Detail-Informationen

Autor

Holger Wormer

verfasst am

15.12.2010

im Heft

journalist 11/2010

facebooktwitterdel.icio.usMister Wongdigg.comaddthis.comMa.gnolia

Mehr zum Thema

Zur Wissenschaftlerprobe geht es hier.

Links zu empfehlenswerten Datenbanken gibt es hier.

Links zum Thema

Website des Lehrstuhls Wissenschaftsjournalismus der TU Dortmund

medien-doktor.de Projekt zur Qualitätssicherung im Medizinjournalismus des Lehrstuhls Wissenschaftsjournalismus der TU Dortmund

"Wie seriös ist Dr. Boisselier? – Quellen und Recherchestrategien für Themen aus Wissenschaft und Medizin von Holger Wormer

 

 

Die fachliche Leuchte im Expertengetümmmel zu finden, ist nicht immer leicht.

Wissenschaftler

Der 5-Minuten-Check

Sie stehen für Kompetenz, Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit. Doch nicht immer ist der zitierte Experte eine fachliche Leuchte. Wie unterscheidet man geeignete von weniger geeigneten Wissenschaftlern?

Sie können irren, verwirren und manchmal sogar lügen. Dennoch sind Experten gerade im tages- und stundenaktuellen Journalismus unentbehrlich geworden. Journalisten können ihnen gezielt Fragen stellen und erhalten Fakten samt Einordnung und Meinung dazu. Das ist schneller, übersichtlicher und oft lebendiger als eine Drauflos-Recherche im Internet. Und ein Hauch von Exklusivität scheint durch das Expertengespräch fast garantiert. Einziger Haken: Was man exklusiv gesagt bekommt, muss noch lange nicht stimmen.

Zum A und O des Expertenjournalismus gehört deshalb der Expertencheck: Wann ist ein Wissenschaftler wirklich ein Experte für ein Thema? Und wie bewertet man dessen Glaubwürdigkeit? Für den Mediennutzer muss klar sein, worin Kompetenzen und Grenzen eines Fachmanns liegen. Wird der Anschein von Wissenschaftlichkeit erweckt, so muss der Experte diese auch tatsächlich vorweisen.

Erstaunlicherweise lassen sich gerade Experten aus der Wissenschaft recht leicht identifizieren. Denn die Wissenschaftler haben für sich selbst formale Kriterien entwickelt, um die Expertise in ihrer Community zu bewerten. Diese Kriterien kann im Prinzip jeder Journalist anwenden, auch ohne viel von Wissenschaft zu verstehen.

--> Hier geht's zur Wissenschaftler-Probe

Natürlich muss man nicht vor jedem Experteninterview die komplette Checkliste abarbeiten. Auch sind manche Punkte von Fach zu Fach unterschiedlich wichtig – von einem Ingenieur etwa wird man eher Patente erwarten als von einem Sozialwissenschaftler. Misstrauisch sollte ein Journalist aber dann werden, wenn man auf der Checkliste kaum einen Punkt abhaken kann. 

Besonders wichtig ist die Frage nach den wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Vor allem in den Naturwissenschaften und der Medizin gilt das Prinzip "Publiziere oder krepiere" ("Publish or perish") – und zwar möglichst in Fachzeitschriften, deren Artikel Fachkollegen begutachten. Wenn der potenzielle Experte dort also rein gar nichts zum Thema publiziert hat, aber mehr als nur der Erklärbär einfacher Sachverhalte sein soll, dann muss es schon gute andere Gründe dafür geben. So mancher medienprominente Scharlatan hätte sich durch einen Expertencheck vermeiden lassen.

Man kann auch mit einem Wissenschaftler Pech haben, der viele der formalen Kriterien der Checkliste erfüllt. Einige besonders Erfolgreiche – man denke nur an den koreanischen Klonforscher Hwang Woo Suk – entpuppten sich später sogar als Datenfälscher. Die inhaltliche Qualität der wissenschaftlichen Arbeiten eines Experten lässt sich nicht so leicht beurteilen; zumindest kann man dies von Journalisten, die sich nicht in dessen Spezialgebiet auskennen, nur bedingt verlangen. Wer Expertenaussagen aber nicht zumindest auf Logik und Plausibilität prüft, begeht einen journalistischen Kunstfehler.

Ebenso wie die Plausibilität der Aussagen sollte man den Hintergrund eines Experten abklopfen. Auch – oder gerade – erfolgreiche Wissenschaftler können versteckte Interessen haben. Besonders dann, wenn sie von sich aus in die Medien drängen, sollte man die journalistischen W-Fragen in eine neue Reihenfolge bringen: Warum sagt wer was wann wo und wie? Warum etwa verkündet ein Wissenschaftler einen "Durchbruch" just dann, wenn gerade die Finanzierung eines Forschungsprojekts zur Verlängerung ansteht?

Am besten fragt man seinen Experten direkt nach Interessen und Befangenheit. Das muss nicht als polterndes Misstrauen formuliert werden, sondern geht auch elegant. Keinesfalls verzichten sollte man auf die Frage, ob die Meinung des Experten eigentlich Konsens ist in seiner Community: "Würden Ihnen hier eigentlich alle Kollegen Ihres Fachs zustimmen?" Auch die höfliche Frage nach weiteren Wissenschaftlern zum Thema ist erlaubt: "Sie scheinen ja der Einzige in Deutschland zu sein, der sich auf diesem Gebiet auskennt. Oder forschen daran noch andere Kollegen?" Vor allem bei industriegeförderter Forschung ist Transparenz alles – möglichst bis hin zum fertigen Beitrag: "Professor Müller ist hier der bekannteste Experte, und er macht keinen Hehl daraus, dass er schon viele Unternehmen der Branche beraten hat."

So oder so sollte man auch bei Experten (zumindest in der Vorrecherche) nicht den journalistischen Reflex unterdrücken, ein weiteres Statement einzuholen. Das Hören der Gegenseite, im Politikjournalismus selbstverständlich, kann im Falle von Expertenaussagen jedoch auch Probleme bringen. Das gilt besonders dann, wenn die Gegenseite wissenschaftlich längst widerlegt ist. Wer dann dem Außenseiter genauso viel Platz einräumt wie dem Konsens unter den angesehenen Wissenschaftlern, berichtet nur vermeintlich ausgewogen. In Wahrheit verzerrt man so die Realität. Es entsteht der Eindruck eines Expertenstreits, obwohl bis auf wenige Ausnahmen Einigkeit herrscht.

Prominentes Beispiel aus der Vergangenheit ist die Berichterstattung über die Folgen des Rauchens mit zum Teil von der Industrie gekauften Gegenexperten. Auch die lange geschürten Zweifel am Klimawandel gehören in diese Kategorie.

Wer auf Außenseitermeinungen nicht verzichten will, dafür kann es gute Gründe geben, sollte nicht einfach zwei Experten mit Meinung und Gegenmeinung aneinander montieren. Zuvor muss man sich mit dem tatsächlichen Stand der wissenschaftlichen Debatte vertraut machen. Und die Außenseitermeinung muss als solche gekennzeichnet werden. Ist die Wissenschaft indes tatsächlich in zwei große Lager gespalten, so darf man auch daraus keinen Hehl machen. Experten haben nun mal eben nicht auf alles eine Antwort.

Auch die besten Expertenurteile entbinden Journalisten nicht von der Pflicht, sich selbst in ein Thema einzuarbeiten. Eigenrecherche senkt jedenfalls die Abhängigkeit von Expertenaussagen. "Zitieren statt recherchieren" ist kein guter Journalismus, auch dann nicht, wenn das Zitat vom Experten stammt. Die Aussage lässt sich mit gesundem Menschenverstand, mit Hilfe weiterer Experten und einfacher Recherchemittel überprüfen: Lehrbücher, Nachschlagewerke und professionelle Internetrecherche.

--> Hier geht's zum Datenbank-Test

Einige Datenbanken bieten nicht nur die Möglichkeit, Experten zu finden, sondern auch Netzwerke oder mögliche Abhängigkeiten zwischen Experten zu recherchieren (citation mapping). Das Prinzip: Experten eines ähnlichen Fachgebiets arbeiten und publizieren häufig zusammen, und sie zitieren ihre Arbeiten gegenseitig. Jede Autorenliste am Anfang eines Fachartikels und jede Literaturliste am Schluss ist daher eine Goldgrube bei der Suche nach weiteren Experten zum Thema.

Aktuelle Kommentare zu diesem Text

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Ins Gästebuch eintragen

 (Wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz

Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
Viavision
Viavision