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Autor

Christian Thiele

verfasst am

31.01.2010

Schlagworte

Interview, Autorisierung

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Interview-Werkstatt

Das große Streichkonzert

Die schärfsten Gesetze sind manchmal die ungeschriebenen. So ist in Deutschland die Autorisierung von Interviews in keinem Gesetz, in keiner Vorschrift festgehalten, auch der Pressekodex schweigt (inzwischen) zu dem Thema. Und dennoch halten sich alle daran. Aber: Es gibt Gegenstrategie.

Verkaufsgespräch statt Begegnung: eine deutsche Krankheit

Das Autorisierungshickhack, das PR-Agenten, Publizisten und sonstige Verantwortliche der »Gegenpartei« veranstalten, wird immer lästiger: Da streicht der Pressesprecher eines Ministerpräsidenten so ausgiebig in einem Interview herum, dass nichts mehr davon übrig bleibt. Da lässt die Filmproduktionsfirma die Journalisten einen – rechtswidrigen – Vertrag unterschreiben, in dem mit Zehntausenden von Euro Strafe gedroht wird, sollten die das Interview begleitenden Bilder nicht eigenhändig vom Interviewten ausgesucht werden. Da will die Schauspielerin dem Magazin, dem sie ein Interview gegeben hat, verbieten, dass in der Agenturmeldung über das Interview bestimmte Wörter benutzt werden („Girlie-Wunder“ etc.).

Gesagtes wird zu Ungesagtem gemacht, Ungesagtes und Ungefragtes zu Gesagtem. Die Journalisten sollen sich gefälligst in ihre Rolle als Lautsprechorgane des jeweiligen Schauspielers, der jeweiligen Politikerin oder der jeweiligen Sportlerin bequemen. Und die Autorisierungsvereinbarung ist das Instrument dazu. Der Journalist gibt also seine Arbeit aus der Hand.

„Was als freiwillige Vereinbarung zwischen Interviewern und Interviewten begann, wird von Politikern immer häufiger missbraucht: Sie beanspruchen, nicht nur Einfluss auf die Antworten zu nehmen – auch missliebige Fragen werden gestrichen“, kritisiert die Tageszeitung (taz) 2003. Der damalige SPDGeneralsekretär Olaf Scholz hat in einem zur Autorisierung vorgelegten Interview so herumgemalt, dass die taz aus lauter Empörung eben dieses Dokument mit all seinen Schwärzungen und Streichungen und Änderungen abdruckt. Die damalige Chefredakteurin Bascha Mika schäumt in einem Text an jenem Tag: „Keine journalistische Form ist in den letzten Jahren so verludert wie das Interview. Es suggeriert Authentizität, dabei geht es um Betrug. Betrug am Anspruch einer freien Presse, Betrug am journalistischen Selbstverständnis, Betrug am Leser.“

Eingeführt hat die Autorisierung ausgerechnet der Spiegel: Weil die Redaktion ihre Gesprächspartner traditionell so hart anging, ließen die sich auf ein Spiegel-Gespräch nur ein, wenn sie die Chance hatten, das Interview vor dem Druck gegenzulesen. Die Gesprächspartner, so das Argument pro Absegnung, sprechen freimütiger, wenn sie die Chance haben, vor Abdruck noch einmal drüberzulesen, als wenn sie schon im Gespräch druckreif reden müssen. So sieht das etwas Dirk Metz, ehemaliger Journalist und als Sprecher der hessischen Landesregierung bei so manchem Interview mit Roland Koch auf der anderen Seite des Schreibtisches. Er betont, dass drei Parteien bei einem Interview mit am Tisch sitzen: Der Interviewer, der Interviewte und der Leser. Und der Leser profitiere von der Autorisierung: „Ohne die Autorisierung würden Interviews steril und steif, weil jedes Wort auf die Goldwaage gelegt würde. Und die Sterilität bekämen die Leser am nächsten Morgen zu spüren.“ Politik sei ein Kampf um Worte und Begriffe. „Wenn dann in den schriftlich vorgelegten Interviews des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch fast regelmäßig der von diesem gebrauchte Begriff „Kernenergie“ von den Bearbeitern durch „Atomkraft“ ersetzt wird, so ist das keine Petitesse.“

Den Konjunktiv allerdings könnte sich Metz sparen. Denn abgesegnete Interviews lesen sich fast immer steifer und steriler, es wird jedes Wort mehrfach auf die Goldwaage gelegt. Die Sitten sind so weit verkommen, dass es immer schwieriger ist, einen

Menschen so zu präsentieren, wie er sich gibt, wie wir als Journalisten sehen. Stattdessen müssen wir ihn immer mehr so präsentieren, wie er oder seine PR-Helferlein ihn sehen wollen. Interviews drohen immer mehr zu Verkaufsgesprächen zu werden, in dem die Befragten nur noch stromlinienförmige Gestanztheiten von sich geben.

Der Autorisierungswahn ist ein rein deutsches Virus – auch erfahrene Journalisten können sich nicht daran erinnern, dass sie jemals ein Interview mit den Rolling Stones, mit Penélope Cruz oder mit Lance Armstrong hätten autorisieren müssen. Man kann sich also als deutscher Journalist nur sehnen nach jenen Zeiten, da US-Außenminister Henry Kissinger einem Reporter einmal gesagt haben soll – das Zitat wird gelegentlich auch Erol Flynn zugeschrieben: „Schreiben Sie, was Sie wollen – solange Sie meinen Namen richtig schreiben ...“

Schlauer Schachern: Tipps für die Autorisierung

Wir sollten uns immer darüber im Klaren sein: Autorisierung ist Verhandlungssache! Wir Journalisten müssen nicht sämtliche Änderungswünsche der Gegenpartei widerspruchslos hinnehmen. Und es geht beim Autorisieren nie nur um unseren eigenen Text: Je mehr wir kuschen bei der Absegnung, je bereitwilliger wir bei der Textschönung mitmachen, desto schwieriger wird es der nächste Kollege nach uns haben, sich gegen all die Verwässerungstaktiken zur Wehr zu setzen. Eine Möglichkeit: den reinen Interviewtext (ohne Überschrift, Bildunterschriften etc., das weckt nur schlafende Hunde) zur Autorisierung faxen oder als PDF-Datei schicken – ge mailte Worddokumente sind eine Einladung zum Herumdoktern!

Damit wir nicht untätig auf die Freigabe warten müssen, sollten wir dem Gesprächspartner bei der Übersendung des Textes auch eine angemessene Frist einräumen. Hat er in der Zeit keine Wünsche angemeldet, ist der Text als freigegeben zu betrachten – wenn wir das so mit ihm vereinbart haben. Etwas mehr Text zur Autorisierung zu geben als nötig (ca. 10 bis 20 Prozent), schafft Manövriermasse. Allerdings sollten wir uns vorher überlegen: Welche Aussagen sind besonders wichtig und unverzichtbar? Der Satz: „Aber genau so haben Sie’s laut Tonband doch gesagt!“ kann in Autorisierungsverhandlungen immer ein Argument sein.

Dem Gesprächspartner oder seinem Pressesprecher gegenüber sollten wir stets professionell argumentieren, wenn es Gezerre um Änderungen gibt. Zum Beispiel: „Das ist ein Fremdwort, das müssen wir für unsere Leser erklären.“ Oder: „Hier mussten wir kürzen, weil es an diesem Punkt für unsere Zielgruppe nicht mehr so interessant ist.“ Oder: „Dieser Satz ist so kompliziert formuliert und so lang, dass jeder Leser nach dem ersten Drittel aussteigt.“ Die nächsten Eskalationsstufen wären: Drohen mit weniger Platz, dem kompletten Verzicht auf den Abdruck oder dem Abdruck eines (dann unautorisierten) Porträts.

 

Tipp: Damit’s der Wahrheitsfindung dient

Wenn schon das Autorisieren sein muss, so können wir es auch nützen. Um zum Beispiel von der PRAgentur auch die Fakten für den Infokasten autorisieren und damit bestätigen zu lassen. Denn so manche Angaben über die Anzahl der Ehepartner etc. schleppen sich von Artikel zu Artikel und von Datenbankeintrag zu Datenbankeintrag, ohne dass sie jemals wahrer werden ...

Knebelverträge

Hier ein Auszug aus einer Originalvereinbarung zwischen dem »Playboy« und einem deutschen Filmproduzenten zu einem Interview. Name und Details sind aus rechtlichen Gründen ausgespart (die Rechtschreibfehler aus dem Originalvertrag sind dafür erhalten geblieben): Das Interview wird unter folgenden Voraussetzungen stattfinden:

1. Sie werden zuvor die „work in progress“ Sondervorführung des Filmes XYZ am 4. August um 10 Uhr bei XYZ besuchen. Diese Vorführung sowie der Inhalt des Filmes sind absolut vertraulich zu behandeln. Bei einer Weitergabe von Inhalten des Films an Dritte oder bei einer Veröffentlichung solcher Inhalte und/oder Besprechungen des Films vor dem 11. September 2008 sowie bei einem Mitschneiden der Vorführung verpflichtet sich die Playboy Deutschland Publishing GmbH sowie verpflichten Sie sich persönlich zur Zahlung einer Konventionalstrafe von jeweils Euro 50.000,- (fünfzigtausend Euro) an die XYZ GmbH.

2. XYZ wird das Interview (direkte Zitate) rechtzeitig, d. h. mindestens eine Woche vor dem Abgabetermin, zum Gegenlesen erhalten. Das Interview darf nur nach seiner schriftlichen Autorisierung veröffentlicht werden. Ebenso bittet er um Mitspracherecht, welche Porträtfotos von ihm begleitend zum Interview veröffentlicht werden.

3. Das Interview darf nur einmalig veröffentlicht werden.

4. Das Interview darf frühestens am 11. September 2008, also frühestens in dem Heft 10/2008 (EVT: 11. September 2008) veröffentlicht werden. Bei einer früheren Veröffentlichung oder der Weitergabe des Interviews an Dritte verpflichtet sich die Playboy Deutschland Publishing GmbH sowie verpflichten Sie sich persönlich zur Zahlung einer Konventionalstrafe von jeweils Euro 50.000 (fünfzigtausend Euro) an die XYZ GmbH.

Der Fall Steffel

Frank Steffel will für die CDU Regierender Bürgermeister von Berlin werden. Er gibt im Sommer 2001 der Zeitschrift Max ein Interview. Die schreibt daraufhin, Steffel habe als Jugendlicher Ausländer als „Bimbos“, Behinderte als „Mongos“ und Türken als „Kanaken“ bezeichnet. Steffel streitet ab, lässt von seiner Sprecherin behaupten, all das sei frei erfunden. „Max“ stellt den Tonbandabschnitt des Interviews ins Internet. Darauf ist zu hören, wie die Reporter fragen: „Haben Sie Schwarze als ,Bimbos’, Türken als ,Kanaken’ und Behinderte als ‚Mongos’ bezeichnet?“ Steffel antwortet: „Ich würde nicht sagen, ich habe so was nicht gesagt. Das sind, glaube ich, Begriffe, die ein 13-, 14-, 15-, 16-Jähriger ganz normal benutzt.“ Des Weiteren sagt Steffel: „Ich schließe nicht aus, dass ich mal irgendwann zu irgendeinem Türken in der Disco, wenn er meine Freundin angebaggert hat, gesagt habe, du Scheiß-Ausländer.“ Steffel streitet die Äußerungen nicht mehr ab. Er behauptet fortan nur noch, er sei Opfer einer politischen Kampagne.

Tipp: Feindaufklärung

Zickig, besonders zickig oder nur mäßig zickig? Zur optimalen Vorbereitung auf ein Interview gehört, dass wir Bescheid wissen über die Gepflogenheiten unseres Interviewpartners. Wer bei Kollegen als besonders schwieriger Partner in Autorisierungsverhandlungen gilt, für den sollten wir eine Alternative zum nächsten Erscheinungstermin in petto haben. Ansonsten sind wir in einer schlechten Verhandlungsposition. Zwischen der vereinbarten Rückgabe des vom Gesprächspartner autorisierten Interviews und dem Redaktionsschluss sollten wir immer außerdem noch ein wenig Zeitpuffer einbauen – für den Fall, dass der Gesprächspartner die Autorisierung bis zum Redaktionsschluss hinauszögern will und wir dann keine Gelegenheit zum Nachbessern haben. Es gilt allerdings: Je wichtiger der Interviewpartner (und seine Agentur) und je unwichtiger das Medium, das wir vertreten, desto kleiner unser Spielraum.

(FC) Bayrische Sitten

Freitagabend, 16:45 Uhr, eine Viertelstunde vor Redaktionsschluss. In der Sportredaktion der Süddeutschen Zeitung rattert das Faxgerät. Die Pressestelle des FC Bayern München schickt ihre Version eines Interviews mit Mittelfeldstar Franck Ribéry – die „autorisierte“ Version, könnte man sagen. Oder die „zensierte“. Die interessanteste Passage, nämlich Ribérys Forderung nach Verstärkungen für die neue Saison – gestrichen. Auf Drängen der FC-Bayern-Pressestelle. Die Sportredaktion hält das für „Zensur“, es wird laut telefoniert. Die Redaktion lässt sich nicht den Schneid abkaufen und druckt die Antworten dennoch – in indirekter Rede, in einem eigenen Kasten. Der Club-Pressesprecher droht mit Interview-Boykott – und dementiert das später.

 

Bild: UVK

Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch „Interviews führen“ von Christian Thiele, Textchef des Playboys. Mehr Infos zum Thema gibt es auf www.interviewsfuehren.de

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