine seitliche Wand oder Zimmerecke zu blitzen. So bekommt das Motiv auch ausreichend Licht von vorne.

Computer

Seit Windows auch große Arbeitsspeicher verwaltet, ist die Entscheidung Mac oder PC eine Geschmacks- und Preisfrage. Am besten eignet sich ein leistungsstarkes Notebook, das zu Hause oder im Büro an einen externen Monitor angeschlossen wird. Das Gerät sollte über einen Arbeitsspeicher von mindestens sechs Gigabyte verfügen. Interessant ist, SSD-Festspeicher anstatt der normalen Festplatte zu verwenden. Der ist zwar teurer, aber auch deutlich schneller und sicherer.

DNG- oder RAW-Datei

NG- oder RAW-Dateien (DNG: Digital NeGative) sind bei Pressefotografen nicht besonders beliebt. Kein Wunder, sie verbrauchen auf Speicherkarten und Festplatten deutlich mehr Platz. Außerdem müssen die Bilder „entwickelt“ werden, bevor sie als JPGs in die Produktion gehen. Trotzdem: RAW-Dateien können von Vorteil sein, denn sie bieten weitaus mehr Möglichkeiten zur Bearbeitung als JPGs. Damit können etwa „ausgefressene“ Himmel vermieden werden. Zum anderen wird beim Umwandlungsprozess eine deutlich bessere Rauschunterdrückung erzielt. Heute bieten fast alle professionellen Kameras die Möglichkeit, RAWs und JPGs parallel zu speichern. Außerdem stehen Speicherkarten in gigantischen Größen zur Verfügung. Warum also nicht das RAW einfach als Sicherheitsoption speichern?

Extreme Objektive

Spezialobjektive wie Fischauge oder das derzeit beliebte Shift, mit dem ebenfalls Perspektiven verzerrt werden, ermöglichen in besonderen Situationen außergewöhnliche Bilder. Sie sollten aber sparsam und dem Motiv angemessen eingesetzt werden. Außerdem nutzt sich ihre extreme Bildwirkung recht schnell ab.

Feature-Fotos

Gerade in der Saure-Gurkenzeit ist es ratsam, einen kleinen Vorrat an zeitlosen Motiven in Reserve zu haben. Dann können die freie Seite eins und die gähnende Leere im Terminkalender nicht schocken. Natürlich müssen diese Bilder in die Jahreszeit passen. Denn die Leser merken garantiert, ob die abgebildete Vegetation noch aktuell ist.

Gruppenbilder

Gruppenaufnahmen müssen sein, auch wenn sie oft inflationär auftauchen. Auf jeden Fall dürfen nicht zu viele Personen auf das Bild, sonst wird es auch dreispaltig zum diffusen „Menschenhaufen“. Ein gutes Gruppenbild braucht eine strenge Regie und klare Ansagen. Die Planung sollte schon stehen, bevor man beginnt, die Menschen zu dirigieren. Überlegen Sie also vorher, wie das Bild aussehen soll, denn ständiges Umgruppieren ist für alle Beteiligten nervig und zeitaufwendig. Ein spannendes Gruppenarrangement zeichnet sich durch einen abwechslungsreichen Aufbau aus verschiedenen Ebenen und unterschiedlichen Höhen aus. Eben genau das Gegenteil der klassischen Fußballmannschaft. Jeder muss klar erkennbar sein. Das ist sichergestellt, wenn Sie von allen Menschen vor Ihrer Kamera mit beiden Augen gesehen werden. Möglichst viele Bilder sind ein Muss: Die Gefahr von geschlossenen Augen ist bei Gruppenbildern naturgemäß sehr groß.

Herde

Fotojournalisten neigen zur Herdenbildung. Das ist verständlich. Wenn man das Gesche hen nicht beeinflussen kann, will man sichergehen, dass die Kollegen kein besseres Bild bekommen. Häufiges Ergebnis: Alle haben das gleiche Bild. Seien Sie also mutig und suchen Sie, wann immer es möglich ist, andere Standpunkte. Vielleicht können die lieben Kollegen dann sogar selbst zum spannenden Bildelement werden. Und für den Standardschuss bleibt meist trotzdem noch genug Zeit.

Immobilien-Fotos

Sie sind ein Dauerbrenner im Lokaljournalismus und zieren besonders in der flauen Sommerzeit vermehrt die Lokalseiten. Sie zeigen Baustellen, Neubauten und andere Immobilien. Bilder, auf denen sich meist keine Menschen finden. Wenn sie unbedingt sein müssen, dann sollte man versuchen, solche Bilder zu beleben. Das können vielleicht ein paar Bauarbeiter sein, die gerade Pause machen. Auch spielende Kinder oder Tiere machen aus einem Langweiler schnell einen Hingucker.

Jahresversammlungen

Es gibt Termine, die eignen sich einfach nicht für ein Foto. Jahresversammlungen gehören oft dazu. Langweilige Bilder in der Zeitung verhindert man am besten, indem man sie gar nicht erst macht. Gehen Sie also zu den richtigen Terminen. Auch der beste Fotograf ist überfordert, wenn das Ereignis keine Motive liefert.

Kamera

Für viele immer noch die Frage der Fragen. Gelb oder rot? Hier prallen Weltanschauun gen aufeinander. Wichtiger als die Marke sind die technischen Features, hier in Stichworten: digitale Spiegelreflex mit mindestens 8, besser 12 Megapixel, Wechselobjektive und robuste Bauweise. Ob Vollformat oder kleinerer Chip ist eine Frage der Anwendung. Sportfotografen schätzen die Brennweitenverlängerung des kleinen Chips. Ein Zweitgehäuse muss sein, sonst kann die technische Panne zum Desaster führen.

Leitsatz

Das Foto ist ein eigenständiges und wesentliches Ele ment der modernen Zeitung. Ein gutes Zeitungs bild braucht eine klare Bildsprache, es muss sich dem Leser sofort erschließen und darf nicht mit zu vielen Elementen überfrachtet werden. Hier ist weniger oft mehr. Es soll den Inhalt des Texts nicht nur belegen, sondern ihn aus einer anderen Perspektive vertiefen und ergänzen.

Montage

Digitale Fotografie und Photoshop machen es möglich. Um zu einem interessanteren Bild zu kommen, wird der Baudezernent einfach vor das neue City-Center montiert. Ob das Ergebnis immer eine Bereicherung darstellt, das sei dahingestellt. Auch hier gilt: Weniger ist mehr! In jedem Fall ist ein solches Werk grundsätzlich als Montage zu kennzeichnen.

Namen

Namen sind Nachrichten und das beste Pressefoto ist nichts wert ohne die entsprechenden Informationen. Auch hier gelten die klassischen W-Fragen: Wer, was, wann, wo, wie und warum. Neben Ihrem Copyright-Vermerk gehören all diese Infos in die IPTC-Felder Ihrer Bilddatei. IPTC steht für International Press Telecommunications Council, der diesen Speicherungsstandard mit entwickelt hat..

Objektivwahl

Das richtige Objektiv für die Pressefotografie gibt es nicht. Angemessen eingesetzt, können alle Brennweiten für ein gutes Zeitungsbild geeignet sein. Dabei kommt es nur auf das Motiv und die richtige Bildgestaltung an.

Porträt

Ein gutes Porträt ist kein Kunststück, wenn man ein paar grundsätzliche Regeln berücksichtigt. Das richtige Objektiv ist ein kurzes Tele mit einer Brennweite um die 90 Millimeter. Das Wichtigste ist ein ruhiger Hintergrund. Nichts sieht peinlicher aus als Pflanzenblätter oder andere Dinge, die einer Person aus dem Kopf wachsen. Lassen Sie Ihre Protagonisten am besten mindestens drei Meter Abstand von den Wänden halten. Eine große Blendenöffnung schafft zusätzlich einen angenehm unscharfen Hintergrund. Oft findet man eine gute Location mit genügend Platz für Porträts in hellen Fluren oder Eingangshallen mit gutem Seitenlicht. Hier ist auf störende Bildelemente wie grün leuchtende Notausgangschilder oder Feuerlöscher zu achten. Man kann jedes noch so gute Porträt ruinieren. Blitzen sollte man am besten gar nicht und wenn, dann nur indirekt. Ein Aufheller kann übrigens Wunder bewirken. Den kann man sich notfalls auch schnell selbst aus einigen zusammengeklebten weißen Blättern basteln.

Querformat

Selbst wenn von den Kollegen aus der Redaktion ausdrücklich ein Querformat bestellt wurde, ist es ratsam, auch andere Formate anzubieten. Denn oft genug muss das Seitenlayout dann doch umgeschmissen werden. Wenn dann keine Alternativen vorhanden sind, gibt es Stress.

Randgeschehen

Seien Sie immer offen für das gute Bild am Rand. Der fantasievoll geschminkte Knirps im Publikum oder der schräge Vierbeiner: Jedes Ereignis bietet eine Fülle von reizvollen Motiven außerhalb des zentralen Geschehens. Und oft schlagen diese kleinen Geschichten am Rand die normale Berichterstattung.

Standpunkt

Früher war es bei einigen Kollegen üblich, eine kleine Trittleiter im Kofferraum zu haben. Damit verschafften sie sich die entscheidenden Zentimeter Höhe und kamen mit dem "etwas anderen" Bild in die Redaktion. Wenn das auch nicht bei allen Terminen praktikabel ist, ist doch die Perspektive "von oben" zu Recht ein Dauerbrenner im Fotojournalismus. Das Gleiche gilt natürlich für die Untersicht. Also auch öfter mal in die Hocke gehen oder auf den Stuhl steigen, das schafft Abwechslung.

Tele

Das verdichtende Teleobjektiv kann Entfernungen überbrücken und das Bild komprimieren. So lassen sich voneinander entfernte Objekte optisch zusammenziehen. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Tiefenschärfe des Teleobjektivs sehr gering ist und auch durch stärkeres Abblenden nur bedingt gesteigert werden kann. Das Tele ist also ideal, um das Wichtigste im Bild scharf herauszustellen, während der Rest des Bilds in der Unschärfe bleibt. Unabdingbar sind Teleobjektive, wenn man nicht nah genug ans Geschehen herankommt.

Ungewöhnliche Formate

Extreme Hoch- oder Querformate können in der Zeitung zum echten Eyecatcher werden. Sie bedürfen jedoch der Vorbereitung. Die wichtigste Frage: Gibt der entsprechende Termin Motive her, die sich für außergewöhnliche Formate eignen? Vor allem aber müssen Bildformate, die deutlich von den normalen Seitenverhältnissen abweichen, zwischen Redaktion und Fotograf abgesprochen werden.

Vips

Wie der Bürgermeister aussieht, ist den Le sern meist zur Genüge bekannt, das Gleiche gilt für die zahlreichen anderen „Stars“ der örtlichen Szene. Betreiben Sie also keinen lokalen Personenkult, auch wenn manche Promis sich immer um Sie und Ihre Kamera reißen.

Weitwinkel

Beim raumgreifenden Weitwinkel sollte man sich an die alte Regel Vordergrund Mittelgrund-Hintergrund erinnern. Ein so „gestaffeltes“ Bild hat eine überzeugende Dynamik. Dabei ist es wichtig, eine möglichst kleine Blende zu verwenden, sie stellt die ausreichende Tiefenschärfe sicher. Scharf gestellt wird im vorderen Drittel, denn der Schärfebereich ist hinter dem Fokuspunkt deutlich größer. Daher stellt man übrigens bei Doppelporträts auch immer auf die vordere Person scharf.

Zoom

Heute sind die universellen Zooms zum Stan dard geworden. Man kann mit zwei oder drei Objektiven alle Aufnahmesituationen abdecken. Doch auch Festbrennweiten haben Sinn. Sie sind kompakter und haben immer noch eine bessere optische Leistung. Außerdem sind sie deutlich preisgünstiger. Vor allem aber verfügen sie meist über eine höhere Anfangsblende, was gerade bei Porträts oder bei extrem schlechten Lichtverhältnissen nützlich ist. Ein lichtstarkes Tele ist die ideale Ergänzung für jede Presse-Ausrüstung.

Über den Autor

Michael Ebert ist freier Fotojournalist und Mitgründer des Studiengangs Bildjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Mehr Texte aus der Redaktionswerkstatt gibt es hier.

Aktuelle Kommentare zu dieser Meldung

22.09.2011 10:24

Redaktion

@ Björn Rohles: Danke ... Und hier ist das Z.

22.09.2011 09:56

Björn Rohles

T wie Zoom? :-)
Abgesehen von diesem kleinen Fehler eine sehr spannende Liste, danke dafür!

 
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