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Autor

Roy Peter Clark

verfasst am

17.09.2014

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Redaktionswerkstatt

Die Poynter-Pyramide: Was Journalisten können müssen

Was macht einen Journalisten aus? Kann heute nicht jeder Journalist sein? Das Poynter-Institut muss es wissen, schließlich bildet es seit fast 40 Jahren Journalisten aus. Die wichtigsten journalistischen Kompetenzen hat es in der Poynter-Pyramide zusammengestellt. Wie sich diese Pyramide im Laufe der Jahre verändert hat und wie sie heute aussieht, erklärt Roy Peter Clark, der seit 1979 am Poynter-Institut unterrichtet.

Was muss ein Journalist wissen?

Was bedeutet Kompetenz im Journalismus?

Was muss man können, wenn man die Journalistenschule verlässt?

Im digitalen Zeitalter sind die Antworten auf diese Fragen wichtiger denn je. Wir im Poynter-Institut diskutieren seit mehr als drei Jahrzehnten darüber. Um zu wissen, was wir lehren sollen, müssen wir schließlich verstehen, was Journalisten lernen müssen. Die Debatte über das Thema wurde 1997 neu angeheizt – durch einen Aufruf von Tom Rosenstiel, der zu den Köpfen des Committee of Concerned Journalists gehört. In den folgenden zwei Jahren veranstaltete das Komitee "21 öffentliche Diskussionsforen, die von 3.000 Menschen besucht und von mehr als 300 Journalisten gestaltet wurden" – so heißt es in dem Buch The Elements of Journalism von Rosenstiel und Bill Kovach.

Pyramide mit 10 Kompetenzen

Das Poynter-Institut hat eines dieser Foren geleitet. Es ging hier um die Frage: Was muss ein Journalist können? Zur Vorbereitung dieser Konferenz am 26. Februar 1998 erstellte das Poynter-Institut unter meiner Leitung eine Pyramide, die wir später Kompetenz-Pyramide nannten. Diese Pyramide setzt sich aus 10 Teilen zusammen. Die Ecksteine bestehen dabei aus Nachrichtenselektion und Berichterstattung. Zum Fundament gehören Sprache und Analyse. Der mittlere Stein ist Technik, eingebettet zwischen audiovisuellen Fähigkeiten und Rechnen. Weiter oben liegen gesellschaftliche und kulturelle Bildung. An der Spitze steht die Ethik.

Diese Pyramide hat eine interessante Geschichte hinter sich, innerhalb und außerhalb des Instituts. Sogar der Akkreditierungsrat der Association for Education in Journalism and Mass Communication hat sie empfohlen. Als die Standards für die Akkreditierung von Journalisten überprüft wurden, befand Trevor Brown, Dekan an der Indiana University, dass die Pyramide deutlich mache, was Schüler von einer Journalistenausbildung erwarten können.

Inzwischen sind neue Medienplattformen entstanden; Geschäftsmodelle sind zusammengebrochen; und es gibt zahllose Debatten darüber, wer heute ein Journalist ist. Pyramiden mögen Gräber für Könige sein, aber sie haben die Eigenschaft, von Dauer zu sein.

Im Folgenden stelle ich Ihnen die neueste Version der Kompetenz-Pyramide vor. Sie umfasst 10 Kompetenzen. Jede davon wird zunächst definiert, dann folgt eine Liste mit Kursen, in denen man sich die jeweilige Fähigkeit aneignen kann, zuletzt wird ein Essay genannt, das zum Verständnis des journalistischen Felds beiträgt. Dabei werden so zeitgemäße Begriffe auftauchen wie "Kurieren", "Aggregieren" und "Daten-Visualisierung", die in unserer ersten Version der Kompetenz-Pyramide noch nicht vorkamen.

Es gibt auch einige Fragen, die nicht beantwortet wurden, als die Pyramide erstellt wurde – und die unbeantwortet geblieben sind. Die große Frage lautet: Mit wie vielen dieser Kompetenzen sollte ein Journalist ausgestattet sein? Oder ist es möglich und wünschenswert, dass die Kompetenzen in einer Nachrichtenorganisation auf verschiedene Spezialisten verteilt sind? Kurz gesagt: Sollte der Autor einer Geschichte auch wissen, wie man einen Algorithmus zur Datenanalyse entwickelt, und sollte er beispielsweise auch eine Seite layouten können?

Unsere vorläufige Antwort (oder vielmehr meine vorläufige Antwort): Vielseitigkeit ist heute eine der wichtigsten Voraussetzungen im Journalismus. Das heißt nicht, dass jeder Journalist in allen Bereichen ein Experte sein muss. Aber es bedeutet, dass jeder Journalist in der Lage sein sollte, sich mit Kollegen aus allen genannten Bereichen auszutauschen – und zwar ohne Verständigungsschwierigkeiten. Kompetenz ist nicht gleich Expertenwissen.

Wir laden Sie ein, die Kompetenz-Pyramide zu besteigen. Lassen Sie uns herausfinden, wie die Welt des Journalismus aussieht, wenn man den Gipfel erklommen hat.

Nachrichtenselektion

Diese Kompetenz wird in jeder akademischen Disziplin benötigt, aber in Studium und Praxis des Journalismus ist sie besonders wichtig. Im Minutentakt sortieren Journalisten (insbesondere Redakteure) die aktuellen Ereignisse und Angelegenheiten, in der Hoffnung zu erkennen, welche für das breite und das spezielle Publikum von Interesse sind.

Es gibt zwei Kriterien für die Veröffentlichung von Nachrichten:

  • Ist die Nachricht wichtig?
  • Ist sie interessant?

Es gibt auch wichtige Dinge, die nicht interessant sind – beispielsweise Konjunkturschwankungen. Interessante Dinge – wie die Scheidung eines Prominenten – können unwichtig sein. Aber häufig treffen beide Kriterien aufeinander:

  • Die Anschläge vom 11. September 2001.
  • Die Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 2010.
  • Die Wirtschaftskrise im Jahr 2008.
  • Die Wahl des ersten afro-amerikanischen Präsidenten im Jahr 2008.
  • Die Selbstmordrate der Kriegsrückkehrer.

Alle diese Nachrichten sind extrem interessant und äußerst wichtig, zu einem gewissen Grad für jede Person auf der Welt relevant. Diese Nachrichten sollten an der Spitze der Nachrichtenleiter stehen.

Diese Entscheidungen sind nicht schwer zu treffen. Doch die Wichtigkeit einer Nachricht ist relativ. An manchen Tagen ist die Nachrichtenlage so schlecht, dass ein Alligator-Angriff mehr Aufmerksamkeit bekommt, als er verdient. Dann wieder gibt es Tage, an denen sich die Nachrichten überschlagen und gegenseitig der Aufmerksamkeit berauben. Ein großer tropischer Sturm, der die Tampa Bay im Jahr 2001 traf, bekam verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit, weil er genau in der Woche der Terroranschläge vom 11. September dort ankam.

Ein Redakteur, der viel Erfahrung mit der Selektion von Nachrichten hat, erkennt wichtige Nachrichten, die für andere unsichtbar sind. Dies ist eine unschätzbare gesellschaftliche, demokratische und wirtschaftliche Macht. Ein Experte, der wachsam ist.

[Nachrichtenselektion besteht darin zu verstehen, worauf es ankommt: Was ist am wichtigsten oder am interessantesten? Reporter trainieren diese Kompetenz, wenn sie Ideen für neue Geschichten sammeln; Nachrichtenredakteure, wenn sie Nachrichten auswählen und Netzinhalte kuratieren und aggregieren.]

Kurse, in denen man die Selektion von Nachrichten lernt:

  • Reporting I & II
  • Reporting für Fortgeschrittene
  • Redigieren I & II
  • Investigative Reporting
  • Computer-Assisted Reporting
  • Praktika bei Nachrichtenagenturen
  • Medien und Gesellschaft
  • Nachrichten
  • Soziale Netzwerke

Ein Essay über Nachrichtenselektion:
From Politics to Human Interest von Helen MacGill Hughes

 

Berichterstattung

Nachrichtenselektion ist der eine Eckstein der Kompetenz-Pyramide, der andere ist Berichterstattung. Im akademischen Kontext geht es bei der Berichterstattung um das Sammeln, Verifizieren und Ordnen von Belegen.

  • Warum ist der Benzinpreis so hoch?
  • Wo liegt die Balance zwischen Privatsphäre und nationaler Sicherheit?
  • Was waren die Ursachen für die Terroranschläge am 11. September?
  • Beutet Apple chinesische Arbeiter aus?

Diese Fragen lassen sich nicht so einfach beantworten. Reporter und Rechercheure müssen rausgehen, zuverlässigen Quellen befragen und Belege sammeln, sie überprüfen und im Interesse der Öffentlichkeit publizieren.

Jeder Journalist sammelt Informationen auf andere Weise: Dokumente lesen (zum Beispiel Gerichtsakten), Protokolle oder Notizen bei Meetings machen, Interviews oder öffentliche Aufzeichnungen lesen, direkte Beobachtung, teilnehmende Beobachtung, klassische Reportage vor Ort, Datenanalyse, Recherche in sozialen Netzwerken – um nur einige der Methoden zu nennen, die Journalisten verwenden, um sich ein Bild von der Welt zu machen.

Naturwissenschaft, Recht, Wirtschaft, Ethnografie – jede Disziplin hat ihre eigene Definition von dem, was einen guten Beweis ausmacht. In der Philosophie spricht man von Epistemologie oder Erkenntnistheorie, der Philosophie des Wissens. Im Journalismus könnte die Frage einfach lauten: "Woher weiß der Reporter das?"

In der Wissenschaft wird daraus: "Wie können sie wissen, was sie wissen?"

[Berichterstattung und das Sammeln und Ordnen von Belegen sind Teil der Recherche. Die traditionellen Methoden der Berichterstattung bestehen allesamt darin, etwas herauszufinden und zu überprüfen, was Kovach und Rosenstiel als Verifikation beschreiben. Um einen Sachverhalt zu belegen, muss man seine Plausibilität überprüfen, die oft auf der Kenntnis der Quellen beruht. Reporter sammeln Belege, die dann mit dem Wissen der Redakteure abgeglichen werden. Recherchen, die Fehlverhalten aufdecken, erfordern andere Arten von Belegen als die klassische Berichterstattung. Belege werden auch von Fotografen und Dokumentarfilmern gesammelt und neuerdings auch mit Hilfe von Computern und Datenanalysen. Da die Standards der Beweisführung sich in verschiedenen Disziplinen unterscheiden, bereichert das Wissen aus einem anderen Feld – Recht, Wirtschaft, Biologie – die journalistische Berichterstattung].

Kurse, in denen man Berichterstattung lernt:

  • Reporting I & II
  • Faktenchecken und Verifikation
  • Computer-Assisted Reporting
  • Wissenschaftliche Methoden
  • Ethnografie
  • Beweisführung
  • Philosophie des Wissens
  • Quantitative Methoden

Ein Essay über Berichterstattung:
Getting the Story in Vietnam von David Halberstam

 

Sprache und Storytelling

Die Kompetenz-Pyramide des Journalismus steht auf einem Fundament, zum dem die präzise Verwendung von Sprache gehört – um Reportagen und Geschichten zu schreiben.

Der kanadische Wissenschaftler Stuart Adam glaubt, dass Journalisten im Herzen eine Art Schriftsteller sind, deren Werk sich von gesellschaftlichen bis zu literarischen Themen erstreckt. Journalisten, die auf diesem Gebiet kompetent sind, können in verschiedenen Genres und für verschiedene Medien schreiben – lange oder kurze Texte, für aktuelle Medien oder Monatsmagazine, für diverse Zielgruppen und Plattformen.

Es besteht jedoch ein wesentlicher Unterschied zwischen Reportagen und Geschichten. Das Herzstück des Journalismus bleibt der neutrale, objektive Bericht, der immer noch den Fragen wer, was, wann, wo, warum nachgeht. Der Reporter bedient sich einer klaren Sprache, mit deren Hilfe er die Belege einordnet und sein Publikum mit Informationen versorgt, die von allgemeinem Interesse sind.

Das Salz in der Suppe ist die Geschichte. Sie beruht nicht auf Information, sondern auf Erlebnissen, und sie setzt nicht auf Fakten, sondern auf Empathie. Diese wird hervorgerufen, indem Elemente des Berichts in Erzählelemente umgewandelt werden. Aus dem "wer" wird die Figur, aus dem "was" die szenische Handlung, aus dem "wann" die Chronologie, aus dem "wo" der Schauplatz, aus dem "warum" das Motiv (das ist am schwierigsten), und aus dem "wie" wird die Beschreibung, wie es passiert.

Es gibt Formen von Reportage und Erzählung, die für andere Medien und mit anderen Methoden entwickelt werden (dazu kommen wir noch). Aber das geschriebene Wort ist immer die Grundlage.

[Sprache und Storytelling lernt der Journalist im Laufe seiner Entwicklung. Aber er kann sie trainieren – durch schriftstellerische Übungen, das Studium von Sprachen (und Fremdsprachen), das Experimentieren mit verschiedenen Erzählformen und Genres auf unterschiedlichen Medienplattformen.]

Kurse, in denen man Sprache und Storytelling übt:

  • Sprachwissenschaft
  • Latein
  • Dichtung I & II
  • Literaturwissenschaft
  • Lyrik
  • Reporting für Fortgeschrittene
  • Nichtfiktionale Erzählformen
  • Erzähltheorien
  • Fremdsprachen

Ein Essay über Sprache und Storytelling:
Politics and the English Language von George Orwell

 

Analyse und Interpretation

Um den Bericht der Hutchins-Kommission von 1947 zu zitieren: "Es genügt nicht länger, Tatsachen wahrheitsgemäß wiederzugeben. Es ist nun notwendig, die Wahrheit über die Tatsache zu berichten." Kontext, Bedeutung, Entwicklungen, Beziehungen, Spannungen – alles muss ein anspruchsvoller Journalist berücksichtigen. Manche Scoops sind geplant.

"Kritisches Denken" ist ein zu schwammiger Begriff geworden, um diese Kompetenz zu beschreiben. Diese Kompetenz liegt irgendwo zwischen Analyse und Interpretation und drückt sich häufig in Debatten, Kommentaren, Meinungen und investigativer Berichterstattung aus.

  • Inwiefern ähnelt ein Skandal sexuellen Missbrauchs an der Pennsylvania State University einem innerhalb der katholischen Kirche?
  • Inwiefern hat die globale Wirtschaft unsere Welt zum Dorf werden lassen?
  • Können die Ereignisse vom 11. September 2001 tatsächlich auf politische und religiöse Kräfte aus dem Ägypten des Jahrs 1948 zurückgeführt werden?

Die Fähigkeit, solche Fragen zu erkennen, ihnen auf den Grund zu gehen und Antworten zu finden, erwirbt man durch das Training der Gehirnmuskeln in den traditionellen akademischen Disziplinen – ganz gleich, ob es sich um Evolutionsbiologie oder Anthropologie, um Mathematik oder Literatur handelt.

Ein zu eng gefasstes Journalistik-Studium (mit zu vielen speziellen Journalistik-Kursen), führt oft nur zu kurzfristigen Erfolgen und nicht zu einer langfristig erfolgreichen Karriere. Der angehende Journalist braucht Wissen aus Kunst, Geistes- und Naturwissenschaften; aus diesen Quellen muss der kompetente Journalist schöpfen können.

[Analyse und Interpretation beschreiben die Fähigkeit des Journalisten, die oftmals wirren und unübersichtlichen Ereignisse eines Tages einzuordnen. Ein Journalist gewinnt Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit, wenn er Trends, Muster, eine tiefere Bedeutung der Ereignisse erkennen kann. Man kann von Einordnen und Haltung sprechen.]

Kurse zu Analyse und Interpretation:

  • Mythos und Literatur
  • Wissenschaftsgeschichte
  • Psychologie
  • Quantenphysik
  • Grundlagen der Wirtschaft
  • Kunstgeschichte
  • Technik und Gesellschaft

Ein Essay über Analyse und Interpretation:
The Dark Continent of American Journalism von James W. Carey

Rechnen

Eine Rechenschwäche kann im Berufsalltag so schlimm sein wie Analphabetismus – vor allem für Journalisten, die ja Wächter im öffentlichen Interesse sein wollen. Missbrauch von Macht – von Banken oder Regierungen – geht häufig mit dem Missbrauch von Zahlen einher. Die Fähigkeit, mit Zahlen zu arbeiten, steigert – vor allem für diejenigen, die in erster Linie den Worten zugeneigt sind – die Möglichkeiten der Berichterstattung exponentiell.

[Wenn Sie die Metapher "exponentiell" nicht verstehen, haben Sie in diesem Bereich vermutlich noch ein Stück Arbeit vor sich.]

Nehmen wir den Fall eines jungen Reporters, der einen Staatskommissar für Bildung fragte, warum das Budget für die Vorschulerziehung im vergangenen Jahr gekürzt wurde. "Prüfen Sie bitte Ihre Fakten", sagte der Politiker. "Unser Budget stieg um ein Prozent." Und so stand es dann auch im Text des Reporters – bis ihn ein Redakteur fragte: "Wie hoch war die Inflationsrate im letzten Jahr?" Es stellte sich heraus, dass es drei Prozent waren – und somit tatsächlich weniger Dollar in die vorschulische Bildung investiert worden waren.

Immer häufiger erzählen Zahlen die Geschichte. Die Analyse und Darstellung von Zahlen – oft als "Big Data" umschrieben – bereichert die Berichterstattung über so unterschiedliche Themen wie den Bildungsbeitrag staatlicher Lotterie-Einnahmen, die möglichen Gewinner eines Wahldurchgangs, Diskriminierung mittels einer bestimmten Art der Wirtschaftspolitik oder den Aufbau einer erfolgreichen Fantasy-Football-Liga.

Mangelndes Zahlenverständnis wird als das "schwarze Loch" des Journalismus bezeichnet. Das muss es nicht sein. In der Tat eröffnen Zahlen Reportern oft eine neue Welt, die sie erkunden können. Die Reporterin Mara Hvistendahl wusste, dass unter normalen Umständen auf 105 neugeborene Jungen 100 Mädchen kommen. Bei Recherchen hat sie entdeckt, dass in der chinesischen Hafenstadt Lianyungang 163 Jungen auf 100 Mädchen unter fünf Jahren kommen. Mit solchen Zahlen im Gepäck machte sie sich auf den Weg nach Asien, um über die Folgen zu berichten.

[Rechnen besteht meist darin, die Rechenarten (Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division) anzuwenden, um die Welt zu verstehen. Für manche Geschichten sind weitere Fähigkeiten erforderlich – wie das Lesen von Geschäftsberichten, Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik und die Arbeit mit grundlegenden ökonomischen Konzepten wie der Inflation. Journalisten müssen auch entscheiden, welche Informationen im Text wiedergegeben und welche grafisch veranschaulicht werden sollen.]

Kurse, die Rechenfähigkeiten fördern:

  • Wahrscheinlichkeit und Statistik
  • Algebra (und andere Kurse in höherer Mathematik)
  • Mathematik für Journalisten
  • Ökonometrie
  • Quantitative Methoden der Sozialwissenschaft
  • Investigative Reporting

Ein Essay über das Rechnen:
The Scientific Way von Victor Cohn

 

Technik

Es ist naheliegend, im digitalen Zeitalter die Wichtigkeit der technischen Kompetenz zu betonen. Aber man muss sich auch vor Augen halten, dass viele Schüler, die mit dem Internet aufgewachsen sind, technisch versierter sind als ihre Professoren. Universitäten und Journalistenschulen müssen sich damit auseinandersetzen, wer den Studenten wirklich etwas über Technik beibringen kann – im Interesse des Journalismus und der Demokratie.

Journalisten benötigen zwei Arten von Technikverständnis:

1. Wie Technik neue Formen des Journalismus möglich macht – so wie die Telegrafie Nachrichten ortsunabhängig gemacht hat.

2. Wie Technik die Gesellschaft zum Guten und zum Schlechten verändert – denn darüber muss auch berichtet werden.

Der kompetente Journalist muss mit verschiedenen Medien arbeiten können, von Print über Video und Online bis zu Mobile – einschließlich solcher Medien, die noch nicht erfunden wurden. So wie Computer-Assisted Reporting einst den investigativen Journalismus bereichert hat, eröffnen Programmieren, Datenanalyse und -visualisierung dem Journalismus neue Möglichkeiten.

Die technischen Neuerungen stellen Journalisten ständig vor neue Herausforderungen. Sie müssen mit den Veränderungen umgehen und sie annehmen. Das heißt aber nicht, dass sie alte Werte und Traditionen über den Haufen werfen müssen. Gefragt ist  weder Technophilie noch -phobie, sondern einfach Realismus, der die Möglichkeiten der neuen Technik erkennt.

[Technik-Kompetenz umfasst Kenntnisse und Fähigkeiten in Textverarbeitung, Recherche, sozialen Netzwerken, Bloggen, Programmieren, mobilen Anwendungen, Datenanalyse und -visualisierung, im Aggregieren und Kuratieren.]

Kurse für die Technik-Kompetenz:

  • Geschichte der Technik
  • Technik, Gemeinschaft, Kultur
  • Informatik
  • Einführung in das Programmieren
  • Computer-Assisted Reporting
  • Einführung in das Bloggen
  • Datenanalyse und -visualisierung

Ein Essay über Technik:
Into the Electronic Millennium von Sven Birkerts

 

Audiovisuelle Fähigkeiten

Lange vor der Erfindung der Schrift erfanden Menschen die Erzählformen, um Informationen zu verbreiten und ihre Absichten kundzutun. Höhlenmalereien in Frankreich erzählen Geschichten von der Jagd und den Göttern. Gesprochene Verse – oft zu Musik vorgetragen – beschreiben Helden und Feinde.

Ton und Bild haben sich zu wichtigen Formen des journalistischen Ausdrucks entwickelt, was sich durch das Internet noch verstärkt hat.

Zwar gibt es nach wie vor Raum für Spezialisierungen im Journalismus, Vielseitigkeit ist jedoch ein Vorteil. Der Rucksack-Journalist sammelt Fotos, Videos, Töne und schreibt Texte. Das Handy ermöglicht es ihm heute, fast alles mit einem Gerät zu machen.

Charakteristisch für die neue Technik ist ihr Design. Die großen Designer haben ihre Aufmerksamkeit von Zeitungen und Zeitschriften auf Websites und Blogs sowie auf mobile Geräte wie iPhone und iPad verlagert. Audiovisuelle Elemente tauchen überall auf – in der Nachrichtennavigation, bei der Datenvisualisierung, in Multimedia- und Multiple-Media-Formaten. Radio bleibt weltweit ein mächtiges journalistisches Medium, große Sender wie die BBC und NPR setzen dabei zusätzlich auch Text- und Bild-Elemente auf ihren Websites ein. In diesem Bereich ist das Zusammenspiel entscheidend, und bei den besten Arbeiten kommen Schreiben, Redigieren und Design zusammen.

[Audiovisuelle Kompetenz besteht aus Fotografie und Video, Design und Illustration, der Verwendung von Farbe, der Erstellung von Slideshows und anderen Multimedia-Formaten, dem Einsatz von Ton und gegebenenfalls von Musik.]

Kurse für die audiovisuelle Kompetenz:

  • Kunstgeschichte
  • Kunst des 20. Jahrhunderts (Moderne und Postmoderne)
  • Theorien der Farbe
  • Geschichte der Fotografie
  • Kunst und Handwerk der Fotokomposition
  • Multimedia-Reportage und Redigieren
  • Musikwissenschaft
  • Ausgewählte Meister der klassischen Musik
  • Jazz
  • Musik (jedes Instrument, einschließlich Gesang)

Ein Essay über audiovisuelle Fähigkeiten:
In Plato's Cave von Susan Sontag

 

Gesellschaftliche Bildung

Die Gesellschaftslehre an amerikanischen Schulen hatte noch nie einen besonders guten Ruf – auch nicht in den vergangenen Jahrzehnten. Gesellschaftliche Bildung erfordert zum Beispiel Grundkenntnisse der Gewaltenteilung, vom Aufbau der Regierung und dem Wissen darüber, wie Gesetze entstehen. Ergänzend hinzu kommen Kenntnisse der amerikanischen Geschichte, der grundlegenden Dokumente der Demokratie, einschließlich der Unabhängigkeitserklärung, der Verfassung und der Bill of Rights, berühmter Entscheidungen des Supreme Courts und so weiter.

Vieles, was Journalisten über die Gesellschaft wissen können, lernen sie, wenn sie über Kommunalpolitik, Schulen oder Gerichte berichten. Doch das genügt nicht. Neben den offiziellen Quellen, die Macht und Einfluss haben, gibt es unzählige weitere: der Friseur, der Betreiber des Nagelstudios, des Restaurant, das Fußballstadion, der Kirchenchor – Quellen des Sozialkapitals, wo der Puls der praktischen Demokratie gemessen werden kann.

[Gesellschaftliche Bildung erfordert die Kenntnis von Regierung, Politik, Sozialkapital, Gesellschaftsverträgen, Macht, Geschichte, öffentlichem Leben, Kultur, der öffentlichen Meinung, der Beeinflussung der konstituierenden gesellschaftlichen Gruppen durch die Medien.]

Kurse für die gesellschaftliche Bildung:

  • Einführung in die US-Regierung
  • Vergleichende Politikwissenschaft
  • Amerikanische Geschichte
  • Weltgeschichte
  • Einführung in die Demokratietheorie
  • Walter Lippmann, John Dewey und der amerikanische Gesellschaftsvertrag
  • Ursprünge und Strukturen von Sozialkapital
  • Einführung in das Verfassungsrecht

Ein Essay über gesellschaftliche Bildung:
Bowling Alone von Robert Putnam

 

Kulturelle Bildung

Professor James Carey sagte häufig, dass Nachrichten und andere journalistische Formen ein kultureller Ausdruck seien und durch wissenschaftliche Studien und praktische Umsetzung an Wert gewinnen würden. Eines der Ziele des Journalismus ist es, die ganze heterogene Gesellschaft abzubilden, so dass sich deren Mitglieder gegenseitig sehen und über ihre Unterschiedlichkeiten austauschen können.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass bestimmte journalistische Ausdrücke einen bestimmten kulturellen Standpunkt widerspiegeln. In Amerika beruht die Mainstream-Perspektive trotz des demografischen Wandels häufig auf den Interessen und Überzeugungen der herrschenden weißen Klasse, die in Machtzentren wie New York, Washington, D.C. und Los Angeles wohnt.

Gerade weil sie möglicherweise auf ihre eigenen Interessen bedacht oder voreingenommen sind, benötigen Journalisten kulturelle Kompetenz, um mit Menschen umzugehen und sich an Orten zu bewegen, die ihnen nicht vertraut sind. Im aktuellen akademischen Jargon würde man sagen, sie müssen lernen, "The Other" zu sehen.

Am besten kann man das am Beispiel des Auslandskorrespondenten nachvollziehen. Auf seine Reisen nach Asien, in den Nahen Osten oder nach Südamerika kann er sich vorbereiten, indem er Sprache und Kultur des Landes studiert. Der gleiche Lerneffekt sollte auftreten, wenn ein US-amerikanischer Reporter in einen anderen Teil des Landes fährt. In vielen Städten gibt es allerdings schon kulturelle Unterschiede, wenn man von einem Ende der Straße zum anderen fährt.

[Kulturelle Kompetenz erfordert Sensibilität für kulturelle Unterschiede, ganz gleich ob sie Ausdruck von sozialer Klasse, Ethnizität, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung sind. Zu den wichtigsten Feldern der kulturellen Bildung gehören Integration und Vielfalt, Multikulturalismus, Völkerverständigung und Fremdsprachen.]

Kurse für die kulturelle Bildung:

  • Einführung in die Anthropologie
  • Gender Studies
  • Soziale Schichten und Macht in der amerikanischen Gesellschaft
  • Von der Sklaverei zur Freiheit
  • Ethnien und Kultur in Amerika
  • Fremdsprachen
  • Vergleichende Kultur- und Literaturwissenschaft

Ein Essay über kulturelle Bildung:
Of Our Spiritual Strivings von W.E.B. DuBois

 

Ethik

Ganz oben in der Kompetenz-Pyramide, auf den Ecksteinen Nachrichtenselektion und Berichterstattung, den grundlegenden Bausteinen, über Technik und gesellschaftlicher und kultureller Bildung, steht die ethische Haltung.

Journalismus ist ein Beruf, der häufig innerhalb eines Unternehmens ausgeübt wird, eines Unternehmens, das Geld verdienen will, das wiederum in den Journalismus investiert werden kann. Wenngleich schon immer Spannungen zwischen den professionellen Interessen von Journalisten und den kommerziellen Interessen von Unternehmen bestehen (und immer bestehen werden), müssen alle im Unternehmen eine klare ethische Haltung haben.

Die Ausübung des journalistischen Handwerks ohne Haltung kann irrelevant sein oder sogar gefährlich werden. Wenn Journalisten im öffentlichen Interesse arbeiten, erzielen sie meist die besten Ergebnisse. Sinn und Zweck erwachsen nicht nur aus der Praxis des Journalismus, sondern auch aus dem Studium der Wissenschaft, aus Kenntnissen von Ethik, Recht, der Geschichte des Journalismus, dessen Standards und Praktiken und den Prinzipien der Demokratie, Freiheitstheorien sowie gesellschaftlichen Verträgen.

[Eine ethische Haltung ergibt sich aus Praxis und Studium. Zu den Wissensquellen gehören Medienethik und Recht, das First Amendment (der erste Zusatzartikel zur Verfassung der USA, in dem Presse- und Meinungsfreiheit festgeschrieben sind), die Geschichte des Journalismus (mit Blick auf seine Helden), die Grundsätze der Demokratie und die praktische Erfahrung, welche Rolle der Journalismus in Gemeinden und Kommunen spielt.]

Kurse für eine ethische Haltung:

  • Studien des First Amendment der Bill of Rights
  • Geschichte des Journalismus
  • Medienethik und journalistische Ethik
  • Angewandte Ethik
  • Grundlagen der Demokratie
  • Theorien der Gerechtigkeit
  • Literaturwissenschaft
  • Theorien der Presse
  • Civic Journalism
  • Journalismus und Gesellschaft

Ein Essay über Ethik:
A Free And Responsible Press, Bericht der Hutchins-Kommission von 1947

Dieser Beitrag stammt im Original von der

Website des Poynter-Instituts.

Poynter ist eine gemeinnützige Journalistenschule und Medienforschungs-Einrichtung aus St. Petersburg in Florida. Dem Institut gehört die Tampa Bay Times, die größte Zeitung in Florida, deren Verleger Nelson Poynter die Journalistenschule 1975 gegründet hat.

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